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Selbstverwirklichung. Ein Prozess kooperativer Selbstschöpfung im Kontext des Existentialismus

Projektarbeit 2019 17 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Mensch als freies Wesen

2. Der Mensch als abhängiges Wesen

3. Der Mensch als kreatives und kooperatives Wesen

Zusammenfassung/ abschließende Betrachtungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wie wird ein Mensch derjenige, der er sein will? Braucht er hierfür Unterstützung und wenn ja, inwiefern bzw. wer oder was könnte dabei helfen? Diesen Fragen wird in dieser Projektarbeit nachgegangen, weil sie dazu dienen sollen, darzustellen, wie Menschen ihr Wesen sowohl frei bzw. selbstbestimmt als auch gleichzeitig in Abhängigkeit von ihren Mitmenschen bzw. in Kooperation mit ihnen gestalten. Um dies innerhalb des Rahmens einer philosophischen Untersuchung zu reflektieren, wird zu diesem Zweck Simone de Beauvoir's „Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau“, Jean-Paul Sartres „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ sowie Pirmin Stekeler-Weithofers „Sinn“ verwendet.

Mit Bezug auf Jean-Paul Sartres Ausführungen wird im ersten Kapitel zunächst der Begriff der Selbstverwirklichung im existentialistischen Sinne nachvollzogen, sodass damit gleichzeitig ermittelt werden kann, inwieweit ein Mensch zumindest weitestgehend selbst die Ursache seines Lebensentwurfes bzw. ein frei denkendes und handelndes Wesen ist, des weiteren, inwiefern ihn dies belasten kann und welche Pflichten daraus hervorgehen.

Die Art und Weise des Verlaufs des eigenen Lebens hängt aber nicht nur vom jeweiligen Menschen selbst ab, sondern ebenso von dessen Prägung durch seine Mitmenschen. Insofern entsteht nun die im zweiten Kapitel mit Hilfe von Pirmin Stekeler-Weithofers vorbenanntem Werk zu klärende Frage, inwiefern und inwieweit die Möglichkeit und Umsetzung der Selbstverwirklichung eines Menschen von seiner zu seinem Lebensumfeld gehörenden Gemeinschaft, also von deren Umgangsformen untereinander abhängt.

Das nächste und letzte Kapitel beinhaltet, aufbauend auf die vorigen Kapitel, den Versuch einer Vermittlung der von Selbstbestimmung sowie Abhängigkeit geprägten Lebensgestaltung eines Menschen. Das heißt, es soll dadurch ersichtlich werden, in welcher Hinsicht Selbstbestimmung und Abhängigkeit nicht im Widerspruch zueinander stehen, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheinen mag, sondern, dass Selbstbestimmung Abhängigkeit voraussetzt, also anders ausgedrückt, dass ersteres nicht ohne letzteres möglich ist. Was im Einzelnen damit gemeint ist wird in diesem Kapitel analysiert, mit dem Ziel, bezogen auf das Thema dieser Projektarbeit daraufhin zu argumentieren, dass Selbstverwirklichung nur möglich und umsetzbar ist, wenn sich Menschen sowohl ihrer Freiheit selbstbestimmt zu handeln als auch der Hilfe bzw. Kooperation ihrer Mitmenschen bedienen, weil sie nun mal nicht nur freie/ selbstbestimmte sondern auch abhängige Wesen sind.

Abschließend werden markante Positionen in zusammenfassender Weise kritisch reflektiert und argumentative Ergebnisse dieser Projektarbeit hervorgehoben. Weiterhin möchte ich darauf hinweisen, dass das Ziel meiner Arbeit darin besteht, überblicksartig das Wesentliche des dieser Hausarbeit zu Grunde liegenden Themas zu erfassen sowie möglichst nachvollziehbar darzulegen. Dabei soll stets ein der Sache zuträgliches Maß an abstrakten und konkreten Beschreibungen berücksichtigt werden.

1. Der Mensch als freies Wesen

Menschen sind gemäß Sartre freie Wesen, das heißt, sie sind frei im Schöpfen bzw. Gestalten ihres Lebens und somit ihres Wesens. Dieses freie Entwerfen des eigenen Lebensentwurfes bzw. die Selbstverwirklichung eines Menschen setzt jedoch Ideen voraus, also Vorstellungen, woran sich der Einzelne orientieren und danach zu handeln bestrebt sein könnte. Aber woher kommen diese Ideen/ Vorstellungen davon, wie Menschen ihr Leben gestalten könnten? Im existentialistischen Sinne entwickeln Menschen diese Vorstellungen und Fähigkeiten zu deren Realisierung bzw. die Art und Weise ihres Denkens und Handelns aufgrund ihrer Prägung seitens der Mitglieder ihrer Gemeinschaft, in welcher sie leben.1 Auf welche Weise diese Prägung durch die jeweilige Gesellschaft stattfindet, wird im nächsten Kapitel näher thematisiert.

Hier sei nur erstmal festzuhalten, dass diese Prägung jedenfalls ein wichtiger sowie unverzichtbarer Bestandteil zur Entwicklung von Ideen für mögliche Lebensentwürfe ist, weil ein Mensch erst durch das Kennenlernen seiner Umwelt, also auch seiner Mitmenschen, lernt, herauszufinden, wie er sein Leben gestalten will. Erst wenn dies vom Einzelnen berücksichtigt wird, wie Sartre weiter behauptet, besteht die Option, dass ein Mensch im Rahmen seiner geistigen Möglichkeiten sinnvoll darüber entscheiden kann, welches Wesen bzw. welche Subjektivität er ausbilden will. Die Existenz/ das Kennenlernen des jeweiligen Lebensumfeldes geht demzufolge dem Wesen eines Menschen voraus. Sartre bezeichnet diese Ansicht, bei welcher die Existenz dem Wesen vorausgeht, als dem atheistischen Existentialismus zugehörig.2

Aufgrund des vorigen Abschnittes und auch ausgehend von der Definition des Begriffs „atheistisch“ als nicht gläubig, ist bereits klar, warum Sartre beim atheistischen Existentialismus, welchen er vertritt,3 nicht von einem Gott ausgeht, welcher jedem Menschen einen bestimmten Lebensentwurf bzw. ein bestimmtes unabänderliches Schicksal zugeschrieben hat, sodass die Menschen somit Gott als Schuldigen für den Verlauf ihres Lebens hätten bestimmen können.4 Im Gegenteil, Menschen sind für den Verlauf ihres Lebens/ die Art ihrer Selbstverwirklichung selbst zuständig und entsprechen dem, wozu sie sich machen. Dies gilt gemäß Sartre als grundlegendes und erstes Prinzip des Existentialismus.5 Anhand jenes Prinzips wird die in diesem Kapitel vertretene These, dass Menschen wesentlich freie Wesen sind, in hohem Maße bestärkt.

Nun mag aufgrund bisheriger Ausführungen, insbesondere wegen der These, dass Menschen wesentlich frei sind, der Eindruck entstehen, dass diese im Rahmen ihrer geistigen Möglichkeiten handeln können wie sie wollen. Nach Sartre können sie dies, weil es gemäß dem von Sartre beschriebenen existentialistischen Standpunkt keine das jeweilige menschliche Leben gestaltende Instanz außer dem entsprechenden Menschen selbst gibt und wie schon beschrieben, gemäß der Existentialisten auch keinen Gott, welcher den Menschen vorschreibt, auf diese oder jene Weise zu handeln. Das heißt Sartres weiterer Behauptung zufolge, dass ein Mensch hinsichtlich der Gestaltung seines Lebens auf sich allein gestellt und sogar zur Freiheit verurteilt ist. Als Begründung, warum Menschen dazu verurteilt sind, gibt er nachvollziehbarerweise an, dass es ihnen von vornherein nicht möglich war, zu wählen, ob sie geboren werden. Frei sind Menschen, weil diese für ihr Verhalten verantwortlich gemacht werden können. Dies hängt damit zusammen, dass sie, wie Sartre weiter bemerkt, dazu imstande sind, schon vor dem Handeln darüber nachzudenken, ob sie so handeln wollen oder nicht und somit selbstbestimmt handeln können.6

Für das eigene Verhalten verantwortlich gemacht zu werden ist auch vor dem Hintergrund verständlich, dass sich freies/ selbstbestimmtes Handeln nicht nur auf den handelnden Menschen selbst sondern selbstverständlich auch auf dessen Umfeld bzw. seine Mitmenschen auswirkt, wie Sartre weiter ausführt. Damit wird auch klar, weshalb er betont, dass Menschen nicht nur für sich, sondern auch für ihre Mitmenschen verantwortlich sind,7 zumindest soweit diese zu selbstbestimmtem Denken und Handeln in der Lage sind. Ihrem Vermögen angepasst verwirklichen sie sich selbst und entsprechen insoweit der Bedeutung des Begriffs eines freien Wesens.

Aber freies Denken und Handeln wird trotz der Möglichkeit zur Selbstverwirklichung von Menschen nicht zwangsläufig als angenehm empfunden. Denn die damit verbundene Verantwortung kann nach Sartre beim Einzelnen auch Ängste auslösen, beispielsweise wegen der potentiellen aus dem eigenen Handeln hervorgehenden negativen/ unerfreulichen Folgen, sowohl für ihn selbst, als auch für andere Menschen. Dies erscheint umso verständlicher unter dem Aspekt, dass ein Mensch in der Regel das Ausmaß der Folgen seiner selbstbestimmten Entscheidungen sowie deren Realisation nicht vollständig absehen kann. Dies kann in der Konsequenz zu Entscheidungsschwierigkeiten beim Einzelnen führen, sodass er sich nur schwer oder schlimmstenfalls gar nicht entscheiden kann, wie er sich selbst verwirklichen möchte. Daraus wird ersichtlich, weshalb Sartre behauptet, dass das Potential zu freiem Entscheiden sowie Handeln bei Menschen Ängste hervorrufen kann.8

Doch nicht nur Angst, sondern auch die in der jeweiligen Gesellschaft etablierten moralischen Werte/ allgemeinen Verhaltensmaximen können den Einzelnen in seinem Prozess der Selbstverwirklichung verunsichern. Und zwar so sehr, dass seine Freiheit, selbstbestimmt entscheiden sowie handeln zu können, für ihn zur Belastung werden könnte. Denn Sartre zufolge sei es für den Einzelnen schwierig, anhand seiner konkreten, individuellen Situation lediglich mit Hilfe allgemeiner Verhaltensmaximen konkrete Entscheidungen für seinen weiteren Werdegang zu treffen.9 Das ist nicht verwunderlich, weil allgemeine Verhaltensprinzipien wegen ihrer allgemeinen Formulierung/ ihres allgemeinen Inhalts auch nur als grobe Orientierung für das eigene Handeln dienen können. Davon abgesehen wäre es eine nicht enden wollende Aufgabe, wenn Menschen versuchen würden für jede mögliche konkrete Situation dazugehörige Optionen zu entwerfen und auszuformulieren, um Entscheidungsschwierigkeiten hinsichtlich des jeweiligen individuellen Werdegangs entgegen zu wirken.

Um zu vermeiden, dass ein Mensch zu lange darüber nachdenkt, welche Art der Selbstverwirklichung wohl die bessere für ihn wäre, weil er sich im Zuge dessen nicht recht für eine bestimmte Richtung der Selbstverwirklichung entscheiden kann und eventuell im Nichthandeln zu verharren droht, sieht Sartre als Ausweg, dass diesem Menschen nichts anderes übrig bliebe, als sich auf seine Gefühle als Handlungsmaßstab zu verlassen bzw. darauf zu vertrauen. Damit wird indirekt mitformuliert und erneut betont, dass Menschen im Prozess einer Entscheidungsfindung auf sich selbst gestellt sein sollten10, wenn ihre weitere Entwicklung als selbstbestimmt und nicht wesentlich durch andere beeinflusst gelten soll, was zum Beispiel bei der ausschließlichen Orientierung an moralischen Prinzipien der Fall wäre oder beim Befolgen des Rates eines anderen Menschen. Sorgfältiges Nachdenken, die subjektive Deutung der gegebenen Umstände sowie der Einbezug eigener Empfindungen gegenüber den jeweiligen Handlungsoptionen sollen dabei unterstützend auf eine Entscheidungsfindung, somit auch auf die Umsetzung des jeweiligen Lebensentwurfs einwirken.

[...]


1 Vgl. Jean-Paul Sartre, Der Existentialismus ist ein Humanismus, S. 146.

2 Ebd., S. 149, 150.

3 Ebd.

4 Ebd., S. 155.

5 Ebd., S. 150.

6 Vgl. Jean-Paul Sartre, Der Existentialismus ist ein Humanismus, S. 155.

7 Ebd., S. 150, 151.

8 Vgl. Jean-Paul Sartre, Der Existentialismus ist ein Humanismus, S. 153.

9 Ebd., S. 157.

10 Vgl. Jean-Paul Sartre, Der Existentialismus ist ein Humanismus, S. 157, 159, 173.

Details

Seiten
17
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346016089
ISBN (Buch)
9783346016096
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496611
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Philosophie
Note
2.0
Schlagworte
Philosophie Existentialismus Selbstverwirklichung Kooperation Selbstschöpfung Freiheit Abhängigkeit kreativ kooperativ Beauvoir Sartre Stekeler-Weithofer

Autor

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Titel: Selbstverwirklichung. Ein Prozess kooperativer Selbstschöpfung im Kontext des Existentialismus