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Nová Vlna. Die Filme der Tschechoslowakischen Neuen Welle im Prager Frühling

Hausarbeit 2019 12 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung Seite

2. Der geschichtliche Kontext der Nova Vlna Seite

3. Ansatz der Nova Vlna Seite

4. Hoff, ma panenko und seine Kritik am System Seite

5. Fazit Seite

Literaturverzeichnis Seite

1. Einleitung

Die 1960er Jahre trugen mit ihren globalen Ereignissen, wie der 68er-Bewegung, der Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg und den Entwicklungen im Prager Frühling maßgeblich zu der Gestaltung der gesellschaftlichen Strukturen und der Politik in den kommenden Jahrzehnten bei. Das Jahr des Prager Frühlings 1968 war geprägt von einer Herausforderung aktueller Zustände. In der Tschechoslowakei drückte sich die Bewegung dabei gar nicht nur als junge Studentenbewegung aus, sondern begann als eine Reform „von oben“, die dann wiederum die Gesellschaft, besonders die intellektuellen Kreise, mobilisierte (vgl. Schulze Wessel 2018: 12f.). Auch die europäische Filmwirtschaft erfand sich in den 1960er Jahren neu, nachdem sie sich von den Wirrungen des Zweiten Weltkriegs erholt hatte. Zahlreiche „Neue Wellen“ forderten das klassische Hollywood-Kino heraus. Als größter Einfluss dieser Wellen auf die tschecho­slowakische Filmkultur lässt sich der italienische Neorealismus feststellen. Durch die kleiner werdenden technischen Ausrüstungen konnte man aus den Studios auf die Straße gehen und so mit bewegter Handkamera arbeiten. Es wurde eine neue Qualität des Realismus erreicht. Filme wie Roma, citta aperta (Rossellini 1945) zeigten eindrucksvoll, wie mit den Laiendarstellern, kleinen Filmcrews und am Ort des Geschehens politische Filme mit einer neuen Direktheit entstanden, die das amerikanische Unterhaltungskino missten (vgl. Monaco 2013: 338f.).

Als die weitere zentrale Bewegung in Europa gilt die Nouvelle Vague aus Frankreich. Sie bildete sich um die Autoren der Filmzeitschrift „Cahier du Cinema“ und bestand im Kern aus den späteren Regiestars Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, Eric Rohmer, Jacques Rivette und Frangois Truffaut. Sie setzten sich intellektuell mit Filmtheorie auseinander und schufen die einflussreiche Autorentheorie, nach der ein Film nicht mehr von seinem Schaffer zu trennen sei. Diese Information verändert die Rezeption des Zuschauers, da er den Film nun nicht mehr als eine Realität wahrnimmt, sondern intellektuell als ein Werk eines handelnden Menschen mit persönlichem Faktor (vgl. Monaco 2013: 488ff.). Die Filmwissenschaftler Norbert Grob und Bernd Kiefer fassen die Ausrichtung der Nouvelle Vague als neu ausgerichtete Form des filmischen Erzählens zusammen: „Kleinere Budgets genügten für großes Kino, nur reflektiert sollten die Mittel sein und durchlässig für aktuelle Realität der Geschichten“ (Grob und Kiefer 2006: 12).

Die Tschechoslowakische Neue Welle nahm ihre ästhetische Inspiration vor allem auch aus diesen beiden Filmentwicklungen. Der allgemeine Aufbruch verstand sich bei der sogenannten „Nova Vlna" (zu deutsch: neue Welle) allerdings nicht als ein Ablösen einer alten Generation von Filmemachern, sondern verband etablierte Regisseure, die bereits in den 50er Jahren wirkten, mit frischen Talenten. Die Nova Vlna steht klar im Kontext der gesellschaftlichen Erneuerungs­bewegungen im Zuge des Prager Frühlings (vgl. Rauscher, A. und Rauscher, J.: 2018: 10). Welche Auswirkungen hatte diese Zeit auf das Filmschaffen in der Tschechoslowakei?

2. Der geschichtliche Kontext der Nova Vlna

Während des Prager Frühlings wuchs der Reformwillen in dem kommunistischen Staat in vielen Teilbereichen des Lebens. Dazu zählte neben der Politik, der Literatur und der Kunst auch der Film. Dieser konnte sich in dem Kontext einer gewissen Liberalisierung des Kommunismus weiterentwickeln. Die Angst der Sowjetunion vor einer sozialistischen Demokratie führte im April 1968 zum Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts und damit einer Niederschlagung der Bewegung. Dies führte auch zu einem abrupten Ende der Nova Vlna. Einige Filme wurden verboten oder sogar im Nachhinein aus den offiziellen Filmografien der Regisseure gestrichen, wie es bei Jaromir Jires’ Zert (Jires 1968) der Fall war (vgl. Hames 2005: 2).

Da der Prager Frühling nicht nur eine „Humanisierung des Sozialismus“ (Schulze Wessel 2018: 8) forderte, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den Justizverbrechen der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, kurz KSC, beginnt die Vorgeschichte der Nova Vlna schon in den 50er Jahren. Die Prozesse wurden als Schauprozesse abgehalten. In den prominentesten Verfahrenen ging es um innerparteiliche Funktionäre wie dem Generalsekräter der KSC Rudolf Slansky, dem vorgeworfen wurde, die volksdemokratische Ordnung stürzen zu wollen. Geständnisse wurden erpresst und anschließend auf großer Bühne inszeniert. Insgesamt wurden in politischen Schauprozessen in der Zeit von 1948 bis 1952 233 Todesurteile gefällt, 250.000 Personen waren generell in politische Prozesse verwickelt. Die Tschechoslowakei entwickelte sich somit unverkennbar zu einem kommunistischen Staat mit totalitärem Charakter. Da zentrale Figuren der Partei in die Prozesse involviert waren, lasteten die Verfahren bis in die 60er Jahre auf dem politischen System. Die Verantwortlichen waren unter Druck und hielten so aus Angst zusammen (vgl. Schulze Wessel 2018: 24f.). Der Historiker Martin Schulze Wessel bezeichnete diesen Zustand als maßgeblichen Katalysator des Prager Frühlings: „Im Prager Frühling gelangte die innerparteiliche Bruchlinie [...] an die Oberfläche; sie wurde zu einer der wichtigsten Triebfedern des Reformprozesses“ (Schulze Wessel 2018: 23).

Eine der treibenden Kräfte im Zuge des Prager Frühlings waren die Studentenbewegungen. Seit 1963 kam die Studentenszene in Prag auf, die sich auch vergleichbar mit westlichen Studentenbewegungen kleideten. Die langen Haare wurden in dem sozialistischen Staat allerdings als noch viel provokanter als im Westen empfunden. Unter dem Vorwand von Hygiene­bestimmungen wurden Studenten öffentlich die Haare entfernt. Diese und andere Schikanen hatten das Ziel, eine Normalvorstellung der älteren Generation von einer sozialistischen Gesellschaft durchzusetzen. Gleichzeitig waren die Studenten allerdings für den Staat ein unentbehrliches Gut, da sie essentiell für eine angestrebte wissenschaftlich-technische Revolution waren. Das Ziel war es, das insgesamt schwache Bildungsniveau, das selbst in den Führungskreisen herrschte, zu verbessern. Dies scheiterte jedoch an schlechter Infrastruktur, wie fehlender Wohnraum oder schlechte Verkehrsanbindung für Studenten. Dies waren die Gründe für ihren Aufruhr. Als ein zentrales Ereignis gilt hier der Protest am Malostranske namestf am 31. Oktober 1967. Die Studenten machten auf die alltäglichen Mängel wie die schlechte Stromversorgung in Studentenwohnheimen aufmerksam. Die Polizei drängte den Protest gewaltsam auseinander. Dies feuerte den Protest in der Folge jedoch nur stärker an, sodass gar die Zeitschrift des sozialistischen Jugendverbandes Mlada fronta die Polizeigewalt kritisierte. Die Eindeutige Linie der KSC bröckelte also (vgl. Schulze Wessel 2018: 138-144).

Als einer der ersten Reformer innerhalb der KSC gilt Ota Sik als Mitglied des Zentralkomitees, der sich zunächst mit wirtschaftlichen Reformen befasste, die einen Mittelweg zwischen Kommunismus und Kapitalismus aufmachen sollten. Als die zentrale Figur des Prager Frühlings gilt jedoch der Slowake Alexander Dubcek, der im Januar 1968 zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei gewählt wurde. Diesen Posten hatte vorher Antonfn Novotny inne, der sich beispielsweise schon gegen die Stationierung sowjetischer Raketenbasen positioniert hatte. Im April wurde der Weg für Reformprozesse geebnet, als die KSC das Aktionsprogramm "Der Weg der Tschechoslowakei zum Sozialismus“ verabschiedete. Das Aktionsprogramm beinhaltete progressiven Schwerpunkte, wie die Entwicklung eines pluralistischen Gesellschaftssystems, Aufbau einer sozialistischen Demokratie, Aufteilung der politischen Macht zwischen Regierung und Parlament und mehr Freiheiten für Reise, Presse und Kunst. Die Bevölkerung begrüßte die Reformen und sah die Chance, sich von dem Einfluss der Sowjetunion etwas lossagen zu können (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2018).

Ein weiteres wichtiges Dokument kam vom Schriftsteller Ludvfk Vaculfk: Das „Manifest der 2000 Worte“. Dieser Text hatte einen emotionalen Duktus und begann mit den Worten:

„Erst bedrohte der Krieg das Leben unserer Nation. Dann kamen weitere schlechte Zeiten, die ihre seelische Gesundheit und ihren Charakter bedrohten. Mit Hoffnung hatte die Mehrheit der Nation das Programm des Sozialismus angenommen. Dessen Leitung geriet jedoch in die Hände ungerechter Leute“

Und endete mit:

„In diesem Frühling ist von neuem wie nach dem Krieg eine große Chance zu uns zurückgekehrt. Von neuem haben wir die Möglichkeit, unsere gemeinsame Sache in die Hände zu nehmen, die den Arbeitstitel Sozialismus trägt. [...]. Dieser Frühling ist soeben zu Ende gegangen und wird nie wiederkehren.“ (Haefs 1969: 89-93)1

Insgesamt machte der Text deutlich, dass die Reformer ihren eingeschlagen Weg fortführen und dass die Bürger die Politik der konservativen Kommunisten kritisch hinterfragen sollten. Die Parteispitze war nun in der schwierigen Lage reagieren zu müssen, obwohl Teile der Partei sogar Mitunterzeichner des Dokuments waren - dazu kam der Druck aus Moskau. Dubcek musste als Moderator versuchen, die Reformer und die Konservativen in der Partei zusammenzubringen (vgl. Kraus 2018).

Die Sowjetunion fürchtete ein Auseinanderbrechen der einheitlichen sozialistischen Staatenwelt. Als Begründung für ihren Herrschaftsanspruch machten sie ihre Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg geltend. Die aufgebrachten Opfer für die Befreiung von den Nationalsozialisten sollten nicht umsonst sein. Derartig aufgeladen formulierte die sowjetische Parteiführung einen Brief an Dubcek. In dem Brief äußert die Sowjetunion ihre Sorge des Anwachsens rechter Kräfte in der Tschechoslowakei und sieht die Führung der KSC im Land als gefährdet. Die Sowjetunion wollte das Entstehen eines alternativen, zweiten Zentrums der Macht verhindern. So kamen die Ostblockstaaten ohne die Tschechoslowakei zusammen und stellten fest, dass die

Reformbewegung als Versuch einer Konterrevolution gleichzusetzen ist. Allen Moderationsmühen Dubceks zum Trotz marschierten am 21. August 1968 eine halbe Million Soldaten des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein, die den Prager Frühling sofortig beendeten (vgl. Schulze Wessel 2018: 264-280).

Die Fortschritte, wie etwa die Aufarbeitung der Prozesse oder die Wirtschaftsreform, kamen im Zuge der sogenannten Phase der „Normalisierung“ zum Erliegen. Die einst so hoffnungsvolle Zukunft wurde der Jugend genommen. Die Studentenbewegung hatte an die Reformbewegungen geglaubt und damit an ihre Vätergeneration, was im krassen Kontrast zu den 68er-Bewegung im Westen stand. So leisteten sie noch einige Zeit Widerstand, was sich schließlich eindrucksvoll in der protestvollen Selbstverbrennung des Studenten Jan Palachs im Januar 1969 am Wenzelsplatz zeigte. Die Bürger ließen seinen Leichnam zu Füßen einer Statue des Nationalheiligens Jan Hus aufbahren. Eine besondere Geste, da dies die Märtyrerbedeutung für das Volk und seine Haltung gegenüber der Politik der Sowjetunion zeigt (vgl. Schulze Wessel 2018: 283f.).

3. Ansatz der Nova Vlna

Durch die Reformbemühungen war es für Filmemacher leichter, ihre Filme zu drehen und in ihnen ihre subtile Systemkritik zu verstecken. Dem zu meist anspruchslosen Unterhaltungskino der 1950er Jahre wichen antitotalitäre politische Parabeln oder auch magische Märchen. Die Regisseure kamen hierbei aus verschiedenen Altersgruppen und kreierten eine neue Sicht auf die Realität (vgl. Vetter 2018).

Die ästhetischen Entwicklungen innerhalb der Nova Vlna waren nicht eindeutig. Es lassen sich aber grob zwei verschiedenen Richtungen feststellen. So steht auf der eine Seite der Realismus, der von den bereits besprochenen Entwicklungen des italienischen Neorealismus und der Nouvelle Vague, etwa auch dem beobachtenden „Cinema verite“, beeinflusst wurde. Diese ließen einen ehrlichen und leichten Blick auf das Leben zu, welcher in einem Kontrast zu der gewohnten Ästhetik der heroischen Posen des „sozialistischen Realismus“ aus den staatlich geförderten Heimatfilmen stand. Dem Realismus gegenüber stand der Formalismus, der sich durch experimentelle literarische Verfilmungen ergab. Hierbei gibt es einen starken Bezug zu der tschechischen Tradition zum Surrealismus, der sich im fantastischen Märchen äußert. Einige Filme befassten sich zudem mit der Aufarbeitung der Zeit der nationalsozialistischen Besatzung. Dabei wurde allerdings darauf geachtet, keinen Heldenpathos entstehen zu lassen (vgl. Rauscher, A. und Rauscher, J.: 2018: 13f.).

Die Tschechoslowakei hatte für ihre „Filmrevolution“ sehr gute Vorraussetzungen. Dazu gehörte, dass Prag mit seinen Barrandov Studios über eine exzellente Infrastruktur verfügte, die fähig war mehrere dutzend Spielfilme im Jahr zu produzieren. Im Jahr 1946 wurde die Filmhochschule FAMU eröffnet, aus der später einige Vertreter der Nova Vlna herauskommen sollten. In der Filmhochschule hatten die Studenten die Möglichkeit Filme aus anderen Ländern zu sehen, die das übrige tschechische Publikum nie sah. Intellektuelle Größen wie Milan Kundera lehrten an der FAMU und tauschten sich mit den Studenten aus. So kam es zu einer sehr produktiven, kleinen, aber eng zusammenhaltenden Gemeinschaft von Filmschaffenden, bei dem jedes Projekt einen starken Bezug zu deren Erschaffern bekam (vgl. Hames 2005: 27f.). Milos Forman, der an der FAMU Drehbuch studierte und zu den wichtigsten Vertretern der Nová Vlna gehört, erinnert sich an seine Ausbildung an der FAMU dementsprechend: „A sense of freedom, hundred of films, and the character and statue of the people you have around to talk them over with“ (Liehm 1975: 13).

[...]


1 deutsche Übersetzung aus dem Tschechischen

Details

Seiten
12
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346013248
ISBN (Buch)
9783346013255
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496752
Institution / Hochschule
Design Akademie Berlin
Note
2,0
Schlagworte
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