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Handreichungen für den Deutschunterricht zu Franz Kafka: "Die Verwandlung"

Unterrichtsentwurf, Stundenskizzen und Material

von Herbert Fuchs (Autor) Dieter Seiffert (Autor)

Unterrichtsentwurf 2019 93 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Interpretation

Didaktische Überlegungen

Stundenskizzen

Sequenz 1: Anfangssatz – Erzählanfänge – Aspekte für eine Analyse
1 Unterrichtszusammenhang
2 Unterrichtsziele
3 Unterrichtsverlauf

Exkurs

Sequenz 2: Erste Reaktionen
1 Unterrichtszusammenhang
2 Unterrichtsziele
3 Unterrichtsverlauf

Sequenz 3: Arbeit und Beruf
1 Unterrichtzusammenhang
2 Unterrichtsziele
3 Unterrichtsverlauf
4 Hausaufgabe
Alternative

Sequenz 4: Gregors Verfall - ein Prozess
1 Unterrichtszusammenhang
2 Unterrichtsziele
3 Unterrichtsverlauf
Alternative 1
Alternative 2:

Sequenz 5: Familie Samsa – ein Modell
1 Unterrichtszusammenhang
2 Unterrichtsziele
3 Unterrichtsverlauf
4 Hausaufgabe

Sequenz 6: Schluss und Gesamtdeutung
1 Unterrichtszusammenhang
2 Unterrichtsziele
3 Unterrichtsverlauf

Sequenz 7: Erzählerische Mittel
1 Unterrichtszusammenhang
2 Unterrichtsziele
3 Unterrichtsverlauf

Sequenz 8: Ende aller Vertrautheit: Bildentgleisungen
1 Unterrichtszusammenhang
2 Unterrichtsziele
3 Unterrichtsverlauf

Materialien

M 1 Biografie

M 2 Historisch-politischer Hintergrund

M 3 Tagebucheintragungen

M 4 Briefe

M 5 Eine Fortsetzungsgeschichte

Themenvorschläge für Klassenarbeiten/Klausuren

Audiovisuelle Materialien

Ausgewählte Sekundärliteratur

Interpretation

Die Verwandlung, Kafkas berühmteste Erzählung, 1912 niedergeschrieben und 1915 erstmals veröffentlicht, beginnt mit einer unglaublichen Begebenheit: Der Reisende Gregor Samsa, aus unruhigen Träumen erwachend, ist in ein Tier, einen Käfer, verwandelt. Die Erzählung nimmt – ganz im Gegensatz zu den Erzählmustern sonstiger fantastischer Literatur – „beim übernatürlichen Ereignis ihren Anfang, um jenem dann im Verlaufe der Handlung ein immer natürlicheres Ansehen zu geben“[1].

Wie man den Akt der Verwandlung auch erklären oder deuten mag, Tatsache ist, dass durch diesen schockierenden Vorgang Andersartigkeit und Fremdheit des Gregor Samsa mitgeteilt, in Szene gesetzt und zum Ausgangspunkt der weiteren Handlung gemacht werden. Die Stigmatisierung Gregors als Käfer scheidet ihn von allen anderen und schafft dem Erzähler die Voraussetzung, die Lage seiner Hauptfigur unter strukturellen Gesichtspunkten zu sehen. Weil die Metamorphose so radikal, die Situation Gregors so exzeptionell ist, werden bürgerliche Konventionen außer Kraft gesetzt und grundlegende menschliche Existenzformen und zwischenmenschliche Beziehungsstrukturen, besonders solche innerhalb einer Familie, sichtbar gemacht.

Die Erzählung berichtet davon, wie Gregor mit seiner Ausnahmesituation der Verwandlung umgeht und wie sein familiäres und berufliches Umfeld darauf reagiert. Die Verhaltensweisen der Beteiligten beeinflussen sich gegenseitig, oft lässt sich nicht feststellen, was Ursache, was Wirkung ist.

Zunächst fällt auf, dass Gregor Samsa kaum erstaunt und nur mäßig beunruhigt über seinen Zustand ist. Er akzeptiert die Verwandlung, und es scheint, als sei ihm der Zustand, zumindest der Gedanke an ihn, nicht ganz fremd, ja, als erfülle er ihn mit einer gewissen Genugtuung. Nicht sein Tiersein und die möglichen Ursachen hierfür beschäftigen ihn, sondern die Auswirkungen auf seine Stellung als Reisender. Es ist erstaunlich, dass der Erzähler Gregor sich nicht vorrangig um sein Menschsein, sondern um seine Arbeitsfähigkeit und Berufstauglichkeit sorgen lässt. Erkennbar wird, dass Gregor in seinem Beruf unglücklich ist und unter den Bedingungen seiner Arbeit leidet. In direktem Zusammenhang mit seiner Verwandlung stellt der Erzähler als Nachteile der Berufstätigkeit heraus: Anstrengung, Aufregungen, Plagen, Sorgen, Unregelmäßigkeit und „ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr“. Gregor leidet unter dem Diktat der Zeit; er fühlt sich bei der Ausübung seines Berufs gehetzt, und auch in seinem verwandelten Zustand beherrscht der Wecker anfangs sein Dasein.

Der Leser erfährt, dass das Herrschaftsgebaren des Firmenchefs Gregor Angst eingeflößt und in ihm den Wunsch geweckt hatte, zu kündigen und dem Chef einmal die Meinung so heftig sagen zu dürfen, dass der vom Pult fällt. Gregor fühlt sich dazu „verurteilt“, gerade in einer solchen Firma arbeiten zu müssen.

Der grotesk anmutende Auftritt des Prokuristen im Hause Samsa stellt die szenische Beglaubigung aller Klagen und Empfindungen Gregors dar. Dieser Repräsentant der Arbeits- und Berufswelt dringt in Gregors Privatsphäre ein, tritt herrisch auf, maßt sich - mit einer gewissen Berechtigung - an, im Namen der Eltern zu sprechen, unterstellt seinem Untergebenen Untreue, deutet eine schon länger bestehende Unzufriedenheit mit dessen nachlassender Produktivität an. Er droht, ist ohne Mitleid, ist erbarmungslos, schüchtert ein und personifiziert durch sein Auftreten die von Gregor angeprangerte Herzlosigkeit der menschlichen Beziehungen in der Arbeitswelt.

Während der Prokurist alle Register zieht, um seinen Herr-im-Hause-Standpunkt zu unterstreichen und seine Verfügungsgewalt über den Untergebenen zu dokumentieren, verharrt Gregor im Zustand der Unterwürfigkeit. Von seinen Wunschträumen, dem Chef einmal die Meinung zu sagen, rettet er nichts in die Realität; er verbirgt sich, überschlägt sich mit Versprechungen, zwingt sich dem Prokuristen zuliebe unter großen Anstrengungen aus dem Bett, schmeichelt ihm und wünscht sich die Schwester herbei, damit sie den „Damenfreund“ besänftige. Die gesamte Szene zeigt, dass Gregor die Leistungs- und Herrschaftsideologie seiner Firma verinnerlicht hat und dass seine Deformation weit fortgeschritten ist. Als Rechtfertigung für seine Unterwürfigkeit kann er die vermeintliche Fürsorgepflicht gegenüber seiner Familie und seinen Zustand als Käfer geltend machen.

Wie lässt der Erzähler die Familienmitglieder auf die Verwandlung reagieren? Der Vater, der in einer nicht näher erläuterten Weise in der Schuld der Firma steht, tritt dem Prokuristen zur Seite. Die Befindlichkeit seines Sohnes interessiert ihn nur insoweit, als Gregor funktionieren soll. Die den Vater charakterisierende Geste gegenüber seinem Sohn ist die der drohenden Faust, die eine Steigerung erfährt, als er den Stock zu Hilfe nimmt, um sich mitzuteilen und dem Sohn seinen Willen aufzuzwingen. Der Vater verhält sich gegenüber Gregors Schwachheit aggressiv und erscheint so allmächtig, dass „es […] schon hinter Gregor gar nicht mehr wie die Stimme bloß eines einzigen Vaters (klang).“[2]

Die Mutter lässt der Erzähler anders agieren; sie spricht mit „sanfte(r)“ Stimme; sie stellt sich gegenüber dem Prokuristen in anrührender mütterlicher Naivität (Gregors Laubsägearbeiten) schützend vor ihren Sohn; sie geht, obwohl Gregor sich als Tier zeigt, auf ihn zu. Aber auch sie erreicht ihn nicht; sie verfängt sich zunächst in ihren Röcken, später wendet sie sich ab und lehnt sich aus dem Fenster; schließlich flieht sie in die Arme des Vaters und macht so ihre Entscheidung für den Ehemann und gegen den Sohn sinnfällig.

Am Ende des ersten Abschnitts der Erzählung wird erkennbar, dass sich Gregor durch das Zusammenleben mit seiner offensichtlich kleinbürgerlichen Familie und durch seine Arbeit definiert. Die Eltern erschrecken über den Käfer in ihrer Familie, Vater und Prokurist reagieren deutlich aggressiv, weswegen Gregor glaubt, keine Verantwortung mehr zu haben.

„Würden sie erschrecken, dann hatte Gregor keine Verantwortung mehr und konnte ruhig sein. Würden sie aber alles ruhig hinnehmen, dann hatte auch er keinen Grund sich aufzuregen, und konnte, wenn er sich beeilte, um acht Uhr tatsächlich auf dem Bahnhof sein.“ (S. 15)

Seine Hoffnung, wieder in den „menschlichen Kreis“ einbezogen zu werden, erfüllt sich nicht. Er ist in seiner Andersartigkeit allein gelassen und zurückgestoßen, seine berufliche Existenz ist zerstört; er ist nicht mehr der Ernährer der Familie und somit nutzlos geworden. Die Beziehungen innerhalb der familiären Lebensgemeinschaft müssen neu geordnet bzw. auf eine neue Basis gestellt werden, wobei es den Anschein hat, dass von den Eltern keine Hilfe zu erwarten ist.

Als Käfer ist Gregor - ein erzähltechnisch und psychologisch geschickter Schachzug – a priori in einen Zustand versetzt, der ihn in die Position des Zuschauenden bringt und ihn wehrlos macht und der nach Mitleid und Rücksichtnahme verlangt; die weitgehende Sprachlosigkeit trägt das ihre dazu bei. Alles deutet am Ende des Erzählabschnitts darauf hin, dass Gregor nicht in der Lage sein wird, die Konflikte, z. B. den Vater-Sohn-Konflikt, anzunehmen und auszufechten. Insbesondere hierdurch unterscheidet sich Die Verwandlung grundlegend von den zahlreichen Werken (vor allem denen des Expressionismus), in denen nach der Jahrhundertwende die Rebellion der Söhne gegen die Väter thematisiert wird. Gregor revoltiert allenfalls dadurch, dass er sich weitgehend passiv verhält und so andere ins Unrecht setzt.

Der zweite Abschnitt der Erzählung bestätigt die Animalisierung, erzählt von deren Progression und von der Rolle, die die Familienmitglieder in diesem Prozess spielen. In den Mittelpunkt der Ereignisse rückt der Erzähler zunächst die Schwester, die sich für Gregor und dessen Pflege zuständig fühlt. Ihre Maßnahmen zeugen bei vordergründiger Betrachtung von großem Einfühlungsvermögen und von Hilfsbereitschaft. Tatsächlich aber treibt gerade sie den Animalisierungsprozess unabänderlich voran, weil ihre Fürsorglichkeit die Verwandlung als ein reales und nicht reversibles Ereignis voraussetzt. Grete bringt einen Napf, erschrickt bei Gregors Anblick, trägt die Essensreste mit einem Fetzen hinaus, bietet Gregor eine Fülle von Speisen, die Menschen nicht zumutbar sind, kehrt die Speisereste, auch die unberührten, zusammen und kippt sie in einen Kübel, reißt das Fenster auf, weil sie Gregors Geruch nicht ertragen kann, richtet Gregors Zimmer tiergerecht her. Gregor unterstellt seiner Schwester anfangs edle und nachvollziehbare Motive, findet Erklärungen, die das Verhalten der Schwester als rücksichtsvoll und einfühlsam deuten, später aber verliert er seine Illusion und „durchschaute mit der Zeit alles viel genauer“ (S. 33). Gretes Selbstlosigkeit hat nicht ihren Bruder Gregor, sondern den Käfer zum Adressaten; die heroische Geste, mit der sie sich überwindet, ist selbstsüchtig und zeugt von Blindheit; ihr Altruismus hat in Wahrheit egoistische Motive, weil sie durch die Pflege Gregors an Ansehen gewinnt und eine neue Stellung innerhalb der Familie einnehmen kann. Gregor Schwäche ist die Voraussetzung für ihre Stärke. Grete, für Gregor ursprünglich die einzige Hoffnungsträgerin und Verbündete, entpuppt sich als wahre Gegenspielerin.

Auch der Vater wandelt sich. Er, der seit fünf Jahren keiner Arbeit nachgegangen war und die Rolle des Leidenden und Erschöpften kultiviert hat, ist wieder in Stellung. Sein ganzer Habitus verrät eine neu gewonnene positive Lebenseinstellung und einen Zuwachs an Selbstbewusstsein.

Ähnliches lässt sich für die Mutter nicht feststellen. Gregor wünscht sich ihre Anwesenheit sehnlichst. Als die Mutter hilft, Gregors Zimmer auszuräumen, wird erkennbar, dass sie es als Einzige für möglich hält, dass Gregor noch menschliche Regungen verspürt. Sie misstraut dem Bild, das Gregor von sich vermittelt, und lebt in der Annahme, Gregor würde in den Kreis der Familie zurückkehren. Sie weiß, dass das Ausräumen des Zimmers Gregors Metamorphose endgültig machen würde. Sie kann sich aber mit ihren Einwänden nicht durchsetzen, sondern fügt sich dem Diktat der Schwester, flieht dann in eine Ohnmacht und unterwirft sich schließlich wie am Ende des ersten Erzählabschnitts dem Vater. Diesmal verfängt sie sich nicht in ihren Röcken, sondern verliert sie und vereint sich, solchermaßen entkleidet, in einem sexualisierten Akt mit dem Vater. Die Familie ist sich in ihrer Gegnerschaft zu Gregor, dem Käfer, wenn nicht einig, so doch nahe. Die Schwester droht ihm mit „erhobener Faust“ und übernimmt die aggressive Gestik des Vaters; der Vater selbst sieht ausschließlich die Gefahr, die von seinem Sohn, dem Käfer, ausgeht, und treibt ihn in sein Zimmer zurück, wobei er mit Äpfeln wirft und Gregor eine Wunde zufügt, die letztlich zum Tod des Sohnes führen wird.

In diesem zweiten Abschnitt muss Gregor erkennen, dass seine Einschätzung, der Ernährer der Familie gewesen zu sein, zum Teil auf falschen Annahmen beruht hat, die vom Vater mehr oder weniger bewusst gefördert worden waren. Ihm wird deutlich, dass er ausgenutzt worden ist und dass die Bindungen der Familie zu ihm eine Angelegenheit des Geldes, nicht aber des Herzens waren. Seine Geborgenheit in der Familie und deren Abschottung gegenüber der Welt erweisen sich als ein Trugschluss. Besonders die Schwester, von der er glaubte, sie sei ihm „doch noch nahe geblieben“, entfernt sich von ihm gerade dadurch, dass sie meint, ihm nützlich zu sein und ihm gerecht zu werden.

In diesem zweiten Abschnitt zeigt sich auch die Komplexität von Gregors Psyche und der familiären Beziehungs- und Kommunikationsstrukturen. Gregor verhält sich zunehmend so, wie man es von einem Tier erwartet. Seine Handlungen sind Ausdruck einer fortschreitenden Infantilisierung; zumindest werden sie z. B. von der Schwester so eingeordnet und bewertet. Tatsächlich aber verbindet Gregor mit den Handlungen häufig die Hoffnung, dass sie als ein Zeichen seiner Menschlichkeit, seiner Einzigartigkeit gesehen werden und Verständnis und Mitleid hervorrufen. Man muss sich in diesem Zusammenhang vergegenwärtigen, dass Gregor schon bald nach seiner Verwandlung von jeglicher verbaler Kommunikation ausgeschlossen ist. Gregor kann nicht sprechen; die anderen glauben, er könne sie nicht verstehen, weshalb sie ihn weder ansprechen[3] noch ins Gespräch einbeziehen. Anfangs noch spricht man über ihn, aber schon nicht mehr mit ihm. Später auch nicht mehr über ihn. Gregor, der neugierig ist zu erfahren, was in der Familie geredet wird[4], kann sich lediglich durch seine Körpersprache mitteilen; diese aber hat den Nachteil, nicht eindeutig zu sein. Missverständnisse sind wahrscheinlich, besonders dann, wenn die Adressaten nicht genau zuhören oder nicht verstehen wollen. Kommunikation mit Hilfe von Gestik und Mimik ist mühevoll und erfordert guten Willen und Einfühlungsvermögen beim Gegenüber.

Das Missverstehen wiederum wird von Gregor genau registriert und von ihm als Bestätigung seiner Andersartigkeit gewertet. Es verstärkt bei Gregor das Gefühl, isoliert und ausgeschlossen zu sein; so werden Fremdeinschätzungen zu Selbsteinschätzungen. Gregor vermittelt von sich ein Bild, von dem er erwartet, dass die anderen es nicht für die Wirklichkeit halten, sondern das darunter befindliche „eigentliche“ Bild - eine Art Negativ - erkennen. Da das nicht geschieht, das Gegenüber vielmehr das Bild als real akzeptiert, schreitet die Regression voran. Keiner, und schon gar nicht die Schwester, erkennt in Gregors Handlungen das, was sie sagen wollen; keiner bemerkt, dass Gregors Äußerungen nicht das sind, als was sie erscheinen und wahrgenommen werden.

Nur am Rande sei darauf hingewiesen, dass Gregors kommunikative Absonderung einhergeht mit einer räumlichen Isolation. Gregors Leben beschränkt sich auf sein Zimmer, das zwar offensichtlich innerhalb der Wohnung zentral liegt, aber keine kommunikationsfördernde Bedeutung erlangt. Die Versuche Gregors, aus seinem kommunikativen wie räumlichen Eingeschlossensein auszubrechen, werden falsch gedeutet und scheitern kläglich; sie bedeuten jeweils einen weiteren Schritt in die Verbannung und letztlich den Tod. Die Raumgestaltung blendet die Welt aus und fokussiert alle Aufmerksamkeit auf Gregor. Erst nach seinem Tod öffnet sich der Raum zur Stadt und zur naturhaften Landschaft hin.

Gregor spielt – notgedrungen - auch im Schlussteil der Erzählung die Rolle desjenigen, der hilflos ist, und erleidet einen zunehmenden Verlust an Selbstbewusstsein. Sein Versuch, die übrigen Familienmitglieder mit dieser Rolle zu beeinflussen, ist nur teilweise erfolgreich. Einerseits schreitet die Emanzipation der Eltern und der Schwester aus der Abhängigkeit von Gregor in dem Maße voran, wie alle drei Mitglieder in den Arbeitsprozess und in die Berufswelt integriert werden und materielle Eigenständigkeit gewinnen, andererseits steht einer wirklichen Freiheit und Selbstbestimmtheit (noch) die Hoffnungslosigkeit wegen des Unglücks, als das sie die Existenz ihres Sohnes empfinden, entgegen.

Dieses Unglück beugt ihnen den Nacken, und insofern beherrscht Gregor durch seine Regression die Familie. Nur wegen Gregor muss die Familie die Zimmerherren[5] dulden und deren Allüren ertragen, sich bis zur Selbstverleugnung devot verhalten; der Vater zwingt die Schwester, sich mit ihrem Violinspiel den Herren anzubiedern; fast hat es den Anschein, als solle sich die Schwester prostituieren. Jetzt macht die Familie die gleichen Erfahrungen wie der Sohn, der am Anfang der Erzählung aus Rücksichtnahme auf die Familie jedwede Ungerechtigkeit, z. B. durch die Firma oder den Prokuristen, ertragen musste.

Gregors Tod entbindet die Familie schließlich von allen Rücksichtnahmen. Wie befreit nimmt der Vater Rache an den Herren, indem er sie aus seiner Wohnung hinausschmeißt und ihren Abgang genüsslich beobachtet. Anders als Gregor, der seinen Wunschtraum, seinem Chef einmal die Meinung zu sagen und ihn vom Schreibtisch fallen zu sehen, nie in die Tat umgesetzt hat, triumphiert der Vater über die, die ihn „knechten“, und gewinnt - nicht zuletzt durch Gregors „Opfertod“ - die Lust am Leben für sich und seine Familie zurück.

Einen dramatischen Höhepunkt hat der Schlussteil in der Szene, in der Gregor sich voller Bewunderung für Gretes Musikdarbietung, die eigentlich den Zimmerherren zugedacht ist, unwiderstehlich zu seiner Schwester hingezogen fühlt. Ähnlich wie in Grillparzers Erzählung Der arme Spielmann erscheint der Hauptfigur Musik als Offenbarung der Vollkommenheit, wie ein göttlicher Trank. Darüber hinaus kommt in dieser Szene auch Gregors Wunsch nach menschlicher Gemeinschaft zum Ausdruck; er empfindet ihn so intensiv, dass er, die Wirkung seiner Tier-Existenz missachtend, sein Ghetto verlässt, um der Schwester nahe zu sein. Er stellt sich vor, die Schwester ganz und gar zu besitzen und ihr den Hals zu küssen. Es scheint so, als würde die Schwester zum erotischen Objekt inzestuöser Fantasien. Als Hinweis auf erotische Wunschvorstellungen Gregors kann auch das Bild gedeutet werden, das eine Dame mit Pelzhut, Pelzboa und Pelzmuff - Pelze haben nach psychologischen Erkenntnissen einen stark sexuellen Reizcharakter - zeigt und das er später um jeden Preis („Lieber würde er Grete ins Gesicht springen.“ S. 40) in seinem Zimmer behalten möchte. Auch als der Erzähler die Beziehung der Eltern szenisch darstellt, betont er, dass die Mutter die körperliche Nähe ihres Mannes sucht, und deutet so an, dass eine sexuelle Abhängigkeit besteht

Gregor letzter Ausbruchversuch aus seiner Isolierung, seine größtmögliche Offenbarung des Wunsches nach Vollkommenheit und nach Zuneigung, nach Gemeinschaft und Teilhabe am Leben, in einer flehentlichen Demutshaltung vorgetragen, bewirkt die schroffste Zurückweisung – diesmal nicht durch den Vater, sondern durch die Schwester; sie verlangt mit Nachdruck, das „Untier“, das „Es“, zu beseitigen. Gregor ist wie immer willfährig und stirbt.

Mit Gregors Tod wechselt die Perspektive. Die Hoffnungslosigkeit der Familie weicht schlagartig einer optimistischen Betrachtung der Zukunft. Die Zimmerherren verschwinden, die Familie unternimmt einen Ausflug ins Freie vor die Stadt. Alle positiven Erwartungen für die Zukunft verkörpert Grete, die „zu einem schönen und üppigen Mädchen aufgeblüht war“ (S. 63). Ihre Art, die Dinge als das zu nehmen, als was sie scheinen, ihr praktischer Realismus bzw. ihr realistischer Pragmatismus, der Wille zum (Über)Leben, der die Bereitschaft, über “Leichen zu gehen“ einschließt, obsiegt über die morbide Existenz Gregors. Ihre Vitalität macht sie in den Augen der Eltern zur Hoffnungsträgerin.

Die Verwandlung hat ebenso wie Kafkas Werk insgesamt vielfältige, überwiegend widersprüchliche Reaktionen und Kommentierungen hervorgerufen. Kafka versteht es,

„den Leser zum Wiederlesen zu zwingen. Seine Lösungen oder auch der Mangel an Lösungen lassen Deutungen zu, die nicht klar ausgesprochen werden und, um begründet zu erscheinen, eine nochmalige Lektüre unter einem neuen Gesichtspunkt verlangen. Manchmal sind zwei Auslegungen möglich, sodass ein zweimaliges Lesen notwendig erscheint. Genau das hat der Verfasser beabsichtigt.“[6]

Die Vieldeutigkeit der Verwandlung hat mehrere Ursachen; vier Eigentümlichkeiten des Textes, die zur fehlenden Eindeutigkeit und seiner Rätselhaftigkeit beitragen, sollen im Folgenden näher erläutert werden. Es sind dies die Tatsache der Verwandlung, die im Einleitungssatz mit lapidarer Knappheit mitgeteilt wird, die Erzählperspektive und die ihr zugeordneten Erzählformen, die Erzählhaltung und schließlich einzelne Besonderheiten der Sprache.

Mit dem Einleitungssatz konstatiert der Erzähler eine so fantastisch anmutende Begebenheit, dass der Leser fassungslos ist und voller Spannung auf Aufklärung hofft. Zum einen möchte der Leser wissen, als was er sich die Verwandlung vorzustellen hat, etwa als eine Art Traumgespinst, als eine Halluzination oder als einen Vorgang des Unterbewusstseins oder vielleicht doch als einen realen Vorgang. Zum anderen erwartet er Fingerzeige darauf, welche Ursachen die Verwandlung haben könnte; er fragt nach der Kausalität der Ereignisse, besonders derer, die der Verwandlung vorausgehen und die möglicherweise der Grund für die Metamorphose sein könnten. Da Gregor aber als Tier erscheint, ist in der Erzählung seine Unfähigkeit, das auszudrücken und kundzutun, was er empfindet und sagen möchte, nicht ein persönlicher Mangel, sondern notwendige Folge aus dem Akt der Verwandlung, eine Folge, die er anscheinend nicht zu verantworten hat. Weil die Metamorphose voraussetzungslos eintritt, wird textimmanent die Frage nach den Ursachen oder gar nach der Schuld in den Hintergrund gedrängt. Der Erzähler erspart sich so, Ursachen der Deformationen seines Helden erklären zu müssen, er kann die Erwartungen der Leserschaft ignorieren; alle „Versuche rationaler Bewältigung“[7] müssen deshalb zwangsläufig scheitern. Der Erzähler konzentriert sich vielmehr darauf, von den Folgen der Verwandlung zu berichten. Daraus darf geschlossen werden, dass es ihm vor allem darum zu tun ist, die Auseinandersetzungen bzw. das Zusammenleben, das Rollenverhalten, die Kommunikationsstrukturen und die Herrschaftsmechanismen in einer bürgerlichen Familie zu thematisieren.

Die Rätselhaftigkeit der Ereignisse wird dadurch intensiviert, dass der Erzähler oft zum Mittel der szenischen Darstellung greift und damit als Erzähler kaum noch in Erscheinung tritt und dass er - mit Ausnahme des Schlusses - Gregor Samsa als Perspektivfigur wählt. Die personale Erzählperspektive mit dem Rückgriff auf inneren Monolog, erlebte Rede und szenische Darstellung bewirkt, dass der Leser die Ereignisse mit den Augen Gregors sieht und durch diese eingeschränkte Perspektive auch Gefahr läuft, der Suggestivkraft der Figur zu erliegen und sich deren Ansichten und Urteile unkritisch zu eigen zu machen, selbst da, wo sie das Außergewöhnlichste, die Verwandlung in ein Tier, als einen fast normalen Vorgang hinnimmt. Da der Erzähler völlig hinter seiner Perspektivfigur zurücktritt und darüber hinaus weitestgehend auf Kommentierungen verzichtet, bietet der Text keine direkte Hilfestellung zum Verstehen.

Die Orientierungsschwierigkeiten des Lesers werden gesteigert durch die uneindeutige Haltung des Erzählers gegenüber seinem Erzählgegenstand. Der Erzähler gibt nicht klar zu erkennen, für welche Figuren und Handlungen er Sympathie bzw. Antipathie empfindet und wo er zum Stilmittel der Ironie greift. Brod weist in seiner Kafka-Biographie wiederholt auf Kafkas Humor hin.

„Wenn Kafka selbst vorlas, wurde dieser Humor besonders deutlich. So z. B. lachten wir Freunde ganz unbändig, als er uns das erste Kapitel des Prozess zu Gehör brachte. Und er selbst lachte so sehr, dass er weilchenweise nicht weiterlesen konnte. Erstaunlich genug, wenn man den fürchterlichen Ernst dieses Kapitels bedenkt.“[8]

An anderer Stelle erwähnt er Kafkas

„durchgängige Ironie. Selbst die grausigsten Szenen in Kafkas Werk (Strafkolonie, Prügler) stehen in seltsamen Humor-Zwielicht zwischen prüfendem Interesse und zarter Ironie. Dieser Humor, ein wesentliches Ingredienz Kafka‘scher Dichtung (und Lebensführung), deutet eben zwischen den Maschen der Realität hindurch in höhere Wesenheit.“[9]

In der Tat lässt sich auch für Die Verwandlung ein solches „Humor-Zwielicht“ beobachten. Deutlich, weil in die Form der Groteske gekleidet, leuchtet der Humor z. B. in den Szenen auf, in denen der Prokurist in Erscheinung tritt oder die Mutter sich unter Verlust ihrer Röcke dem Vater „an den Hals wirft“ oder der Vater den Zimmerherren kündigt und deren Abgang im Treppenhaus beobachtet. Aber in anderen Textpassagen ist die Ironie so fein dosiert, dass sich der Leser ihrer gar nicht sicher sein kann; nicht jeder Leser wird bereit sein, bei seiner Rezeption von einer ironischen Erzählhaltung auszugehen, und den „Reiz einer schmerzlichen Komik“[10] verspüren können.

Schließlich sei darauf hingewiesen, dass sich der Erzähler verschiedener sprachlicher Mittel bedient, die bewirken, dass seine Perspektivfigur Gregor hinsichtlich ihrer Wahrnehmung der sie umgebenden Außenwelt als unsicher erscheint und dass der Leser Gregors Meinung und Beurteilungen nicht vertrauen darf. Solch häufig wiederkehrende Sprachmittel, die dazu beitragen, die Verbindlichkeit von Aussagen oder von gedanklichen Zugriffen auf die Außenwelt abzuschwächen, wenn nicht aufzuheben, sind rhetorische Fragen, Modaladverbien (z. B. „vielleicht“, „möglicherweise“, „wohl“. „gewiss“), Modalverben und der Konjunktiv („Ihm war, als würde …“). Sie tragen entscheidend dazu bei, dass der Erzählstil, der an sich sehr präzise und prägnant ist, in Bezug auf die Hauptfigur Mehrdeutigkeit bewirkt und die Realität als unzuverlässig erscheinen lässt.

„Was sich vordrängt, ist die Beziehung der Sache zu einer bestimmten Sehweise, zur Perspektive eines Menschen, der alles aus seiner Furcht und zaghaften Hoffnung erlebt. Die Gegenwart erweist sich hier wieder als ein ‚Kampfplatz der Zukunft‘: ‚gewiss‘, ‚vielleicht‘ und ‚möglicherweise‘ sprechen eine Vermutung aus. […] Die verhüllte Atmosphäre der Erzählung, zu der Gregors Gestimmtheit, das fahle Zwielicht und die regnerische Witterung gehören, wird durch die sprachlichen Formen […] in die einzelnen Sätze hineingetragen.“[11]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Erzähler darum bemüht ist, den Eindruck von Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit zu erhalten und zu befördern, indem er dem Leser Hinweise eines auktorialen Erzählers vorenthält, ihm stattdessen über die personale Erzählperspektive die subjektive Sicht der ihrerseits völlig verunsicherten und nur begrenzt handlungs- und kommunikationsfähigen Perspektivfigur Gregor Samsa aufzwingt.

„Kafka lässt dem Erzähler keinen Raum neben oder über den Gestalten, keinen Abstand von dem Vorgang. Es gibt darum bei ihm keine Reflexion über die Gestalten und über deren Handlungen und Gedanken. Es gibt nur den sich selbst (paradox praeterital) erzählenden Vorgang: daher beim Leser das Gefühl der Unausweichlichkeit, der magischen Fesselung an das alles ausfüllende, scheinbar absurde Geschehen, daher die oft bezeugte Wirkung des Beklemmenden. Kafka verwandelt, wenn wir es recht auffassen, nicht nur sich, sondern auch den Leser in die Hauptgestalt. Er tritt keinen Augenblick aus dem auf das Innerseelische der Hauptgestalt gerichteten und um dieses Innerseelische erweiterten Zusammenhang heraus und entlässt auch den Leser nicht daraus, lässt ihn nicht los.“[12]

Die Tatsache, dass es im literarischen Werk Kafkas sehr häufig keine Gewissheiten gibt, ist ein Grund für die Vielzahl unterschiedlicher Deutungen.

„Die ‚ästhetische Polyvalenz‘ Kafka’scher Prosa zeigt sich im Diskurs der Wissenschaft als eine Fülle von konkurrierenden Meinungen zu Kafka, die jeweils eigene Argumentationswege gehen. Anders als die mit dem Werk Bertolt Brechts beschäftigten Interpreten finden Franz Kafkas Deuter kein exakt benennbares intentionales Konzept des Autors. Im Gegenteil, es wird zunehmend unklarer, ob Kafka – wie Brecht - seinen Lesern überhaupt etwas ‚sagen‘ will.“[13]

Die moderne Kafka Forschung

„bestreitet, dass Kafka ‚gesellschaftliche Wirklichkeit‘ verhandelt; sie zieht in Zweifel, dass er ‚psychische Wirklichkeit‘ thematisiert. Sie stellt fest, dass all diese Themen ‚anhand von Kafka‘ von interessierten Lesern zur Sprache gebracht werden können, dass es sich dabei aber um Attribuierungen (Zuweisungen von Bedeutung) durch den Leser handelt.“[14]

Eine Absage an die Deutbarkeit mag für viele Werke Kafkas, insbesondere für die Romane, ihre Berechtigung haben, für die Erzählung Die Verwandlung gilt dies allenfalls mit großen Einschränkungen. Ein Verzicht auf Erklärung erscheint am ehesten für den Akt der Verwandlung plausibel. Aber selbst für dieses Ereignis enthält der Text Hinweise, die man als durch den Erzähler gegebene sinnstiftende Deutungshilfen verstehen kann. In unmittelbarem Zusammenhang mit der Verwandlung lässt der Erzähler die Hauptfigur sich ihrer Vergangenheit erinnern, wodurch der Eindruck erweckt bzw. die Schlussfolgerung nahegelegt wird, dass zwischen der Vorgeschichte und der unerhörten Begebenheit ein Zusammenhang, eine Ursache-Folge-Verknüpfung bestehen könnte. Gregors rückblickende Gedanken kreisen vor allem um seine Arbeit und seinen Beruf, sie geben Aufschluss über seine Einstellung zu seiner Tätigkeit und über seine psychische Befindlichkeit. Erkennbar ist, dass Gregor seinen Beruf - er ist Handlungsreisender in Tuchwaren und arbeitet auf Provisionsbasis - als sehr belastend empfindet und ihn für gravierende Einschränkungen im privaten Bereich verantwortlich macht. Der Beruf gewinnt in der Sicht Gregors eine Bedeutung, die es ihm schwer, wenn nicht unmöglich macht, Mensch zu sein und sich selbst zu verwirklichen. Unverkennbar ist, dass Gregor intensiv den Wunsch verspürt sich aufzulehnen, dass er es aber nicht wagt, den Wunsch zu realisieren; stattdessen unterwirft er sich und tut alles, um seinen Vorgesetzten zu gefallen und den beruflichen Zwängen mit Beflissenheit gerecht zu werden. Gregors Freiheit, sich für ein menschenwürdiges Dasein und damit gegen den Beruf des Reisenden entscheiden zu können, ist zusätzlich dadurch eingeschränkt, dass er statt des Vaters zum Ernährer der Familie geworden ist und dass er offensichtlich eine Schuld des Vaters gegenüber der Firma abzugelten hat. Auf Gregors Berufstätigkeit gründet sich die materielle und soziale Sicherheit der Familie, ihm selbst sichert die Arbeit Anerkennung und legitimiert – zumindest in den Augen seiner Mitmenschen - seine bürgerliche Existenz. Gleichzeitig bewirkt sie einen Verlust seiner Würde und führt zu einer tiefgreifenden Entfremdung. Art und Intensität seiner Berufstätigkeit reduzieren den Menschen auf seine Nützlichkeit; der Nutzengedanke beherrscht die menschlichen Beziehungen. Diese Entfremdung bzw. die Reduktion des Menschen auf seine Funktionalität erfährt ihren krassesten Ausdruck in der Gestalt eines „ungeheuren Ungeziefer(s)“. „Der Mensch, dem jede Selbstverwirklichung versagt ist, verkommt zum Ungeziefer.“[15]

Die Verwandlung kann aber auch als Ausdruck von Gregors Wunsch gedeutet werden, sich allen missliebigen Anforderungen, die die Gesellschaft an ihn stellt, zu entziehen und eine Daseinsform zu finden, die es ihm ermöglicht, dem Druck unterschiedlichster Erwartungen, denen er sich nicht gewachsen fühlt, aus dem Weg zu gehen, wobei die Tierexistenz den Vorteil bietet, dass Gregor keine Vorwürfe gemacht werden (können); die Frage, ob Gregor schuldhaft und verwerflich handelt, erscheint angesichts der Ungeheuerlichkeit des Vorgangs abwegig und wird auch nicht andeutungsweise gestellt.

Und schließlich sei noch auf die Tatsache hingewiesen, dass in Gregors Rückbesinnung auf Ereignisse, die der Verwandlung vorausgehen, erkennbar wird, dass er einerseits voller Aggressivität gegenüber seinem Beruf und der Firma bzw. den Vorgesetzten ist, dass er andererseits aber willfährig alle Vorgaben erfüllt, dass er also zwischen Auflehnung und Unterwerfung hin- und hergerissen ist. Hieraus ist gefolgert worden, dass die

„Verwandlung […] in Gregors innerem Widerstreit (vermittelt). Sie stellt die Vermittlung zwischen dem Auflehnungswunsch und dem Drang nach sofortiger Bestrafung dieses Wunsches dar. Vor allem aber schützt die Verwandlung Gregor vor der Selbsterkenntnis.“[16]

Das Rätsel der Verwandlung „provoziert […] den gesunden Menschenverstand“ und übt - wie auch die Erzählung insgesamt - eine Wirkung auf den Leser aus, „die von aggressiver Neugier bis zu undurchschaubarer Faszination“[17] reicht und die in den zahlreichen Versuchen, dem Geheimnis der Verwandlung auf die Spur zu kommen, ihren Niederschlag findet. Es spricht manches dafür, dem Akt der Verwandlung dessen Rätselhaftigkeit zu belassen und ihn unhinterfragt als eine Tatsache zu akzeptieren. So gesehen wäre die Verwandlung die zweifelsfreie Setzung des Erzählers für eine Art gedanklichen Experiments[18], mit dem untersucht wird, was geschieht, wenn ein Mensch sich derart verändert bzw. verändert wird, dass er außerhalb der menschlichen Gemeinschaft steht, wenn er in vielem ganz anders als die anderen ist. Kafka entwickelt eine Modellstudie, mit deren Hilfe Lebens- und Sehgewohnheiten verändert werden und der äußere Schein bürgerlicher Konventionen durchbrochen wird. Er blendet dabei moralische Betrachtungsweisen oder moralisierende Bewertungen völlig aus. Handlungen und Verhaltensweisen werden nie unter der Fragestellung, ob sie im Sinne der Moral zu billigen sind, gesehen. Das Zurücktreten des Erzählers und die scheinbare moralische Indifferenz geben dem Erzählten den Anschein eines naturwissenschaftlichen Experiments. Zum Vorschein kommt eine Wirklichkeit, die üblicherweise überlagert und verschleiert ist.[19] Sie enthüllt, dass Gregor in dem Augenblick, da er nicht mehr bereit ist, sich zum Vorteil anderer in den Produktions- und Arbeitsprozess einspannen zu lassen, also nutzlos wird, nur Ablehnung, Abscheu und Demütigungen widerfahren. Der Prokurist wendet sich mit Entsetzen ab und beendet Gregors Arbeitsverhältnis, sodass dieser ganz auf die Familie angewiesen ist; Vater und Schwester nehmen von Beginn an den äußeren Schein von Gregors Gestalt als die Wirklichkeit und sind unfähig zu erkennen, dass Gregor Zuwendung und menschliche Wärme braucht. Es entsteht der Eindruck, als herrschten in der Familie die gleichen Gesetzmäßigkeiten wie in der Arbeitswelt; Gregors paradox anmutender Versuch, über seine Erscheinung als Tier sein Menschsein auszudrücken und zu leben, um in dieser Andersartigkeit angenommen zu werden, stößt bei allen Familienmitgliedern auf schroffe Ablehnung. Alle sind damit beschäftigt, ihr parasitäres Verhalten aus der Zeit vor der Verwandlung zu überwinden und ihre Nützlichkeit unter Beweis zu stellen. Allen wächst in dem Maße Lebenstüchtigkeit zu, wie sie Gregor abhandenkommt; kein Mitglied lässt Gregor an dem Zuwachs an Vitalität partizipieren. Gregors Schwachheit und sein Beharren auf seiner Andersartigkeit führen dazu, dass die Familie ihn zunehmend isoliert. Am Ende stehen Einsamkeit und das Wissen, nutzlos und überflüssig zu sein.

Gregor kann seinen Anspruch, seine Andersartigkeit leben zu wollen, nicht verwirklichen, weil ihm Selbstbewusstsein, Vitalität und Durchsetzungsfähigkeit fehlen. Diese Eigenschaft brauchte er, weil er um des Preises der Freiheit willen in materielle und emotionale Abhängigkeit von seiner Familie geraten ist. Er kann aber seine Ansprüche nicht realisieren, schon deshalb nicht, weil er sich die Sicht und die Wertungen der anderen Figuren zu eigen macht und so dem Bild, das sie von ihm haben, entspricht.

Kafka wählt für seine Simulation mit der Verwandlung ein Bild, das völlig irreal und gerade deswegen geeignet ist, den Schleier der Normalität zu lüften und die eigentliche Realität besonders scharf zu erfassen und zu spiegeln. Nur vorgespielte Realität wird durch das Ereignis der Verwandlung Wahrheit, der sich die Figuren stellen müssen und die die Figuren und deren Beziehungen untereinander radikal verändert. Die

„Verwandlung machte nur sichtbar, was ohnehin vorhanden war. Ekel und Abscheu sind die Verschärfung der Demütigung und Erniedrigung, die Gregor auch bisher schon erfuhr. Die ungeheuerliche Intensität der Verwandlung besteht darin, dass sie mit äußerster Radikalität auf einem Punkt beharrt, wo Wahrheit und Unvernunft nicht mehr zu trennen sind.“[20]

In Kafkas Fallstudie steht mit Gregor eine Figur im Mittelpunkt, die zwar hofft, von den Mitmenschen in ihrer Andersartigkeit akzeptiert zu werden, die auch zaghaft Ansprüche anmeldet, die aber in Wirklichkeit weder den Willen noch die Fähigkeit hat, eben diesen Ansprüchen Nachdruck zu verleihen und sie durchzusetzen. Gregors wenige Versuche, sich verständlich zu machen, sich egoistisch zu verhalten und seine Interessen zu realisieren, scheitern, ohne dass er sich mit Nachdruck dagegen auflehnen würde. Sobald er Widerstand spürt, zieht er sich zurück und anerkennt die Überlegenheit des Gegenübers. Da ihm Selbstbehauptungs- und Überlebenswille fehlen, wird ihm - so ist das Ende der Erzählung zu deuten - vom Erzähler das Recht auf Leben abgesprochen. Er selbst spricht es sich ab; er akzeptiert den Tod und befreit sich von dem Gefühl, eine parasitäre Existenz zu führen und den anderen eine Last zu sein.

Über die Fähigkeiten, die Gregor abgehen, verfügen in zunehmendem Maße vor allem der Vater und noch ausgeprägter die Schwester. Sie erkennen in dem Augenblick, da der Sohn bzw. Bruder als Ernährer der Familie ausfällt, die Notwendigkeit des Kampfes ums Überleben an, entwickeln nach und nach einen Willen zum Leben, der zum Ende hin so ausgeprägt ist, dass er den Tod desjenigen in Kauf nimmt, ja geradezu zur Voraussetzung hat, von dem sie glauben, er hindere sie am Leben. Die Lust auf Leben und Zukunft drückt sich eindrucksvoll im Schlussbild der Erzählung aus.

Didaktische Überlegungen

Die Rezeptionsgeschichte von Kafkas Werk zeigt die verschiedenen Ansätze, von denen aus ein Zugang zu den Romanen, Erzählungen und parabelhaften kurzen Texten des Autors versucht worden ist. Religiöse, philosophische, psychoanalytische, soziologische Deutungsmuster - um nur die wichtigsten zu nennen - wurden und werden in vielfältigen Facettierungen und Differenzierungen zur Interpretation herangezogen. Die große Zahl von unterschiedlichen Deutungsansätzen und Richtungen scheint die „unendliche Suche nach der Bedeutung“[21] des Werks von Franz Kafka zu bestätigen. Fingerhut hat diese Vieldeutigkeit Kafka’scher Prosa in mehreren Aufsätzen aufgegriffen[22] und zum Ausgangspunkt interpretatorischer und didaktischer Überlegungen gemacht. Einige seiner Ergebnisse sind:

– Die Mehrdeutigkeit ist ein Wesensmerkmal vieler Texte von Kafka. Jeder Versuch, diese eindeutig zu machen, sollte vermieden werden.
– Kafkas Romane, Erzählungen und Parabeln handeln nur scheinbar von Außertextlichem, in Wirklichkeit immer von sich selbst (Autoreferentialität).[23] Dabei kann der Bezug eines Textes auf andere Texte Kafkas, aber auch auf solche anderer Autoren - Fingerhut nennt das „intertextuelle Referenz“[24] - produktiv und im Sinne einer vergleichenden Interpretation erhellend sein.
- Der Leser hat nicht die Rolle des Hermeneuten, der nach einem verborgenen Sinn sucht, sondern ist der kreative Textbearbeiter. In der Textarbeit des Lesers entsteht die Botschaft.[25]

Diese hier knapp zusammengefassten Ergebnisse haben Auswirkungen auf die didaktische Analyse eines Textes wie Die Verwandlung:

1 Nur der Text selbst, nicht ein von außen herangetragenes Interpretationsmuster führt zu einem wirklichen Verständnis des Textes. Genaues Lesen, die Charakterisierung der Figuren aus ihren Handlungen heraus, die Beschreibung der Beziehungen der Figuren untereinander, die Darstellung der Handlungsstruktur und die Analyse erzählerischer Eigentümlichkeiten scheinen demnach eine Voraussetzung dafür zu sein, dass Schüler die Erzählung Die Verwandlung verstehen. Diese werkimmanente Methode der Textaneignung schließt Fragen nach dem Grund und nach dem Sinn der Verwandlung selbstverständlich ein.

2 Gerade bei Fragen nach Bedeutung und Sinn müssen die Schüler erkennen, dass solche Fragen nicht immer bzw. sogar prinzipiell nicht eindeutig beantwortet werden können. Fingerhut fragt in diesem Zusammenhang provozierend, ob Kafka „seinen Lesern überhaupt etwas hat ‚sagen‘ wollen“, betont ausdrücklich die „ästhetische Polyvalenz“ des Kafka’schen Werks und wendet sich dagegen, dass Texte von Kafka im Deutschunterricht der Schule „eindeutig“ gemacht werden.[26]

Der Deutschunterricht ist traditionell auf analysierbare und relativ klar interpretierbare und damit an die Schüler vermittelbare Inhalte und ästhetische Strukturen und Formelemente in literarischen Texten orientiert. Die Anerkennung einer ästhetischen Polyvalenz als Prinzip ist dem Deutschunterricht zunächst eher fremd. Lehrer und Schüler müssen deshalb lernen zu akzeptieren, dass für einen Text wie Die Verwandlung Mehrdeutigkeit und kontroverse Deutungsansätze charakteristisch und wesenhaft sind. Mehrdeutigkeit hat nichts mit Beliebigkeit und Unverbindlichkeit zu tun. Sie wird vielmehr immer aus dem Text heraus beschrieben und begründet werden müssen. Die Uneindeutigkeit der Prosa Kafkas verhindert, dass Textbefragung und Textanalyse zu eindeutigen Antworten führen.

3 Der Schüler hat ein „Recht auf eine spekulative Lektüre“[27]. Ihm sollten durch methodische Vorgaben Freiräume für seine Interpretation eröffnet werden. Damit das richtig funktioniert, sind auf Seiten des Schülers gute Textkenntnis und die Bereitschaft, sich auf die Fremdheit der Erzählprosa Kafkas einzulassen, Voraussetzung. Der Lehrer wird sich bei der Behandlung der Verwandlung darum bemühen müssen, lehrerzentrierte Phasen zugunsten schülerzentrierter Methoden zu vermeiden.

Der Unterrichtsvorschlag zur Behandlung von Kafkas Erzählung Die Verwandlung versucht, den didaktischen Vorentscheidungen Rechnung zu tragen:

- Die Schüler legen zu Beginn die Besprechungsschwerpunkte fest, die von den vorgeschlagenen Sequenzen abweichen können.
- Sie analysieren den Text Die Verwandlung mit Hilfe werkimmanenter methodischer Mittel. Charakterisierungen, Fragen der Struktur und des Aufbaus, die Analyse der Erzählperspektive und erzählerische Auffälligkeiten stehen dabei im Vordergrund.
- Erst wenn die Schüler sich intensiv auf den Text selbst „eingelassen“ haben, können und sollten Fragen nach den Bezügen des Textes bzw. von Textteilen zur außertextlichen Wirklichkeit erörtert werden. Diese Bezüge können biographischer Natur sein, sie können aber auch gesellschaftlich, religiös, existenzialistisch oder psychoanalytisch orientiert sein.
- Die Standardfrage von vielen Schülern „Was bedeutet es, dass …?“ soll nicht unterdrückt werden. Die Schüler haben ein Recht auf solche Warum-Fragen. Problematisch erscheint es allerdings, vornehmlich von solchen Fragen aus den Interpretations- und Analyseweg zu steuern und zu bestimmen. Wir schlagen daher vor, in einer Stunde, die noch vor der eigentlichen Lektüre der Erzählung liegt, die Schüler über den Anfangssatz, der die Verwandlung von Gregor Samsa in einen Käfer erzählt, nachdenken und erkennen zu lassen, dass Kafka möglicherweise keine oder nur unvollständige Antworten auf die Frage nach dem Grund und dem Sinn der Verwandlung gibt. Es ist zu vermuten, dass der sich anschließende Text von den Schülern weitgehend als eine sich logisch entwickelnde Geschichte gelesen wird, weniger oder nicht dagegen als „metaphorische Lektüre“[28], bei der die Schüler ständig nach Analogien und eigenen Erfahrungen fragen. In einer eigenen Sequenz (Sequenz 6) sollen dennoch Fragen nach der Bedeutung der Verwandlung von Gregor Samsa in einen Käfer angesprochen werden.

Abbildungen mit dem Motiv Familie und der Text von Karl Brand können die Schüler dazu anregen, vom Schluss her noch einmal eine Gesamtdeutung der Verwandlung zu versuchen.

Die Behandlung eines Werks wie Die Verwandlung braucht allgemeindidaktisch nicht begründet werden. Kafkas Werk steht in seiner literaturgeschichtlichen Bedeutung außer Frage. Den Romanen, Erzählungen und parabelhaften Kurztexten wird bescheinigt, dass sie in besonderer Intensität die Brüchigkeit von aus dem 19. Jahrhundert übernommenen Wertvorstellungen, die Suche des Einzelnen nach Sinnhaftigkeit seiner Existenz, die Unsicherheit, Abhängigkeit, Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit des Lebens des Menschen im frühen 20. Jahrhundert und sein prinzipielles Alleinsein darstellten. Diese inhaltliche Thematik, die die Erfahrungsbereiche und das Lebensgefühl vieler Menschen im 20. Jahrhundert im Zusammenhang mit Weltkriegen, wirtschaftlichen Krisen, unerhörten technischen Fortschritten, Bedrohungen durch Zukunftsängste und dem Versagen, ja dem Fehlen ethischer, religiöser, gesellschaftlich akzeptierter Normen und Verhaltensregeln aufgreift, wird in einer ästhetischen Weise vermittelt, für die das Wort „kafkaesk“ geprägt wurde. Charakteristisch dafür sind das Fehlen ethischer und moralischer Normen, von denen her das Handeln der Personen begründet und damit nachvollziehbar und verständlich gemacht wird, das Fehlen jeglicher logischer Begründungen für entscheidende Sachverhalte, für das Verhalten von Figuren, für Ereignisse, die Abläufe bestimmen, und schließlich eine vordergründig oft einfache, in Verbindung mit den weit über Vordergründiges hinausgehenden Inhalten eher chiffrenhafte, fast geheimnisvolle Sprache, die eine faszinierende, unerklärliche Sogwirkung entfalten kann.

In einem letzten Unterrichtsabschnitt, in dem Gemälde von Marc Chagall und Max Ernst vorgestellt werden, können die Schüler erkennen, dass Chiffrenhaftigkeit und Fremdheit eines Textes wie Die Verwandlung mit ihrer Wirkung von Irritation und Verunsicherung nicht willkürlich und zufällig sind. Sie sind offensichtlich, wie die Malerei oder die Musik des 20. Jahrhunderts, die künstlerische Umsetzung und Verarbeitung von Haltungen und Wirklichkeitserfahrungen, die Teil eines allgemeinen soziokulturellen Bewusstseins sind.

Die Unterrichtskonzeption geht von der Annahme aus, dass der Text auch schon in der zehnten Klasse behandelt werden kann. Vor allem die Sequenzen 1 bis 6 sind in besonderem Maße auf den Deutschunterricht in Jahrgang 10 zugeschnitten. Die Sequenzen 7 und 8 eignen sich eher für den Unterricht in der Oberstufe.

Stundenskizzen

Sequenz 1: Anfangssatz – Erzählanfänge – Aspekte für eine Analyse

Material: unbeschriebenes Plakatpapier oder weiße Tapete für eine Wandzeitung und/ oder Plakat mit vorgegebenen Kurzkommentaren

1 Unterrichtszusammenhang

Kafkas Erzählung beginnt ganz unvermittelt. Der Anfangssatz teilt den Namen der Hauptperson, Gregor Samsa, und das Ereignis ihrer Verwandlung in ein „ungeheures Ungeziefer“ mit. Für diesen unerhörten Vorfall werden keinerlei Erläuterungen oder Erklärungen gegeben. Die Diskrepanz zwischen der Unerhörtheit des Vorfalls der Verwandlung und der lapidaren, unkommentierenden sprachlichen Darstellung bewirkt Beunruhigung, Verunsicherung und Verwirrung im Leser[29] und schafft eine Spannung, die das Interesse des Lesers auf den Fortgang und die Entwicklung der Verwandlung und auf die sich daraus für Gregor Samsa ergebenden Konsequenzen lenkt. - Es erscheint sinnvoll, diese durch den ersten Satz entstehende Spannung didaktisch zu nutzen. Durch ein Nachdenken über den Anfangssatz mithilfe u. a. einer Analyse seiner syntaktischen Struktur und seiner wichtigen lexikalischen Elemente werden die Schüler1 auf erste inhaltliche Aspekte, aber auch auf Spracheigentümlichkeiten Kafkas aufmerksam; ihr Interesse wird darauf gerichtet zu erfahren, wie es zur Verwandlung gekommen ist und welche Konsequenzen sie für die Personen der Erzählung hat; sie antizipieren mögliche Handlungsentwürfe und bilden Hypothesen über den Fortgang der Handlung und über das Ende. Die spätere Erkenntnis, dass die Erzählung ausschließliche auf die sich aus der Verwandlung ergebenden Folgen für die Personen eingeht, veranlasst die Schüler danach zu fragen, was es für das Weltbild von Kafkas Werk bedeutet, wenn Gründe für die Verwandlung an keiner Stelle der Erzählung angeführt werden. Dieser Ansatz kann erweitert werden durch die Einbeziehung anderer Anfänge von Kafka-Texten, z. B. des jeweiligen Beginns der Romane Der Prozess und Das Schloss.

Folgende weitere Schritte werden am Beginn der Unterrichtseinheit vorgeschlagen: Nach der Analyse des Anfangssatzes wird den Schülern eine Woche Zeit gegeben, den gesamten Text zu lesen. Parallel hierzu können sie ihre Leseeindrücke und ihre Ansichten auf Plakat-/Tapetenpapier niederschreiben, sodass eine Art Wandzeitung entsteht.

[...]


[1] Tzvetan Todorov: Einführung in die fantastische Literatur. Frankfurt 1992, S. 152

[2] Zur Vater-Sohn-Problematik vgl. Kafkas Brief an den Vater.

[3] Einzige Ausnahme: „‘Du, Gregor!‘, rief die Schwester mit erhobener Faust und eindringlichen Blicken. Es waren seit der Verwandlung die ersten Worte, die sie unmittelbar an ihn gerichtet hatte.“ (S. 40)

[4] „Während aber Gregor unmittelbar keine Neuigkeit erfahren konnte, erhorchte er manches aus den Nebenzimmern, und wo er nur einmal Stimmen hörte, lief er gleich zu der betreffenden Tür und drückte sich mit ganzem Leib an sie.“ (S. 29) – „Solche in seinem gegenwärtigen Zustand ganz nutzlose Gedanken gingen ihm durch den Kopf, während er dort aufrecht an der Türe klebte und horchte.“ (S. 31)

[5] Die Verdreifachung der Zimmerherren bringt das Maß der Bedrohung und der Fremdbestimmung, denen die Familie ausgesetzt ist, zum Ausdruck. Bezeichnenderweise lässt der Erzähler die drei Herren unmittelbar nach Gregors Tod verschwinden.

[6] Albert Camus: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Düsseldorf 41961, S. 102

[7] Wiebrecht Ries: Kafka zur Einführung. Hamburg 1993, S. 59

[8] Max Brod: Franz Kafka. Eine Biografie. In: M. B.: Über Franz Kafka. Frankfurt a. M. 1993, S. 156

[9] Brod, a. a. O., S. 51

[10] Ries, a. a. O., S. 63

[11] Jürg Schubiger: Franz Kafka. Die Verwandlung. Zürich/Freiburg i. Br. 1969, S. 94

[12] Friedrich Beißner: Der Erzähler Franz Kafka. Stuttgart 31959, S. 35 f.

[13] Karlheinz Fingerhut: Die unendliche Suche nach der Bedeutung: Franz Kafka in der Schule. – In: Praxis Deutschunterricht. H. 120 (Juli 1993), S. 17

[14] Fingerhut, ebd.

[15] Gert Sautermeister: Die sozialkritische und sozialpsychologische Dimension in Kafkas Die Verwandlung. - In: Der Deutschunterricht, Jg. 26, H. 4, S. 103

[16] Walter H. Sokel: Kafkas Verwandlung: Auflehnung und Bestrafung. Zitiert nach Heinz Politzer (Hrsg.): Franz Kafka. Darmstadt 1973, S. 284

[17] Sautermeister, a. a. O., S. 99

[18] Abraham spricht zu Recht von einer „Versuchsanordnung“. Vgl. Ulf Abraham: Franz Kafka: Die Verwandlung. Frankfurt 1993, S. 56

[19] In seiner Erzählung Auf der Galerie unterscheidet Kafka sehr deutlich zwischen Schein und Realität, indem er - anders als in der Verwandlung - ein und denselben Vorgang zweimal in gleicher Ausführlichkeit erzählt.

[20] Wolfgang Matz: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Motive zu einer Lektüre von Kafkas Verwandlung. In: Franz Kafka, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München 1994, S. 84

[21] Karlheinz Fingerhut: Die unendliche Suche nach der Bedeutung. Kafka in der Schule. – In: Praxis Deutsch 120 (Jg. 1993), S. 12 - 21

[22] Neben dem oben genannten Aufsatz z. B. auch in „Textstruktur, Interpretationen und produktive Aneignung“ – In: Der Deutschunterricht 4/1993, S. 26 ff.

[23] Fingerhut: Die unendliche Suche, a. a. O., S. 17

[24] Ebd., S. 26

[25] Ebd., S. 27

[26] Ebd., S 13, 14 und 17

[27] Ebd., S. 20/21

[28] Ebd., S. 13

[29] In der folgenden Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit die männliche Form verwendet. Sie bezieht sich auf Personen jeglichen Geschlechts.

Details

Seiten
93
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346012227
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497277
Note
Schlagworte
Kafka Verwandlung Interpretation Stundenskizzen Deutschunterricht Literaturunterricht Sekundarstufe I Sekundarstufe II Unterrichtshilfe Germanistik Neuere deutsche Literatur

Autoren

  • Herbert Fuchs (Autor)

  • Dieter Seiffert (Autor)

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Titel: Handreichungen für den Deutschunterricht zu Franz Kafka: "Die Verwandlung"