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Woran leidet Werther in Goethes "Die Leiden des jungen Werther"?

Hausarbeit 2019 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Werthers Leiden

3. Leiden an der Gesellschaft
3.1 Werthers erster Eindruck von Wahlheim
3.2 Die Ständeproblematik

4. Krankheit zum Tode
4.1 Werthers Definition
4.2 Werthers ‚Krankheitsverlauf‘

5. Fazit und Ausblick

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Sie sind geladen - Es schlägt zwölfe! So sei es denn! - Lotte! Lotte, lebe wohl! lebe wohl!“ (Goethe 1963, S.123)

Mit diesen Worten erschüttert Goethe die Welt des 18. Jahrhunderts. Die von der katholischen Kirche und der vorausgegangenen Aufklärung überaus geprägte Gesellschaft empfindet Selbstmord als eine unvernünftige und feige Sünde. Dass nun gerade der hochgebildete Sympathieträger des Romans einen freiwilligen Tod vorzieht, entfacht seither Debatten und macht „Die Leiden des jungen Werther“ bis heute zu einem viel beachteten und diskutierten Roman (vgl. Trunz 1963, S.553).

Doch nicht alle Zeitgenossen reagieren mit Empörung und Abscheu, viele fühlen sich endlich verstanden: „Eben darin besteht Werthers Verdienst daß er uns mit Leidenschaften und Empfindungen bekannt macht, die jeder in sich dunkel fühlt, die er aber nicht mit Namen zu benennen weiß.“ (Lenz 1987, S. 682)

Dieses Gefühl des Verstandenwerdens führt zu vielen jungen Nachahmern und dem sogenannten „Wertherfieber“ (Von Wilpert 1998, S.616). Doch was hat Werther in dem Roman dazu bewegt, sich selbst das Leben zu nehmen? War es lediglich die Trauer über seine unerwiderten Liebesgefühle zu Lotte? Oder kann sein Selbstmord sogar pathologisch am Text begründet werden?

In der vorliegenden Arbeit soll somit der Frage nachgegangen werden, welche Leidensaspekte Werthers Selbstmord zugrunde liegen könnten. Im ersten Teil der Arbeit wird hierfür zunächst Werthers Leiden im Allgemeinen dargestellt. In den darauf folgenden Teilen soll dann im Spezifischen seine ‚Krankheit zum Tode‘ und sein ‚Leiden an der Gesellschaft‘ betrachtet werden. Da beide Themen sehr große Bereiche im Roman darstellen, beschränke ich mich auf folgende Teilgebiete:

Werthers erster Eindruck von Wahlheim sowie dessen Wirkung auf ihn (3.1), die Ständegesellschaft und die sich daraus ergebende Problematik für Werther (3.2), seine Definition der Krankheit zum Tode (4.1) und sein Krankheitsverlauf, welcher sich über den gesamten Roman erstreckt (4.2). Abschließend folgt ein Fazit sowie ein Ausblick. Als Grundlage der folgenden Textarbeit dient die von Goethe überarbeitete zweite Version des Romans, welche erstmals 1787 veröffentlicht wurde.

2. Werthers Leiden

Goethe hat für „Die Leiden des jungen Werther“ die Form eines Briefromans gewählt. Durch die interne Fokalisierung und die expressive Ausdrucksweise Werthers werden dem Leser tiefe Einblicke in sein Gefühlsleben ermöglicht. In der Literatur werden diese Einblicke zahlreich diskutiert und es gibt folglich viele verschiedene Ansätze, welche versuchen, die Gründe von Werthers Selbstmord nachzuvollziehen. Sasse fasst einige der Ergebnisse zusammen:

„Werther leide an der Gesellschaft, an seinem Dilettantismus, er sei ein Schwärmer, ein extremer Narzisst, für den die Außenwelt die Aufgabe [hat], alle Neigungen der Innenwelt zu bestätigen und zu verstärken, er lebe ein Leben aus der zweiten Hand der Literatur, er sei ein Jüngling, der nicht erwachsen werden könne, er scheitere an seiner Unfähigkeit zum Pragmatismus, er sei der vom asozialen Bazillus Befallene, leide an metaphysischer Obdachlosigkeit und - das versteht sich fast von allein und wird von daher gerne heruntergespielt - an der Liebe.“ (1999, S.246)

Anhand dieses Ausschnitts erkennt man deutlich die Vielschichtigkeit der Symptome von Werthers Leiden. Wie bei jeder Interpretation ist es unmöglich zu sagen, an welchem seiner Leiden Werther letztendlich gestorben ist. Lässt sich sein Selbstmord auf eine mangelnde Anpassungsfähigkeit, seine ständigen inneren Konflikte, seine unerfüllte Liebe oder doch auf eine Verflechtung all dieser Leiden zurückführen? Hierzu wäre eine Vorgeschichte Werthers nötig. Wie Günther Sasse jedoch treffend formuliert, wird bei einem fiktionalen Text „Wirklichkeit erst dadurch [erschaffen (Anm. d. Verf.)], daß er sie artikuliert.“ (ebd., S.247)

Um der Gefahr der übermäßigen Interpretation vorzubeugen, sollen in dieser Hausarbeit Werthers Leiden möglichst nah am Text analysiert und dahingehend interpretiert werden. Dabei soll von der psychischen Nähe Goethes zu seiner Figur Werther abgesehen werden, welche in der Literatur oft herangezogen und betrachtet wird.

„Aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.“ (Goethe 1963, S.9) Bereits im zweiten Brief vom 10. Mai 1771 erhält der Leser einen Vorausblick auf das Schicksal Werthers. Diese Antizipation kann als „Grundtext von Werthers Leiden und Tod“ (Vaget 1985, S.45) betrachtet werden.

Die ersten suizidalen Tendenzen Werthers zeigen sich vor dem ersten Treffen mit Lotte in dem Brief vom 22. Mai: „Und dann, so eingeschränkt er ist, hält er doch immer im Herzen das süße Gefühl der Freiheit, und dass er diesen Kerker verlassen kann, wann er will.“ (Goethe 1963, S.14) In dieser Textstelle wird bereits deutlich, dass Werther sein Leben als eine Art ‚Kerker‘ empfindet und dass er sich die Möglichkeit des Selbstmordes offen hält (vgl. Trunz 1963, S.540). Da ihm Lotte, wie auch seine unerfüllte Liebe zu ihr, zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt ist, kann davon ausgegangen werden, dass Werthers Selbstmord nicht ausschließlich auf Liebeskummer zurückzuführen ist. Eine intensivere Betrachtung aller Leidensaspekte wäre im Rahmen dieser Hausarbeit zu umfangreich, daher sollen im weiteren Verlauf zwei Interpretationsansätze genauer betrachtet werden.

3. Leiden an der Gesellschaft

3.1 Werthers erster Eindruck von Wahlheim

Der Briefroman folgt zunächst einem äußerst positivem Handlungsstrang. Nach Werthers Umzug in die kleine Stadt Wahlheim zu Beginn des Romans schwärmt dieser zunächst von der „paradiesischen Gegend“ (Goethe 1963, S.8) und der Anzüglichkeit des Ortes (vgl. ebd., S.10). In den ersten Briefen an Wilhelm (4.-15. Mai) erklärt er die Beweggründe seines Ortswechsels und ab dem 15. Mai beginnt er, etwas von den Menschen in seinem Ort zu erzählen sowie ihr Verhalten zu analysieren.

Doch schnell wird der erste Leidensaspekt Werthers deutlich. Ungefähr zwei Wochen nach seinem ersten Brief an Wilhelm berichtet Werther am 17. Mai 1771 von seinen Schwierigkeiten, Anschluss in seinem neuen Wohnort zu finden:

„Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft habe ich noch keine gefunden. Ich weiß es nicht, was ich Anzügliches für die Menschen haben muss; es mögen mich ihrer so viele und hängen sich an mich […] Wenn du fragst, wie die Leute hier sind, muss ich dir sagen: wie überall! Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. (Goethe 1963, S.11)

Auffällig an diesem Textausschnitt ist Werthers Egozentrismus. In seiner Darstellung stellt seine Person das Zentrum des Geschehens dar: Ich weiß nicht, was ich Anzügliches für die Menschen haben muss […].

Hierbei wird außerdem seine Ich-Bezogenheit offenbart: Seine Suche nach Gesellschaft scheint nicht aufgrund mangelnder Angebote aussichtslos, stattdessen sind ihm die Menschen zu ‚einfach‘.

Mit dem Satz „Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht.“ stellt er eine allgemeine, negativ belastete Aussage über die Menschheit auf und sondert sich gleichzeitig von dieser Gruppe ab. Diese paradox wirkende Generalisierung unterstreicht, wie außergewöhnlich Werther sich selbst empfindet. Gleichzeitig wird Werthers innerer Konflikt deutlich, da er sich selbst einer so großen Kategorie wie dem Menschengeschlecht nicht zuordnen kann oder möchte. Bereits im nächsten Brief vom 22. Mai werden die Folgen seiner Integrationsprobleme deutlich:

Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen und auch mit mir zieht das Gefühl immer herum. Wenn ich die Einschränkung ansehe, in welcher die tätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt sind […] Das alles, Wilhelm, macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt! (ebd., S.13)

Das Leben des Menschen wird hier mit einem Traum verglichen. Dabei wird nicht das Wort ‚Albtraum‘ verwendet und somit offen gelassen, ob dies einen positiven oder negativen Vergleich darstellt. Sicher ist nur, dass Werther der Realitätsbezug zu fehlen scheint. Wie schon zuvor kritisiert er die Formen der derzeitigen Gesellschaft, welche in seinen Augen keine Neugier und Forschung zu lassen. Da er in der ‚realen‘ Welt keinen Anschluss findet und sich nicht integrieren kann, erfindet er seine eigene Welt und flüchtet in diese.

3.2 Die Ständeproblematik

Wie schon an den obigen Textausschnitten deutlich geworden ist, wird die Gesellschaft Werthers Ansprüchen und Wünschen nicht gerecht. Er versteift sich so sehr in seiner Ablehnung gegenüber seinem Umfeld, dass er jeglichen Bezug zur Realität und seinen Mitmenschen verliert und letztendlich in seine eigene Welt flüchtet (vgl. Swales 1987, S.30).

Bemerkenswert ist auch, dass Werther unter den ganzen Menschen, welche er bereits kennengelernt hat (Ich habe allerlei Bekanntschaften gemacht) oder im späteren Verlauf kennenlernen wird, nie jemanden trifft, der ähnlich ist oder denkt wie er selbst. Somit ist stets eine Diskrepanz zwischen ihm und seinem Umwelt vorhanden und seine Flucht in die Innenwelt wird bestärkt (vgl. Trunz 1963, S. 548).

Werther beschreibt außerdem die Einschränkungen des Menschen. Das unlösbare Leiden an eben diesen Einschränkungen durchzieht den ganzen Roman (vgl. Goethe 1963, S.13, 14, 28) und führt unter anderem zur Selbstmordproblematik, da er das Leben als eben solche betrachtet (vgl. Trunz 1963, S.546).

Im Folgenden sollen Werthers Zitate aus Swales Kapitel Werther and society näher betrachtet werden (vgl. 1987, S.49ff.).

In dem vierten Brief an Wilhelm schreibt Werther von seinen Beobachtungen der Leute im Dorf:

„Eine traurige Bemerkung hab’ ich gemacht […] Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom gemeinen Volke halten, als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren […] Ich weiß wohl, daß wir nicht gleich sind, noch sein können; aber ich halte dafür, daß der, der nötig zu haben glaubt, vom so genannten Pöbel sich zu entfernen, um den Respekt zu erhalten, ebenso tadelhaft ist als ein Feiger, der sich vor seinem Feinde verbirgt, weil er zu unterliegen fürchtet.“ (Goethe 1963, S.10f.)

An dieser Textstelle wird Werthers Problem deutlich, sich einer bestimmten Gruppe in dem gesellschaftlichen Ordnungssystem zuzuordnen. Aufgrund seiner Herkunft und seines Bildungsstandes gehört dem Adel an. Seine künstlerischen Tätigkeiten machen ihm jedoch eine gewisse Nähe zum Bürgertum bewusst. Dies führt zu einer Identifikationskrise. Er beschreibt es als traurige Bemerkung, da er bei anderen Leuten aus seinem Stand von ihm abweichende Umgangsformen beobachtet (in kalter Entfernung vom gemeinen Volke).

Werther erkennt somit die Disparitäten um ihn herum und fühlt sich von ihnen angegriffen (vgl. Swales 1987, S.51). Im folgenden Zitat wird jedoch deutlich, dass er die Vorteile seines Standes durchaus zu schätzen weiß:

[...]

Details

Seiten
14
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346058027
ISBN (Buch)
9783346058034
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497551
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Deutsches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Goethe Werther Leiden Ständeproblematik Suizid Wahlheim

Autor

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Titel: Woran leidet Werther in Goethes "Die Leiden des jungen Werther"?