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Identitätskonstitution durch den Rucksacktourismus in Südostasien und der Grand Tour im 18. Jahrhundert

Von der Fremdwahrnehmung zur Selbstwahrnehmung

Hausarbeit 2018 18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Von der Fremdwahrnehmung zur Selbstwahrnehmung
1. Identität konstituieren durch Reisen
2. Zum historischen Kontext des „Rucksacktourismus in Südostasien“
3. Zum historischen Kontext der „Grand Tour“
4. Wahrnehmung des Fremden
5. Selbstbild

III. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

In der Geschichte des Tourismus waren Reisende in feindlicher bzw. kriegerischer Absicht oder aus beruflichen Gründen als Kaufleute1, Fuhrleute oder Handwerksgesellen unterwegs. Die Reise als Abenteuer und Selbstzweck war bis ins ausgehende 18. Jahrhundert hinein unbekannt, allerdings boten Pilger- und Wallfahrtsreisen, sowie Reisen in Heilbäder die Möglichkeit, den Heimatort für einen längeren Zeitraum zu verlassen.

Heute war jeder schon einmal ein „Tourist“2, wobei der Begriff negativ konnotiert ist, da er in Zusammenhang mit dem ebenfalls negativ besetzten Begriff „Massentourismus“ steht. Rüdiger Hachtmann zu Folge handelt es sich bei „Massentourismus“ um einen Relationsbegriff, der das massierte Auftreten einer großen Zahl von Touristen seit Ende der 1960er Jahre an bestimmten Orten bezeichnet.3 Der Begriff soll keine Auskunft über die Zugehörigkeit der jeweiligen Touristen zu bestimmten Sozialschichten erteilen. Im heutigen Sprachgebrauch versteht man unter „Massentourismus“ den „Ausdruck für die in den westlichen Industrieländern zu beobachtende Erscheinung, dass die Reiseintensität der Bevölkerung sehr hohe Werte erreicht, sodass weiteste Bevölkerungskreise regelmäßig am Fremdenverkehr teilnehmen.“4 So scheint der „Massentourismus“ eine organisierte Form des Tourismus zu sein, in dem beispielsweise mittels Veranstalter Pauschalreisen in beliebte Regionen organsiert werden. Der Begriff ist jedoch weitaus komplexer. Er umfasst heute nicht nur die massenhafte Nachfrage nach organisierten Pauschalreisen, wie Thomas Cook5 sie erstmalig anbot. Die zahlreiche Nachfrage nach der Sinnsuche durch Individualreisen6, wie dem „Südostasien-Backpacking-Trend“ junger Erwachsener ist Gegenstand des Ausdrucks. Diese vermeintlich individualtouristische Mobilität wird von jungen Erwachsenen massenhaft durchgeführt, sodass von einem Massentourismus der heutigen Jugendlichen ausgegangen wird. Diese begehen zahlreich Alltagsflucht und betreibt durch die Reise eine Sinnsuche zur Selbstfindung und Identitätsstiftung, um sich anschließend in der Gesellschaft etablieren zu können. Historisch gesehen stehen vor allem junge, noch nicht arbeitstätige Erwachsene, wie die jungen Adligen während ihrer ,,Grand Tour“ bzw. „Kavalierstour“ im 18. Jahrhundert, seither vor der Frage nach der Art und Weise dieser zu findenden „Identität“. In beiden Phänomenen geht es um den Aspekt der Selbstfindung, in Form von personaler Identitätskonstitution, mittels eines längeren Auslandsaufenthaltes, bzw. einer Reise in eine fremde Kultur. Diese Gemeinsamkeit zwischen den gegenwärtigen „Südostasien Backpackern“ und den jungen Adligen des 18. Jahrhunderts wirft die Frage auf: Inwiefern lassen sich Parallelen zwischen dem Phänomen des Südostasien Backpackings und der adligen Grand Tour bezüglich der angestrebten Identitätskonstitution feststellen?

Der aktuelle Forschungsstand7 weist zahlreiche Werke zu beiden Phänomenen auf, wobei sie bisher noch nicht gegenübergestellt wurden. Zu dem Begriff „kollektive Identität“ finden sich zahlreiche wissenschaftliche und alltagssprachliche Diskurse.8 Zudem befasst sich die aktuelle Forschung mit der Notwendigkeit der Entstehung einer europäischen Identität, da sich derzeit Debatten zu den Möglichkeiten und Chancen von Multikulturalität entwickeln.9

Im Folgenden werden die Parallelen beider Reisetypen, im Hinblick auf ihre Identitätskonstitution, anhand von jeweils zwei Reiseberichten gegenübergestellt. Um das Thema zu differenzieren, wird zunächst der Begriff „Identität“ und seine Konstitution durch das Reisen definiert. Anschließend folgen Ausführungen zum historischen Kontext der „Grand Tour“ und des „Rucksacktourismus in Südostasien“. Schließlich werden ausgewählte Textpassagen der Reiseberichte aus dem 18. Jahrhundert den Auszügen gegenwärtiger Online Reiseberichte gegenübergestellt, um nachzuweisen, inwiefern sich durch das Reisen die eigene Identität konstituiert, bzw. sich die Wahrnehmung des Selbst- und Fremdbildes verändert.

II. Von der Fremdwahrnehmung zur Selbstwahrnehmung

1. Identität konstituieren durch Reisen

Jedem Menschen stellt sich die Frage nach der eigenen „Identität“, so ist sie ein elementarer Teil des menschlichen Wesens. Es ergeben sich verschiedene, nicht ganz differenzierbare Arten von „Identität“, wie die „personale Ich-Identität“10, als Fähigkeit sich selbst wahrzunehmen.

Mit der „kollektiven Identität“ wird die Identifizierung von Menschen untereinander bezeichnet, demnach die Vorstellung von Gleichartigkeit mit anderen.11 Jürgen Straub begründet diese Zugehörigkeit mit dem kulturellen Gedächtnis12, indem jedem Kollektiv eine gemeinsame geschichtliche Kontinuität zugeschrieben wird, um sich durch ein gemeinsames Selbst- und Weltverständnis zugehörig zu fühlen.13 In dieser Arbeit stehen die personale und die kollektive Identität in direkter Abhängigkeit zueinander, da die personale Identität insofern kollektiv ist, als dass sie Beziehungen zu anderen herzustellen versucht, um zu einer bedeutsamen Orientierung im eigenen Leben zu gelangen. Die kollektive Identität wiederum konstituiert sich, indem mehrere Individuen die für sie bedeutsame Orientierung ihrer personalen Identität auf dasselbe Kollektiv richten.14 Das Bewusstsein von Gleichheit innerhalb einer Gruppe schließt die Vorstellung ein, sich von Nichtangehörigen dieser Gruppe zu unterscheiden. Infolgedessen konstituiert sich die kollektive und personale Identität maßgeblich durch die Abgrenzung zu der Alterität.15

Zu diesem „kulturell Fremden“, gehört primär alles, das nicht der eigenen Kultur angehört. Wie die Alterität wahrgenommen wird, ist abhängig von der „kulturellen Identität“ des Wahrnehmenden. Dies betrifft sowohl die Auseinandersetzung mit den Einheimischen, als auch deren Sprache, bestimmten Eigenheiten, Normen und Werte. Allerdings ist kritisch anzumerken, dass die Grenze zwischen selbstgewähltem Identitätsentwurf und normativer Zuschreibung fließend verläuft, indem ein Reisender in einer fremden Kultur seine Eindrücke reflektiert und diese Kultur subjektiv in sein Denken und Handeln aufnimmt. Der Aufenthalt in einer fremden Kultur kann dazu beitragen, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen, um diese genauer zu erkennen, indem durch eine direkte Konfrontation mit möglichen alternativen Lebensstilen der eigene Selbstentwurf geformt und reflektiert wird.

Während dieser Reise gilt es die Identität entweder durch den Eintritt in eine „weiterentwickelte“ Kultur zu erlangen, wie die jungen Adligen während ihrer ,,Grand Tour“ durch das historische Italien. Wobei kritisch anzumerken ist, dass es sich um die zeitgenössische Auffassung einer „weiterentwickelten“ Kultur handelt.

Im Gegensatz hierzu steht der heutige Südostasien Backpacker, welcher glaubt, seine Identität in der „Wildnis“ bei naturverbundenen „Urvölkern“ zu finden, um sich aus der Fremdwahrnehmung selbst zu finden. Allerdings wird die kollektive Identität der Einheimischen subjektiv wahrgenommen. Infolgedessen wird das Fremde idealisiert. Grund dafür ist, dass sich Reisende und Einwohner zunächst nicht als Individuen gegenübertreten, sondern als Repräsentanten ihrer Gesellschaftsgruppe. In diesem Zusammentreffen konstituiert jeder, durch das Bewusstwerden der kulturellen Differenz, die eigene kollektive Identität. Dabei suchen beide Parteien einerseits Rückbestätigung über die eigene Gruppenzugehörigkeit, andererseits wird den anderen eine kollektive Identität zugeschrieben. Diese Zuschreibungen sind in hohem Maße stereotyphaft, sowie geprägt von Vorurteilen. Hinzu kommt noch das ungleiche Machtverhältnis, da nur die Europäer die Geldmittel besitzen, um in großer Zahl einen Einblick in die südostasiatische Kultur zu erhalten.16

2. Zum historischen Kontext des Rucksacktourismus in Südostasien

Der Begriff Rucksacktourismus (engl. backpacking) entstand im deutschsprachigen Raum in den 1970er Jahren und ist eine unabhängige Art zu reisen, bei der man meist nur einen Rucksack - den backpack, mit dem Nötigsten ausgestattet, mit sich führt. Charakteristisch ist es meist nicht an einem Ort zu verweilen, das Reiseziel selbstbestimmt und unabhängig vom Massentourismus zu erkunden und mit kleinem Reisebudget „ low budget “ zu reisen. Der Tourismuswissenschaftler Eric Cohen bezeichnete den Rucksacktourist 1972 auch als „Drifter“ (abgeleitet vom engl. to drift - treiben, sich treiben lassen).17

In den 1960er Jahren begaben sich Reisende erstmalig, durch die Hippie Bewegung motiviert, auf eine Reise zu Selbstfindungszwecken.18 Es brachen zahlreich junge Erwachsene oftmals direkt nach dem Schulabschluss auf, um die freie Art des abenteuerlichen Reisens auf dem „Hippie Trail“19, einer Reiseroute von Europa nach Asien, kennenzulernen.

Einige Jahre später erschien 1973 das erste Buch des australischen Verlags Lonely Planet mit dem Titel: „Across Asia on the Cheap“ („Billig durch Asien“). Inzwischen liegt die Gesamtauflage der Lonely-Planet-Bücher bei 55 Millionen.20

Heute begeben sich viele junge Erwachsene nach ihrem Bildungsabschluss auf eine abenteuerliche Reise, in der sie in Online Reiseberichten den Versuch unternehmen, die „Touristenmassen“ zu umgehen. „Diesen Markt sollte man am besten in den frühen Morgenstunden aufsuchen, bevor die Touristenmassen ankommen und sich die Hitze des Tages einstellt. Dies taten wir auch“.21 Der Backpacking Trend ist derzeit derart populär, dass in stark frequentierten Gegenden z.B. auf der thailändischen Insel Koh Phangan, eine Backpacker-Massenbewegung entstanden ist.22 So ist die Infrastruktur in weiten Teilen Südostasiens mittlerweile auf die „Touristenmasse“ zugeschnitten, die mit dem Wunsch nach einer individuellen Reise auf der Suche nach Freiheit, Spaß, Urlaub und sich selbst sind.

[...]


1 Kaufleuten werden Reisenden gleichgesetzt Vgl. Hans Magnus Enzensberger: Vergebliche Brandung der Ferne. Eine Theorie des Tourismus, in: Merkur XII, 8 August 1958, S.701ff.

2 Heute werden Touristen den Reisenden gleichgesetzt Vgl. ebd., S.706.

3 Insbesondere der spanischen und italienischen Mittelmeerküsten, aber auch bestimmter Skigebiete. Vgl. Rüdiger Hachtmann: Tourismusgeschichte. Göttingen 2007, S.69.

4 Hans Magnus Enzensberger: Vergebliche Brandung der Ferne. Eine Theorie des Tourismus, in: Merkur XII, 8 August 1958, S.718f.

5 Hachtmann sieht Thomas Cook (1808-1892) als Erfinder und Wegbereiter des kommerzialisierten Mas- sentourismus an. Seine erste Pauschalreise 1845 führte mit der Eisenbahn von Leicester nach London. Vgl. Rüdiger Hachtmann: Tourismusgeschichte. Göttingen 2007, S.67.

6 Def. Individualtourismus: Reise einer Person oder Personengruppe, die die Beförderung, Aufenthalte und sonstige Reisebestandteile selbst zusammenstellen und mit eigenen Mitteln ausführen. Vgl. Gabler Lexikon: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/individualreise-36757 [Stand: 16.03.2018; 18:34 Uhr].

7 Vgl. Mathis Leibetseder: Die Kavalierstour. Adlige Erziehungsreisen im 17. und 18. Jahrhundert. Köln, Weimar, Wien 2004.; Michael Maurer: Neue Impulse der Reiseforschung. Berlin 1999.; Rainer Babel, Werner Paravivini: Grand Tour. Adliges Reisen und europäische Kultur vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Ostfildern 2005.

8 Vgl. Jan Assmann: Kultur und Gedächtnis, Frankfurt 1988, S.12.

9 Vgl. Anja Hall: Paradies auf Erden? Würzburg 2008, S.23.

10 Vgl. ebd., S.18.

11 Vgl. ebd., S.19ff.

12 Def. Kulturelles Gedächtnis: schicksalhafte Ereignisse der Vergangenheit, deren Erinnerung durch kulturelle Formung (Texte, Riten, Denkmäler) und institutionalisierte Kommunikation (Rezitation, Begehung, Betrachtung) wachgehalten wird. Vgl. Jan Assmann: Kultur und Gedächtnis, Frankfurt 1988, S.12-14.

13 Vgl. Jürgen Straub: „Personale und kollektive Identität“ in Assmann, A./Friese, H. (Hg.): Identitäten, Frankfurt/Main 1999, S.73-104.

14 Vgl. Anja Hall: Paradies auf Erden? Würzburg 2008, S.20.

15 Vgl. Peter Wagner: „Feststellungen“ in Assmann, A./Friese, H. (Hg.): Identitäten, Frankfurt/Main 1999, S.44-72.

16 Vgl. Geert Hofstede: Interkulturelle Zusammenarbeit: Kulturen - Organisation - Management. Berlin 2013, S.31.

17 Eric Cohen: T oward a Sociology of International Tourism. Social Research 1972, S. 168. Vgl. http://www.jstor.org/stable/40970087?casa_token=oMjVwgsPC2AAAAAA:imXDBKP5HpDHb22ZJVV 2F6Zzh1DMEPUw9bD8PHmcOht- 4WRl0qu6JEm8lm0nWlnKUIX_yz5aLsYdZySnaXB64PMkEsv9L_RweLqr8TWJNuI1Mb9evB2H&seq =5#page_scan_tab_contents [Stand: 17.03.3018; 10:47 Uhr].

18 Michael G. Symolka: Hippie-Lexikon (Das ABC der Flower-Power-Ära). Berlin 1999, S.26.

19 Der Ausdruck Hippie trail (engl. trail = „Pfad, Spur“) beschreibt die Reiserouten der Hippies in den 1960ern und 1970ern von Europa über Land nach Südasien. Die Reisekultur der Hippies wurde später zum Vorbild zahlreicher Rucksacktouristen. Vgl. ebd., S.32.

20 Vgl. http://www.zeit.de/2009/03/Backpacker-04 [Stand: 17.03.3018; 15:32 Uhr].

21 Online Reisebericht von Mai 2008 Vgl. https://www.hoebue.de/reisen/k%C3%B6nigreich- thailand/zentral-thailand-bangkok/ [Stand: 18.03.3018; 16:18 Uhr].

22 Günther Spreitzhofer: Tourismus Dritte Welt Brennpunkt Südostasien. Frankfurt am Main 1995, S.43- 45.

Details

Seiten
18
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346017253
ISBN (Buch)
9783346017260
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Erscheinungsdatum
2019 (September)
Note
2,3
Schlagworte
identitätskonstitution rucksacktourismus südostasien grand tour jahrhundert fremdwahrnehmung selbstwahrnehmung

Autor

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Titel: Identitätskonstitution durch den Rucksacktourismus in Südostasien und der Grand Tour im 18. Jahrhundert