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Der Petrarkismus in der Dichtkunst Paul Flemings

Hausarbeit 2019 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Paul Fleming (*1609 - †1640)

3. Francesco Petrarca und die Entstehung des Petrarkismus
3.1. Verbreitung in Deutschland
3.2. Paul Flemings Petrarkismus

4. Analyse petrarkistischer Motivik im Gedicht An Kordolien

5. Schlussbetrachtung

Primärliteratur

1. Einleitung

Betrachtet man in der Literaturwissenschaft heutzutage die barocke Lyrik des 17. Jahrhunderts, so stößt man geradewegs auf die Werke Paul Flemings, welcher aufgrund seiner literarischen Qualität zu den einflussreichsten Lyrikern dieser Epoche zählt. Seine Lyrik ist eng verbunden mit der im 14. Jahrhundert erschaffenen Dichtkunst des italienischen Poeten Petrarca oder genauer, der daraus entstandenen Strömung des Petrarkismus. Auch wenn der petrarkistische Stil durch eine gewisse Form und Motivik definiert zu sein scheint, so kommen bei dessen Nachahmern doch immer wieder Bestimmungsschwierigkeiten und Zweifel auf, so auch bei der Betrachtung der Flemingschen Lyrik.1

In der vorliegenden Arbeit soll die Dichtkunst Paul Flemings unter dem Gesichtspunkt des Petrarkismus genauer untersucht werden und sich dabei mit den damit zusammenhängenden Schwierigkeiten auseinandersetzen. Die Fragestellung, ob Fleming sich bei seiner Liebeslyrik an Petrarcas Dichtkunst selbst oder ausschließlich an dessen europäischen Nachahmern der späteren Jahrhunderte orientierte, soll hierbei anhand von wissenschaftlichen Belegen bearbeitet werden.

Die Arbeit gliedert sich folgendermaßen: Um Flemings lyrisches Arbeiten geschichtlich und literarisch einordnen zu können, wird vorab sein poetisches Dasein gerafft dargestellt. Darauf folgt eine knappe Einführung in die Thematik des Petrarkismus und damit ein Überblick über das italienische Vorbild Francesco Petrarca. Nachdem in einem weiteren Kapitel die Verbreitung des Petrarkismus in Deutschland skizziert wird, soll im darauffolgenden Punkt auf den Petrarkismus bei Paul Fleming eingegangen werden, wobei bereits das Konfliktpotential aufgegriffen wird, welches damit aufkommt. Hierbei stützt die Arbeit sich hauptsächlich auf die petrarkistische Untersuchung von Flemings Lyrik, welche von Hans Pyritz angefertigt wurde. Um ein konkretes Beispiel anführen zu können, wird daraufhin eines der Liebesgedichte Flemings hinsichtlich der petrarkistischen Motivik und Problematik analysiert. In einem letzten Punkt wird die Fragestellung nochmals aufgegriffen und versucht, diese mithilfe der erarbeiteten Aspekte zu beantworten.

2. Paul Fleming (*1609 - †1640)

Um Flemings Liebeslyrik unter dem Gesichtspunkt des Petrarkismus einordnen zu können, folgt eine zusammenfassende Darstellung des deutschen Lyrikers.

Paul Fleming wird als Sohn eines Pfarrers ins 17. Jahrhundert hineingeboren. Nach seinen Anfängen im Medizinstudium gab er sich den schönwissenschaftlichen und philosophischen Studien hin und wuchs so in die humanistische Dichtungstradition hinein. Bereits mit 22 Jahren wurde er zum Poeten gekrönt.2

In der Lyrik orientiert sich Fleming hauptsächlich an Martin Opitz, der die Reform der deutschen Dichtung im 17. Jahrhundert mit seinem Werk Buch von der Deutschen Poeterey (1624) ins Leben gerufen hat, um an literarisch fortgeschrittene Länder wie Italien und Spanien anzuschließen.

Für seine weltliche Lyrik nimmt Fleming häufig Hochzeiten und Gratulationen als Anlass, gleichzeitig dichtet er aber über Trauer oder religiöse Themen. Neben dem Dreißigjährigen Krieg sind es auch seine Reisen, die Fleming nicht nur menschlich, sondern auch literarisch prägen. Mithilfe seines Freundes Adam Olearius begibt er sich unter anderem nach Persien und Russland. Währenddessen schreibt er weiter an seinen Gedichten und hält darin Ereignisse, Liebesgeschichten und Gefahren fest. Zudem nutzt er die Reise als Selbstreflexion und entwickelt seinen eigenen literarischen Stil. Flemings barocke Liebeslyrik gewinnt an Aufmerksamkeit, da er Elemente und Motive des Petrarkismus aufgreift und sie nicht nur in seine Gedichte miteinbaut, sondern variiert und somit alte Denkformen neu aufleben lässt.

Die meisten Werke Flemings werden erst nach seinem Tod im Jahre 1640 bekannt. Seine ersten Dichtungen, verfasst in lateinischer Sprache, werden in einer Sammlung namens Rubella seu Suaviorum liber I. (1631) vereint , welche seine bekannten Kussgedichte sowie einige bereits petrarkistisch angehauchten Liebesgedichte enthält. Doch erst in seinem weiteren Schaffen als Lyriker produziert Fleming Gedichte in Sonettform nach typisch petrarkistischer Manier. Seine deutsche Gedichtsammlung Teütsche Poemata (1646) ist aufgegliedert in Gattungen und Themen.

Darin enthalten sind Epigramme, Oden und Sonette, welche sowohl weltliche als auch geistliche Themen abhandeln.3

3. Francesco Petrarca und die Entstehung des Petrarkismus

Bereits im 14. Jahrhundert entwickelte der italienische Dichter und Geschichtsschreiber Francesco Petrarca (1304-1374), welcher neben Dante und Boccaccio zu den wichtigsten Vertretern der italienischen Literatur zählt, eine zu dieser Zeit neue Art volkssprachlicher Liebeslyrik. Den Grundbaustein dafür legte er mit seinem Gedichtband Rerum vulgarium fragmenta (1348-1470), später Canzoniere genannt, welches aus insgesamt 366 Gedichten besteht4. In seinen Gedichten, welche überwiegend in Sonettform verfasst wurden, betet der Dichter seine Geliebte namens Laura an und beschreibt seine dadurch aufkommenden Gefühle.

Petrarcas Konzept von Liebe wird durch eine festgelegte Form von Elementen ausgedrückt, wie beispielsweise das Verhältnis der Geliebten zum Liebenden. Die geliebte Frau ist bezaubernd und tyrannisch zugleich – sie ist erotisch und anziehend, bleibt für den Liebenden jedoch unerreichbar. Die göttliche Schönheit der Geliebten bildet den zentralen Baustein in Petrarcas Gedichten, ihre einzelnen Körperteile wie zum Beispiel ihre Hände, Augen oder Haare werden hervorgehoben und umschrieben. Der Liebende nimmt die Funktion eines Sklaven ein, indem er ihr Treue bis in den Tod schwört. Er schmachtet und wirbt um die Geliebte, klagt aber gleichzeitig über seine Sehnsucht und seinen Liebesschmerz.

Zu den festgelegten Elementen zählen zudem die Traum- und Naturmetaphorik. Petrarca beschreibt seine Liebe zu Laura in einer kosmischen Dimension, er träumt von ihr und erinnert sich an frühere Begegnungen. Des Weiteren werden Rückzugsorte fern von der Geliebten beschrieben, „der Sprecher verschwindet hinter den evozierten Naturelementen“5. Der Einsatz von Naturmotiven weist außerdem auf Petrarcas humanistische Weltansicht hin.

Er war einer der ersten seiner Zeit, der sich mit dem unerforschten, anthropologischen Gedanken auseinandersetzte und ließ somit das Verhältnis zwischen Mensch und Natur in seine Liebeslyrik miteinfließen6.

Eines der weiteren zentralen Merkmale seiner Gedichte ist die Erforschung seiner Selbst, welche durch den Schmerz aufgrund der unerfüllten Liebe ausgelöst wird.7 Die Thematik der Liebe wird mit dem Motiv der Religion verbunden, da der Dichter ausschließlich bei Gott sein Seelenheil wiedererlangen kann. Die Konfrontation von Natur und Religion deutet auf Petrarcas Dualismus8 hin, welche seine Lyrik deutlich prägte.

Dem italienischen Dichter gelang es also, durch Anwendung verschiedener Stilmittel und einer ausgefallenen Motivik, eine elegante und ausgeschmückte Form der Liebeslyrik mit hohem Wiedererkennungswert zu realisieren und rief somit eine Strömung ins Leben, die noch Jahrhunderte später vorzugsweise von europäischen Dichtern unter dem Begriff des Petrarkismus nachgeahmt wird.

3.1. Verbreitung in Deutschland

Wie bereits erwähnt, war Petrarca als Dichter mit sprachlicher Eleganz und Formgeschliffenheit richtungsweisend für die romantische Lyrik des 15. und 16. Jahrhunderts. Bevor sich der Petrarkismus in Deutschland verbreitete, hat er vor allem in Frankreich und Spanien Fuß gefasst. Erst im Zeitalter des deutschen Barocks wurden Elemente der petrarkistischen Liebeslyrik zum Vorbild genommen. Zum einen wurden „Motive wie die Trennung von der Geliebten, ihre grausame Unnahbarkeit, die Beschreibung ihrer Schönheit in einer Art „Überbietungstechnik“ […], Lust und Leiden in der Liebe“9 und zum anderen weltdeutende, also humanistische Themen nachgeahmt.

Nicht nur die Motivik wurde kunstvoll imitiert, auch die Form des Sonetts gewann an Aufmerksamkeit und wurde unter anderem in Deutschland zur dominierenden Dichtform des Barocks. Die Teilung in zwei Quartette und zwei Terzette galt als ideale Form, um ein Thema argumentativ abzuhandeln. Einer These wurde eine Antithese gegenübergestellt, welche dann in einer abschließenden Synthese mündeten. Als übliche Versform wurde der Alexandriner mit einer Zäsur in der Mitte verwendet, um den dialektischen Charakter Petrarcas beizubehalten.10 Zu den deutschen Nachahmern Petrarcas gehören unter anderem Martin Opitz, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau und Paul Fleming, welcher im nächsten Kapitel nochmals ausführlicher behandelt wird.

Betrachtet man die Verbreitung petrarkistischer Elemente in Deutschland jedoch genauer, so stößt man auf die These des deutschen Germanisten Hans Pyritz, dass nicht Petrarcas Liebeslyrik selbst als Grundlage für den deutschen Petrarkismus genommen wurde, sondern unter anderem die der italienischen, französischen spanischen Nachahmer Petrarcas, also der sekundäre Petrarkismus.

Die Wege sind aufgezeigt, auf denen der Erotiker Petrarca in die deutsche Dichtung des 17. Jahrhunderts Eingang fand: zum allergeringsten Teile durch sein eigenes Werk, fast ausschließlich durch das Medium seiner Nachahmer, des volkssprachlichen Petrarkismus Italiens, Frankreichs, Spanien, Hollands, […]. Erst ganz zuletzt kommt die Vermittlung durch das Gesellschaftslied italienischer Herkunft in Betracht: für Opitz spielt sie überhaupt nicht mit. Wenn alles zusammengenommen wird, ergibt sich somit die grundlegende Erkenntnis, daß auch die Liebesdichtung des deutschen 17. Jahrhunderts, soweit sie überhaupt in diesen Bereich gehört, nicht unter dem Zeichen Petrarcas, sondern unter dem des Petrarkismus steht11

Um diese These näher zu erläutern, greift er beispielhaft Martin Opitz und dessen Werke auf. Diesem sei Petrarcas Dichtkunst bekannt, da er ihn in seinen Werken nennt und zwei seiner Sonette überträgt, jedoch bediene er sich hauptsächlich an der Lyrik von Nachahmern wie beispielsweise Ronsard und Montemayor, so Pyritz. Opitz greife petrarkistische Motive jedoch nicht nur auf, er verändere ironisierend ihr Gefüge hin zu einer satirischen Opposition.12

Inwieweit Pyritz‘ Aussage auf den Petrarkismus in ganz Deutschland zutrifft, ist umstritten. Untersucht man per exemplum eines der Werke Christian Hoffmann von Hoffmannswaldaus, so lassen sich doch einige Elemente aus Petrarcas Dichtkunst selbst entnehmen. In seinem Gedicht Vergänglichkeit der Schönheit werden die körperlichen Qualitäten der umworbenen Frau, wie zum Beispiel ihre korallenfarbigen Lippen oder ihr goldenes Haar, hervorgehoben. Dies geschieht teilweise in Verbindung mit der Naturmetaphorik, was ebenfalls auf Petrarcas Sonette des Canzoniere zurückgeführt werden kann.13

Auch Paul Fleming baut gewisse Bereiche der Motivik des italienischen Lyrikers in seine Dichtkunst mit ein, orientiert sich jedoch stark an seinem Vorgänger Opitz, was im nächsten Abschnitt genauer erläutert wird.

3.2. Paul Flemings Petrarkismus

Ob Flemings Dichtung wirklich als Nachahmung Petrarcas gewertet werden kann, wurde bereits von einigen Literaturwissenschaftlern untersucht. Wie Hans Pyritz in seiner Untersuchung bezüglich Paul Flemings Petrarkismus ausdrückt, sieht er einen Unterschied zwischen der Stilrichtung des Petrarkismus und der Nachahmung Petrarcas. Seine These, dass Fleming ausschließlich durch den Einfluss von Petrarcas späteren Nachahmern Interesse an dieser Stilistik entwickelte, belegt Pyritz mit der Aussage, dass Fleming eine nur unzureichende Kenntnis der italienischen Dichtung und Sprache besaß.14 Zudem führt er die Feststellung an, dass Fleming Petrarca lediglich ein einziges Mal in seinen Werken erwähnt und sich dabei ausschließlich an Opitz orientiert. Zwar nutzt Fleming als Gedichtform das Sonett und tut es dem italienischen Dichter somit gleich, jedoch gebraucht er, Pyritz zufolge, ein anderes Reimschema. Gemeinsamkeiten in Form und Aufbau der Gedichte rechtfertigt er damit, dass bereits genügend andere Dichter Petrarcas Werke ins Lateinische übersetzt haben und diese Fleming wohl bekannt waren.15

Betrachtet man die Motivik in Flemings Liebeslyrik, so lassen sich jedoch einige Parallelen zu Petrarca feststellen. Als Grundform der erotischen Liebesdichtung wählt er die Huldigung der Frau, welche durch eine Vielfalt von Metaphern und Bildelementen gestützt wird. Neben der Schönheit der Geliebten, angepriesen durch die Beschreibung der Körperteile, geht Fleming außerdem auf Begrifflichkeiten wie Schönheit, Treue, Jugend und Tugend ein und vereint somit die Ansichten Petrarcas in seiner Lyrik16:

Licht ist ihr Augenglanz,
klar ihre Zier.
Das macht, daß ich mich ganz
verlier in ihr.
Sie hat es, was mein Herze sucht,
Scham, Schönheit, Jugend, Zucht,
der Tugend Frucht.17

Es sind neben diesen Motiven noch viele weitere, die Fleming in seinen Gedichten aufgreift. Diese werden im vierten Kapitel anhand eines Beispielgedichts genauer geschildert.

Auch wenn die Gegenstände in Flemings Lyrik denen in Petrarcas Sonetten gleichen und dessen Dualismus von Liebe und Leid ausdrücken, so sieht Pyritz immer wieder die Vorarbeit Opitz‘ in seinen Werken, an welcher Fleming sich durchgehend orientiert. Ein Beispiel hierfür wäre die Beschreibung der Augen der Geliebten, welche durch die Verbindung mit Sonne, Mond und Sterne metaphorisch veranschaulicht werden. Zwar greift Petrarca selbst auch zu dieser Metapher, doch nimmt Fleming wohl eher Opitz‘ Variante dieser Ausdrucksform auf.18 „Er ist ein echterer Petrarkist als Opitz“19, behauptet der Germanist trotz seiner Untersuchungen. Zu diesem Entschluss kommt er, da Opitz‘ Dichtung seiner Meinung nach einen verspielten und geselligen Charakter hat, was bei Fleming und auch bei Petrarcas Liebeslyrik nicht der Fall ist. Diese reproduzieren die klassische Situation, sodass man gewiss behaupten kann, dass sie rein erlebt wurde.

[...]


1 vgl. Pyritz 1963, S. 159-161.

2 vgl. Schröder und Deetjen 1931, S. 154- 216.

3 vgl. Fleming 2016, S. 171-177.

4 vgl. Casadei und Santagata 2010, S. 69-80.

5 Niefanger 2012, S. 120.

6 vgl. Casadei und Santagata 2010, S. 69-80.

7 vgl. Jaumann 2011, S. 57f.

8 Dualismus: philosophisch-religiöse Lehre von der Existenz zweier Grundprinzipien des Seins, die
sich ergänzen oder sich feindlich gegenüberstehen (z. B. Gott - Welt; Leib - Seele). Duden.
https://www.duden.de/rechtschreibung/Dualismus#Bedeutung2 (Zugriff am 05.04.2019).

9 von Borries 1991, S.355.

10 vgl. von Borries 1991, S. 356.

11 Pyritz 1963, S. 156f.

12 vgl. Pyritz 1963, S. 158.

13 vgl. Hofmann von Hoffmannswaldau 1984

14 vgl. Pyritz 1963, S. 160.

15 vgl. Pyritz 1963, S. 161.

16 vgl. Pyritz 1963, S. 166.

17 Fleming 1865, S. 428-432.

18 vgl. Pyritz 1963, S. 171.

19 Pyritz 1963, S. 162.

Details

Seiten
14
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346001993
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496861
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
Schlagworte
Paul Fleming Petrarkismus Lyrik

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