Lade Inhalt...

Gefühle und Praktische Identität. Die Veränderung von Gefühlen durch praktische Rationalität

Hausarbeit 2017 17 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Authentizität nach John Christman
1.2 Practical Identity
1.3 Diachronic Practical Identity
1.4 Embodiment and Alienation
1.4 Self-Reflection und Non-alienation

2. Kritik

3. Rationalität und Affektivität

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Begriff der Person hat seit langer Zeit eine zentrale Bedeutung in der philosophischen Anthropologie. Vor allem wenn Personen bestimmte Merkmale, wie Selbstbewusstsein, personale Identität und selbstbestimmte Freiheit bzw. Autonomie zugeschrieben werden, kommt dieser Begriff auch praktisch zum Einsatz. Personalität und ihre Merkmale werden dann zu konstitutiven Eigenschaften einer möglichen Differenz, die bestimmten Wesen unser Welt zu- oder abgesprochen werden.[1] Die Identifikation scheint dabei eine wichtige Schlüsselrolle zu übernehmen, weil Menschen sich so überhaupt erst als Person konstruieren und gegenüber anderen vertreten können.

Für Personen geht es dabei nicht immer ausschließlich darum, Fremderwartungen zu erfüllen, sondern ebenso subjektive, biografische Erfahrungen und Persönlichkeitsmerkmale vor sich selbst zu rechtfertigen, ob sie ihren Identitätsvorstellungen entsprechen. Letzteres verweist auf ein Selbstverhältnis, dass das eigene Selbst auch zum Objekt werden kann. Sofern das Selbst zum Objekt wird, kann man auch davon sprechen, dass das Subjekt sich auf die eigene Persönlichkeit bzw. Identität richtet. Unter dem Begriff Persönlichkeit lässt sich mit Roland Kipke folgendes verstehen:

„[…] das eigene einer Person; das, was sie zu dieser Person macht und von anderen Personen unterscheidet: Ihr Charakter, das Ensemble von Fähigkeiten, Haltungen, grundlegende Überzeugungen, Präferenzen, aber auch das Verhältnis zu sich selbst und ihr individueller Lebensweg.[2]

Eine Person konstruiert sich demnach aus bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen, die ihre Identität ausmachen. Hierbei handelt es sich teilweise auch um langfristige Prägungen, die Personen durch ihr soziales Umfeld bekommen haben. Durch die Langfristigkeit entwickeln sich Persönlichkeitsmerkmale im Laufe einer Lebensgeschichte zu einer bestimmten mentalen Einstellung oder zu Dispositionen, wie zum Beispiel „[…] mentale Kompetenzen, Handlungsfähigkeit und Gewohnheit, Haltung, Einstellungen und affektive und voluntativ verankerte Denkweisen, langlebige Wünsche und Bedürfnisse, dauerhafte psychische Befindlichkeiten und Gefühlsneigungen“[3]. Sind Menschen fähig, sich selbst zu reflektieren, dann können sie diese mentalen Dispositionen aus der Perspektive der ersten Person beobachten und gegebenenfalls für sich auch als gut oder schlecht beurteilen. Das Beobachten und das Beurteilen bzw. Werten drücken hier zwei Selbstverhältnisse aus, die Roland Kipke auch das Selbstbild, die deskriptive Selbsteinschätzung und den Selbstentwurf, die evaluativ-normative Selbstbeurteilung, nennt, Wer und wie bin ich? und Wie bewerte ich meine persönlichen Eigenschaften ?[4]

Harmonieren Selbstbild und Selbstentwurf nicht miteinander, kann es durchaus zu Diskrepanzen im Selbst kommen. Zum Beispiel, wenn mir negative Verhaltensweisen bewusst werden oder wenn bestimmte alte Werte nicht mehr mit meinen aktuellen Lebensansichten zusammen passen. Lösen diese Diskrepanzen zudem bestimmte Reaktionen aus, die mein alltägliches Verhalten und Handeln über längere Zeit stören, dann kann eine Person durchaus urteilen, dass sie sich fremdbestimmt fühlt. Für ihre Identität kann dies eine erhebliche Ambivalenz innerhalb der eigenen Persönlichkeit bedeuteten. John Christmans Schlüsselelement solcher Entfremdung, ist der Widerstand, die Sorge um den Einfluss eines beurteilten Aspekts meiner Identität, dass er mich weiterhin ungewollt in meinem Verhalten und meinen Handlungen einschränkt[5]. Meistens gehören solche Aspekte meiner Identität aber auch genau zu denjenigen, die bislang all mein Verhalten, meine Handlungen und damit auch meine Identität ausgemacht haben. Als einzige Möglichkeit, sich dann wieder authentisch und selbstbestimmend zu fühlen gilt es, diese basalen Aspekte als zu mir gehörend anzuerkennen. Doch dies wird dies nicht geschehen, solange die motivationalen Kräfte dieser Aspekte, mich in meinem Verhalten und meinen Handlungen auf negative Art und Weise beschränken.

John Christman vertritt die These, dass eine Person über basale Aspekte ihrer Identität, die einschränkend bzw. entfremdend wirken, über längere Zeit reflektiert werden sollte und sich daraus ein Verhältnis der Akzeptanz bzw. Nicht-Entfremdung zu diesem Aspekt ergibt[6]. Der Schlüssel dieser Reflexion ist, dass sie den Aspekt umfassend betrachtet und sich immer wieder fragt, „[…] whether I can take this as part of my ongoing autobiography, looking at my past as well as projecting into the future, and avoid the feelings of resistance and rejection characteristic of alienation”[7]. Die zentrale Annahme von Christman lautet hier, dass die Reflexion Effekte bewirkt, die Personen zur Akzeptanz bzw. Nicht-Entfremdung von basalen Aspekten, welche sie als störend empfinden, führen wird und sogar körperliche Ausdrücke übertrumpfen wird[8].

Wie es zu diesen Effekten jedoch im Einzelnen kommt, wird in seinem Konzept scheinbar verschwiegen. Daher werde ich in dieser Hausarbeit eine mögliche Interpretation darstellen, wie es zu diesen Effekten im Zusammenhang mit Selbstreflexion kommen könnte.

1. Authentizität nach John Christman

Christman entwickelt seine Bedingungen für personale Authentizität innerhalb seines Autonomie Konzeptes. Generell legt er für die Erreichung von personaler Autonomie die Bedingung von Authentizität und die dafür angeforderten Fähigkeiten fest. Er fasst sein Autonomie Konzept folgendermaßen zusammen:

To summarize the conditions discussed here, autonomy can be specified as obtaining if the following conditions hold (as elaborated in the previous discussion): Relative to some characteristic C, where C refers to basic organizing values and commitments, autonomy obtains if:

(Basic Requirements – Competence):

1. The person is competent to effectively form intentions to act on the basis of C. That is, she enjoys the array of competences that are required for her to negotiate socially, bodily, affectively, and cognitively in ways necessary to form effective intentions on the basis of C;
2. The person has the general capacity to critically reflect on C and other basic motivating elements of her psychic and bodily make-up; and
(Hypothetical Reflection Condition – Authenticity):
3. Were the person to engage in sustained critical reflection on C over a variety of conditions in light of the historical processes (adequately described) that gave rise to C; and
4. She would not be alienated from C in the sense of feeling and judging that C cannot be sustained as part of an acceptable autobiographical narrative organized by her diachronic practical identity; and
5. The reflection being imagined is not constrained by reflection-distorting factors.[9]

Auf die Fähigkeitsanforderungen werde ich im Weiteren nicht eingehen. Jedoch sind diese Fähigkeiten, die eine Person generell ersteinmal benötigt, um sich selbst kritisch zu beschreiben (Selbstbild) und vor allem auch selbst kritisch zu beurteilen (Selbstentwurf). Im Weiteren werde ich meinen Fokus auf seine dritte und vierte Bedingung für Authentizität legen. Die fünfte lasse ich außer acht. In der dritten und vierten Bedingung heben sich die Begriffe critical reflection (dt. kritische Reflexion), alienated (dt. entfremdet) und diachronic practical identity (Identitätskonzept: Identität als Selbstbestimmung durch Rechtfertigung aus Gründen der eigenen Lebensgeschichte) heraus. Nachfolgend werde ich diese Begriffe erläutern und dann im Weiteren aufzeigen, inwiefern Christmans Konzept undeutlich ist, bei der Auflösung der volitionalen Wirksamkeit von Entfremdungszuständen durch Selbstreflexion. Im zweiten Teil der Arbeit erfolgt dann die kritische Betrachtung von Christmans Konzept und im dritten Teil der Versuch einer Synthese.

1.2 Practical Identity

Mit Diachronic practical identity, zu Deutsch diachrone praktische Identität, verweist Christman auf ein Konzept, wie Menschen ein Selbstverhältnis zu sich und ihrer Identität aufbauen können. Was bedeutet hier Identität und praktisch?

Der Diskurs um die Identität des Menschen und wie sie sich beschreiben lässt, existiert schon seit frühen Völkern, indem Menschen sich von anderen Lebewesen sowie auch Göttern abgrenzten und sich als Gattung Mensch eine Identität schafften. Mit der Metaphysik der alten Griechen wurde dies theoretischer und definitorischer, zum Beispiel durch die Lehre von Aristoteles, der den Menschen durch seine Merkmale von Göttern und Tieren als animal rationale abgrenzte. Dieser Versuch die Identität des Menschen in der Welt zu bestimmen, wurde von verschiedenen Religionen und Philosophien ansteckend aufgenommen und weitete sich zu einer kulturellen und sozialen Bedeutung in der Geschichte des Westens aus.[10]

Diese kulturelle Bedeutung spiegelt sich heute vor allem in der personalen Identität von Menschen wieder. Diese versuchen nun nicht in der Welt, sondern in der Gesellschaft, ihre persönlicheIdentität gegenüber anderen abzugrenzen, indem sie danach suchen, was sie persönlich auszeichnet. Identität gilt dann vielmehr als freie Selbstbestimmung, indem Personen ihre menschliche Fähigkeit nutzen, praktisch mit Gründen zu operieren, das heißt, sie abzuwägen, sich mit ihnen selbst zu beschreiben und nach ihnen zu handeln. Diese Fähigkeit macht die menschliche praktische Identität aus. Korsgaard charakterisiert dieses Identitätskonzept als „[…] a discription under which you value yourself, a description under which you find your life to be worth living and your actions to be worth undertaking”[11]. Die Wertschätzung meiner Identität konstituiert sich demnach aus der Beschreibung meiner Identität und ihren Aspekten. Wie stellt sich solch eine Beschreibung dar? Koorsgaard führt weiter aus, dass wir alle Menschen sind, welche ein Geschlecht haben, Religionen sowie anderen Gruppen angehören, Familie, Liebespartner sowie Freunde haben und all diese Dinge liefern uns Gründe und Verpflichtungen, mit denen wir uns selbst beschreiben und danach handeln können[12]. Jedoch sind es nicht nur die äußeren Weltbezüge, welche die Identität von Personen konstituiert, sondern eben auch die inneren Persönlichkeitsmerkmale[13] und viele Lebensumstände, die von Personen nie selbst gewählt wurden, wie zum Beispiel „[…] one’s gender, one’s overall physical abilities, one’s race, sexuality, and so on […]“, da sie ihnen angeboren und durch soziale Einflüsse anerzogen sind oder äußere Umstände seit frühester Kindheit Bestandteil ihres Lebens sind[14]. Christman erläutert, dass diese basalen Aspekte häufig auch die Ursache von Persönlichkeitskonflikten sein können, da sie vor allem durch ihre Langfristigkeit sehr tief in die Persönlichkeit integriert sind, sodass sie eher passiv und unkontrollierbar in Reaktions-, Verhaltens-, Handlungsmuster und in Wünschen der Person wirken[15]. Die praktische Identität versucht nun, diese verankerten Aspekte einerseits aufzudecken und zeichnet sich im Weiteren dadurch aus, dass sie sich durch Rechtfertigung ein Verhältnis zu ihnen aufbauen kann.

[...]


[1] Vgl. Bohlken 2009, S.391.

[2] Kipke 2011, S. 50; Auslassung: M.K.; Hervorhebung: Autor.

[3] Kipke 2011, S. 52; Auslassung: M.K.

[4] Vgl. Kipke 2011, S. 61.

[5] Vgl. Christman 2009, S. 144.

[6] Vgl. Christman 2009, S. 153.

[7] Christman 2009, S. 154.

[8] Vgl. Christman 2009, S. 146 und S. 153.

[9] Christman 2009, S. 155.

[10] Vgl. Nunner-Winkler 2009, S. 353 f.

[11] Korsgaard und Onora O'Neill 1996, S. 101; Auslassung: M.K.

[12] Vgl. Korsgaard und Onora O'Neill 1996, S. 101.

[13] Wie schon in der Einleitung erwähnt, zeichnet unsere Identität noch viel mehr aus: „[…] mentale Kompetenzen, Handlungsfähigkeit und Gewohnheit, Haltung, Einstellungen und affektive und voluntativ verankerte Denkweisen, langlebige Wünsche und Bedürfnisse, dauerhafte psychische Befindlichkeiten und Gefühlsneigungen“. Christman weist im Besonderen ebenso auf unsere mentalen Fähigkeiten hin: “What we can simply label our “personality” is the characteristic manner in which we organize thought, orient judgment, and react to stimuli”. Christman 2009, S. 150.

[14] Christman 2009, S. 151; Auslassungen: M.K.

[15] Vgl. Christman 2009, S. 125 und 152.

Details

Seiten
17
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346008480
ISBN (Buch)
9783346008497
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496866
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
gefühle praktische identität veränderung gefühlen rationalität
Zurück

Titel: Gefühle und Praktische Identität. Die Veränderung von Gefühlen durch praktische Rationalität