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Römische Militärlagerbauten in der frühen und hohen Kaiserzeit

Römische Baukunst

Hausarbeit 2019 54 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil

1. Lagertypen

2. Grundrisse

3. Standortfaktoren

4. Generalunternehmer

5. Militärhandwerker

6. Umwehrungen
6.1 Marschlager
6.2 Standlager
6.2.1 Holz-Erde-Rasensoden-Lager
6.2.2 Stein-Lager
6.3 Werkzeuge
6.3.1 Wichtigste Schanz- und Bauwerkzeuge
6.3.2 Messinstrumente
6.3.3 Versetz- und Hebetechniken

7. Inneneinteilung

8. Innenbauten
8.1 Bauweise
8.1.1 Fachwerkbauten
8.1.2 Steinbauten
8.2 Lage, Funktion und Typen der Innenbauten
8.2.1 Principia
8.2.2 Praetorium
8.2.3 Tribunenhäuser
8.2.4 Mannschaftsunterkünfte
8.2.5 Getreidespeicher
8.2.6 Lagerbäder
8.2.7 Lazarette
8.2.8 Werkstätten
8.2.9 Campus
8.2.10 Wasserver- und -entsorgung sowie Latrinen

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der Gegenstand dieser Hausarbeit ist die Konstruktion von römischen Militärlagern (Marschlager, Standlager aus Holz und Erde sowie Stein) der frühen bis hohen Kaiserzeit sowie deren Bezüge zur römischen Stadtarchitektur als Teil der römischen Bautechnik innerhalb der römischen Baukunst.

Eure Vorfahren haben das verschanzte Lager für einen sicheren Hafen des Heeres gehalten, von wo sie zum Kampf ausrücken, wohin sie sich, vom Sturm der Schlacht zerzaust, zurückziehen konnten. Das Lager ist für den Sieger eine gute Heimstatt, für den Geschlagenen eine Zuflucht. Dieser kriegerische Wohnsitz ist ein zweites Vaterland, der Wall ersetzt die Stadtmauern, und für den Soldaten ist das Zelt sein Haus und Herd.1 Dieses Zitat des römischen Geschichtsschreibers Titus Livius (59 v. Chr. - 17 n. Chr.) zeigt die große Bedeutung der römischen Militärlagerbauten (Legionslager und Auxiliarkastelle); als Mikrokosmos sind sie für die lang dienenden kaiserzeitlichen Legionäre und Hilfssoldaten (jeweils mind. 25 Jahre Dienstzeit) die Heimat im neu eroberten Ausland, Wohn- und Lebensmittelpunkt, Gerichtsstätte, Verwaltungssitz, Finanzinstitut, Einkaufsmarkt, Hospital, Zufluchtsort nach Schlachten und Schutzort vor Feinden mit mehr oder weniger vielen zivilen Annehmlichkeiten (Gaststätten, Thermen, Handwerksbetrieben) der römischen Stadt – je nach Bedeutung und Umfang der Lager und Kastelle.

Bereits der griechische Geschichtsschreiber Polybios (ca. 200 v. Chr. - ca. 120 v. Chr.) beschrieb die Militärlager der Miliz armee der römischen Republik zeit als ein Gebilde, das auf Grund seiner Form und der Anordnung seiner Straßen das Erscheinungsbild einer Stadt hatte: „ In dieser Form hat das Lager insgesamt die Gestalt eines gleichseitigen Rechtecks, im einzelnen ist dann die Anordnung der Straßen und die übrige Anlage wie in einer Stadt [polis] .2 Auch der jüdisch-römische Geschichtsschreiber Flavius Josephus (37/38 n. Chr. - 100 n. Chr.) und Publius Flavius Vegetius Renatus (im 4. Jh. n. Chr. Verfasser des Werkes der antiken Kriegskunde „Epitoma rei militaris“ und eines vor allem die Pferdeheilkunde abhandelnden Lehrbuchs der Tiermedizin) bezeichneten die Truppenlager als Städte. Flavius Josephus:

Es bietet sich ein Anblick, als wäre eine Stadt [polis] wie aus dem Nichts entstanden mit einem Marktplatz [agora] , einem Viertel für Handwerker und mit Gerichtsstühlen für Hauptleute und Obersten, wo sie bei etwa entstehenden Streitigkeiten Recht sprechen können.3 Vegetius: „ Denn wenn ein Lager [castrum] richtig angelegt ist, können die Soldaten [milites] innerhalb des Walles [vallum] Tag und Nacht so sorglos leben, selbst wenn der Feind belagert, als ob sie überall eine ummauerte Stadt [civitas] mit sich trügen.4 In vielen Fällen war das Militärlager nach der Aufgabe und dem Abzug des Militärs sogar die direkte Vorlage für die aus ihnen hervorgehenden zivile Städte: z. B. Vindonissa (Stadtteil Windisch der schweizerischen Stadt Brugg), Camulodunum (Colchester/England), Eboracum (York/England), Isca Silurum (Caerleon/Wales), Aquincum (Budapest), Argentorate (Straßburg), Castra Regina (Regensburg), Augusta Vindelicorum (Augsburg), Augusta Praetoria (Aosta/Italien).

Deshalb sind die Lagerbauten kein undurchdachtes Zufallsprodukt, sondern werden stets in fester Ordnung errichtet und gehen auf eine lange Tradition zurück. Flavius Josephus: „(...) denn wo sie [die Römer] auch immer in feindliches Gebiet einmarschiert sind, nehmen sie keine Schlacht an, bevor sie nicht ein befestigtes Lager aufgeschlagen haben. Sie legen dieses nicht beliebig und in ungleichmäßiger Gestalt an, auch arbeiten daran nicht alle planlos durcheinander, sondern der Boden wird, falls er uneben sein sollte, eingeebnet und ein viereckiges Lager abgemessen. Es folgen dem Heer auch eine Menge von Handwerkern mit den nötigen Bauwerkzeugen.5 Schon vor den Römern existierten bei den altorientalischen Völkern, den Persern, den Griechen, den Karthagern und in den hellenistischen Reichen Lagerbauten. Keines dieser Völker hat jedoch auf dem Marsch und bei Belagerungen befestigte Unterkünfte nach einem fixen Schema so konsequent errichtet wie die Römer.6 Dabei darf jedoch nicht der Eindruck entstehen, es handele sich bei den Legionslagern und Auxiliarkastellen um defensive Bauten im Sinne von mittelalterlichen Burgen, die möglichst uneinnehmbar gebaut wurden und langen Belagerungen standhalten sollten. Sie waren vielmehr Stützpunkte für eine offensive Kriegsführung; die Wehrbauten sollten nur Schutz vor Überraschungsangriffen bieten.7

Zur Republikzeit bestand das römische Militär aus Miliz soldaten, die nur für die Dauer eines Krieges einberufen wurden. Kaiser Augustus brach mit dieser Tradition. Er entließ die Soldaten selbst zu Friedenszeiten nicht. Die Armee wurde unter Augustus zu einer dauerhaften Einrichtung (Beruf sarmee). Und als es dann nach der Schaffung einer stehenden Berufsarmee an Rhein, Donau und Euphrat zu festen Grenzen kam, entstanden feste Militärlager, in denen die Berufssoldaten den Winter verbrachten, während sie im Sommer oftmals auf Feldzügen unterwegs waren. Mit der dauerhaften Stationierung der Soldaten in festen Standlagern entstanden dann im Laufe der Zeit aus zivilen Legions- (canabae) und Auxiliarlager- Vorstädten (vici) und den jeweiligen Lagern selbst eigene, zivile Städte.8

II.Hauptteil

1. Lagertypen

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen zwei Arten von Lagertypen:

- das für die kurzfristige Übernachtung nach jedem Tagesmarsch neu angelegte Marschlager (castrum) mit seiner Innenbebauung aus Lederzelten (papiliones) und seiner Umwehrung aus Schanzpfosten (valli)
- das feste, auf langfristige Nutzung ausgelegte Standlager (castrum) mit seinen Innenbauten und Umwehrung aus Holz-Erde oder Stein.

Diese zwei Lagertypen unterscheiden sich zwar in einzelnen Elementen der Bautechnik und des Baumaterials, der Grundaufbau und die Inneneinteilung sowie die Standortfaktoren und die Planung sind jedoch bei jedem römischen Militärlager-Bau ähnlich oder gleich.9 Lediglich die Größe der Lagerbauten ist immer unterschiedlich, da sie sich nach der Art und Anzahl der unterzubringenden Truppe richtet. Auch der Grundriss kann variieren. Vegetius: „ Das Lager muss aber auch entsprechend der Menge der Soldaten oder des Gepäcks gebaut werden, damit weder eine zu große Zahl in einem zu kleinen Lager zusammengepfercht ist noch eine geringe Zahl sich in einem weitläufigen Lager mehr, als nötig wäre, ausdehnen muss.10

Das Marschlager war in der Regel quadratisch, konnte aber auch rechteckig sein. Im quadratischen Marschlager von Wilkenburg bei Hannover11, das 2014 entdeckt wurde, lagerten ca. 20'000 Soldaten (3 Legionen à 6'000 Mann Sollstärke samt Tross) auf einer Fläche von ca. 30 ha (Seitenlänge 550 m). Es stammt aus der Zeit zwischen 12 v. und 9 n. Chr.12 Bereits 1952 waren in Dorsten-Holsterhausen acht augusteische Marschlager entdeckt worden. Eines davon, mit rechteckigem Grundriss, besitzt eine Ausdehnung von 50 ha (ca. 900 x 500 m).13

Die größte Truppeneinheit des römischen Heeres ist die Legion (legio) mit einer Sollstärke von 6'000 Infanteristen und 120 Legionsreitern, alle bestehend aus römischen Bürgern. Die Legionen waren in riesigen Legionslagern zusammengefasst. Gelegentlich wurden auch zwei Legionen in einem Standlager (Doppellegionslager, z. B. Castra Vetera/Xanten) untergebracht. Die Größe von Legionsstandlagern beträgt im Schnitt 20 ha14, die für Doppellegionslagern bis zu 56 ha.15

Die nächstkleinere Einheit war die Auxiliarkohorte, von der jede eine Sollstärke von 500 Infanteristen hatte, bestehend aus Ausländern ohne römisches Bürgerrecht (peregrini). Gelegentlich kamen auch gemischte Einheiten von Infanterie und Kavallerie (cohors equitata) zum Einsatz. Die normalen Auxiliarkohorten waren in Auxiliarkastellen mit ca. 1,5 bis 6 ha untergebracht, Cohors-equitata-Einheiten in Lagern von 2,1 bis 3,3 ha.16 Castra Vetoniana (Pfünz) ist ein Beispiel dafür, mit einer Fläche von 2,75 ha.17 Dies gilt auch für Castra Abusina (Eining an der Abens) mit einer Fläche von 1,8 ha.18

Daneben gab es noch Vexillationskastelle für vorübergehend abkommandierte Verbände (vexillationes) von Legionen oder Auxiliartruppen. Diese wiesen eine Größe zwischen 1,15 und 2,25 ha auf. Das Vexillationskastell Gholaia in Bu Njem (Libyen) ist ein Beispiel dafür.19 Das Vexillationslager Eining-Unterfeld an der Donau (Legio III Italica) mit einer Fläche von fast 11 ha weicht allerdings erheblich von der Durchschnittsgröße ab.20

An festen Grenzabschnitten waren numeri (lat. Numerus = Zahl, Einheit) stationiert. Dabei handelte es sich um einheimische Soldaten ohne römisches Bürgerrecht (aus der Sicht der Römer peregrini = Ausländer) in einer Stärke von 100 bis 200 Mann, die als Wach- und Aufklärungstruppen zum Grenzschutz in Numerus-Kastellen in einer Größe von unter 1 ha untergebracht waren.21 Böhming war ein derartiges 0,7 ha großes Numerus-Kastell22.

Schließlich existierten noch Kleinkastelle in der Funktion von Zollstationen mit einer Fläche von unter 2 ha.23

Für die Kavallerie bestanden Lager mit 500 (ala quingenaria: 3,1 bis 4,2 ha) oder 1'000 Mann (ala miliaria: 5,2 bis 6 ha).24 Castra Aquileia (Heidenheim an der Brenz) mit einer Fläche von fast 7 ha war Standort einer ala miliaria.25

2. Grundrisse

Bei römischen Militärlagern kommen verschiedene Typen von Grundrissformen vor. Es gab Lager in Rechteckform mit abgerundeten Ecken nach Spielkartenschema (z. B. Castra Aquileia/Heidenheim an der Brenz26, Castra Vetera/Xanten27 ), aber auch quadratische (z. B. Castra Biriciana/Weißenburg in Bayern28, Castra Abusina/Eining29 ), unregelmäßige Formen (unregelmäßiges Siebeneck: Castra Vindonissa/Windisch bei Brugg/Schweiz30 ).31 Der Grundriss römischer Lager passt sich nämlich stets den topographischen und technischen Anforderungen an. Vegetius: „ Manchmal aber muß [sic] man das Lager viereckig, manchmal dreieckig, manchmal halbrund anlegen je nachdem, wie es die Beschaffenheit des Platzes oder die Notwendigkeit verlangt.32

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 01 - Siebeneckiger Gesamtplan des Legionslagers Vindonissa/Windisch (bei Brugg/Schweiz).

3. Standortfaktoren

Der Standort eines römischen Lagers ist niemals dem Zufall überlassen und hängt von verschiedenen wichtigen Faktoren ab. Der wichtigste von allen ist der der Wasser- und Lebensmittelversorgung. Eine legio verbraucht pro Tag im Durchschnitt 11 t Getreide33 (davon 3 kg/Tag Gerste und 10 kg Grünfutter [Sommer] oder Heu [Winter] je Pferd und Tragtier)34 und 32'000 l Trinkwasser für Menschen (2 l/Tag) und Pferde (30 l/Tag). Die ala miliaria in Aalen benötigte nach Schätzungen pro Jahr ca. 1'300 t Getreide (Weizen/Gerste) für Mensch und Tier.35 Hinzukommen noch Wasser für Körperpflege, Reinigungsarbeiten, Latrinen und Lager-Badehäuser, weshalb die Wassermenge wohl doppelt so hoch veranschlagt werden kann.36

Aus diesen Gründen wurden Lager oftmals in der Nähe von Flüssen und Seen angelegt – insbesondere für den Warentransport und die von den Römern sehr geschätzte Annehmlichkeit der Lagerbäder. Zur Lebensmittelversorgung wurden in der Nähe der Lager zivile Landgüter (villae rusticae) gegründet. Um die Militärlager und die villae rusticae herum mussten auch ausreichend Felder (für Weizen und Gerste für Mensch und Pferde/Maultiere) und Wiesen (Grünfutter/Heu) vorhanden sein. Villae rusticae sowie Felder und Wiesen sind nicht im Besitz der römischen Armee.37

Um alle Arten von Gütern auf dem Landweg verfrachten zu können, war die Anbindung an das bestehende Straßennetz des römischen Reich zwingend.

Die strategische Lage war von ebenso großer Bedeutung. Meist findet man römische Wehrbauten daher in der Nähe von Grenzen (z. B. Obergermanisch-Rätischer/Niedergermanischer Limes, Nasser Limes), Seen (z. B. Bodensee, Genfer See) und Flüssen als Transportadern (z. B. Inn, Rhein). Im Gegensatz zum mittelalterlichen Denken (Burg auf schwer zugänglichem Felssporn) legten die Römer Wert darauf, dass Wehrbauten leicht zugänglich waren, was jedoch nicht heißen soll, dass letztere völlig ungeschützt sein sollten. Wegen der bereits genannten Offensiv taktik und der leichten Versorgung musste der Lagerstandort gut zugänglich sein. Feinde wurden daher mit einer Reihe von Gräben und Annäherungshindernissen abgewehrt.

Für den Bau der Lager mussten auch die entsprechenden Baumaterialien in der Umgebung vorhanden sein. Vegetius dazu: „ Das Lager aber muß [sic] s tets, zumal wenn der Feind nahe ist, an einem sicheren Ort aufgeschlagen werden, so daß [sic] Holz und Futter und Wasser ausreichend vorhanden sind und, falls man sich länger aufhalten muß [sic], ein gesundheitlich zuträglicher Platz ausgewählt wird.38

4. Generalunternehmer

Der Lagerpräfekt (praefectus castrorum) war einer der wichtigsten Offiziere in der Legion. Als Generalunternehmer beim Bau von Legions- und Auxiliarkastellen war er dem Bauherrn, nämlich dem Kaiser, verantwortlich für die Ausführung aller Bauarbeiten, die bei der Errichtung eines Lagers anfielen. Zudem bestimmte er nach Überprüfung der Standortfaktoren die Lage eines neuen Militärlagers.39 Seine Pflichten erstreckten sich aber nicht nur auf das Leiten der Lagerbaustelle, sondern auch auf die Instandhaltung der fertigen Bauten. Außerdem war er für den Wach- und Innendienst zuständig.

Der praefectus castrorum war ein hoch gedienter Offizier (centurio), meist ein ehemaliger primus pilus (ranghöchster Centurio innerhalb einer Legion).40 Dies zeigt, dass für die Aufgabe eines Bauleiters auf besonders erfahrene Militärs und nicht auf Zivilisten zurückgegriffen wurde. Vegetius verweist auf die wichtige Rolle des Lagerpräfekten: „ Es gab auch einen Lagerpräfekten, wenngleich an Rang geringe r [als der legatus legionis und der tribunus laticlavius ], so doch keineswegs mit geringfügigen Dingen befaßt [sic] : auf ihn entfiel das Aufschlagen des Lagers, die Inspektion von Wall und Graben. Um die Zelte und Hütten der Soldaten samt allem Gepäck kümmerte man sich auf seine Anordnung hin. (…) Fahrzeuge, Packpferde sowie Eisengeräte, mit denen Holz gesägt und geschlagen wird, womit Gräben ausgehoben werden, womit Wall und Wasserleitungen angelegt werden, ebenso das Bauholz und die Streu (…) besorgt er, damit niemals etwas fehlte. Er wurde nach langem und erprobtem Kriegsdienst als der allererfahrenste ausgewählt, um den anderen recht beizubringen, was er selbst mit Auszeichnung vollbracht hatte.41

5. Militärhandwerker

In den Legionslagern und Auxiliarkastellen des obergermanisch-rätischen und niedergermanischen Limes wurden Werkzeuge gefunden, die den vielseitigen Militärhandwerkern der römischen Armee dienten.42 Die römischen Legionäre waren nicht nur Soldaten (miles gregarius), sondern auch Bauarbeiter; sie errichteten nicht nur ihre eigenen Lager, sondern auch Straßen und Brücken unterwegs und waren auch mit dem Aus- und Umbau von bestehenden Militäranlagen und öffentlichen Gebäuden beschäftigt. Der Dienstalltag der Soldaten wurde vorwiegend durch Bauarbeiten geprägt, da nicht immer Kämpfe anstanden und es auch immer wieder längere Friedensphasen gab.43 Für diese Bauleistungen brauchte die römische Armee selbstverständlich eine große Anzahl an Facharbeitern und Spezialisten, die bereits außerhalb im früheren Zivilleben ausgebildet waren, aber auch innerhalb des Militärs noch auszubilden waren. In jeder Legion gibt es daher eine ganze Reihe an Gefreiten (immunes). Es handelt sich dabei um Legionäre, die vom normalen Routinedienst (munera) befreit waren und so Zeit für die Ausübung von speziellen Tätigkeiten hatten. Sie waren nicht nur Teil der kämpfenden Truppe, sondern auch legionseigene Facharbeiter.44 Vegetius nennt die wichtigsten davon: „ Außerdem hat die Legion auch Techniker [fabri] , Zimmerleute [tignarii] , Maurer [structores] , Wagenbauer [carpentarii] , Schmiede [ferrarii] , Maler [pictores] und andere Handwerker [artifices] , die ausgebildet sind, um die festen Gebäude der Winterlager und (…) alles übrige herzustellen (…) .45

Beim Bau eines Lagers leitet der praefectus castrorum alle Bauarbeiten als Generalunternehmer. Ihm unterstanden dabei als „Poliere“ alle Centurionen (centuriones) der Legion, von denen jeder mit seiner jeweiligen Centurie für den Bau eines Mauerabschnittes von 112 Fuß (1 römischer pes = 29, 6 cm) verantwortlich war.46

In den Centurien arbeiteten dann wiederum die immunes unter Anleitung und Überwachung der Centurionen und auch der Tribunen (tribuni = hohe Stabsoffiziere. In jeder Legion dienten sechs.). Vegetius: „ Danach wird der Graben von den Centurionen inspiziert und ausgemessen [= nachgemessen] und gegen die eingeschritten, die zu lässig gearbeitet haben.47Die Zenturionen aber messen die Arbeitsabschnitte mit ihren Zehn-Fuß-Messlatten [decempedae] zu, damit keiner zu wenig gräbt oder sich aus Faulheit vertut; die Tribunen gehen umher und, wenn sie tüchtig sind, nicht eher fort, bis alles fertig ist.48 Die römischen Militärhandwerker hatten begrenzte, genau definierte und immer wiederkehrende Aufgaben zu erfüllen. In Serie hergestellte identische oder ähnliche Handwerksprodukte machten gleiche Arbeitsvorgänge erforderlich. Somit war eine gleichbleibende Ausführungsqualität sichergestellt.49

Für die Absteckung und Vermessung hatte jede Legion Vermesser (mensores) und Feldmesser (agrimensores). Vegetius dazu: „ Vermesser heißen die, die im Lager auf den Fuß genau die Plätze, auf denen die Soldaten ihre Zelte aufschlagen (…), zuteilen .50Aber so muß [sic] die Abmessung von den Feldmessern nach Fuß berechnet werden, daß [sic] sie gemäß der Größe des Heeres genommen wird.51 Eine genaue Definition der agri-/mensores gibt Vegetius allerdings nicht.

Auch bei den Auxiliareinheiten gab es eigene Facharbeiter, jedoch in geringerer Anzahl und schlechter ausgebildet. Erst im Laufe der Zeit wurden sie dann immer professioneller.52

Für den Häuserbau (Mauern, Wände, Dächer, Lagerbäder, Fußbodenheizungen) wurden Dach-/Platten-/Ziegel benötigt. Dabei kamen häufig Vexillationen (z. B. die Vexillation der legio XI Claudia aus Vindonissa/Windisch b. Brugg/Schweiz in Arae Flaviae/Rottweil)53 zum Einsatz, die nicht nur für spezielle Kriegseinsätze, sondern auch für spezielle Handwerksarbeiten abgestellt wurden: u. a. Ziegelbrennen, Zimmermanns- oder Maurerarbeiten, Beschaffung von Holz aus benachbarten Wäldern.54 Militärisch organisierte Ziegeleien befanden sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Lagern (nicht in den Lagern selbst) und rückten mit der schrittweisen Verschiebung der Truppen bis an den Obergermanisch-Rätischen Limes vor. Schiffbare Flüsse erleichterten den Transport der Ziegel über längere Strecken.55

Aussagen über das römische Ziegelhandwerk beruhen auf vier Quellenarten:

- Ausgrabungen von Produktionsstätten (Brennöfen, Werkhallen, Tongruben)
- gefertigte Produkte (Backsteine, Dach-, Wölb-, Stirn-, Platten-, Hohlziegel)
- Stempel oder schriftliche Notizen (Graffiti) auf den Ziegeln
- Weiheinschriften.

Stempelabdrücke können in variabler Form folgende Angaben aufweisen:

- Abkürzung des Truppennamens (z. B. LEG)
- Nummerierung einer Truppe (z. B. VIII)
- Beinamen (z. B. Antoniniana, Severiana)
- Wappentier der Legion (z. B. Stier der legio VIII Augusta, Storch der legio III Italica)56
- Truppenname + Personenname: Möglicherweise handelt es sich bei solchen Fällen um zivile Arbeitskräfte (salarii), die im Dienst der römischen Armee Ziegel brannten.57

Über die innerbetriebliche Organisation von temporären oder dauerhaften römischen Militärziegeleien gibt es nur wenige Quellen. Dazu zählt eine Weiheinschrift auf einem Weihestein aus Mogontiacum/Mainz. Darauf wird der Legionssoldat (miles legionis) Severus genannt, der custos castelli figlinarum (Ziegel-Qualitätsprüfer) war. In diesem Zusammenhang sind auch Qualitätsstempel auf Dach-/Ziegeln bekannt: IUSTUM FECIT (Rechtens gemacht).

Auf einer anderen Weiheinschrift aus Bonn werden zwei Soldaten als figlinarii benannt, die vermutlich einen Trupp Ziegelarbeiter befehligten. In anderen Quellen werden magristri figulinae bzw. in figlinis magistri aufgeführt, die vermutlich Aufseher in einer Ziegelei waren.58

Eine überaus große Anzahl gestempelter Ziegel kommt aus den Legionslagern Argentorate/Straßburg (legio VIII Augusta) und aus Mogontiacum/Mainz (legio XXII Primigenia).59

Wichtige andere ziegelproduzierende Alen und Kohorten entlang des Limes um 200 n. Chr.: z. B. Großkotzenburg (cohors IV Vindelicorum), Aalen (ala II Flavia miliaria), Weißenburg i. B. (ala I Hispanorum Auriana), Eining (cohors III Brittanorum equitata).

Auch einige numeri produzierten Ziegel: z. B. in Öhringen oder Welzheim.60

Welche Militärhandwerker in einem Lager Dienst taten, hing sicherlich auch von der Zusammensetzung der Mannschaften ab. Im Vexillationskastell Gholaia von Bu Njem (Libyen) konnten folgende Handwerker nachgewiesen werden: faber (Schmied), structor (Maurer), cunicularius (Bergarbeiter, Pionier), laniarius (Metzger), molendarius (Müller), fornarius (Bäcker).61 Dies war sicherlich in Vegetius' Sinn, wenn er aufzählt, welche Berufe bei der Rekrutierung von Soldaten auszuwählen sind: „ Zimmerleute [fabri] , Schmiede [ferrarii] , Stellmacher [carpentarii] , Metzger [macellarii] und Jäger von Hirschen und Wildschweinen [venatores cervorum aprorumque] sind dem Militärdienst gut zuzugesellen.62

6. Umwehrungen

6.1 Marschlager

Eine einfache, aber dennoch effektive Lagerumwehrung kam beim Marschlager zum Einsatz. Zunächst wurde ein V-förmiger Spitzgraben (fossa fastigata) von 1 m Tiefe und 1,5 m Breite ausgehoben (s. S. 20/Abb. 03). Dieser Graben bildete nicht nur ein Annäherungshindernis, sondern lieferte auch das Baumaterial für den dahinter liegenden Wall (agger). Letzterer wurde nämlich aus dem Grabenaushub aufgeschüttet und war 0,6 m hoch und 1,2 m breit. Bei besonderen Bedrohungslagen konnte vor dem ersten Graben noch ein zweiter vorgelagert werden. 63

[...]


1 Livius (1967 ff.) Liber XXXIV, 39, 2-5.

2 Polybios (2012), VI. Buch, 31, 10.

3 Flav. Josephus (1959-1969) Liber III, 5, 2, 79.

4 Vegetius (1997) Buch I, 21, 2.

5 Flav. Josephus (1959-1969) Liber III, 5, 1, 76.

6 Fischer (2012) 252 f.

7 Junkelmann (2015) 325; Johnson (1987) 49.

8 Speidel (2009) 22 ff.

9 Johnson (1987) 38.

10 Vegetius (1997) Buch I, 22, 4.

11 Zum Marschlager Wilkenburg vgl. https://www.uni-osnabrueck.de/en/press/kommunikation_und_marketing_angebot_und_aufgaben/press_office/archiv_pressemeldungen/archiv_2011_bis_2015/monatsarchiv_2011_bis_2015/pressemeldung/artikel/roemisches-marschlager-bei-hannover-entdeckt.html, 02.03.2019. „Archäologen des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege und der Universität Osnabrück haben ein riesiges römisches Marschlager aus der Zeit um Christi Geburt im Süden Hannovers entdeckt. 'Es gehört zu den größten rechts des Rheins, mindestens 20 000 Mann hatten dort Platz', sagt Archäologe Salvatore Ortisi von der Universität Osnabrück. Ortisi, der an der Universität Osnabrück die Professur Archäologie der Römischen Provinzen innehat, bezeichnet den Fund der Anlage mit einer Fläche von etwa 30 Hektar als 'wissenschaftliche Sensation'.“

12 Pressemitteilung des Niedersächs. Landesamtes für Denkmalpflege und der Universität Osnabrück vom 15.10.2015

13 Fischer (2012) 269.

14 Johnson (1987) 42.

15 Fischer (2012) 274.

16 Fischer (2012) 285, 287.

17 Winkelmann (1911) 17.

18 Fischer (2016) 45.

19 Fischer (2012) 283.

20 Fischer (2016) 97 f.

21 Fischer (2012) 292.

22 Winkelmann (1911) 31.

23 Fischer (2012) 293.

24 Fischer (2012) 286.

25 Fischer (2012) 286.

26 Fischer (2012) 287.

27 Fischer (2012) 273.

28 Wamser (1986) 27.

29 Fischer (2016) 47.

30 Hartmann (1983) 12 f.

31 Johnson (1987) 42.

32 Vegetius (1997) Buch I, 23, 1.

33 Junkelmann (2006) 64.

34 Junkelmann (2006) 53.

35 Kemkes (1997) 19.

36 Kemkes (2012) 136.

37 Junkelmann (2006) 73 f.

38 Vegetius (1997), Buch I, 22, 1.

39 Johnson (1987) 49.

40 Junkelmann (2015) 161.

41 Vegetius (1997) Buch II, 10, 1.

42 Gaitzsch (1978) 8.

43 Brandl (2010) 63.

44 Junkelmann (2015) 153.

45 Vegetius (1997) Buch II, 11, 1.

46 Johnson (1987) 87.

47 Vegetius (1997) Buch I, 25, 2.

48 Vegetius (1997) Buch III, 8, 13.

49 Gaitzsch (1978) 8.

50 Vegetius (1997) Buch II, 7,9.

51 Vegetius (1997) Buch III, 8, 5.

52 Johnson (1987) 57.

53 Brandl (2010) 67 f.

54 Brandl (2010) 63.

55 Brandl (2010) 67.

56 Brandl (2010) 48 f.

57 Brandl (2010) 65.

58 Brandl (2010) 63 ff.

59 Brandl (2010) 68.

60 Brandl (2010) 6 ff.

61 Knör (2008) 12 f.

62 Vegetius (1997) Buch I, 7, 2.

63 Junkelmann (2015) 330.

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Titel: Römische Militärlagerbauten in der frühen und hohen Kaiserzeit