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Die mazedonische Frage. Ethnische Minderheiten, Mehrsprachigkeit und Schriften in Süd-Ost-Europa

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Europa Nachkriegszeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Die „alte“ mazedonische Frage

Die Suche nach einem Alphabet

Politische Implikation der Alphabet- und Sprachfrage

Der mazedonisch-bulgarische Streit um eine mazedonische Standardsprache

Die „neue“ mazedonische Frage

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Unabhängigkeitsbewegung der Bulgaren, die 1878 in der Errichtung eines autonomen Fürstentums in Nordbulgarien gipfelte, verfolgte das langfristige Ziel, die Gebiete des mittelalterlichen bulgarischen Reiches für den jungen Nationalstaat zu erobern.[1] In diesem Zusammenhang war die Befreiung Mazedoniens von der osmanischen Herrschaft und die staatliche Anbindung dieses Gebiets, das im Mittelalter zeitweise zum bulgarischen Reich gehört hatte, von großer Bedeutung. In den 1890er Jahren wurden in den europäischen Provinzen des Osmanischen Reiches – Mazedonien und Adrianopel – geheime Revolutionskomitees eingerichtet, um die slawische Bevölkerung für einen bulgarisch-nationalen Befreiungskampf zu mobilisieren. Bald jedoch widersetzten sich griechische und serbische Nationalisten diesem bulgarischen Streben und beanspruchten ihrerseits Mazedonien für sich. Ihre Regierungen warteten nur auf einen politischen Moment, um Mazedonien zu annektieren. Die „Mazedonische Frage“ bildete somit ein Teilproblem der Orientalischen Frage, die im Zuge des fortschreitenden Machtverfalls des Osmanischen Reiches die politisch-territorialen Verhältnisse auf dem Balkan neu zu ordnen hatte.[2]

Als geographischer Begriff wurde „Mazedonien“ seit Beginn des 19. Jahrhunderts gebraucht und bezieht sich in etwa auf das Gebiet von Vardar-Mazedonien, Ägäis-Mazedonien und Pirin-Mazedonien.[3] Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Mazedonien jedoch weder eine geographische noch eine ethnische Einheit. Die osmanische Regierung kannte den Namen „Mazedonien“ entsprechend nicht. Der europäische Besitz dieses Reiches wurde ab 1864 in sechs Verwaltungseinheiten (Vilayets – türkisch) aufgeteilt: Adrianopel (Edirne), Saloniki (Thessaloniki), Manastir (Bitola), Janina (Ioannina), Skutari (Shkodra) und Kosovo.[4] Erst nach dem Aufkommen der mazedonischen Frage mit dem Abschluss des Berliner Kongresses und insbesondere nach dem Beginn der europäischen Reformaktion in Mazedonien im Jahr 1903 drang „Mazedonien“ als Begriff in das osmanische Bewusstsein ein.

Mazedonien war ein Gebiet, in dem fast ausschließlich Bulgaren lebten. Im Vorfrieden von San Stefano im Jahr 1878 war auf dieser Grundlage die Schaffung eines bulgarischen Staates vorgesehen, der ganz Mazedonien umfassen sollte. Zu dieser Zeit waren die Nationalstaaten und heutigen Nationen der Bulgaren, der Griechen und der Serben bereits gegründet worden oder standen kurz davor. Zwischen ihnen fand ein kultureller Kampf um den Einfluss im mazedonischen Territorium statt. Jede Kampfpartei wollte so viele Mitglieder wie möglich für ihre jeweilige Kulturnation gewinnen. Damit verbunden waren die jeweiligen Begründungen von Gebietsansprüchen. Zwei Balkankriege von 1912/13 führten zunächst zum Ende der osmanischen Herrschaft über Mazedonien und zur Aufteilung des Landes zwischen Bulgarien, Griechenland und Serbien, mit erheblichem Konfliktpotential. Erst während des Zweiten Weltkrieges kam ein neuer Faktor hinzu: Die Anerkennung und Etablierung der slawischen Mazedonier als „unabhängige“ Kulturnation. Obwohl diese Anerkennung und Etablierung für Griechenland, Serbien und Albanien bzw. die Albaner in Nordmazedonien ausgeschlossen ist, gilt sie bis heute für Bulgarien. Zwischen Bulgarien und Mazedonien (heute Nordmazedonien) gibt es bis heute keine Lösung, um diese Anerkennung auszuschließen.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der mazedonischen Frage, die historisch und sprachlich keine Verbindung zum alten Mazedonien darstellt, außer dem Territorium des Alexanderreiches, sondern nur mit den Slawen. Das erste Kapitel befasst sich mit der alten mazedonischen Frage. Es wird erörtert, inwieweit in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg eine mazedonische Nationalität und eine mazedonische Sprache vorausgesetzt werden kann. Das zweite Kapitel befasst sich mit der Entwicklung der mazedonischen Nationalität in einem eigenen Staat und dem Schlüssel zu dieser Identität, der in der Sprache zu liegen scheint. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den politischen Implikationen der alphabetischen und sprachlichen Frage. Das vierte Kapitel behandelt den bulgarisch-mazedonischen Streit um die Legitimität einer mazedonischen Standardsprache. Das letzte Kapitel schließlich befasst sich mit der Zeit nach der Unabhängigkeit Mazedoniens.

Die „alte“ mazedonische Frage

Die „mazedonische Frage“ des 19. Jahrhunderts war ein Unterpunkt der orientalischen Frage, d.h. des äußert komplizierten Zusammenspiels der teils übereinstimmenden, teils unterschiedlichen Interessen des Osmanischen Reiches, der europäischen Mächte Österreich-Ungarn, Russland, Großbritannien und etwas später Griechenlands, Serbiens, Bulgariens und schließlich Albaniens.[5] In der kommunistischen Ära war eine Frage zwischen Mazedonien und Bulgarien besonders umstritten, über die im Übrigen bis heute keine Einigung erzielt werden konnte. Es wurde zwischen den Nachbarländern immer wieder diskutiert, ob die Gründung des mazedonischen Staates als Republik des sozialistischen Jugoslawiens, einschließlich der Einführung der mazedonischen Amtssprache, den Abschluss eines langwierigen Nationalbuilding-Prozesses darstellte oder ob diese Gründung fällig auf die politischen Interessen Jugoslawiens war.[6]

Den osmanischen Herrschern war weder „Mazedonien“ bekannt, noch betrachteten sie diese Region als eine Einheit. Ursprünglich war dieses Gebiet Teil des Beylerbeyilik Rumili (Rumelia), ab 1864 wurde es in die sechs Vilayets Saloniki, Adrianopel, Janina, Skutari, Manastir und Kosovo aufgeteilt. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff „Mazedonien“ in der europäischen Kartographie aus den antiken Schriften wieder aufgegriffen, als man sich um die Struktur der Balkanverhältnisse bemühte.[7] Mitte des 19. Jahrhunderts begannen Griechen, Serben und Bulgaren um das mazedonische Territorium zu konkurrieren. Alle drei Parteien versuchten, die Slawen auf mazedonischem Boden durch Propaganda und Gründung von Schulen für ihre Nation zu gewinnen. Nach dem russisch-türkischen Krieg von 1877/78 fiel Mazedonien an den bulgarischen Staat. Während der Balkankriege von 1912 und 1913 eroberten die Verbündeten Bulgarien, Serbien und Griechenland das mazedonische Territorium und teilten es unter sich auf. Der Historiker Mathias Bernath ist der Ansicht, dass es in dieser Situation keine autochthone Meinung geben konnte, weil es im ethno-politischen Sinne keine Mazedonier gab.[8] Dieser Begriff wurde von mazedonischen Slawen, Griechen, Türken und Albanern gleichermaßen als Ausdruck eines ethnisch indifferenten, geographisch geprägten regionalen Bewusstseins beansprucht.[9] Ähnlich sieht es Stefan Troebst, der das Entstehen eines Nationalstaates in Form einer jugoslawischen Republik als Voraussetzung für die Bildung der Nation betrachtet. So schreibt Troebst, dass Nationalsprache, Nationalliteratur, Nationalgeschichte und Nationalkirche zwar im Jahr 1944 noch nicht verfügbar waren, aber innerhalb kurzer Zeit fertiggestellt wurden.[10] Ebenso erklärt er Mazedonien zu einer „Verwaltungsnation“, die anderswo in Europa in einer derart reinen Kultur schwer zu finden ist.[11]

Aus persönlicher Sicht kümmerten sich die Bewohner der Region vor 1944 nicht darum, ihren Dialekt im ethno-nationalen Sinne zu definieren: Die lokalen und regionalen Dialekte wurden von ihren Sprechern weder als Zugehörigkeit zu einer bekannten kodifizierten Sprache noch als eigenständige „mazedonische“ Sprache wahrgenommen. Wenn überhaupt, bezeichneten diese Sprecher ihre Sprache als „naški“, „našenki“ oder „našinski“, was einfach „unsere Redewendung“ bedeutet.[12] Diese These eines „ethno-politischen Niemandslandes“, das bis weit ins 20. Jahrhundert hineinreichte, wird jedoch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert durch die mehrfachen Beobachtungen des Sprachwissenschaftlers Gustav Weigand, Mazedonien widerlegt: „Die Slawen Mazedoniens aber nennen sich, wenn man sie nach ihrer Nationalität fragt, . . . Bulgaren“.[13] Die Popularität der serbischen Schulen auf mazedonischem Gebiet wurde von Weigand nicht mit der Nationalität der Schüler oder ihrer Eltern erklärt, sondern mit ihrer sozialen Situation und den guten Angeboten der Schulen. Weigand hielt die mazedonische Sprache, wie die meisten slawischen Behörden seiner Zeit, für einen bulgarischen Dialekt.

Die meisten westlichen Philologen, die sich derzeit mit mazedonischer Sprache beschäftigen, orientieren sich jedoch an den Positionen der mazedonischen Philologie und suchen lange vor Titos Sieg nach einem mazedonischen Nationalbewusstsein und einer mazedonischen Sprache. Harald Haarmann sieht das Mazedonische als geschriebene Tradition und führt aus, dass die ältesten slawischen Texte des 9. Jahrhunderts in dieser Sprachvariante geschrieben wurden.[14] Auburger stellt eine Reihe von mazedonischen Schriftstellern vor, die den Eindruck erweckten, dass sie im Laufe des 19. Jahrhunderts mit Menschen zu tun hatten, die ein ausgeprägtes, mazedonisches Nationalbewusstsein besaßen, sich der Auferlegung des bulgarischen Nationalgefühls und der bulgarischen Sprache entschieden widersetzten und explizit mazedonische Institutionen einrichteten.[15] Ähnlich sieht es der amerikanische Slawist Victor A. Friedman, dessen Periodisierung der mazedonischen Sprache und des Nationalismus 1794 begann. Obwohl er feststellt, dass die Autoren der ersten einheimischen, auf mazedonischem Boden verfassten Bücher ihre Sprache Bulgarisch nannten, können sie dennoch als die ersten angesehen werden, die in irgendeiner Form Bücher in mazedonischer Sprache herausgaben, da ihre Dialekte mazedonisch waren.[16] So stellt er den Autor Dimitar Miladinov als einen der Ersten vor, der sich als Mazedonier ausweist, obwohl er sich selbst als Bulgaren und seine Sprache als Bulgarisch betrachtet.

Ungefähr ab Mitte der 1850er Jahre bis zur Gründung des bulgarischen Staates im Jahr 1878 setzten sich immer mehr Kräfte für die ostbulgarischen Dialekte ein. Bei der Frage nach der dialektischen Grundlage der zu schaffenden bulgarischen Standardsprache beweisen jedoch einige Intellektuelle eine gewisse Loyalität gegenüber den mazedonischen Dialekten und fordern deren Einbeziehung in die bulgarische Schriftsprache.[17] Der bekannteste Vertreter dieser Ansicht war Partenija Zografski, der 1858 in seinem Artikel Misli za bolgarskiot jazik (Gedanken über bulgarische Sprache) in der Zeitung Balgarski knizici (Bulgarisches Schrifttum) den makedonischen Dialekt (makedonsko narečije) als Hauptgrundlage für die allgemeine Schriftsprache (opoštij-ot pismennij jazik) heranzieht, da sie voller und reicher (po p’lno in po bogato) war als die anderen Dialekte. Die Gründung des bulgarischen Exarchats im Jahr 1870 markierte schließlich einen wichtigen Wendepunkt im kulturellen und politischen Leben Mazedoniens, da es später von einem dichten Netzwerk bulgarischer Schulen überzogen wurde.

Der ersten und langen Zeit einzige, der Mazedonisch als eine vom Bulgarischen zu differenzierender Sprache beschrieb, war der Wanderarbeiter Georgi Pulevski, der 1875 in Belgrad ein mazedonisch-albanisch-türkisches Wörterbuch veröffentlichte. Dort hieß es, die Mazedonier seien ein Volk und ihr Platz sei in Mazedonien, aber Pulevski bezeichnete sie als slawisch-mazedonisch oder serbisch-mazedonisch.[18] Peter Bachmaier zeigt, dass die mazedonische Idee in Wirklichkeit erst nach dem Berliner Kongress und nicht zuletzt in Belgrad entstanden ist.

Die Verbreitung der serbischen Idee in Mazedonien stieß jedoch auf zunehmende Schwierigkeiten, weshalb die Leiter der serbischen Kulturpolitik überlegten, wie sie durch eine bessere Strategie ersetzt werden könnte, ohne das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren.[19] In diesem Sinne schrieb Stojan Novakovič im Jahr 1888 an die serbische Regierung:

„Da die bulgarische Idee, wie es allen bekannt ist, in Mazedonien tiefe Wurzeln hat, glaube ich, daß es fast unmöglich ist, sie zu erschüttern, wenn man ihr nur die serbische Idee entgegenstellt… Die serbische Idee braucht einen Verbündeten, der scharf gegen das Bulgarentum auftritt und Elemente besitzt, die imstande sind, das Volk und das nationale Gefühl anzuziehen, und die es vom Bulgarentum trennen. Diesen Verbündeten sehe ich im Mazedonentum oder in Kultivierung weiter Grenzen des mazedonischen Dialekts und der mazedonischen Besonderheit.“[20]

[...]


[1] Vgl.: Fikret Adanir, Die makedonische Frage. Ihre Entstehung und Entwicklung bis 1908, Wiesbaden 1979, S. 12.

[2] Vgl.: Ebda., S. 12.

[3] Vardar-Mazedonien ist das Gebiet den jugoslawischen Teil Mazedoniens oder heute Nordmazedonien. Ägäis-Mazedonien liegt in Nordgriechenland bzw. die Region des Nordgriechenland und Pirin-Mazedonien liegt im Westsüdbulgarien bzw. die Provinz von Blagoevgrad.

[4] Edirne – türkische Stadt im europäischen Gebiet. Manastir in albanisch und in mazedonisch Bitola – nordmazedonische Stadt in Süd-Nordmazedonien. Janina in albanisch und Ioannina in griechisch – heute griechische Stadt in Nordwestgriechenland. Shkodra liegt in Nordalbanien.

[5] Vgl.: Stefan Troebst, Von der Makedonischen Frage zur Albanischen Frage, in: Valeria Heuberger u.a. (Hg.), Der Balkan. Friedenszone oder Pulverfaß, Wien u.a. 1996, S. 127-138, hier S. 128.

[6] Vgl.: Ksenija Cvetković-Sander, Sprachpolitik und nationale Identität im sozialistischen Jugoslawien 1945-1991. Serbokroatisch, Albanisch, Makedonisch und Slowenisch, Wiesbaden 2011, S. 66.

[7] Vgl.: Torsten Szobries, Sprachliche Aspekte des nation-building in Mazedonien. Die kommunistische Presse in Vardar-Mazedonien 1940-1943 (= Studien zur modernen Geschichte, Stuttgart 1999), S. 47f.

[8] Vgl.: Mathias Bernath, Das mazedonische Problem in der Sicht der komparativen Nationalismusforschung, in: Südost-Forschungen 29 (1970), S. 237-248, hier S. 245.

[9] Vgl.: Ebda., S. 245.

[10] Vgl.: Stefan Troebst, Makedonische Antworten auf die Makedonische Frage 1944-1992. Nationalismus, Republiksgründung, nation-building, in: Südosteuropa 41 (1992), S. 423-442, hier S. 431.

[11] Vgl.: Ebda., S. 441.

[12] Vgl.: Stefan Troebst, Yugoslav Macedonia 1944-1953. Building the Party, the State and the Nation, in: Berliner Jahrbuch für osteuropäische Geschichte 2 (1992), S. 103-139, hier S. 124.

[13] Gustav Weigand, Die nationalen Bestrebungen der Balkanvölker, Leipzig 1989, S. 19.

[14] Vgl.: Harald Haarmann, Die Sprachenwelt Europas. Geschichte und Zukunft der Sprachnationen zwischen Atlantik und Ural, Frankfurt am Main/New York 1993, S. 302.

[15] Vgl.: Cvetković-Sander, Sprachpolitik, S. 69.

[16] Vgl.: Victor A. Friedman, Macedonian Language and Nationalism during the Nineteenth und Early Twentieth Centuries, in: Balkanistica Occasional Papers in South East European Studies 2 (1975), S. 83-89, hier S. 85.

[17] Vgl.: Szobries, Sprachliche Aspekte, S. 50.

[18] Vgl.: Cvetković-Sander, Sprachpolitik, S. 70.

[19] Vgl.: Peter Bachmaier, Die Kulturpolitik Makedoniens 1944-1997, in: Walter Lukan und Peter Jordan (Hg.), Makedonien. Geographie, Ethnische Struktur, Geschichte, Sprache und Kultur, Politik, Wirtschaft, Recht, Wien u.a. 1998, S. 317-338, hier S. 317.

[20] Ebda., S. 317f.

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Titel: Die mazedonische Frage. Ethnische Minderheiten, Mehrsprachigkeit und Schriften in Süd-Ost-Europa