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Sprache und Volk. Die Sprachauffassung Ernst Moritz Arndts in der radikal nationalistischen Flugschriften-Publizistik während des Sechsten Koalitionskrieges

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 25 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Thema, Vorgehensweise und Forschungsstand

2. Textauswahl und Erkenntnisinteresse

3. Zusammenstellung der Aussagen Arndts über Sprache
3.1 Metaphern
3.2 Sprachursprung und Sprachwandel
3.3 Wesen und Funktion der Sprache
3.4 Implikationen und Appell

4. Zusammenfassung der Sprachauffassung Arndts

Literatur

1. Thema, Vorgehensweise und Forschungsstand

Diese Arbeit hat die Flugschriften-Publizistik von Ernst Moritz Arndt aus der Zeit des Sechsten Koalitionskrieges zum Gegenstand. Thematisiert wird die darin formulierte Sprachauffassung bzw. Sprachphilosophie. Seine Aussagen über Sprachursprung, Sprachwandel, Wesen und Funktion der Sprache sollen zusammengetragen werden. Die Kennzeichen der Sprachauffassung Arndts werden auf der einen Seite unabhängig von anderen sprachphilosophischen Betrachtungen ermittelt. Hierfür werden Prämissen, Argumentationsweise, eigentümliche Metaphern und Schlussfolgerungen, welche die Sprachphilosophie Arndts bestimmen, erörtert. Auf der anderen Seite werden die sondierten Aussagen mit zentralen Überlegungen anderer sprachphilosophischer Texte verglichen, z.B. von Humboldt oder Saussure, um die Besonderheiten der Sprach-reflexion von Arndt näher zu beleuchten. Ausdrücklich nicht berücksichtigt werden Analogien zu Fichte, Jahn oder Kleist, um die radikal nationalistischen Aussagen Arndts nicht in den Kontext einer angeblich verkannten Stimmungslage während der Napoleonischen Kriege zu rücken.

Von 1860 bis 1945 war das Interesse an den Texten von Arndt in der Forschung weit aus größer als in der Folgezeit. Die „verdiente wie gründliche Vergessenheit“ bzw. folgenreiche Amnesie, die Walter Erhart und Arne Koch für die gegen-wärtige Arndt-Forschung ausmachen1, sehen sie in der affirmativen Rezeption seiner Texte während der Jahrzehnte nationalistischer Politik und Ideologie. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die nationale Schwärmerei und die gegen das französische Volk gerichteten Hasstiraden in den Texten Arndts überwiegend als Ungemach wahrgenommen. Ehrerbietung für die nationale, martialische Lyrik und die xenophobe und oft antisemitische Publizistik durch Rückendeckung der Wissenschaft waren kaum mehr möglich. Dennoch gab es auch nach dem Zweiten Weltkrieg Forschungsbeiträge zu Arndt. Noch heute bildet die in den siebziger Jahren herausgebrachte Bibliographie von Karl Heinz Schäfer2 einen unverzichtbaren Anteil für die Arndt-Forschung. Auch seine Arbeit, die Arndt als politischen Publizisten thematisiert3, ist bedeutend, da sie die Rezeption Arndts gründlich korrigierte. In der DDR konzentrierte man sich auf seine kämpferischen Schriften gegen die Leibeigenschaft in Schwedisch-Pommern oder auf seine vermeintliche Wandlung vom Verächter des russisches Volkes zum Bewunderer und Vorreiter Deutsch-Russischer-Völkerfreundschaft.4 Erst in jüngster Zeit rückt Arndt wieder ein wenig ins Interesse, und zwar in der Erforschung des europäischen Nationalismus. Im Jahr 2007 erschienen mindestens zwei umfangreichere Beiträge in dieser Hinsicht – eine Dissertation von Wiebke Otto (welche die Bibliographie von Karl Heinz Schäfer in ihrem Kapitel zum Forschungsstand gut ergänzt) und ein Band der bereits erwähnten Herausgeber Walter Erhart und Arne Koch.

Es bleibt festzuhalten, dass sich die Forschung nach 1945 zwar mit den politi-schen, ideengeschichtlichen, religiösen Inhalten seiner Texte oder mit der Einordnung dieser in die Literaturgeschichte und Publizistik befasst hat oder sich an biographischen, regionalen Darstellungen seiner Wirkung versuchte, eine umfangreiche Untersuchung der Sprachphilosophie Arndts aber noch nicht vor-genommen wurde. Eine sprachwissenschaftliche Perspektive darauf bietet bislang die These, dass Arndt einerseits mit seinem Fremdwortpurismus und seiner Angst vor Sprachverfall in einer bis ins 17. Jahrhundert zurückreichenden Tradition der Sprachbetrachtung in Deutschland steht, dass er aber andererseits die deutsche Sprache und auch die innergesellschaftlichen Kommunikation zum Zwecke eines nationalistisch gesinnten Mehrheitswillen zu instrumentalisieren beabsichtigte.5

2. Textauswahl und Erkenntnisinteresse

Arndts umfangreiche Textsammlung kann man in zwei Phasen der Veröffent-lichung unterteilen. Die erste fällt in die Zeit der Napoleonischen Kriege und der sog. Befreiungskriege. Die zweite Phase in den Zeitraum der monarchischen Restauration und der gescheiterten Bürgerlichen Revolution von 1848. Für diese Arbeit ist die erste Phase von Bedeutung, in welcher Arndt nicht nur Bücher ver-öffentlichte, die ihn weiten Teilen Europas bekannt gemacht haben sollen6, sondern sich auch mit der Herausgabe zahlreicher Flugschriften und Lieder hervorgetan hat. Den Beginn dieser intensiven Flugschriften-Publizistik ermittelt der Historiker Karl Heinz Schäfer mit dem Antritt der Professur Arndts 1806 in Greifswald, das Ende mit einem Gerichtsverfahren gegen ihn im Jahre 1819/20 im Zusammenhang mit den verschärften Zensurbestimmungen der Karlsbader Beschlüsse.7 Die ausgewählten Texte für die vorliegende Arbeit sind der Flugschriften-Publizistik innerhalb der erwähnten ersten Phase entnommen.

Speziell für diesen Zeitabschnitt gibt es in allen Texten Arndts ein wieder-kehrendes Thema mit zwei unverbrüchlichen Aussagen: die Beschwörung bzw. Verherrlichung einer deutschen Volksidentität und die Anfeindung bzw. Agitation gegen das sog. Welsche, namentlich das Französische. Erweitert wird dieses kontinuierliche Thema zwar mit aktuellen politischen Themen, dennoch bleibt Arndt seinem Anliegen treu. Er wiederholt und variiert in den verschiedenen Texten Aussagen, manchmal im nahezu identischen Wortlaut, aus anderen Texten und repliziert seinen nationale Gesinnung und seinen Franzosenhass ohne Unter-lass und ohne dabei etwas Neues hinzuzufügen.

Auch in den beiden zusammen publizierten Texten „Ueber Volkshaß“8 und „Über den Gebrauch einer fremden Sprache“9 sowie in dem Text „Entwurf einer teutschen Gesellschaft“10 ist die Dichotomie Liebe zum deutschen Volk und Hass auf das Welsche grundlegend. Passagen der Sprachbetrachtungen machen in diesen Flugschriften den Eindruck, dass sie dem nationalistischen Anliegen untergeordnet und der Sprachphilosophie eigentlich nicht dezidiert zuzurechnen sind.

Die Frage ist also berechtigt, was wir aus der Analyse des Sprachverständnis von Arndt eigentlich gewinnen können. Sind die Flugschriften nicht eher Pamphlete einer mit Worten umtriebigen Person, die sich zu vielen Themen äußert, aber immer nur auf das eine hinaus möchte? Welchen Beitrag können die radikal nationalistischen Texte zur Sprachphilosophie beigetragen haben, wenn die Sprachbetrachtung darin immer nur vor dem Hintergrund einer Apologie des Fremdenhasses betrieben wird? Hat Arndt ein dezidiertes Interesse, Erkenntnis darüber zu gewinnen, was Sprache ist oder nutzt er diese sprachphilosophische Fragestellung nur für nationalistische Thesen aus? Diese Fragen sollen nicht aufgelöst werden, folgende Überlegung soll aber erklären, warum es lohnenswert für die Geschichte der Sprachphilosophie ist, sich mit der Sprachauffassung Arndts auseinanderzusetzen.

Arndt hatte mit einer philologischen Arbeit habilitiert und war zunächst Privatdozent für Philologie11, später Professor für Geschichte und Philosophie in Greifswald. Es bleibt Spekulation, warum der Antritt seiner Professur mit der intensiven Publizistik zusammenfällt, aber wir können davon ausgehen, dass er seine Sprachauffassung nicht nur in diesen Flugschriften verbreitete, sondern sie auch an der Universität gelehrt hatte. Es sind also nicht nur die müßigen Sprach-reflexionen eines politischen Publizisten. Die Texte weisen auf eine Lehrmeinung hin, als die Sprachwissenschaft eine eigenständige Disziplin neben dem Altphilologischen Unterricht an den Universitäten wurde. In dieser Hinsicht sind Arndts Sprachbetrachtungen innerhalb der Flugschrift-Publizistik für die Wissenschaft der Sprachgeschichte bzw. der Sprachphilosophie von großer Bedeutung.

3. Zusammenstellung der Aussagen Arndts über Sprache

Im Folgenden soll die Sprachauffassung Arndts unter den Kriterien Metaphern, Sprachursprung, Wesen und Funkion der Sprache, Sprachwandel, Appell und Implikation einzeln betrachtet werden. Die Texte von Arndt sind in dieser Weise nicht strukturiert, sie haben keine entsprechenden Überschriften oder klar abge-grenzte Abschnitte, in denen ein Aspekt abschließend vertieft wird. Vielmehr sind die Texte dadurch gekennzeichnet, dass Gedanken wiederholt, Aussagen variiert werden oder die Problemstellung plötzlich wechselt, z.B. von Theologie zu Ethnologie, von Sprachphilosophie zu Politik. Ob es eine Manier in der Schreibweise Arndts ist oder ob dieser Textaufbau an eine Erwartungshaltung der zeitgenössischen Rezipienten gebunden ist, soll nicht untersucht werden. Es soll jedoch auf die Widrigkeit hingewiesen werden, aus den unsteten, redundanten Überlegungen eine bündige Sprachauffassung herauszuarbeiten. Die Vorgehens-weise, die Sprachauffassung in Teilbereiche zu gliedern, soll helfen, zunächst einen Überblick über relevanten Aussagen zu gewinnen.

3.1 Metaphern

Die Metaphern sollen zunächst nur benannt und aufgezählt werden und gemäß der Häufigkeit ihrer Verwendung bewertet werden. Eine Einordnung als Kennzeichen des Sprachverständnisses Arndts wird in späteren Abschnitten gegeben.

Sprache als Leib. Diesen bildhaften Vergleich verwendet Arndt in dem Text nur einmal.12 Er ist geknüpft an die Idee einer Seele und an die Vorstellung, dass sich diese in der Physiognomie des Menschen zeigt: „So wie der Leib die durch-scheinende Hülle der Seele ist, so ist die Sprache gleichsam der Leib aller innerlich im Menschen bewegten Seelenkräfte.“13

Sprache als Spiegel, Bild bzw. Abbild. Diese oft zusammen in einer Aufzählung genannten Metaphern verwendet Arndt recht häufig. Sie geht von der Annahme aus, dass jede Einzelsprache etwas anderes abbildet. Die Spiegelmetapher bezieht sich also nicht auf die generelle Sprachkompetenz aller Menschen, der Spiegel re-flektiert nicht eine menschliche Eigenheit, sondern nur oder ausdrücklich die spezielle Wesensart eines Volkes. „Die Sprache ist ein Spiegel des Volkes; aus der Sprache erscheint hell, was es will, wohin es strebt, wohin es sich neigt, was es am meisten liebt und übt“14 Und an anderer Stelle heißt es noch einmal:

„[...] die Sprache sey der Spiegel und Bild eines Volkes, der äußere Abdruck seines innersten Lebens, seine Geschichte, seine Neigungen, seine Anlagen, seine Weltansicht und seine Liebe und sein Haß [...]“15

Sprache als Gepräge oder Abdruck. Auch diese Metapher verwendet Arndt sehr häufig. Sie geht davon aus, dass eine Einzelsprache dem Individuum und einer Sprechgemeinschaft konkrete Eigenschaften auferlegt:

„[...] es ist unvermeidlich, daß jede Sprache sich […] in dem Gemüthe dessen abdrucke und auspräge, der sie in seinen frühesten Jahren gebraucht. Wenn also z.B. ein teutsches Kind von seinem dritten oder vierten Jahre an englisch und französisch spricht, liest und schreibt, so muß das Gepräge eines englischen oder französischen Gemüthes sich mehr und mehr in ihm abdrucken [...]“16

Aus der Schlussfolgerung, wenn Sprache das Wesen eines Individuums oder gar eines ganzen Volkes abbildet, dann hat das Einüben einer bestimmten Einzel-sprache auch Auswirkung auf die Wesensart des einzelnen Menschen oder die komplette Sprechergemeinschaft, ist in der Sprachbetrachtung Arndts zentral. Die gesamte Argumentation kreist um diese Grundannahme.

Sprache als Nahrung. Diese gleich eingangs benutzte Metapher in dem Text „Ueber den Gebrauch einer fremden Sprache“ zielt wie die Gepräge-Metapher auf die charakterliche Veränderlichkeit von Mensch und Gemeinschaft durch eine Einzelsprache ab und soll erklären, warum die angebliche Übernahme der Wesensart eines anderen Volkes mittels der Einübung einer anderen Sprache schädlich ist: Wer „schon als Kind neben der Muttersprache […] noch in anderen lebenden Sprachen lallen lernt; […] sieht und empfängt von Anfang an zu viel und zu wenig […]. Denn was Gott ihm gegeben hatte, ward durch dieses thörigte Treiben sogleich verwirrt und verdunkelt und verkehrt entwickelt; seine Kindheit und Jugend bekam die Nahrung nicht, die seiner Natur angemessen war, sie wurden verkümmert und verkrüppelt […] und er mußte oft ein langes Leben durch Schwäche des Karakters und durch Wankelmuth, durch Ungleichheiten im Begehren und Denken […] büßen.“17

Sprache und Wörter als Schlüssel oder Münzen. Arndt gebraucht dieses Bild zum einen allgemein für die Sprache bzw. Einzelsprache und zum anderen konkret für Bestandteile einer Einzelsprache – den Wörtern. Die Vermutung, welcher dieser Metapher zugrunde liegt, ist die Veränderlichkeit von Sprache und Wort-bedeutung durch den Gebrauch der Sprecher, wobei die Häufigkeit des Gebrauches und der gesellschaftliche Stand des Sprechers während des Gebrauches im Vordergrund dieser Überlegung steht. Demnach kann die Sprache oder deren Lexik wie ein Schlüssel oder eine Münze keinen Rost ansetzen, solange diese im Gebrauch bleiben.18 Allerdings können sie auch an Wert verlieren, sobald diese zu häufig durch eine bestimmte Gruppe genutzt wird. Diese Metapher beruht also auf einer von der Antike über das Mittelalter, sogar bis in die Neuzeit, hinein reichende Erfahrung der Münzverschlechterung bzw. der sog. Münzverufung, als der Wert der Währung noch direkt an den Edel-metallgehalt der Geldstücke gebunden war:

„Viele der heiligsten [französischen] Wörter sind entadelt und befleckt, so wie es den Münzen geht, die durch die Hände des Pöbels laufen: das Gepräge wird bekritzelt und endlich abgeschliffen, aber blank bleibt die Münze, wenn sie auch nicht vollwertig bleibt.“19

An anderer Stelle und im Wesentlichen auf die deutsche Sprache bezogen heißt es:

„Diese Klasse [deutsche Gelehrte und Philosophen] macht in allen Ländern die Sprachen matt und todt, wenn die feine und grobe Welt, welche die Sprache eigentlich übt und spricht, nicht immer wieder ergänzend dazwischen tritt und die Worte aus der uneigentlichen und geistigen Bedeutung, wohin die Gelehrten sie nothwendig ziehen müssen, immer wieder in die eigentliche Bedeutung und lebendige Wehrung zurückzieht, kurz wenn diese das von den Gelehrten abgenutzte und zu leicht gewordene Geld nicht von Zeit zu Zeit wieder in die Münze bringt, damit es eingeschmolzen und im vollen Gehalt wieder neu ausgeprägt und ausgegeben werde.“20

Die Münz-Metapher wird ein weiteres Mal aufgegriffen, als Arndt die Folge des Bedeutungswandels der Wörter durch den Gebrauch bestimmter Gruppen erklären möchte:

„Der Gelehrte hat die Wörter, welche er faßte, durch den zu engen und geistigen Gebrauch […] zu leicht, dünn und gespenstisch gemacht, kommen sie aus seinen Händen ja einmal wieder unter das Volk, so sind sie so zerbraucht, daß das Volk sie fast wie falsche Münzen wegwirft.“21

Wortschatz als Körner in einem Sieb. Dieser Vergleich ist in seiner Erklärungsabsicht äquivalent mit der Münz-Metapher, jedoch bezieht sie sich nicht auf den Gebrauch bestimmter Wörter durch eine Gruppe, sondern benennt den Gebrauch des gesamten Wortschatzes durch die Sprechergemeinschaft:

„Eine Sprache, die ihren ganzen Vorrath immer über die Zungen laufen lässt, verliert die Würde und den Klang für Dichtkunst und Saitenspiel, wer seine Körner hundertmal über das Sieb springen lässt, wird freilich der Spreu und des Staubes los, aber die Körner laufen sich ab und werden selbst Spreu.“22

Wortschatzbereiche als Erz. Diese Metapher beruht auf der Annahme, dass die deutsche Sprache für einige Existenzbereiche des Menschen bzw. der Beziehung von Mensch und Welt einerseits sehr reich, andererseits jedoch sehr arm an Ausdrücken sei. Reich ist sie für Arndt hinsichtlich der kontemplativen Neigung des Deutschen, „in der Einsamkeit des Umgangs mit Göttern und Geistern […] in stiller und frommer Betrachtung […], was die Natur dem Menschen als Wunder offenbart, oder als hieroglyphisches Räthsel zuflüstert“.23 Arm ist die deutsche Sprache für die Bezeichnung sozialer Realität, für alles „was die Gesellschaft und das Zusammenleben der Menschen entwickelt und bildet“24. Arndt begründet die Spracharmut in diesem Bereich mit den vermeintlichen Anlagen des Deutschen, der das Private gegenüber dem Öffentlichen vorziehe. Er gibt aber den Sprechern der „höhere[n] und feinere[n] Gesellschaft“25 eine Mitverantwortung an dem Bezeichnungsmangel für das öffentliche Leben, da sie auf diesem lexikalischen Gebiet keine Sprachpflege betrieben hätten, sagt aber zugleich, dass „auf dieser Seite […] ein großer Sprachschatz des Vaterlandes noch fast unberührt und ungebraucht, wie gediegenes Erz zwischen seinen Felsen [liegt], daß der Hand der Bergleute wartet, die es ans Licht hinauffördern sollen.“26

Die bisher genannten Vergleiche übertragen überwiegend den abstrakten Gegenstand der Sprache bzw. Gegenstände der Sprache auf konkrete und leblose Objekte, ausgenommen die Leib-Metapher oder die Körner-Metapher, welche Vergleiche zu belebten Dingen herstellen. Arndt benutzt in seiner Argumentation aber auch Übertragungen auf biologische Gebilde, genauer auf das Tier- und Pflanzenreich. Diese Vergleiche haben, solange man die Abschnitte nur einzeln betrachtet, die Sprache nicht explizit zum Gegenstand, in ihr kommen aber Dinge zum Ausdruck, die an späteren Stellen wieder für die Sprachauffassung Arndts relevant sind.

[...]


1 Walter Erhart, Arne Koch, Eine Amnesie mit Folgen: Transnationale Wiederentdeckung Ernst Moritz Arndts im Kontext von Werk und Zeitgeschichte, in: Ebd. (Hgg.), Ernst Moritz Arndt (1769-1860). Deutscher Nationalismus – Europa – Transatlantische Perspektiven, Tübingen 2007, S. 2.

2 Karl Heinz Schäfer, Josef Schawe, Ernst Moritz Arndt. Ein bibliographisches Handbuch 1769-1969, Bonn 1971.

3 Karl Heinz Schäfer, Ernst Moritz Arndt als politischer Publizist. Studien zu Publizistik, Pressepolitik und kollektivem Bewußtsein im frühen 19. Jahrhundert, Bonn 1974.

4 Harald Raab, Ernst Moritz Arndt und die russische Befreiungsbewegung 1812. Festvortrag anläßlich des 100. Todestages von Ernst Moritz Arndt am 29. Januar 1960, in: Greifswalder Universitätsreden, Neue Folge Nr. 11.

5 Jürgen Schiewe, Nationalistische Instrumentalisierungen – Ernst Moritz Arndt und die deutsche Sprache, in: Walter Erhart, Arne Koch (Hgg.) Ernst Moritz Arndt (1769-1860). Deutscher Nationalismus – Europa – Transatlantische Perspektiven, Tübingen 2007, S. 113-120.

6 Thomas Stamm-Kuhlmann, Arndts Beitrag zur Definition der „Nation“, in: Walter Erhart, Arne Koch (Hgg.) Ernst Moritz Arndt (1769-1860). Deutscher Nationalismus – Europa – Transatlantische Perspektiven, Tübingen 2007, S. 18 f.

7 Schäfer 1974, S. 96 f.

8 Eine Version dieses Textes wurde, anonym eingesandt, im Juni 1813 veröffentlicht, Preußischer Correspondent 1813, Nr. 46, siehe dazu: Karl Hein Schäfer, 1971, S. 140.

9 Eine spätere Version fasst die beiden Texten zusammen, wobei „Ueber Volkshaß“ in der ersten Junihälfte 1813, „Ueber den Gebrauch einer fremden Sprache“ im Oktober/November 1813 niedergeschrieben und damit erst nach der Schlacht bei Leipzig beendet wurde. Veröffentlicht wurde der Text im November/Dezember 1813 durch einen Leipziger Verleger, siehe dazu: Schäfer 1971, S.151-152.

10 Arndt entwarf diesen Text im Herbst 1813 und arbeitete ihn im Juni 1814 aus, im Juli 1814 erschien der Text in Frankfurt am Main. Passagen aus diesem Text sind bereits in in der im Mai/Juni 1814 erschienen Flugschrift „Noch ein Wort über uns und die Franzosen“ in Leipzig erschienen, siehe dazu: Schäfer 1971, S. 170 u. 173.

11 Metzler Autorenlexikon, 2. erw. Auflage, Stuttgart, Weimar 1994, S. 24-25.

12 In Arndts geschichtsphilosophischen Betrachtungen spielt diese Metapher in Zusammenhang mit ähnlich korrespondierenden Vergleichen eine bedeutende Rolle, siehe dazu: Ralf Klausnitzer, Leib, Geist, Seele. Ernst Moritz Arndts Verbindung mit geschichtsphilosophischen und völkerpsychologischen Spekulationen der Romantik und ihre Rezeption in der NS-Zeit, in: Dirk Alvermann, Irmfried Garbe (Hgg.), Ernst Moritz Arndt. Anstöße und Wirkungen, Köln u.a. 2011, S. 73-120.

13 Ernst Moritz Arndt, Ueber den Gebrauch einer fremden Sprache, 1813, S. 32.

14 ebd. S. 33.

15 ebd. S. 35.

16 ebd. S. 35.

17 ebd. S. 24-25.

18 ebd. S. 44.

19 ebd S. 57.

20 ebd. S. 75-76.

21 ebd. S. 77.

22 ebd. S. 57.

23 ebd. S. 58.

24 ebd. S. 57.

25 ebd.

26 ebd. S. 58.

Details

Seiten
25
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668997639
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496934
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Sprachphilosophie Ernst Moritz Arndt Sprachbetrachtung Sprachauffassung 19. Jahrhundert Sprachreflexion Humboldt Saussure Sprachverwirrung Sprachpurismus Sprachkritik Nationalstaatsbildung Europa Koalitionskriege Napoleonische Herrschaft Fremdwörter Welsch Frankreich Xenophobie Franzoßenhass Hass

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