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Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg 1941-1945

Wissenschaftlicher Aufsatz 2002 17 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Vorgeschichte: Die turbulenten Jahre der Zwischenkriegszeit

Hitlers Griff nach Südosten: Der Balkan unter deutscher Dominanz

Die „Neuordnung“ des jugoslawischen Raumes

Slowenien zwischen Anpassung und Widerstand

Der kroatische Ustaša-Staat

Serbien unter deutscher Militärverwaltung

Die serbisch-montenegrinischen četnici

Die ungarische Okkupation der Baranja und der Bačka

Der „Volksbefreiungskrieg“ Titos

Versuch einer Bilanz

Einleitung

Mit dem von Hitler Ende März 1941 als Reaktion auf einen Putsch serbischer Militärs und Oppositionspolitiker gefassten Entschluss, das Königreich Jugoslawien „So rasch als möglich“[i] zu zerschlagen, fand der im Dezember 1918 aus dem Königreich Serbien, dem Königreich Montenegro und der Erbmasse der Habsburgermonarchie entstandene Staat nach einem kurzen Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten ein unrühmliches Ende. In der Folge setzte im Frühjahr 1941 ein vierjähriger Krieg und Bürgerkrieg auf dem Gebiet Jugoslawiens ein, dessen Ursachen, Verlauf und Konsequenzen im folgenden Beitrag in groben Zügen erörtert und analysiert werden sollen.[ii]

Vorgeschichte: Die turbulenten Jahre der Zwischenkriegszeit

Bereits die Ausgangslage nach dem Ersten Weltkrieg für die Errichtung eines stabilen und funktionierenden südslawischen Gemeinwesens war alles andere als günstig und vorteilhaft: Kriegsgewinner und Kriegsverlierer sollten in einem Staat vereint werden; staatsrechtliche, nationale, soziale, kulturelle und ökonomische Differenzen und Gegensätze in erster Linie zwischen dem entwickelteren Nordwesten und dem rückständigeren Südosten waren mitunter gross, obwohl nicht unbedingt unüberbrückbar. Das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ zeichnete sich durch ethnische, sprachliche und konfessionelle Heterogenität aus, die selbst für „balkanische“ Verhältnisse ausserordentlich war: Neben den drei Titularnationen gab es in dem von seinen Gründern als „Nationalstaat“ bezeichneten Staatswesen mindestens 14 weitere Minderheiten, von denen die überwiegende Mehrheit einem von sechs Glaubensbekenntnissen angehörte. Die ethnische und konfessionelle Komplexität der jugoslawischen Bevölkerungsstruktur war jedoch nur einer – und dabei mit Sicherheit nicht der gewichtigste – von vielen Faktoren, die für den instabilen Zustand des Landes zwischen 1918 und 1941 verantwortlich waren. Die überstürzte Staatsgründung und die daraus resultierende kaum erfolgte Klärung entscheidender Fragen staats- und verfassungsrechtlicher Natur zwischen Vertretern aus den Ländern der ehemaligen Donaumonarchie einerseits und serbischen Politikern andererseits sollten sich als bedrückende Hypothek für das künftige Zusammenleben im jungen Staat erweisen. Dieses Versäumnis, zusammen mit mangelnder politischer Erfahrung sowie fehlender Kompromissbereitschaft vieler jugoslawischer Volksvertreter und ihrer Unfähigkeit oder ihrem Unwillen, soziale und wirtschaftliche Missstände dezidiert zu beseitigen, führten letztlich dazu, dass vormals latent vorhandene nationale und/oder religiöse Gegensätze und stereotype Feindbilder (vorrangig zwischen Serben und Kroaten, Serben und bosnischen Muslimen oder zwischen Serben und Albanern) in der Zwischenkriegszeit offen zutage traten und bisweilen in gegenseitiger Abneigung und Verachtung kulminierten.[iii] Der von Hitler im April 1941 initiierte Krieg und die sich daran anschliessende Zerstückelung des Landes schufen exakt jene Rahmenbedingungen, unter denen die destruktiven Kräfte ungehindert freigesetzt werden konnten und die aus der Zwischenkriegszeit ererbten Konflikte nun auf der Ebene einer kriegerischen Auseinandersetzung ausgetragen werden sollten.

Hitlers Griff nach Südosten: Der Balkan unter deutscher Dominanz

Abgesehen von der schon im April 1939 erfolgten italienischen Okkupation Albaniens kam es bis zum Sommer 1940 zu keinen territorialen Veränderungen in Südosteuropa. Erst mit der ultimativen Forderung der Sowjetunion im Juni 1940 an den grossrumänischen Staat, sowohl Bessarabien als auch die Nordbukowina abzutreten, wurde derjenige Prozess ins Rollen gebracht, der etwa ein Jahr später mit der geografischen und politischen Umgestaltung des Balkans seinen vorläufigen Abschluss fand.

Im August 1940 verlor Rumänien durch den „Zweiten Wiener Schiedsspruch“ Nordsiebenbürgen an das revisionistische Ungarn und im „Vertrag von Craiova“ vom September des gleichen Jahres ging die Süddobrudscha an Bulgarien verloren. Um weitere Gebietsverluste zu verhindern, trat Rumänien im November 1940 unter General Ion Antonescu, gleichzeitig mit Ungarn und der Slowakei, dem schon im September zwischen Deutschland, Italien und Japan geschlossenen Dreimächtepakt bei. Bereits wenige Wochen vor dem Beitritt marschierten deutsche Instruktionstruppen in Rumänien ein, was sowohl bei Mussolini als auch bei Stalin zunehmende Besorgnis über den wachsenden Einfluss Hitlers in Südosteuropa hervorrief. Aus Wut und Verzweiflung über die eigenmächtige Vorgehensweise Hitlers und um den italienischen Machtbereich an der Adria auszudehnen, entschloss sich Mussolini im Herbst 1940 zu jener verhängnisvollen Aggression gegen Griechenland, die kurze Zeit später mit der italienischen Niederlage endete und weitere deutsche Interventionen in Südosteuropa nach sich zog. Im Dezember 1940 erliess Hitler gleich zwei wichtige Direktiven: Unter dem Decknamen „Operation Marita“ liefen die Vorbereitungen für die Invasion nach Griechenland und mit dem Nom de Guerre „Unternehmen Barbarossa“ wurde bekanntlich der in Planung befindliche Krieg gegen die Sowjetunion bezeichnet. Nachdem Bulgarien seine Zustimmung zum Durchmarsch deutscher Truppen für den Griechenlandfeldzug schon im Januar gegeben hatte und im März gemeinsam mit Jugoslawien dem Dreimächtepakt beigetreten war, griff Deutschland im April 1941 Griechenland und Jugoslawien an. In beiden Ländern rief die deutsche (bzw. die italienische, bulgarische und ungarische) Besatzungspolitik mehr oder minder starken Widerstand von untereinander rivalisierenden Gruppierungen (Kommunisten, Nationalisten, Monarchisten) hervor. Ein blutiger und mit grausamer Härte geführter Bürgerkrieg war die Folge, der in Jugoslawien am 15. Mai 1945, in Griechenland erst im Herbst 1949 zu Ende ging und in beiden Ländern tiefe, teilweise bis zum heutigen Tag nicht verheilte Wunden hinterliess.

Von den südosteuropäischen Ländern waren somit im Frühjahr 1941 Albanien, Rest-Jugoslawien und Griechenland von Truppen der Achsenmächte und ihren Verbündeten okkupiert, bzw. Teile ihres Staatsgebietes annektiert, während Bulgarien, Rumänien und der „Unabhängige Staat Kroatien“ (NDH = Nezavisna država Hrvatska) als Marionetten des Deutschen Reiches fungierten.

Die „Neuordnung“ des jugoslawischen Raumes

Es bedurfte keiner übermässigen militärischen Anstrengung seitens Deutschland, den jugoslawischen Staat zur Aufgabe zu zwingen: Nach nur elf Kriegstagen musste Belgrad am 17. April 1941 die bedingungslose Kapitulation hinnehmen. Der jugoslawische Vielvölkerstaat wurde zerschlagen und - im Wesentlichen nach den Vorstellungen Hitlers - auf den Wiener Verhandlungen vom 20. bis zum 22. April 1941 unter Deutschland und seinen Verbündeten aufgeteilt: Deutschland besetzte ohne vorherige Rücksprache mit Rom den grösseren Teil Sloweniens, zwar ohne die Hauptstadt Ljubljana, dafür aber okkupierten deutsche Truppen die Untersteiermark, das ehemalige Kärntner Miesstal, die Gemeinde Seeland und Oberkrain; vier Katastralgemeinden in der Nordwestecke des Übermurgebiets wurden von Deutschland annektiert.[iv] Italien annektierte fast den ganzen Rest Sloweniens (Provincia di Lubiana), grosse Teile Dalmatiens sowie die meisten der dalmatinischen Inseln. Montenegro (ohne die Bucht von Kotor) sollte als „unabhängiger“ Staat unter italienischem Protektorat wieder auferstehen und das ebenfalls von Italien regierte Albanien hielt sich am grössten Teil des Kosovo, dem westlichen Mazedonien und einem mehrheitlich von Albanern bewohnten Streifen zwischen Montenegro und Albanien schadlos. Bulgarien nahm sich den grösseren Teil Mazedoniens, Teile Süd- und Ostserbiens und den Rest des Kosovo. Ungarn gliederte die nach dem Ersten Weltkrieg verloren gegangenen Gebiete des historischen Südungarns, namentlich die Bačka und die Baranja wieder ein und erweiterte sein Territorium zudem um das in der Zwischenkriegszeit zu Kroatien gehörende Međimurje und das von Slowenien abgetrennte Prekmurje. Serbien - ungefähr in den Grenzen vor den Balkankriegen - und das serbische Banat kamen unter deutsche Militärverwaltung. Kroatien-Slawonien mit Syrmien und ganz Bosnien-Herzegowina bildeten schliesslich den „Unabhängigen Staat Kroatien“ (NDH) mit Ante Pavelić an seiner Spitze.

An der Hitlerschen „Neuordnung“ war – um mit den Worten des britischen Historikers Alan S. Milward zu sprechen – wenig neu und noch weniger in Ordnung.[v] Sie zeichnete sich durch Kurzsichtigkeit, Planlosigkeit und mangelnde historische Kenntnisse aus, was Staatssekretär Ernst Freiherr v. Weizsäcker bereits im April 1941 zu folgender Aussage verleiten liess: „Im übrigen scheint mir die Neuordnung des Balkans [...] so zu erfolgen, dass keiner mit seinem Nachbarn sich vertragen kann. [...] Ich frage mich nur, wer diesen Sack voll von Flöhen jetzt im Kriege hüten wird.“[vi]

[...]


[i] Zitiert aus: Hubatsch, Walter, Hitlers Weisungen für die Kriegsführung 1939-1945, Frankfurt am Main 1962, S. 106.

[ii] Als weiterführende Literatur zum Thema „Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg“ sei auf die beiden Standardwerke eines amerikanischen Historikers kroatischer Provenienz hingewiesen: Tomasevich, Jozo, War and Revolution in Yugoslavia 1941-1945. Occupation and Collaboration, Stanford 2001; Ders., The chetniks, Stanford 1975.

[iii] Über Jugoslawien in der Zwischenkriegszeit verweise ich auf das hervorragende Werk von Suppan: Suppan, Arnold, Jugoslawien und Österreich 1918-1938. Bilaterale Aussenpolitik im europäischen Umfeld, München 1996.

[iv] Vgl. Suppan, Arnold, Deutsche Geschichte im Osten Europas. Zwischen Adria und Karawanken, Wien 1998, S. 393.

[v] Vgl. Sundhaussen, Holm, Geschichte Jugoslawiens 1918-1980, Stuttgart u.a 1982, S. 110.

[vi] Zitiert aus: Sundhaussen, Holm, Kollaboration und Widerstand in den Ländern Jugoslawiens 1941-1945, in: Europa unterm Hakenkreuz. Okkupation und Kollaboration (1938-1945). Beiträge zur Konzeption und Praxis der Kollaboration in der deutschen Okkupationspolitik. Zusammengestellt und eingeleitet von Werner Röhr (= Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus 1938-1945, Ergänzungsband 1, hg. Vom Bundesarchiv), Berlin/Heidelberg 1994, S. 353.

Details

Seiten
17
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638460736
ISBN (Buch)
9783638802451
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49691
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
Schlagworte
Jugoslawien Zweiten Weltkrieg

Autor

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Titel: Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg 1941-1945