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Das radikal Böse und der NSU

Die Theorien des Bösen bei Immanuel Kant und Hannah Arendt in Bezug auf Beate Zschäpes Selbstinszenierung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 18 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Semantik des Bösen in der heutigen Gesellschaft

3. Das radikal Böse bei Immanuel Kant
3.1 Grundlinien der Kant’schen Moralphilosophie und die Anlagen des Menschen
3.2 Das radikal Böse

4. Hannah Arendts “Banalität des Bösen”
4.1 Die Banalität des Bösen

5. Erklärungsversuch: Zur Semantik des Bösen im 21. Jahrhundert. Beate Zschäpe und der NSU
5.1 Zum Selbstverständnis Beate Zschäpes: die gerichtliche Aussage
5.2 Angst als Triebfeder. Zschäpe mit Kant
5.3 Ein Blick aus der Arendt’schen Perspektive

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

“Und nichts, das ist die tiefe verzweifelte Erkenntnis, nicht Bildung, Kultur, nicht das sogenannte Geistige, hat die Täter vor den Untaten bewahrt. ” (vgl. Timm, 2005, S.59)

1. Einleitung

Die Frage danach, wie das Böse in der menschlichen Natur und der Anlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu erklären sei, zählt zu den Grundfragen der Philosophiegeschichte. Als Gegenbegriff zum Guten ist das Böse, das “moralisch schlecht[e]; verwerflich[e]” (vgl. Duden, 2016) als Objekt der geisteswissenschaftlichen und philosophischen Untersuchungen bis in die Neuzeit von zentraler Bedeutung und die Frage nach seiner Natur ist im wissenschaftlich-philosophischen Diskurs ebenso kontrovers wie essentiell. Sie trifft das Herz des gesellschaftlichen Konstrukts durch seine stete Präsenz und unerklärliche Vielfalt immer wieder aufs Neue. Wenn nun also vom Bösen gesprochen wird ist es notwendig, diverse Arten des Bösen zu unterscheiden, um für den Zweck dieser Arbeit im wissenschaftlichen Diskurs ein differenziertes Bild zu erlangen. Mit Blick auf den heutigen medialen Diskurs ergibt sich eine recht klare Vorstellung davon, was als “Böse” anzusehen ist. In Bezug auf den nationalsozialistischen Untergrund (NSU) sind es offensichtlich die schrecklichen Morde an zehn Bürgern mit Migrationshintergrund. So lässt sich die öffentliche Meinung dessen, was als moralisch Böse anzusehen ist, in diesem Fall und aufgrund des immer noch ausstehenden Gerichtsurteil, mithilfe der medialen Berichterstattung, nachzeichnen. Die großen deutschen Tageszeitungen titelten in Bezug auf den NSU beispielsweise “Das Böse ist eingefangen” (vgl. Speit in Taz.de, 2014) oder “Das Böse verhält sich eigentlich ganz normal” (vgl. Krekeler in Welt.de, 2013) und ließen jeglichen Zweifel an der Natur der Taten des NSU als “Böse” außer Frage. Gleichzeitig gab eine kurzfristig Mitgefangene der Hauptangeklagten Beate Zschäpe in der JVA Stadelheim in einem Interview in diesem Jahr an, dass jene wie “ein Star gefeiert” würde und im Gefängnis Chemnitz der größte “Fanclub” von ihr sitze (vgl. Mutz, 2016). Die niemals kongruenten Vorstellungen von dem, was als gut und was als böse zu konnotieren ist, geraten gerade bei ideologischen Taten wie jenen des NSU auf den Prüfstand. Denn, dass ein Teil der Gesellschaft diese Taten als das absolut Böse verurteilt, ein anderer Teil in der extremen Rechten für bewundernswert hält, lässt die Frage nach dem moralisch Bösen immer wieder aufkommen. In dieser Arbeit werde ich deshalb zwei philosophische Annäherungen an die Frage nach dem Wesen des Bösen in Bezug auf die Taten des NSU diskutieren. Hierfür erläutere ich zum einen die Kant’sche Theorie des “radikal Bösen” als wesentlichen Bestandteil der menschlichen Natur, aus dem Jahre 1773. Daran anschließend werde ich “die Banalität des Bösen” betrachten, welche Hannah Arendt im Rahmen ihrer Arbeit um den Prozess des deutschen Kriegsverbrechers Eichmann im Jahr 1963 konstituierte. Diese zwei Theorie um die Frage was das moralisch Böse sei, sollen im anschließenden Teil dieser Arbeit auf die Taten des NSU angewendet werden, um letztlich die Frage zu beantworten, inwiefern die Taten des NSU durch bösen Willen oder die Entgrenzung des Subjekts von seiner inneren Moralität zustande kommen haben können. Denn so mannigfach die Theorien um die Natur des Bösen im menschlichen Dasein doch sind, so grundlegend und notwendig ist eine einheitliche Definition des Bösen für ein funktionierendes gesellschaftliches Zusammenleben.

2. Die Semantik des Bösen in der heutigen Gesellschaft

Wie anfangs beschrieben, wird das “Böse” im deutschen Sprachverständnis als das moralisch schlechte und verwerfliche definiert. Eine einheitlich philosophische Definition gibt es jedoch nicht. Aufgrund der Diversion der gesellschaftlichen Diskurse kann im normativ­sozialen Konstrukt “das Gute” und “das Böse” nicht festgelegt sein, für eine allgemeingültige Definition des Bösen ist der Begriff letztendlich zu normativ. Und doch ist das Wissen über die Konnotation des Guten und des Bösen immer als “abstrakte Konvention der Gemeinschaft” (vgl. planet-wissen.de, 2015) im Lebensalltag ihrer Mitglieder verankert.

Im deutschen Rechtssystem lehnt sich der Schuldbegriff an die Ausführungen zum Schuldbegriff von Reinhard Frank im Jahr 1907. In “Über den Aufbau des Schuldbegriffs” beschreibt er Schuld als “Vorwerfbarkeit” (vgl. Frank, 2009, S.15). Schuld ergibt sich also daraus, dass “Böses” vorsätzlich oder fahrlässig mit der Möglichkeit des freien Willens begangen wurde. Was dieses Böse sei, das ist im Strafgesetzbuch festgehalten. Da jedoch Gesetze von den politischen Gegebenheiten unterschiedlicher Staaten und Gesellschaften abhängig sind, ergibt sich auch aus der Gesetzsprechung keine universelle Idee des Bösen.

Ob nun religiös geprägte Wertvorstellungen oder religionsneutrale Werte die Bewertung von Taten und Lebensweisen definieren, ist in den verschiedenen Diskursen nicht einheitlich zu bestimmen. Der folgende Text fokussiert sich deshalb auf zwei Theorien des Bösen.

3. Das radikal Böse bei Immanuel Kant

"Das Gute - dieser Satz steht fest - ist stets das Böse, was man läßt." (Busch, Die fromme Helene, Epilog)

So beschrieb Wilhelm Busch im Jahr 1872 das Gute als eine Möglichkeit des Bösen gegen welche sich der Mensch entscheidet und kommt damit der Moralphilosophie Kants nah, die das Böse als einen Hang in der menschlichen Natur und ständige Möglichkeit sieht. Um der Frage dieser Arbeit, wie die Taten des NSU moralphilosophisch als moralisch böse zu bewerten seien, näher zu kommen, werde ich im folgenden Abschnitt die Moralphilosophie Immanuel Kants in Hinblick auf seinen Erklärungsversuch des Bösen in der menschlichen Natur erläutern. Hierfür ist zuerst ein Blick auf seine Anthropologie zu werfen um sich im nächsten Schritt dem “radikal Bösen” zu nähern.

3.1 Grundlinien der Kant’schen Moralphilosophie und die Anlagen des Menschen

„Der Begriff der Freiheit, sofern dessen Realität durch ein apodiktisches Gesetz der praktischen Vernunft bewiesen ist, macht nun den Schlussstein von dem ganzen Gebäude eines Systems der reinen, selbst der spekulativen Vernunft aus, und alle anderen Begriffe (die von Gott und Unsterblichkeit), welche als bloße Ideen, in dieser ohne Haltung bleiben, schließen sich nun an ihn an und bekommen mit ihm und durch ihn Bestand und objektive Realität, d.i. die Möglichkeit derselben und dadurch bewiesen, dass Freiheit wirklich ist; denn diese Idee offenbart sich durchs moralische Gesetz.“ (vgl. Kant, 1788, KpV, S. 107ff)

Mit diesen Worten postuliert Immanuel Kant in seinem im Jahr 1788 in Riga erschienenen Werk “Die Kritik der praktischen Vernunft” (KpV) die Freiheit des menschlichen Willen und des Handelns und die damit verbundene Möglichkeit nach dem moralischen Gesetz zu handeln oder es im Bewusstsein der Tat abzulehnen. Somit begründet Kant im Menschen ein Vernunft und Sinneswesen, welches durch die intelligible Tat zum Bösen fähig ist. Willensfreiheit und Willkürfreiheit ermöglichen dem Menschen gewisse Triebfedern über andere zu stellen, die (und nur die) seine Taten zu guten oder bösen machen. Triebfedern des Handelns sind bei Kant die Motivation aus welcher eine Tat entsteht.

Voraussetzung für die Möglichkeit des Bösen sind drei ursprüngliche Anlagen zum Guten in der menschlichen Natur, welche Kant in seinem Aufsatz “Die Wurzel des radikalen bösen in der menschlichen Natur”, welche er im Rahmen seiner Schrift “Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft” publizierte. Diese sind Folgende: die Anlage für die Tierheit, die dem Menschen letztlich nur zur Erhaltung und Fortpflanzung seiner selbst dienlich ist und physische Selbstliebe genannt werden kann, die Anlage für die Menschheit, welche den Mensch im Vergleich zu Artgenossen dazu befähigt, das eigene Glück oder Unglück durch Vernunft zu beurteilen und die Anlage für die Persönlichkeit, die den Menschen erst befähigt das moralische Gesetz zu achten. (vgl. Kant in Schäfer, 2014, S.201f).

“[Die Anlagen] sind ursprünglich; denn sie gehören zur Möglichkeit der menschlichen Natur.” (vgl. ebd. S.202)

Die Anlagen des Menschen sind demnach ursprünglich gut, sie befähigen den Menschen zur Vernunft und der Achtung des moralischen Gesetzes. Wie lässt sich aber das Böse erklären? Hierfür argumentiert Kant mit dem “Hang zum bösen in der menschlichen Natur”:

“Er [der Hang] unterscheidet sich darin von einer Anlage, dass er zwar angeboren sein kann, aber doch nicht als solcher vorgestellt werden darf.

[...] Man kann noch hinzusetzen, dass die aus dem natürlichen Hang entspringende Fähigkeit oder Unfähigkeit der Willkür, das moralische Gesetz in seine Maxime aufzunehmen, oder nicht, das gute oder böse Herz genannt werde.” (vgl. ebd. S.204)

3.2 Das radikal Böse

“Dieses Böse ist radikal, weil es den Grund aller Maximen verdirbt;” (vgl. Kant in Schäfer, 2014, 214f.)

Die Frage was es mit dem “radikal Bösen” in der Kant’schen Moralphilosophie auf sich hat, lässt sich unter den Voraussetzungen des menschlichen freien Willens und dem Mensch als sinnhaftes Wesen, als die Priorisierung der falschen Triebfedern, also der Motivation die das Handeln als Grundlage hat, erklärt werden. Das Böse ist als radikal zu verstehen, da es tief im Wesen des Menschen verankert ist und ein jeder die Möglichkeit hat, schlechte Triebfedern als Handlungsmaximen zu wählen.

“Also muss der Unterschied ob der Mensch gut oder böse sei, nicht in dem Unterschiede der Triebfedern, die er in seine Maxime aufnimmt (nicht in dieser ihrer Materie), sondern in der Unterordnung (der Form derselben) liegen: welche von beiden er zur Bedingung der anderen macht. ” (ebd. S.213f.)

Der Mensch trägt die Möglichkeit des Bösen von Grund auf in sich, es ist deshalb radikal, da es in ihm und allen seinen potentiellen Möglichkeiten liegt. Doch die Entscheidung die falschen Triebfedern über die des moralischen Gesetzes zu stellen, welches im Sinne des Philosophen nichts anderes ist als der kategorischen Imperativ, den er in der “Grundlegung der Metphysik der Sitten” im Jahr 1785 formulierte: “Ich soll niemals anders verfahren als so, daß ich auch wollen könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden.” (Kant, GMS, S.402), sein kann, entscheidet letzten Endes darüber ob ein Mensch böse oder gut ist.

“Die Bösartigkeit der menschlichen Natur ist also nicht sowohl Bosheit [...], das Böse als Böses zur Triebfeder in seine Maxime aufzunehmen (denn die ist teuflisch); sondern vielmehr Verkehrtheit des Herzens, welches nun, der Folge wegen, auch ein böses Herz heißt, zu nennen.” (vgl. Kant in Schäfer, 2014, S.215).

Kant unterscheidet weiterhin jedoch unter verschiedenen Stufen dieser “angeborenen Schuld”, die sich in der Freiheit des Menschen und ihrem Gebrauch äußert und so zwangsläufig auch ein Produkt eben dieser sein muss: Zum einen sei durch Gebrechlichkeit und Unlauterkeit die unvorsätzliche Schuld verursacht, zum anderen gibt es jedoch die dritte Stufe der Schuld: die vorsätzliche Schuld (dolus). Zur Beurteilung des Guts oder Böse einer Tat darf jedoch nicht das Ergebnis der Tat, sondern allein die Maxime nach welcher sie begannen wird, zur Beurteilung entscheiden. Und so ist eine Tat, auch wenn sie aus glücklichen Umständen einen positiven Ausgang hat, keineswegs als gut zu erachten: Der Zweck heiligt nach Kant eben keineswegs die Mittel.

“[...] Unredlichkeit, sich selbst blauen Dunst vorzumachen, welche die Gründung echter moralischer Gesinnung in uns abhält, [...] liegt in dem radikal Bösen der menschlichen Natur.”(vgl. ebd. S.2016).

Kein glücklicherweise günstiger Ausgang einer nach schlechten Maximen gewählten Handlung kann das Gewissen des bösen Menschen beruhigen, die Möglichkeit des Menschen sich selbst zu belügen, sich vorzumachen, dass man ja ein gutes Ergebnis erzielt habe, auch wenn der Weg eventuell gegen den Moralkodex verstoßen habe, ist “der faule Fleck unserer Gattung”, der das wirklich Gute in der Menschheit verhindert, da er das falsche Gewichten der Triebfedern als zweckmäßig verleugnet und das wahre Gute im Menschen gar nicht erst entstehen lässt.

Nun lässt sich zusammenfassend für das radikale Böse in der Kant’schen Moralphilosophie sagen, dass jeder vernunftbegabte Mensch mit freiem Willen immer die Möglichkeit zum Bösen in sich trägt, was aber letztendlich über das Böse entscheidet, ist lediglich die Maxime, welche er über das moralische Gesetz stellt, welches für das gute Handeln Voraussetzung ist. Auch ein zufälliger oder intendierter “guter” Ausgang einer Tat kann den moralischen Wert des handelnden Menschen nicht retten, wenn er eine schlechte Maxime gewählt hat.

“Man kann noch hinzusetzen, daß die aus dem natürlichen Hange entspringende Fähigkeit oder Unfähigkeit der Willkür, das moralische Gesetz in seine Maxime aufzunehmen, oder nicht, das gute oder böse Herz genannt werde.” (vgl. ebd. S.204)

Da aber jeder Mensch durch seine Anlage zur Persönlichkeit die Möglichkeit hat, die falschen Triebfedern dem moralischen Gesetz als Triebfeder überzuordnen ist das radikal Böse in der menschlichen Natur verankert. Wenn die gute Ordnung der Triebfedern im Menschen durch die falsche Maxime der Tat im Gegensatz oder abweichend vom moralischen Gesetz wirken lässt, so ist dies als böse zu bezeichnen. Und somit ist das Böse radikal, da es im Hang des Menschen zum Bösen verankert ist, dem Menschen naturgemäß zugehörig ist, jedoch aber als selbstverschuldet, durch die Wahl der falschen Maximen, der Überordnung von Triebfedern über das moralische Gesetz, angesehen werden muss.

“Also muss der Unterschied, ob der Mensch gut oder böse sei, nicht in dem Unterschiede der Triebfedern, die er in seine Maxime aufnimmt [...], sondern in der Unterordnung [...] liegen: welche von beiden er zur Bedingung der anderen macht.” (vgl. ebd. S.214).

Das heißt wiederum auch, dass der Mensch das Böse nicht um des Bösen Willen tut. Das wäre nach Kant “teuflisch” (vgl. ebd. S.2015). Vielmehr handelt es sich beim bösen Handeln um eine “Verkehrtheit des Herzens” (vgl.ebd.).

So erklärt Kant das moralisch Böse des Menschen dadurch, dass er durch seinen freien Willen und seine Anlage für die Persönlichkeit, die ihn zu einem rationalen Wesen machen, fähig ist eine willentliche Entscheidung für oder gegen das moralische Gesetz als oberste Triebfeder seiner Maximen zu treffen. Somit ist die Möglichkeit zum Bösen in jedem Menschen naturgemäß verankert, und “verdirbt den Grund aller Maximen”, was das Böse radikal macht. Nach Kant entscheidet der Wille ob letztendlich nach guten oder bösen Maximen gehandelt wird.

Im folgenden Punkt werden die theoretischen Überlegungen Hannah Arendts zum Bösen erklärend zusammengefasst.

4. Hannah Arendts “Banalität des Bösen ”

Hannah Arendt beschrieb in ihren kontroversen Beobachtungen des Prozesses des NS- Kriegsverbrechers Adolf Eichmanns im Jahr 1961 in Jerusalem eine neue Dimension des Bösen, eine, die dem moralisch Bösen im Menschen eine Banalität zuschreibt, die es nur bei bestimmten sozialpsychologischen Umständen zur naheliegenden und möglichen Option in jedem Individuum und somit zur allgegenwärtigen Möglichkeit der menschlichen Konstitution machte. Nicht nur die kursorischen Aufzeichnungen und die unscharfen geschichtlichen Belege in ihrem Buch “Eichmann in Jerusalem”, auch dass sie streckenweise an Prozesstagen nicht anwesend war, sowie ihre schwerwiegenden Aussagen über die “Mitschuld der europäischen Judenräte” an der “Endlösung” des dritten Reiches (vgl. Hesse, 2008, S.293) und, dass sie den Antisemitismus “als Triebkraft für das Handeln Eichmanns unterschätzt habe” (vgl. Arendt, Mommsen, 2013, S. 427) lösten harsche Kritik an ihrem Bericht aus. Vor allem diese Dimension des Bösen, die Arendt beschrieb, die die Grausamkeit der NS-Verbrechen und das Grauen trivial erschienen ließen, stieß und stößt bis heute, vielen Kritikern bitter auf.

“Es war erschreckend: So beispiellos grausam, kaltherzig und in ihrem Ausmaß ungeheuerlich die Taten waren, für die Eichmann verantwortlich zeichnete, so gewöhnlich, ja so banal wirkte der Mensch, der für diese Taten stand. Mit der Benennung der »Banalität«, in der das Böse - auch - auftrete, gab Arendt dem Verständnis von dem, was böse ist, eine neue Dimension. Das Böse war demnach nicht mehr nur teuflischer Wille. Es konnte auch die Unfähigkeit sein, über die Tragweite des eigenen Tuns nachzudenken.” (vgl. Hesse, 2008, S.294)

Diese Theorie des Bösen im Menschen ist also von einer gravierenden Tragweite im alltäglichen Handeln des Menschen, der das Böse zur ständigen Möglichkeit der Selbstvergessenheit macht. Trotz der breit gefächerten Kritik an Hannah Arendts theoretischen Ausführungen aus den unterschiedlichsten Lagern lässt sich das Spektrum der möglichen Analysen des Bösen, durch Arendts Analyse vom Bösen sinnvoll erweitern. Die Sensibilität auf die ihre Thesen im Nachkriegsdeutschland stießen schmälert ihre sozialpsychologische Analysekraft nicht. Gerade in Zeiten des automatisierten Tötens und Entfremdungsprozessen von Krieg und Gesellschaft ist sie von wachsender Bedeutung!

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Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783346010599
ISBN (Buch)
9783346010605
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496358
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
böse zschäpes beate bezug arendt hannah kant immanuel bösen theorien selbstinszenierung

Autor

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