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Der Sklarek-Skandal und die unmittelbare mediale Instrumentalisierung

Über die Berichterstattung und die Auswirkungen aus politischer Sicht

Hausarbeit 2019 30 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Moderne Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die innenpolitischen Voraussetzungen

3. Der Sklarek-Skandal
3.1 Die Vorgeschichte
3.1.1 Die sklarek’sche Lebensweise
3.1.2 Die Verträge mit der Stadt Berlin
3.2 Die Zuwendungen
3.3 Der Betrug
3.4 Die Enthüllung des Skandals

4 Die Berichterstattung

5 Die Auswirkungen des Skandals auf die Berliner Kommunalwahl vom

6 Schlussbetrachtung

7 Quellenverzeichnis

8 Literaturverzeichnis

Anhang A: Wahl zur Stadtverordnetenversammlung am 23.Februar 1919*

Anhang B: Stadtverordnetenwahl vom 17. November 1929 in Berlin getrennt nach Bezirk*

Anhang C: Die Wahlentscheidungen von männlichen und weiblichen Wählern bei der Reichstagswahl 1928 und 1930, sowie der Stadtverordnetenwahl von 1929*

Anhang D: Gesamtdarstellung der Stadtverordnetenwahlen vom

Anhang E: Graphischer Vergleich der Wahlergebnisse der Kommunalwahlen von 1925 und 1929

I. Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: Die Zuwendungen der Sklareks (Ludwig 1996, S. 144)

Abb. 2: Die Geschäfte der Sklareks (Klein 2014, S. 306)

Abb. 3: Die Kunden am Pranger, Rote Fahne gegen SPD (von links nach rechts: Nygal, Schneider, Kieburg, Liebert, Rosenthal, Kohl, Brolat, Böss)

Abb. 4: Antisemitische Darstellung des Jakob Lieberts aus der Roten Fahne

Abb. 5: An die ,,Rote Fahne‘‘, die Preisfechterin gegen Korruption, Vorwärts gegen Rote Fahne

Abb. 6: Nationalsozialistische Darstellung des dekadenten Lebensstils der Sklareks

Abb. 7: Abbildung der Sklareks aus der Sicht der Nationalsozialisten

II. Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Am 26. September 1929 werden sowohl die drei Brüder Max, Leo und Willy Sklarek, als auch Friedrich Lehmann, der Oberbuchhalter der Fa. Sklarek, aufgrund des Verdachtes des Betrugs und der Urkundenfälschung in Berlin verhaftet. Die Berliner Zeitungsstadt polarisierte mit den ersten Sensationsmeldungen bereits einen Tag nach der Verhaftung. Die Rote Fahne, das Zentralorgan der KPD, beschreibt diesen Skandal mit dem Titel ,,Stadt Berlin um Millionen geschädigt. Riesenbetrügereien der Gebrüder Sklarek – Schwere Urkundenfälschungen bei der Berliner Stadtbank‘‘1. Dieser drastische Ton und diese erregende Stimmung werden in den nächsten Wochen auch in weiteren Zeitungen zu finden sein. Den Sklareks gelang es mit Hilfe von Urkundenfälschungen die Berliner Stadtbank bis 1929 um rund 10 Millionen RM zu betrügen. Zu dieser Zeit befindet sich die Weimarer Republik in einem politischen und gesellschaftlichen Umbruch. Obwohl oftmals von den ,Goldenen Zwanzigern‘ gesprochen wird, kam es dennoch zu wirtschaftlichen Talfahrten. Die Hauptstadt Berlin ist ein Symbol, welches zum einen mit der wirtschaftlichen und der kulturellen Blütezeit, aber auch mit politischer und moralischer Dekadenz, verbunden wurde. Weiterhin stellt diese Stadt auch noch die Kulisse der größten Korruptionsfälle dar.2

Im Rahmen des Sklarek-Skandals spricht die Presse sowohl von dem Begriff ,Korruption‘ als auch von dem Begriff ,Skandal‘. Diese Termini werden zunehmend zu populären Schlagwörtern in den Presseartikeln. Der Korruptionsbegriff ist bis heute nicht einheitlich definiert, sodass sowohl von korrupten Praktiken, bei denen ein Amt zum eigenen Vorteil missbraucht wird, von Bestechung oder Bestechlichkeit, als auch von Verstößen gegen Normprinzipien, die in den politischen Bereichen als vermeintlich gelten, gesprochen werden kann. Welche Handlungen direkt als korrupt bezeichnet werden, bleibt jedoch unklar. Diese Praktiken und Handlungen, wie beispielsweise moralische Regelverstöße, werden in der Gesellschaft öffentlich als korrupt verurteilt. Der Begriff ,Skandal‘ wird ebenfalls diffus verwendet. Dennoch scheint es in der Forschung als voraussetzend für einen Skandal, dass der Skandalierte eine Person des öffentlichen Lebens ist und bestimmte Werte repräsentiert. Hierbei wird von einer skandalträchtigen Perspektive gesprochen, durch die sich ein Ereignis zu einem Skandal entwickelt.3

Bei diesen Skandal- und Korruptionsdebatten steht immer wieder die öffentliche Popularisierung eines Ereignisses im Vordergrund der Forschung, da die Skandale in der Presse ausgiebig und über einen langen Zeitraum vorzufinden sind und zahlreiche prominente Politiker und Beamte in diese Skandale verwickelt waren. Im Rahmen des Sklarek-Skandals stellt sich angesichts der zeitnahen Kommunalwahlen in Berlin von 1929 die Frage, in wie fern dieser Skandal durch die politische Presse für parteiliche Zwecke medial verwertet wurde. Diese Fragestellung dient als Rahmen für diese Arbeit. Um diese Problemstellung Quellenkritisch zu untersuchen, dienen die zu dieser Zeit vorherrschenden politischen Zeitungen als meine Quellenbasis. Dabei werde ich speziell die politischen Zeitungen die Rote Fahne, der Vorwärts, den Völkischen Beobachter und den Angriff als meine Quellen heranziehen.

Zunächst wird die innenpolitische Situation dieser Zeit beschrieben und dabei ebenfalls die vorherrschenden medialen Verhältnisse betrachtet. Im Anschluss wird der Skandal erläutert, indem zu allererst die Vorgeschichte und die dazu gehörenden Rahmenbedingungen beschrieben werden. Daraufhin werden der eigentliche Betrug und der Verlauf der Enthüllung des Skandals dargestellt. Nachdem die Grundlagen des Skandals geklärt wurden, wird die Berichterstattung anhand einiger Zeitschriftenartikeln erarbeitet. Dabei wird sich auf den Zeitraum direkt nach der Verhaftung der Sklareks am 26. September 1929 beziehungsweise nach der Veröffentlichung des Skandals bis hin zu den Kommunalwahlen in Berlin vom 17. November 1929 bezogen. In dem darauffolgenden Kapitel werden die Auswirkungen des Skandals auf die Berliner Kommunalwahl beschrieben. Abschließend wird das Fazit in Form einer Schlussbetrachtung formuliert.

2. Die innenpolitischen Voraussetzungen

Nach der starken Inflationszeit im Jahr 1923 gelang es Deutschland unter Gustav Stresemann, im Rahmen seiner Verständigungspolitik, erstmals wieder das Vertrauen im Ausland zu gewinnen. Die außenpolitischen Spannungen, sowie innenpolitische Instabilitäten, wurden in dieser Zeit gemildert. Gründe für diese Veränderungen war zum einen der Dawes-Plan von 1924, welcher v.a. die deutsche Wirtschaft und die Sanierung der deutschen Währung stabilisierte, das Locarno-Abkommen von 1925, bei dem auf gewaltsame Veränderungen der bestehenden Grenzen verzichtet wurde, aber auch das Beitreten Deutschlands in den Völkerbund 1926 führte zu diesen positiven Veränderungen.4 Mit der Stabilisierung der Währung und den US-Anleihen im Rahmen des Dawes-Plans, gelang es Deutschland eine Konsolidierung der Wirtschaft zu realisieren. Begleiterscheinungen dieser Stabilisierungen waren unter anderem Modernisierungen und Rationalisierungen, wie zum Beispiel die Fließbandarbeit oder die Produktion von Konsumgütern. Positive Folgen dieses Wirtschaftswachstums waren sowohl das Sinken der Arbeitslosigkeit, als auch die Steigerung des realen Arbeitseinkommens. Dieser Zeitraum wurden oftmals als die ,Goldenen Zwanziger‘ bezeichnet. Dennoch wurden wichtige Sozialgesetzte und –maßnahmen verabschiedet, weshalb die Arbeiter sich dagegen wehrten beziehungsweise kämpften und Streiks und Aussperrungen zunahmen.5

Desweiteren kam es 1929 zu einer von den USA ausgehenden Weltwirtschaftskrise, die aufgrund der Abhängigkeit vom US-Kapital besondere Ausmaße für Deutschland einnahm. Sie wirkte sich auf die Arbeitslosigkeitsrate aus, da viele Firmen und Unternehmen bankrott gingen. Dennoch hatte dieser Zusammenbruch zuversichtliche Auswirkungen für neue Unternehmer, die über Kapital im Ausland verfügten. Schlagartig wurden von diesen Unternehmern größere Firmen oder Gesellschaften aufgekauft oder erweitert und neue Konzerne gegründet. Eine besondere Rolle spielten in diesem Prozess jüdisch-osteuropäische Geschäftsleute, deren Verhalten und Lebensweise nicht bei allen für Sympathie sorgte.6

Die Hauptstadt der Weimarer Republik Berlin wird ab 1921 von Gustav Böß geführt. Der Reichstag war charakterisiert durch eine zunehmende Spaltung der politischen Parteien nach links und rechts. Dabei stellte die SPD die stärkste Partei in der Kommunalpolitik dar. Ihre Zusammenarbeit mit der KPD war oftmals erfolgreich, führte aber auch zu Auseinandersetzungen und zu gegenseitigen Beschuldigungen des Arbeiterverrates. 7

Die Presse spielte in der Zeit der Weimarer Republik eine tragende Rolle, da mit ihr das Geschehen im Reichstag und im Landtag in der Öffentlichkeit verbreitet wurde. Das Radio erhält damals noch keine weite Verbreitung und wird von Seiten der Politik mit Misstrauen beäugt. Somit war es undenkbar die Presse aus den politischen Institutionen auszusperren. Desweiteren schreiben sogar bestimmte Vertreter einiger Parteien aus dem Reichstag oder dem Landtag für die Zeitung ihrer Partei. Infolge dieser Entwicklung wächst die Presselandschaft im 20. Jh. enorm, wobei vor allem die politischen Zeitungen eine besondere Rolle einnahmen.8 Diese Expansion war unter anderem bedingt durch die Aufhebung des Sozialistengesetztes, durch technische Neuerungen, wie zum Beispiel der Autotypie, oder durch die neuen Finanzierungen der Zeitungen, beispielswiese durch Anzeigen. Somit gelang es den Zeitungen, ihre Blätter zu erschwinglichen Preisen anzubieten, wodurch diese eine enorme Verbreitung erreichten. Den Lesern wurde eine äußerst differenzierte Zeitungslandschaft geboten und sie waren in der Lage diese Zeitungen jederzeit zu kaufen und sich nicht mittels eines Abonnements an diese zubinden. Außerdem wurde im Volk der Wunsch nach schneller Aufklärung in Folge des ersten Weltkrieges laut, wodurch eine schnelle und spannungsreiche/affektive Vermittlung erreicht wurde.9 Diese Entwicklung bedeutete für die Berichterstattung der Korruptionsvorfälle, ,,dass die Mehrheit der Zeitungen weiter mehr an saftigen Geschichten über den dekadenten Lebensstil der Beschuldigten als an den oft verwickelten finanziellen und formalen Hintergründen der Fälle interessiert ist und sich in Beteuerungen überschlägt, das jeweils eigene Blatt verfüge als einziges oder wenigstens als erstes über jedes Detail der neuesten Entwicklungen‘‘10.

In dieser Arbeit wird unter anderem der Vorwärts verwendet, welcher das konservative Zentralorgan der SPD darstellte und mehreren parteiinternen Streitigkeiten ausgesetzt war. Der Völkische Beobachter, eine Münchener Zeitschrift, diente als Zentralorgan der NSDAP. Zusammen mit dem Angriff, eine erst spät in Berlin gegründete Zeitschrift, verfolgten sie antisemitische wie antirepublikanische Ziele der NSDAP. Das Zentralorgan der KPD stellt die Rote Fahne dar. Besonders ihr gelang es, sich als einflussreich in den Korruptionsdebatten darzustellen und eine tragende Rolle innerhalb dieser Korruptionsskandalisierung einzunehmen. Neben diesen führenden politischen Zeitungen gab es Weitere, die eine direkte politische Richtung verfolgten und innerhalb dieser politischen Tendenzen publizierten.11

3. Der Sklarek-Skandal

3.1 Die Vorgeschichte

3.1.1 Die sklarek’sche Lebensweise

Max, Leo und Willy Sklarek sind drei Brüder einer Schneiderfamilie. Ihr Vater, Louis Sklarek, war ein jüdischer und aus Russland stammender Schneider. Die drei Brüder gründeten gemeinsam 1921 die Textilfirma Willy Sklarek, Inh. Gebr. Sklarek OHG, welche eine Handelsgesellschaft durch günstig hergestellte Kleidung darstellte. Innerhalb dieses Unternehmens wurden erfolgreiche Geschäfte geführt, durch welche die Sklarek Brüder rasch zu großem Reichtum gelangten. Sie kauften sich Villen in Berlin und einen Rennstall in Mecklenburg. Dabei nutzten sie ihren dekadenten Lebensstil nicht nur für sich selbst, sondern investierten ihren Reichtum für das Erweitern und Vergrößern ihrer Geschäftsverbindungen in Berlin und im Umland von Berlin. Die Empfänger ihrer Zuwendungen sind durch die verschiedensten politischen Richtungen charakterisiert.12 Max war Mitglied der DDP und seine Brüder waren Mitglieder der SPD. Allerdings vertraten sie nicht nur eine politische Richtung, sondern unterstützten auch die Rote Hilfe und die DNVP. Die Firma der Sklareks belieferte mehrere städtische Beamte oder Magistratsmitglieder zu Vorzugspreisen. Viele dieser Verbindungen sind geschäftlicher, politischer oder persönlicher Natur gewesen, jedoch können nicht alle als korrupt bezeichnet werden. Die große Anzahl politischer Verbindungen stellten ein unvermeidliches Potential zu Skandal- oder Korruptionsverbindungen dar.13

3.1.2 Die Verträge mit der Stadt Berlin

Dr. Felix Kieburg wurde im April 1921 Geschäftsführer der Kleider-Vertriebs-Gesellschaft (KVG), die für die Anschaffung und den Verkauf von getragener Kleidung an die bedürftige Bevölkerung zuständig war. Zum einen war Kieburg ein sehr guter Freund von Max Sklarek und zum anderen wurde er, durch seine nun erlangte Position in der KVG, zu einem der wichtigsten Auftragsgeber der Sklareks. 1924 übernahm Kieburg zusätzlich den Posten des Geschäftsführers der Berliner-Anschaffungs-Gesellschaft (BAG), die neben der Textilversorgung auch städtische Stellen mit Lebensmitteln, Schreibwaren oder Chemikalien zu versorgen hatte. Die BAG wurde nun neben der KVG auch Auftraggeber der Sklareks. Ab 1921 waren die Bezirksämter dazu verpflichtet ihren Bedarf an Textilien bei der KVG zu decken. Innerhalb dieser Verfügung wurde oftmals von einer Monopolstellung gesprochen.

Nachdem durch Kieburg in der KVG ein Fehlbetrag von rund 71.000 RM entstanden war, wurde im Jahr 1925 die Liquidierung der KVG veranlasst. Allerdings sollte es dazu nicht kommen, denn die Sklareks machten der Stadt Berlin ein Angebot, die KVG auf Kommissionsbasis zu übernehmen. Dieses Angebot wurde zunächst abgelehnt, sodass sie erneut ein Angebot aufstellten, in dem sie das Warenlager zu 80% des Etikettenpreises übernehmen und die Geschäftstätigkeiten weiterführen wollten. Der Stadtbankdirektor Hoffmann versicherte die Bonität der Fa. Sklarek, sodass die Stadt das Angebot angenommen hat und die Sklareks ab den 01.07.1925 die neuen Geschäftsführer der KVG wurden.14

Nach der Übernahme der KVG beschwerten sich die Sklareks mehrfach, dass einige Textilien fehlen würden und die Kleidung von minderwertiger Qualität sei. Zum Ausgleich für diese Mängel wurden mehrere Verträge mit der Stadt Berlin abgeschlossen, die sogenannten Monopolverträge. Der erste Vertrag vom April 1926 beinhaltet einen Deckenvertrag, bei dem sich die BAG verpflichtet, jährlich 5000 Decken von der KVG zu erwerben. Der zweite Vertrag vom 08. Mai 1926 verfügte über die zweijährige Belieferung städtischer Stellen durch die KVG. Am 07. November 1926 wird ein dritter Vertrag abgeschlossen, bei dem sich die BAG verpflichtet, der KVG monatlich Aufträge in Höhe von 50.000 RM zu übergeben und keine weiteren Aufträge von städtischen Anstalten, die von der KVG beliefert werden, anzunehmen. Nachdem Kieburg aufgrund von Unregelmäßigkeiten die BAG im Dezember 1926 verlassen musste, wurde Obermagistrat Schalldach neuer Geschäftsführer der BAG. Dieser verfolgte das Ziel die Verträge zwischen der BAG und der KVG aufzulösen. Im Rahmen seiner Zielvorstellungen wurde ein vierter Vertrag zwischen der BAG und der KVG unterzeichnet. Dieser beinhaltete die Auflösung des Deckenvertrages und die Änderung des dritten Vertrages, bei der die KVG nun die BAG mit allen Stoffen, die die BAG nicht selber herstellen konnte, beliefern sollte. Bis zu diesem Zeitpunkt bestand für die Bezirksämter noch keine ausschließliche Erwerbsverpflichtung ihres Textilbedarfs bei der KVG. Daraufhin beschwerten sich die Sklareks mehrfach bei dem Stadtrat Gäbel, dass die Bezirksämter oftmals versuchten, ihren Bedarf bei anderen Firmen zu decken. Gäbel weist die Bezirksämter seit 1927 daraufhin, dass diese dazu verpflichtet waren, nun ihren gesamten Textilbedarf bei der KVG zu decken. Durch diese Monopolstellung gelang es der Fa. Sklarek eine Bevorzugung zu erlangen und ihre Kleidung zu überhöhten Preisen zu verkaufen.15 Die Rote Fahne beschrieb den Monopolvertrag mit den folgenden Worten: ,,Für die Wohlfahrtsempfänger war der größte Dreck, der meistens zu 300 Prozent von den Ärmsten der Armen überbezahlt werden musste und den sie restlos zurückzahlen sollten, gut genug‘‘16.

3.2 Die Zuwendungen

Die Sklareks gewährten den verschiedensten Beamten, Magistratsmitgliedern und auch Angestellten unterschiedliche Zuwendungen. Diese waren zum einen der günstige Einkauf bei der Fa. Sklarek, Einladungen auf die Jagdvilla oder auf die Pferderennbahn, Einladungen zu extravaganten Feiern oder zum anderen auch reine Geldgeschenke. Diese Aufmerksamkeiten wurden unter den Sklareks und ihren Partnern als Freundschaftbeweise geführt. Dabei wurde die Trennung von Privatem und Geschäftlichen besonders im Sklarek-Prozess angezweifelt. Für die Finanzierung dieser Gefälligkeiten wurden monatlich ca. 45.000 RM aus der Firmenkasse entnommen. Im Rahmen dieser Zuwendungen bestätigte die Staatsanwaltschaft im Sklarek-Prozess, dass ,,ein erstaunliches Maß an Kurzsichtigkeit, Unüberlegtheit und mangelnder Urteilsfähigkeit in Verbindung mit einer grenzenlosen, allerdings durch persönliche Vorteile gesteigerten Vertrauensseligkeit‘‘17 notwendig gewesen sein muss, um ihre betrügerischen Handlungen zu erreichen.18 In der Abbildung 2 befindet sich eine Darstellung der Personen, die Geldbeträge als Zuwendungen geschenkt bekamen. Leider war es nicht möglich die absolute Höhe der Zuwendungen zu ermitteln, da die Liste nicht vollständig geführt wurde und die Empfänger sich nicht an die Beträge der Summen erinnern konnten.

Robert Kohl, der Bezirksbürgermeister von Köpenick erhielt unter den Decknamen ,,Läufer‘‘ innerhalb von fünf Jahren eine Summe von 23.858 RM. Die Sklareks verdanken ihm die Übernahme der KVG. Der Verkauf der KVG und des darin enthaltenen Warenlagers geschah entgegen des Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung und zu sehr günstigen Bedingungen. Kohl wurde aufgrund dieser eigennützigen Machenschaften im Oktober 1929 vom Amt suspendiert und im Dezember 1929 aus der SPD ausgeschlossen. Auch Kieburg, Direktor der BAG und ehemaliger Direktor der KVG, erhielt Geldbeträge der Sklareks unter den Decknamen ,,Fuchs‘‘. Er versicherte sowohl die Bonität der Fa. Sklarek, als auch die der KVG unter der Führung der Sklareks. Kieburg begründete die Erhaltung seiner Zuwendungen damit, ,,daß diese Zahlungen Zinsen und Tilgung für gewährte Darlehensbeträge gewesen seien‘‘19. Die beiden nächsten aufgeführten Empfänger sind Gäbel und Degner. Beide waren Stadträte und gehörten der KPD an und spielten eine wichtige Rolle beim Zustandekommen des Monopolvertrages, welcher der Fa. Sklarek ausreichend Aufträge besorgte und die Kreditwürdigkeit ihrer Firma versicherte. Stadtrat Wilhelm Schüning erhielt rund 10.000 RM der Sklareks. Auch er spielte eine wichtige Rolle beim Erstellen der Verträge zwischen den Sklareks und der Stadt Berlin, denn schließlich war er Aufsichtsratsvorsitzender der BAG und Aufsichtsratsmitglied der KVG. Er begründete die Erhaltung seiner Zuwendungen mit den entgegengebrachten persönlichen Ratschlägen an die Sklareks. Ebenfalls Zuwendungen erhielten Sakolofski und Luding. Während Sakolofski zuständig für die Beschwerden der Sklareks war, kümmerte sich Luding um die Prüfung der Firmenbücher.20

[...]


1 Stadt Berlin um Millionen geschädigt, in: Die Rote Fahne v. 27.09.1929, Beilage, S. 1, Dieses und alle nachfolgenden Zitate aus Zeitungsartikeln zitiert nach ZEFYS Zeitungsinformationssystem, http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de (10.04.2019).

2 vgl. Klein, Annika: Korruption und Korruptionsskandale in der Weimarer Republik, Göttingen 2014, S. 219- 222.

3 Vgl. Ebd., S. 11-31.

4 Vgl. Kluge, Ulrich: Die Weimarer Republik, Paderborn 2006, S. 124-127.

5 Vgl. Ebd., S. 129-131 und 159f.

6 Vgl. Klein 2014, S. 220f.

7 Vgl. Ebd., S. 221f.

8 Vgl. Klein 2014, S. 52-54.

9 Vgl. Ebd., S. 56f.

10 Ebd., S. 57.

11 Vgl. Ebd., S. 54f.

12 Insbesondere Cordula Ludwig wendete sich dem Ausmaß der Zuwendungen zu, vgl. Ludwig, Cordula: Korruption und Nationalsozialismus in Berlin 1924-1934, Frankfurt am Main 1996, S. 143-146.

13 Vgl. Klein 2014, S. 298f.

14 Vgl. Ludwig 1996, S. 135-137.

15 Vgl. Klein 2014, S. 300-302.

16 Korruptionsliste der Freunde Sklareks, in: Die Rote Fahne v. 8.10.1929, Beilage, S. 1.

17 Bundesarchiv Potsdam, Sklarek-Prozeß, Bd. 3, Bl. 1078 (Anklageschrift), zitiert nach Ludwig, Cordula: Korruption und Nationalsozialismus in Berlin 1924-1934, Frankfurt am Main 1996, S. 149.

18 Vgl. Ludwig 1996, S. 146-149.

19 Ebd., S. 145.

20 Vgl. Ludwig 1996, S. 143-145.

Details

Seiten
30
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346002617
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494538
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Sklarek-Skandal Juden Weimarer Republik Korruption Mediale Instrumentalisierung Rote Fahne

Autor

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Titel: Der Sklarek-Skandal und die unmittelbare mediale Instrumentalisierung