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Die Rolle von Geistern in der Kinder- und Jugendliteratur

Der pädagogische Lehrauftrag in "Das kleine Gespenst" von Otfried Preußler und im Märchen "Aladin und die Wunderlampe"

Hausarbeit 2016 26 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen
2.1 Kinder- undJugendliteratur
2.1.1 An wen ist Kinder- und Jugendliteratur gerichtet?
2.1.2 Gattungen der Kinder- und Jugendliteratur
2.1.3 Thematik und Rolle der KJLfür Kinder und Jugendliche
2.1.4 Abgrenzung zur Erwachsenenliteratur
2.2 Geister und Gespenster in der Literatur
2.2.1 Fokusbereich: Definition Geist, Gespenst und Flaschengeist
2.2.2 Kategorisierung: Preußlers „Das kleine Gespenst" und der Lampengeist aus „Aladin und die Wunderlampe"

3 Die Rolle der Geister für Kinder
3.1 Fokusbereich: Diepsychische Entwicklung von Kindern
im Alter von 6 bis 8Jahren
3.2 Die Rolle des kleinen Gespenstes
3.2.1 Die Darstellung des kleinen Gespenstes: Aussehen, Charakter und
Handlungsweise
3.2.2 Pädagogischer Lerneffekt für Kinder durch das kleine Gespenst
3.3 Die Rolle des Lampengeistes
3.3.1 Die Darstellung des Lampengeistes: Aussehen, Charakter und
Handlungsweise
3.3.2 Pädagogischer Lerneffekt für Kinder durch den Lampengeist

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Einsicht in den Sinn des eigenen Lebens erringt man nicht plötzlich in einem bestimmten Alter, auch nicht, wenn man den Lebensjahren nach ein reifer Mensch sein müßte. Im Gegenteil: das Wissen um das, was der Sinn des Lebens sein könnte oder sein sollte, ist das Zeichen seelischer Reife und das Ergebnis einer langen Entwicklung. In jedem Lebensalter suchen und brauchen wir einen Sinn, und sei es nur ein Teilsinn, der der Entwicklung unserer Seele und unseres Begriffsvermögens entspricht."1

Nach Bruno Bettelheim, dem Kinderpsychologen und Autor von „Kinder brauchen Märchen", brauchen die Menschen in jeder Entwicklungsphase ihres Lebens einen Sinn - einen Sinn, an dem sie wachsen und durch den sie reifen und lernen können. Dieser Sinn kann nicht vorgeben sein, jeder Mensch muss ihn auf seine eigene Weise finden. Er muss an das Individuum und seine spezifischen Fähigkeiten und Verlangen angepasst sein. So brauchen auch Kinder einen Sinn, oder einen Teilsinn, durch den sie die Welt besser verstehen können. „Realistische Erläuterungen sind für Kinder jedoch meist unverständlich, weil Kinder das abstrakte Begriffsvermögen, das notwendig ist, um sie zu erfassen, noch nicht besitzen."2 Ein Kind braucht etwas, das seine Fantasie anregt, etwas das ihm dabei hilft, seinen Horizont und seinen Verstand zu erweitern3.

In dieser Arbeit soll erörtert werden, inwieweit Geister in der Kinder- und Jugendliteratur diese Rollen, diesen Lehrauftrag, übernehmen können. Der Geist ist eine oft verwendete Figur in der Literatur, sowohl in der Kinder- und Jugendliteratur, als auch in der Erwachsenenliteratur. Ist es also nur die Faszination des Geistes, die Faszination vor dem Unbekannten, die Autoren dazu bewegt, dieses Motiv immer wieder aufzugreifen? Oder hat der Geist in der Kinder- und Jugendliteratur eine andere Funktion, die er in der Erwachsenenliteratur nicht mehr hat?

Um diese Fragen zu erörtern, wählte ich das Kinderbuch „Das kleine Gespenst" von Otfried Preußler und das Märchen „Aladin und die Wunderlampe" aus der Märchensammlung „Tausendundeine Nacht". In beiden Werken liegt der Fokus auf Geistern - dem kleinen Gespenst und dem Lampengeist. Ich wählte diese Werke einerseits aus, da sie für Kinder der gleichen Altersstufe, der Altersstufe von sechs bis acht Jahren, empfohlen werden. Darüber hinaus entschied ich mich für diese Bücher, da die Geister in diesen Werken sehr unterschiedlich dargestellt werden. Vor allem unterscheidet sich ihr nahezu gegensätzlicher Charakter und ihre Handlungsweise. Worin die Unterschiede in diesen Punkten liegen, soll später erörtert werden. Ich möchte in den nächsten Kapiteln herausfinden, ob diese beiden Geister, obwohl sie sehr unterschiedlich sind, einen pädagogische Lehrauftrag in der Kinder- und Jugendliteratur erfüllen können.

In dem ersten Kapitel wird zunächst der Begriff „Kinder- und Jugendliteratur" definiert und erklärt, welche Thematiken diese Literaturgattung ausmachen und inwieweit sie von der Erwachsenenliteratur abzugrenzen ist. Danach sollen die Begriffe „Gespenst", „Geist" und „Flaschengeist"definiert und mit den Geistern dervon mirgewählten Werke in Verbindung gebracht werden.

Um die Rolle der Geister in der Kinder- und Jugendliteratur herauszufinden, beziehe ich mich im Hauptteil dieser Arbeit auf die Entwicklungsmodelle dreier Mediziner der Entwicklungspsychologie - Sigmund Freud, Erik Erikson und Jean Piaget. In diesem Kapitel soll erörtert werden, welche Bedeutung die Geister für den Entwicklungsstand der Kinder, für dessen Altersstufe die Bücher empfohlen werden, haben können.

Im Fazit werde ich meine Ergebnisse noch einmal zusammenfassen und erklären, warum Geister in der Kinder- und Jugendliteratur eine andere Bedeutung, als in der Erwachsenenliteratur, haben.

2 Grundlagen

2.1 Kinder- und Jugendliteratur

2.1.1 An wen ist Kinder- und Jugendliteratur gerichtet?

Unter dem Begriff der Kinder- und Jugendliteratur wird im gängigen Gebrauch verstanden, dass der Autor des Werks als Zielgruppe Kinder und Jugendliche wählte. Diese Definition ist zwar richtig, allerdings gibt es weitere Faktoren, die ein Werk als KJL4 gelten lassen. Hans-Heino Ewers unterscheidet hierbei zwischen intendierter und nicht-intendierter KJL5. Nicht-intendierte KJL bezeichnet literarische Stoffe, die nicht dafür vorgesehen waren, von Kinder und Jugendlichen gelesen zu werden6. Obwohl sie nicht die Zielgruppe des Werkes sind, lesen KinderundJugendliche nicht-intendierte KJLtrotzdem.

Im Gegensatz dazu ist intendierte KJL eindeutig an die Zielgruppe Kinder und Jugendliche gerichtet. Aber auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, ab wann ein Werk als intendierte KJL angesehen wird. Entscheidend bei der Klassifizierung als intendierte KJL ist, wie das Werk betitelt ist. Tritt der Fall ein, „dass der Titel bei seiner erstmaligen Veröffentlichung als ein Angebot für Kinder und Jugendliche gekennzeichnet ist und keinerlei anders lautende publizistische Vorgeschichte aufweist"7, wird dieses Werk als originäre Kinder- und Jugendliteratur angesehen. Dies bedeutet, dass der Autor vor der Publikation des Buches entschied, dass dieses an Kinder und Jugendliche gerichtet sein soll. Diese Entscheidung wird vom Verlag berücksichtigt, sodass das Medienprodukt deutlich für die Zielgruppe gekennzeichnet ist. Die originäre KJL ist allerdings nur ein Teil der intendierten KJL. Dazu gehören des Weiteren auch Werke, die erst im Bearbeitungsprozess an die Zielgruppe angepasst werden. Der Autor des Stoffes entschied somit nicht selbst, dass sein Medienprodukt an Kinder und Jugendliche gerichtet sein soll. Die hinzugefügte

Adressierung kann direkt vom Verleger stammen oder erst beim späteren Überarbeitungsprozess vorgenommen werden8.

2.1.2 Unterscheidungen in der Kinder- und Jugendliteratur

Ein besonderes Merkmal der KJL ist, dass diese Literatur mit einer Altersempfehlung ausgestattet ist. Das literarische Werk wird erst vom Verlag oder vom Buchhändler in eine genaue Altersstufe eingeteilt, nicht vom Autoren selbst9. Diese Empfehlungen werden entweder im Zwei-Jahres-Schritten erhöht oder orientieren sich am Bildungsstand (Kindergarten, Grundschule, Leseanfänger und ähnliches) des Kindes10. Durch Nutzung der Altersstufen können die Thematik und Aufmachung des Buches an den Wissens- und Entwicklungsstand der Kinder angepasst werden. Ein Bilderbuch, das für ein Kind im Kindergartenalter vorgesehen ist, wird wenig, aber groß geschriebene Textblöcke und viele Illustrationen beinhalten. Ein Buch für das Grundschulalter wird dagegen weniger Illustrationen und mehrTextblöcke enthalten. DerText ist mit einem großen Zeilenabstand getrennt und in großen Buchstaben geschrieben, damit den Leseanfängern das Lesen des Textes einfacher fällt.

Mit steigendem Alter der Rezipienten verändert sich auch die Aufmachung der Bücher. Ein Jugendbuch unterscheidet sich in der Schriftgröße und Anzahl der Illustrationen meist nicht von Erwachsenenbücher. Es sind die Thematiken und die Schreibweise, die die Grenze zwischen Jungend- und Erwachsenenliteratur ziehen.

2.1.3 Thematik und Rolle der KJLfür Kinder und Jugendliche

„[...] [Der] Gewinn, den ihm [dem Kind] der Umgang mit der Literatur bringen sollte [ist]: den Zugang zu dem, was seinem Leben auf der jeweiligen Entwicklungsstufe einen tieferen Sinn gibt."11

Bruno Bettelheim sieht die Aufgabe der KJLdarin, dass die Geschichte das Leben des jungen Lesers bereichert, indem „sie seine Phantasie anregen und ihm helfen, seine Verstandes­kräfte zu entwickeln und seine Emotionen zu klären"12. Die Inhalte der KJL beschäftigen sich oft mit den Themen, mit denen die Leser in ihrem Umfeld konfrontiert werden. Diese Themen sind für Kinder und Jugendliche besonders aktuell und somit interessant. Für Kinder werden oft die Themen „Freundschaft, Abschied, Abenteuer, Familie, Schule [,..]"13 in Büchern aufgegriffen. Passend für Jugendliche sind vor allem Themen, die sich mit den ersten Erfahrungen, mit der Liebe oder dem anderen Geschlecht beschäftigen14. Die literarischen Werke thematisieren Probleme und Ängste von Kindern und Jugendlichen und können Bewältigungsmethoden für diese Probleme bieten.

Die Identifizierung mit den Protagonisten fällt den Lesern leicht, wenn diese in einer ähnlichen Lebenssituation und im gleichen Alter wie sie sind. Durch die Identifizierung mit der Thematik und dem Protagonisten übernehmen die Leser die Handlungsstrategien der Personen aus dem Buch. Das Ziel dieser Erziehungsliteratur ist nicht alleine die Wissensvermittlung, sondern vor allem auch die Werteerziehung15. Kinder und Jugendliche werden durch das Lesen der Bücher aufgeklärt. Sie können so den Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, moralisch richtig und moralisch falsch erkennen lernen16.

Damit dieses Ziel erreicht werden kann, muss die KJL politisch korrekt sein. Mobbing, Rassismus und Gewalt darf nicht idealisiert oder verherrlicht werden17.

Der Lernauftrag der KJL muss an den Entwicklungsstand des Kindes angepasst sein. Die Entwicklungsphasen in der Kindheit grenzen sich durch die körperliche und geistige Entwicklung im vorangehenden Alter des Kindes ab. Modelle zu den Entwicklungsständen von Kindern und Jugendlichen entwickelten Jean Piaget, Erik Erikson und Sigmund Freud Im Kapitel 3.1 wird näher auf ihre Modelle eingegangen werden.

2.1.4 Abgrenzung zur Erwachsenenliteratur

Die Grenzen zwischen KJL und der Erwachsenenliteratur sind definitionsabhängig. Definiert man Kinder und Jugendliche als junge Erwachsene, so kann Kindern und Jugendlichen die gleiche Literatur, wie Erwachsenen, gegeben werden18. Definiert man Kinder und Jugendliche allerdings als nicht-erwachsen, als nicht gleichrangig, so wird man ihnen anderen Lesestoff geben. In der Konsequenz wird für sie eine eigene Literatur entwickelt, die besonders auf ihre Bedürfnisse und Gefühle anspricht19. Nach Hans-Heino Ewers sind die Unterschiede dieser Literatur und der Erwachsenenliteratur besonders deutlich in „Material, Drucktechnik, Aufmachung, Format, Innengestaltung, Schriftsatz und Illustrierung"20 der Bücher erkenntlich. Besonders die Gestaltung der Frontdeckel von Kinder- und Jugendbüchern verrät meist schon viel über die Handlung im Buch. Der Protagonist oder eine exemplarische Szene ist grafisch dargestellt. Der Titel des Buches wird in großen Buchstaben geschrieben, die sich farblich von der Gestaltung der anderen Grafiken abheben. In der Erwachsenenliteratur wird meist nur ein Bild, das symbolisch für ein wichtiges Element in der Handlung steht, gewählt.

Auch wenn sich die Thematiken von KJL und Erwachsenenliteratur oft überschneiden, liegt ein Unterschied in der Handlungsorientierung der Personen in der KJL. Die Thematik der Erwachsenenliteratur beschäftigt sich mit ,,[...] seelischen Problemen, mit seelischer Entwicklung und seelischen Konflikten."21. In den Geschichten für Kinder und Jugendliche ist der Inhalt meist auf die physischen Tätigkeiten, die Handlung der Figuren beschränkt: „Es erzählt in bloßem Nacheinander die Geschichte und die Taten eines Helden."22

[...]


1 Bettelheim, Bruno, „Kinder brauchen Märchen". Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1977. S. 9

2 Ebd.S.49

3 Vgl. ebd. S. 10

4 Abkürzung für„Kinder- und Jugendliteratur"

5 Vgl. Ewers, Hans-Heino, „Kinder- und Jugendliteratur - Begriffsdefinition" in Lange, Günter (Hrsg.), Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart: ein Handbuch. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2012. S. 5

6 Vgl. ebd. S.5

7 Ebd. S.8

8 Vgl. Ewers, Hans-Heino, „Kinder- und Jugendliteratur - Begriffsdefinition" in Lange, Günter (Hrsg.), Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart: ein Handbuch. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2012. S. 5

9 Vgl. Korfmann, Matthias, „Experten kritisieren 'falsche Altersempfehlungen' der Buchverlage", unter: http://www.derwesten.de/nachrichten/experten-kritisieren-falsche- altersempfehlungen-der-buchverlage-id4549342.html (zuletzt aufgerufen am 25.02.2016)

10 Vgl. Ewers, Hans-Heino, „Kinder- und Jugendliteratur - Begriffsdefinition" in Lange, Günter (Hrsg.), Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart: ein Handbuch. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2012. S. 10

11 Bettelheim, Bruno, „Kinder brauchen Märchen". Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1977. S. 10

12 Ebd. S. 10

13 Kautt, Annette, „Kinder- und Jugendliteratur", unter: http://www.rossipotti.de/ inhalt/literaturlexikon/sachbegriffe/kinder_und_jugendliteratur.html (zuletzt aufgerufen am 23.02.2016)

14 Vgl. ebd.

15 Vgl. Ewers, Hans-Heino, „Kinder- und Jugendliteratur - Begriffsdefinition" in Lange, Günter (Hrsg.), Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart: ein Handbuch. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2012. S. 11

16 Vgl. Bardola, Nicola, unter: http://www.stmas.bayern.de/ imperia/md/content/stmas/stmas_internet/familie/abschl-bardola-100423.pdf (zuletzt aufgerufen am 25.03.2016)

17 Vgl. Bardola, Nicola, unter: http://www.stmas.bayern.de/ imperia/md/content/stmas/stmas_internet/familie/abschl-bardola-100423.pdf (zuletzt aufgerufen am 25.03.2016)

18 Vgl. Kautt, Annette, „Kinder- und Jugendliteratur", unter: http://www.rossipotti.de/ inhalt/literaturlexikon/sachbegriffe/kinder_und_jugendliteratur.html (zuletzt aufgerufen am 23.02.2016)

19 Vgl. ebd.

20 Ewers, Hans-Heino, „Kinder- und Jugendliteratur - Begriffsdefinition" in Lange, Günter (Hrsg.), Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart: ein Handbuch. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2012. S. 9

21 Bühler, Charlotte, „Das Märchen und die Phantasie des Kindes". In C. Bühler & J. Bilz, Das Märchen und die Phantasie des Kindes. München: Johann Ambrosius Barth, 1971. S. 40

22 Ebd. S. 55

Details

Seiten
26
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783346004420
ISBN (Buch)
9783346004437
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494786
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Schlagworte
rolle aladin märchen preußler otfried gespenst lehrauftrag jugendliteratur kinder- geistern wunderlampe

Autor

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