Lade Inhalt...

Schulsport aus didaktischer Sicht

Die Möglichkeiten des Offenen Sportunterrichts

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Offener Sportunterricht als didaktische Alternative
2.1 Gegenüberstellung offener und geschlossener Unterricht
2.2 Mögliche Grade der Öffnung und eine Empfehlung
2.3 Problemorientiertes Unterrichten als didaktische Interventionsmöglichkeit

3. Konzept des freien Bewegungsunterrichtes nach Auras
3.1 Prinzipien des Unterrichtskonzeptes
3.2 Chancen und Gefahren
3.3 Erfahrungen

4. Offener Sportunterricht als Mittel der Sinngebung

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Werk „ Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik : zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik“ fasst Wolfgang Klafki die Ziele der Bildung folgendermaßen zusammen:

“Bildung wird also verstanden als Befähigung zu vernünftiger Selbstbestimmung, die die Emanzipation von Fremdbestimmung voraussetzt oder einschließt, als Befähigung zur Autonomie, zur Freiheit eigenen Denkens und eigener moralischer Entscheidung. Eben deshalb ist denn auch die Selbsttätigkeit die zentrale Vollzugsform des Bildungsprozesses.“ (2007, S. 19)

Diesen Anspruch an das Bildungssystem weitet er aus und betont, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft ein Recht darauf haben, „Allgemeinbildung als Bildung für alle zur Selbstbestimmungs-, Mitbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit“ (Klafki, 2007, S. 40) zu erwerben. Kinder, die in die Institution Schule überführt werden und ihren individuellen Weg in eine ungewisse Zukunft antreten, sollen also nachhaltig mit der Fähigkeit ausgestattet werden, sich erfolgreich den Hindernissen zu stellen, welche sich auftun werden, wenn sie sich selbst verwirklichen wollen. Doch bevor man ein klares Ziel vor Augen haben kann und dieses verfolgt, sollte man zuerst ein möglichst klares Bild von sich selbst haben. Diesen Prozess der Herausbildung einer Persönlichkeit und Identität gilt es maßgeblich zu unterstützen. Für die Lehrkraft ergibt sich daraufhin die komplexe Aufgabenstellung, ihre Schüler mit den oben genannten Fähigkeiten auszustatten und ihnen gleichzeitig eine Perspektive für die Zukunft zu geben, ihnen also ihre Stärken, Schwächen und Talente zu offenbaren, um ihnen ihren Einstig in ihr Berufsleben zu erleichtern. Das Unterrichtsgeschehen als Interaktion zwischen Schülern und Lehrern spielt dabei eine zentrale Rolle und seine Gestaltung entscheidet, ob die Vermittlung der von Klafki definierten Zielsetzungen der Bildung erfolgreich verläuft oder scheitert. Speziell der Schulsport unterscheidet sich jedoch durch seinen Fokus auf Bewegung als vorrangigen Unterrichtsinhalt maßgeblich von anderen Schulfächern. Daraus ergibt sich ein vielseitiges Potential zur Gestaltung des Geschehens, speziell wenn man vom Konzept der Öffnung von Unterricht Gebrauch macht. Der individuelle Lernprozess und der damit verbundenen Entwicklungsstand, welcher von der Institution Schule mit der Bewertung ihrer Leistungen gemessen wird, kann aus Schülersicht auf diese Weise subjektiver, greifbarer und lohnender gestaltet werden.

Gestaltet eine Lehrkraft ihren Unterricht offen und problemorientiert, dann werden die Schüler und Schülerinnen ihre Angst vor Misserfolgen ab-, stattdessen eine intrinsische Leistungsmotivation aufbauen und so dem Sportunterricht ihren individuellen Sinn zuschreiben.

2. Offener Sportunterricht als didaktische Alternative

2.1 Gegenüberstellung offener und geschlossener Unterricht

Der geschlossene oder auch lernzielorientierte Unterricht als klassische Form zeigt klare Merkmale des Frontalunterrichts, der Lehrer als planende und das Unterrichtsgeschehen bestimmende Instanz steht also im Mittelpunkt des Geschehens. Dabei legt er zu Beginn klare Sachverhalte und Aufgabenstellungen fest, die den Schülern diktiert werden und welche meist in standardisierten Situationen durch das Beschreiten eines einzelnen Lösungsweges von den Schülern gelöst werden sollen, um einen Lernerfolg feststellen zu können. Die Schüler müssen, um den Unterrichtsverlauf aufrecht zu erhalten, diese Gegebenheiten so akzeptieren und umsetzen. Ein Dialog zwischen beiden beteiligten Parteien ist dazu nicht unbedingt notwendig. Um das vorher festgelegte Ziel der Stunde zu erreichen, sollte die Unterrichtsstunde folglich im besten Fall exakt nach Plan verlaufen, wobei im Hinterkopf behalten werden muss, dass es sich bei allen Beteiligten um Individuen mit eigenem Willen handelt und sich daraus eine Vielzahl von Variablen ergeben. Dies macht die Planung in Form einer Formel unmöglich, kein Unterricht ist exakt wiederholbar. Die Lehrkraft verlässt sich darauf, dass sich die motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten vorhersehbar entwickeln und eine Weiterentwicklung eben jener als Produkt erkennbar wird.

Als Alternative dazu hat sich im Laufe der Jahre ein in der Literatur ausgiebig diskutiertes Konzept ergeben: Der offene Sportunterricht. Im Vergleich zur lehrerzentrierten geschlossenen Variante formt hierbei eine intensive Verständigung zwischen den beteiligten Parteien der Schüler und des Lehrers die Grundlage des Lernprozesses und es wird ein verstärktes Augenmerk auf die Interessen, Bedürfnisse und Wünsche der Schüler und Schülerinnen gelegt, welche in die Gestaltung des Unterrichts mit einfließen. Dietrich Kurz bezeichnet diese Besonderheit als „schülerzentriert“ (1998, S. 221). Im Wesentlichen wird der Unterrichtsverlauf also „durch die Selbst- und Mitbestimmung der SchülerInnen bei der Auswahl von Inhalten, Arbeitsmaterialien und Methoden geprägt“ (Gebken, S. 1). Im Gegensatz zum geschlossenen Unterricht erfolgt der Lernprozess in veränderlichen Situationen mit Methoden, die von den Schülern selbst bestimmt werden, was wiederum zur Folge hat, dass der Verlauf der Stunde nicht vorher festgelegt werden kann. Genauso wenig ist sicher, ob alle Beteiligten auch wirklich einen Lernerfolg zu verzeichnen haben werden. Diese Unklarheiten werden zugunsten der Freiheit in Kauf genommen, welche es den Schülern ermöglicht, ihren eigenen Körper und seine Bewegungsmöglichkeiten intensiv und subjektiv erfahren zu können. Die Lehrperson zieht sich eher in den Hintergrund zurück, fungiert als „Bewegungsbegleiter und – berater“ (Auras, 2001, S. 154). Eben dieser Prozess des subjektiven Erfahrens von Bewegungen, ermöglicht durch die Bereitstellung des nötigen Freiraums, und die Betonung der Wichtigkeit des Weges hin zur eigentlichen Erkenntnis, zeichnen den offenen Sportunterricht aus.

2.2 Mögliche Grade der Öffnung und eine Empfehlung

Entscheidend für den Grad der Öffnung von Sportunterricht sind die Freiheit der Schüler und ihr daraus resultierendes Recht auf Mit- bzw. Selbstbestimmung. Das höchstmögliche Maß an Freiheit würde den Schülern übertragen werden, wenn man ihnen die Teilnahme an den Stunden freizustellen würde und denjenigen, die sich entscheiden, mitzumachen, keinerlei Vorgaben machen würde, sie könnten sich also durch die Halle bewegen, wie es ihnen beliebt und Geräte nach ihrem Willen in das Geschehen mit einbeziehen. Bindet man die Schüler nun an ein gewisses Grundregelwerk zum Umgang mit Mitschülern und Geräten, wäre dies streng genommen bereits eine Maßnahme hin zur Schließung und Steuerung des Geschehens. Der Lehrer dürfte nur in Notfällen einschreiten, würde er doch sonst den Entdeckungsprozess und die damit verbundenen Erfahrungen der Kinder stören. Die Kontrolle und Erfassung eines Lernfortschrittes fällt bei diesem Grad der Öffnung schwer, was den Unterricht „zum Chaos, zur Orientierungslosigkeit, zumindest zum „laissez-faire-Unterricht““ (Brodtmann, 1984, S. 14) verkommen lässt. Im Prinzip kann man sich die verschiedenen Grade der möglichen Öffnung als Stationen zwischen den beiden Extremen „geschlossen“ und „(vollkommen) offen“ vorstellen. Bis zu welchem Maße sollte man den Unterricht also öffnen, um möglichst guten Unterricht zu gestalten? In der Literatur herrscht überwiegend der Konsens, dass man einen Mittelweg zwischen beiden Extremen einschlagen sollte. So betont Dietrich Kurz (1998, S. 225-231), dass ein Unterricht neben geschlossenen Phasen der Lernzielorientierung durchaus auch „ergebnisoffene Phasen“ (Kurz, 1998, S. 226) haben sollte, die es den Schülern ermöglicht eigene, individuelle Lösungswege ausfindig zu machen und in denen das Erleben von Bewegung im Vordergrund steht. Das sei nur möglich, wenn der Unterricht auch „verlaufsoffen“ (Kurz, 1998, S. 227) geplant wird, also mögliche Änderungen flexibel vor Ort vorgenommen werden können. Als letzter Punkt wird angeführt, dass Schülern eine Entscheidungsgewalt übertragen werden soll, sie also selbst über ihr Tun entscheiden können, um ihnen die Tragweite von eigenen Entscheidungen bewusst zu machen und Selbstständigkeit zu fördern. Ob die Schüler nun auch wirklich das lernen wollen, was sie sollen, um gemäß der Bildungsziele zu vernünftigen, reflektierenden und zielstrebigen eigenen Persönlichkeiten heranzuwachsen, bleibt fraglich. Im weiteren Verlauf der Hausarbeit soll ausgeführt werden, inwiefern das Begreifen des Sinns von Sport durch offenen Unterricht die Perspektiven der praktizierenden Schüler erweitert. Auch Thomas Auras argumentiert, dass „ein fruchtbarer schülerorientierter Unterricht aber nicht ohne Lenkung, Vorschläge und Anregungen durch den Lehrer denkbar“ (Auras, 2001, S. 91) sei. Das Geschehen sollte also nicht einem Kindergeburtstag gleichen, auf dem der Lehrer in gemütlicher Zuschauerhaltung lediglich beaufsichtigt und die Schüler und Schülerinnen ihren Trieben freien lauf lassen. Um diese Schwierigkeiten und Balanceakte, vermehrt aber die positiven Aspekte der Öffnung von Sportunterricht in einem bestimmten Maße näher auszuführen, soll im Folgenden auf eine konkrete Interventionsmöglichkeit eingegangen werden.

2.3 Problemorientiertes Unterrichten als didaktische Interventionsmöglichkeit

Um die in den vorherigen Kapiteln angesprochenen Aspekte und Merkmale des offenen Sportunterrichts umsetzten zu können, bietet sich besonders das didaktische Mittel des problemorientierten Unterrichtens an. So steht in dessen Mittelpunkt „das Erkennen und Beschreiben eines Problems sowie das kombinieren und Anwenden von Wissen und Fertigkeiten zu dessen Lösung“ (Neumann, 2009, S. 5) durch die Schüler. Dieter Brodtmann (1984, S. 13) spricht in diesem Zusammenhang von „lohnenden“ Problemen, welche das Engagement und die Motivation der Schüler anreizen sollen. Dabei wird meist in einer Gruppe gearbeitet, was Kommunikation und Austausch zwischen den Mitgliedern erforderlich macht. Auf diese Weise werden SuS zu einer aktiven Auseinandersetzung mit der Thematik bewegt und die wissenschaftspropädeutische Funktion der Problemstellungen lässt sich beobachten. Schüler sollen speziell in der Oberstufe zu mehr als nur der Reproduktion von Wissen in der Lage sein, sondern ihren Wissenstand auch durch Transformation aktiv dazu einsetzen können, in Konfrontationssituationen das vorherrschende Problem lösen zu können (Neumann, 2009, S. 6).

Der angesprochene Ansatz des problemorientierten Unterrichts wäre also bereits ein Schritt hin zur Schließung des Unterrichts und erfordert, dass sich die Teilnehmer der Stunde, besonders die für das Geschehen verantwortliche Lehrkraft, gewisser Voraussetzungen und Ansprüche bewusst sind. So verlangt die Arbeit an Problemstellungen von der Lehrkraft ein gewisses Maß an Fingerspitzengefühl, sollen die Schüler doch weder von ihrer neu gewonnenen Freiheit überfordert werden, noch sollen sie wieder zu sehr auf für sie vorbestimmte Schienen gesetzt werden, um das gemeinsam festgelegte Ziel zu erreichen. Es bedarf Mut, das sichere Terrain des geschlossenen Unterrichts zu verlassen, in dem der Lehrer alle Fäden in der Hand hat und die Übersicht behalten kann. Soll also ein Lernklima entstehen, welches „einer Entfaltung von gleichberechtigter Kommunikation, von Kreativität und sozialer Kooperation zuträglich ist“ (Auras, 2001, S. 94), so müssen sich beide Parteien ein hohes Maß an Respekt und Vertrauen entgegenbringen. Dies kann beispielsweise durch das Beschließen von Ritualen, sei es der pünktliche Beginn und das Ende einer Unterrichtseinheit im Sitzkreis, eine regelmäßige Unterbrechung des Unterrichts, in der über die bis dato geschehenen Ereignisse reflektiert wird oder die Bestimmung von Schülergruppen, die sich um den Auf- und Abbau der benötigten Materialien und Geräte kümmern, gesichert werden. Eine weitere Möglichkeit stellt die Erarbeitung eines gemeinsamen Regelwerks in Form eines für alle Teilnehmer sichtbaren Plakates dar, welches den gewünschten Umgang miteinander klar festlegt und gewisse Konsequenzen für diejenigen bereit hält, die sich nicht an die Abmachung gehalten haben. Die Schülergruppen sollen in einer Unterrichtseinheit autonom arbeiten und der Lehrer sollte deshalb nur einschreiten, wenn die Gruppe im Begriff ist, sich in einer Sackgasse zu verrennen oder die Schüler sich an einem Aspekt festgebissen haben und neue Denkanstöße beziehungsweise eine Präzisierung des Problems benötigen. Der Motor des Lernprozesses besteht im offenen Unterricht aus der Motivation und dem Interesse der Schüler, nicht, wie in der geschlossenen Variante, aus dem Akzeptieren von vom Lehrer vorgefertigten Bedingungen. Es gilt also, die Schüler bereits zu Beginn der Stunde mit klar formulierten, anspruchsvollen, interessanten Aufgabenstellungen abzuholen. Dabei ist es hilfreich, wenn die Lehrperson die Klasse bereits kennt und die Teilnehmer einschätzen kann. Das Mitbestimmungsrecht der Schüler in Form der Bekundung von Interessen und Wünschen darf dabei nicht die Überhand gewinnen, soll doch weiterhin der eigentliche Fokus des Unterrichts auf dem Erfahren und Treiben von Sport in Form von Bewegung belassen werden. Außerdem besteht die „Gefahr des Mißbrauchs [sic] der gewährten Freiräume mit kontraproduktiven Ergebnissen“ (Auras, 2001, S. 92) durch die Schüler, sollten sie beispielsweise aus Angst vor neuen und unbekannten Bewegungen immer nur das Altbekannte reproduzieren und keinen Lernfortschritt erzielen. Erneut muss dann die Lehrkraft intervenieren und den betreffenden Schülern einen Stups in Form von Ermutigungen und passiven Hilfestellungen geben, sodass sie sich trauen, die Schwelle hin zum Neuen zu überschreiten. Es kann jedoch ebenfalls vorkommen, dass Schüler sich aus Unlust oder Motivationsmangel nicht mit der Problemstellung befassen wollen. Hier kann den Schülern in einem Gespräch durch die Lehrperson die Sinnhaftigkeit der Bewegung, auf die später noch genauer eingegangen werden soll, verdeutlicht werden. Im folgenden Kapitel wird ein Unterrichtskonzept vorgestellt, welches in der sportdidaktischen Diskussion aktuell vielfach diskutiert, erneut die Frage nach einem idealen Grad der Öffnung des Sportunterrichts aufwirft.

[...]

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783346004925
ISBN (Buch)
9783346004932
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494788
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Schlagworte
schulsport sicht möglichkeiten offenen sportunterrichts

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Schulsport aus didaktischer Sicht