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Das Verhältnis der Philosophie zu den Naturwissenschaften aus der Teilnehmer- und Beobachterperspektive

Hausarbeit 2019 26 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wilfrid Sellars: „Philosophy and the scientific image of man”

3. Reydon et. al.: „Verhältnis der Philosophie zu den Einzelwissenschaften”

4. Philosophie aus der Teilnehmer- und Beobachterperspektive
4.1. Manifestes und wissenschaftliches Weltbild
4.2. Philosophie als fragende Wissenschaft

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage, was eine Naturwissenschaft ist, wird nicht nur in der Philosophie, sondern auch in den verschiedenen Natur- und Geisteswissenschaften gestellt. Eine allumfassende Antwort gibt es auf diese Frage nicht, nur verschiedene Ansätze, die z.B. die methodische Vorgehensweise der Naturwissenschaften oder den Umgang mit den daraus gezogenen Erkenntnissen beschreiben. Vor allem in der Wissenschaftsphilosophie liegt der Fokus auf der Erörterung von Fragestellungen, die in den Wissenschaften zu kurz kommen. Aus diesem Grund ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Philosophie und Naturwissenschaften essentiell. Darum geht es auch in der vorliegenden Seminararbeit

Es geht insbesondere um die Frage, aus welcher Perspektive diese Zusammenarbeit geschieht. Ob die Philosophie nur als stiller Beobachter von außen fungiert und sich nicht in wissenschaftliche Praxis einmischt oder als Beteiligter aktiv am Theorieentwicklungsprozess teilnimmt. Um dieser Frage nachgehen zu können, werden innerhalb dieser Seminararbeit zwei unterschiedliche Texte zur Hilfe genommen. Zum einen das Essay „Philosophy and the scientific image of man” von Wilfrid Stalker Sellars. Darin geht es hauptsächlich um das Ziel der Philosophie und wie dieses erreicht werden kann. Der zweite Text ist „Das Verhältnis der Philosophie zu den Einzelwissenschaften” von Thomas A.C. Reydon und Paul Hoyningen-Huene. In diesem Text steht das Verhältnis der Philosophie zu den Einzelwissenschaften im Vordergrund.

Die Arbeit in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil werden beide Texte jeweils zusammengefasst und die Kernthesen analysiert. Im zweiten Teil geht es insbesondere um die erwähnte Beobachter- und Teilnehmerperspektive und welche der beiden Perspektiven die Philosophie laut der aufgeführten Autoren im Verhältnis zu den Einzelwissenschaften einnehmen sollte.

2. Wilfrid Sellars: „Philosophy and the scientific image of man”

Wilfrid Stalker Sellars war ein amerikanischer Philosoph, der sich insbesondere mit einer wissenschaftlich, naturalistisch orientierten Philosophie auseinandersetzte. Sellars ist bekannt für seine Thesen gegen den Mythos des Gegebenen und seiner Entwicklung einer kohärenten Epistemologie1. In dieser Seminararbeit geht es um Sellars Essay „Philosophy and the scientific image of man”.

Sellars definiert darin das Ziel der Philosophie als das Verständnis aller Dinge auf der Welt im weitesten Sinne und wie diese Dinge im weitesten Sinne zusammenhängen. Mit diesem Verständnis soll der Mensch sich in der Welt zurechtfinden. Sellars beschreibt dies als „to know one’s way around”2. Um herauszufinden, welchen Status der Mensch in der Welt hat (man-in-the-world) und wie sich der Mensch selbst versteht, stellt Sellars zwei unterschiedliche Weltbilder zur Erklärung dar: (1) das manifeste Weltbild und (2) das wissenschaftliche Weltbild3.

Den Grund, warum es sich hierbei um zwei Konzeptionen des Menschen in der Welt handelt und nicht nur um eine komplexe Konzeption, beschreibt Sellars folgendermaßen: „The philosopher is confronted not by one complex many-dimensional pciture, the unity of which, such as it is, he must come to appreciate; but by two pictures of essentially the same order of complexity, each of which purports to be a complete picture of man-in the world, and which, after separate scrutiny, he must fuse into one vision4

Bereits in diesem Absatz spricht Sellars von einer Verschmelzung beider Bilder zu einer Sichtweise. Wenn er in seinem Essay von Bildern (manifest and scientific images) spricht, dann handelt es sich dabei nicht nur um bloße Vorstellungen, sondern um Idealtypen. Damit möchte Sellars die Konfrontation der Philosophie mit den zwei Weltbildern darstellen, mit denen sich der Mensch in der Welt zurechtfindet5.

Doch bevor diese zwei unterschiedlichen Weltbilder genauer definiert werden, beschreibt Sellars zunächst die Rolle der Philosophie im Verhältnis zu den anderen Wissenschaften. Ihre Aufgabe ist nicht normativ, sondern epistemisch und soll einen Blick auf das Ganze ermöglichen und damit ein Orientierungswissen generieren, welches notwendig ist, um sich in der Welt zurechtfinden zu können. Damit ist, wie oben beschrieben, ein Wissen im weitesten Sinne gemeint. Zu diesen Dingen gehören nach Sellars Begriffe wie Könige, Zahlen, Kohlköpfe, Tod usw. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Tatsachenwissen, welches als wissenschaftliches Wissen über die Vorgehensweise von Dingen definiert wird6.

Doch obwohl Orientierungswissen kein Tatsachenwissen darstellt, ist es explizites Wissen, welches sprachlich kommuniziert werden kann. Zum Orientierungswissen gehören zwei wesentliche vorwissenschaftliche Merkmale. 1) Der Mensch benutzt Begriffe, um einen epistemischen Zugang zur Welt zu erhalten und 2) Der Mensch ist ein handelndes Wesen, das bestimmte Verhaltensweisen aufweist, die bewusste Überlegungen voraussetzen.

Dem manifesten Weltbild zufolge, welches das Orientierungswissen impliziert, gelten Menschen als Personen und nicht nur, wie in den Naturwissenschaften postuliert, als komplexe biologische Systeme. Demzufolge denken und handeln Menschen nach bestimmten normativen Beurteilungskriterien, welche innerhalb dieses Konzeptes sowohl kritisiert als auch unterstützt werden. Auch Begriffe, die die Beziehung zwischen Begriffen charakterisieren, wie z.B. der Begriff der Rechtfertigung oder der Wahrheitsbegriff, sind normativ und würden deshalb mit einer naturwissenschaftlichen Weltsicht in einen Konflikt geraten.

Sellars spricht auch von einem ursprünglichen Weltbild, welches sowohl historisch als auch theoretisch vor dem manifesten Weltbild angesiedelt ist. Es beschreibt nur die bloße Wahrnehmung des Menschen von äußeren Objekten, wobei die Selbsterkenntnis und die detaillierte Beobachtung und Kategorisierung von Objekten fehlen. Das manifeste Weltbild wird auch als das Verständnis des Menschen und seiner Umwelt angesehen, welches im Laufe der Geschichte entwickelt wurde und im volkstümlichen Sprachgebrauch als "gesunder Menschenverstand" oder "Common Sense" bezeichnet wird. Es ist eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Weltbildes und beschreibt die vorwissenschaftliche, an Phänomenen orientierte Auffassung des Menschen7.

Dabei ist es nicht als Gegenstück zum wissenschaftlichen Weltbild gemeint. Auch im manifesten Weltbild werden wissenschaftliche Methoden benutzt, um den Stand des Menschen in der Welt zu bestimmen. Das manifeste Weltbild kann durch empirische und kategoriale Methoden verfeinert werden. Die empirische Verfeinerung durch die korrelative Induktion erlaubt es dem Menschen, die Welt detaillierter beobachten zu können. Durch die kategoriale Verfeinerung des manifesten Weltbildes werden Objekte innerhalb des Weltbildes hinzugefügt, entfernt oder umgestaltet. Dieses Weltbild ist demnach weder anti­wissenschaftlich noch unwissenschaftlich, sondern nur methodologisch aufgeschlossener und lockerer als die institutionalisierten Wissenschaften8.

Was jedoch nicht mehr als kategoriale Verfeinerung in das manifeste Weltbild passt ist die Methode der theoretischen Postulierung von neuen Konzepten.

Nach Sellars ist dieser Schritt nur dem wissenschaftlichen Weltbild zugänglich. Das wissenschaftliche Weltbild ist demnach eine weitere Verfeinerung des manifesten Weltbildes, da es dem Menschen ermöglicht, nicht beobachtbare Objekte in Theorien einzubinden, mit deren Hilfe beobachtbare Korrelationen aufgestellt werden können. Dadurch werden neue Bezugssysteme durch das Postulieren von Entitäten konstruiert, die zur gesamten Erklärung der Welt und deren Prozesse hinzugezogen werden können9. Dieser Anspruch auf die Deutungshoheit macht das wissenschaftliche Weltbild zum Rivalen des manifesten Weltbildes. Nach Sellars gilt das wissenschaftliche Weltbild mit seinen Methoden als überlegen und als logische Weiterentwicklung des manifesten Weltbildes. Von diesem Standpunkt aus sei das manifeste Weltbild zwar pragmatisch, jedoch nicht ausreichend, um die Prozesse in der Welt erklären zu können10.

Damit die Philosophie jedoch einen Blick auf das Ganze gewähren kann, müssen auch normative Aussagen berücksichtigt werden. Ausschließlich deskriptive Äußerungen sind demnach nicht ausreichend, um Beziehungen zwischen Begriffen erfassen zu können. Andererseits ist es auch nicht ausreichend, wenn der Mensch als Gattungswesen nur als Person angesehen wird. Er muss zugleich auch als komplexes, biologisches System verstanden werden, um die Fähigkeit der normativen Begriffsbildung als Bestandteil der Evolution und nicht als mysteriöses Phänomen zu betrachten11.

Das größte Problem der heutigen Philosophie ist laut Sellars der Zusammenprall zwischen den erwähnten manifesten und wissenschaftlichen Weltbildern. Der Anspruch nach Objektivität und evidenzbasierten Erkenntnissen steht mit dem Anspruch nach Subjektivität und Normativität im Konflikt. Das wissenschaftliche Weltbild stellt sich dem manifesten Weltbild als Rivalen gegenüber, mit der Begründung, dass die Methode der Postulierung neuer Theorien den empirischen Methoden des manifesten Weltbildes überlegen sind. Diese reichen demnach nicht aus, um einen ganzheitlichen Blick auf die Welt zu geben, stellen aber das Fundament für das wissenschaftliche Weltbild dar.12

Wie genau dieser ganzheitliche Blick des Menschen auf die Welt aussieht, beschreibt Sellars in einer Metapher. Dabei ist das gesamte Wissen der Menschheit eine große Landkarte und die Weltbilder die Möglichkeit, sich darin zu orientieren. Während das manifeste Weltbild einen groben Umriss der Landschaft zeichnet, stellt das wissenschaftliche Weltbild mit seinen unterschiedlichen Einzelwissenschaften einzelne Regionen detailliert dar. Dieser Metapher nach kennen sich Einzelwissenschaften in ihren eigenen Regionen am besten aus und benötigen die Philosophie, um sich einen Überblick über die gesamte Landkarte zu verschaffen.13

Die Einzelwissenschaften finden sich in ihren eigenen Fachgebieten zurecht, indem sie Wissen darüber generieren und sich darin spezialisieren. Nach Sellars jedoch sollten Wissenschaftler in den Einzelwissenschaften auch über Methoden und Prinzipien innerhalb ihrer Wissenschaft reflektieren und darüber nachdenken, wie diese innerhalb der intellektuellen Landkarte verordnet sind14. Sellars zufolge ist das manifeste Weltbild zwar ein hinreichendes System für den Erkenntnisgewinn, erst durch die wissenschaftliche Methodik jedoch werden Phänomene aufgeklärt, die sonst verborgen blieben.

Aus diesem Grund argumentiert Sellars für eine synoptische Sichtweise, in der die deskriptive und empirische Methode des wissenschaftlichen Weltbildes mit der gemeinschaftlichen und persönlichen Sprache des manifesten Weltbildes verschmilzt. Diese Verschmelzung soll eine Umgebung herbeiführen, in der rationale Prinzipien und Standards gelten, innerhalb derer wir Menschen unser individuelles Leben führen können. Demnach soll die Alltagssprache, die vor allem aus Personen und Handlungen besteht, auf wissenschaftliche Begriffe reduziert werden.

Dadurch kann laut Sellars der Dualismus des manifesten und wissenschaftlichen Weltbildes aufgelöst werden, wodurch der Mensch einen ganzheitlichen Blick auf sich und die Welt um ihn herum bekommt15. Mit der Einteilung der Sicht auf die Welt in zwei Idealtypen hat Sellars einen bedeutenden Schritt getan, um zu erklären, wie der Mensch das Wissen von sich und der Welt hervorbringen kann. Er beschränkt sich dabei jedoch zu sehr auf das wissenschaftliche Weltbild als einzige Möglichkeit, das Ziel der Philosophie zu erreichen. Zudem geht Sellars von der Prämisse aus, dass das manifeste und das wissenschaftliche Weltbild klare Trennlinien haben und sich nur in seltenen Fällen überschneiden. In den weiteren Kapiteln werden jedoch Beispiele vorgestellt, in denen diese Grenzen verschwimmen.

3. Reydon et. al.: „Verhältnis der Philosophie zu den Einzelwissenschaften”

Thomas A.C. Reydon und Paul Hoyningen-Huene gehen in ihrem Text „Philosophie und ihr Verhältnis zu den Einzelwissenschaften” auf einige Fragen innerhalb der Philosophie ein. Dazu gehören die Fragen (1) Warum wird Philosophie betrieben? und (2) Welche Ziele und Absichten stecken hinter der Philosophie? Diese Fragen sollen wie der Titel bereits aussagt, anhand des Verhältnisses der Philosophie zu den Einzelwissenschaften erörtert werden. Zunächst definieren Reydon und Hoyninen-Huene die Aufgaben beider Fachrichtungen. Die Einzelwissenschaften gehen der Aufgabe nach, positives Wissen über die Welt hervorzubringen. Die Philosophie soll dieses hervorgebrachte Wissen kritisch reflektieren. Diese kritische Reflexion kann zur Klärung und Destruktion von Begriffen hinzugezogen werden und kann auch dazu dienen, neue Fragestellungen zu ergründen oder bestehende Fragestellungen erneut zu untersuchen16.

[...]


1 Vgl. deVries. S. 1.

2 Sellars. S. 1.

3 Vgl. Ebd. S. 1.f.

4 Ebd. S. 4.

5 Vgl. Ebd. S. 5.

6 Vgl. Ebd. S. 1f.

7 Vgl. Ebd. S. 6ff.

8 Vgl. deVries. S. 6.

9 Vgl. Sellars. S. 19.

10 Vgl. Ebd. S. 20.

11 Vgl. deVries. S. 7f.

12 Vgl. Sellars. S. 20

13 Vgl. Ebd. S. 4.

14 Vgl. Ebd. S. 2.

15 Vgl. Ebd. S. 40.

16 Vgl. Reydon et. al. S. 127.

Details

Seiten
26
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346011206
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497442
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Schlagworte
verhältnis philosophie naturwissenschaften teilnehmer- beobachterperspektive

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Titel: Das Verhältnis der Philosophie zu den Naturwissenschaften aus der Teilnehmer- und Beobachterperspektive