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Gutachterliche Stellungnahme zum Risikomanagement im Kinderschutz

Hausarbeit 2019 41 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Auftraggeber, Zielsetzung und Fragestellung

3 Was bedeutet Risikomanagement im Kinderschutz
3.1 Was ist Risiko
3.2 Risikomanagement
3.3 Risiko- und Fehlermanagement
3.4 Risikomanagement im Kinderschutz
3.4.1 Warum ist Kinderschutz riskant
3.4.2 Risikomanagement und Fehleranalyse im Kinderschutz
3.5 Zwei Fallbeispiele zum Risikomanagement im Kinderschutz
3.5.1 Risikomanagement in NRW
3.5.2 Risikomanagement in Bremen

4 Zusammenfassende Stellungnahme zur Auswirkung von Risikomanagement im Kinderschutz

5 Empfehlung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Brandaktuell machte im Januar 2019 der Fall von Lügde im Raum Lippe NRW große Schlagzeilen. Den Jugendämtern war die Familie bereits bekannt, daher treten sie nun bei der Suche nach dem Warum in den Mittelpunkt. Mindestens seit 2008 sollen zwei Männer in einer Baracke dutzenden Kindern unvorstellbares Leid zugefügt haben. Nach Aussagen von FOCUS Online, haben die Anwohner von Lügde von dem jahrelangen Missbrauch nichts mitbekommen (Arnsberger, M., 2019). Den Angaben zufolge, erfolgte bereits im August 2016 durch einen Touristen ein erster Hinweis verdächtiger Beobachtungen an das zuständige Jugendamt, die Polizei und den Kinderschutzbund. Die Polizei teilte jedoch mit, dass der Zeuge habe nie eine „formelle“ Anzeige erstattet habe. Daher habe die Polizei auch nie ermittelt oder den Vorfall an das Jugendamt weitergegeben. Bereits im Oktober 2016 ging ein weiterer Hinweis an die Polizei und das Jugendamt Hameln-Pyrmont. Auch in diesem Zusammenhang verwies die Polizei darauf, dass keine „formelle“ Anzeige erstattet wurde und gab die Verantwortung an das zuständige Jugendamt ab. Die Jugendämter Lippe und Hameln-Pyrmont gaben diesbezüglich an, sie hätten den Fall auf Verwahrlosung und nicht auf sexuellen Missbrauch hin überprüft, da dieser Fakt nicht offenkundig kommuniziert worden wäre (Arnsberger, M., 2019).

Als Fazit kann man an dieser Stelle sagen, dass dies bereits die zweite besorgniserregende, externe Meldung innerhalb weniger Monate war und es wenig plausibel erscheint, dass die Polizei die Vorfälle 2016 ignoriert hat. Auch dem Jugendamt Hameln-Pyrmont muss der Ernst der Lage bewusst gewesen sein, da sich zusätzlich zum Jugendamt auch der Kinderschutzbund eingeschaltet hatte. So sagte der Kinderschutzbund FOCUS-Online, dass man eine akute Gefährdung wahrgenommen und dies sowohl der Polizei als auch dem Jugendamt mitgeteilt habe. Neben der strafrechtlichen Verfolgung des Täters setzt nun aber auch eine öffentliche Debatte über die Zuständigkeit und die Versäumnisse der Jugendämter in Lippe und Hameln- Pyrmont ein. Die Mitarbeiter stehen zur Zeit unter erheblicher Kritik. Möglicherweise wird ein Verfahren gegenüber den Verantwortlichen des Jugend- und Landesamtes eingeleitet. Seitens der Polizei und des Jugendamtes heißt es jedoch, alle rechtlichen Anforderungen seien eingehalten worden. Auf der Grundlage der Tatbestände und der Aussagen externer Beteiligten ist dies erstaunlich (Arnsberger, M., 2019).

Daher kommt die Frage auf, wo Lücken im System der Jugendämter zu finden sind und wie derartig gravierende Fehler in Zukunft vermieden werden können, um Kinder zu schützen. Es gilt herauszufinden, unter welchen Bedingungen die Mitarbeiter*Innen arbeiten, wie es dazu kommen kann, dass Anzeichen bei der Betreuung von Familien nicht gesehen werden und in welcher Form mit Risiken und Fehlern umgegangenen wird (Arnsberger, M., 2019).

2 Auftraggeber, Zielsetzung und Fragestellung

Die Soziale Arbeit, insbesondere die Hilfen zur Erziehung in Deutschland scheinen immer häufiger in Erklärungsnot. Regelmäßig werden Gefahren, Fehler und Katastrophen bekannt, bei denen die Jugendhilfe versagt und Kinder in Bedrängnis oder gar in lebensbedrohliche Not geraten sind. Und dass, obwohl die Finanzausgaben im Feld der Hilfe zu Erziehung schwindelerregende Höhen erreicht und weiter mehr fordert (Hongler, H. & Keller, S., 2015).

In den letzten Jahren hat die breite Berichterstattung über Kinderschutzfehler in den Medien die Öffentlichkeit und die Politik immer mehr für die Gefährdung von Kindern und für die Risiken im Kinderschutz sensibilisiert. Daher steht das professionelle Hilfesystem zusehends vor der Frage, wie die Qualitätssicherung und das Risikomanagement im Kinderschutz gewährleistet werden kann (Wolff, R., et al., 2010).

Nachdem man nun seit mehreren Jahren daran arbeitet, dass die Maschen im Netz der Kontrolle zusehends enger werden, sollen Aufmerksamkeitsaufrufe der Bevölkerung endlich so greifen, dass möglichst kein Kind mehr Schaden nehmen kann. Daher steht die Jugendhilfe vor der Frage, wie viel Kontrolle man will, und wie das, was bereits besteht funktional aufeinander bezogen werden kann. Es stellt sich die Frage, ob das Leben der Menschen durch diese Kontrolle besser geworden ist. Wann immer man sich mit öffentlichen Diskursen beschäftigt, ist man mit dem Thema Bedrohung und der Zunahme an Risiko konfrontiert. Als Folge davon, schwindet das Gefühl der Sicherheit immer weiter und die Akzeptanz von Überwachung und Kontrolle steigt an. Risiko muss minimiert oder gar ganz ausgeschlossen und auf jeden Fall kontrolliert werden. Kinder werden in der Öffentlichkeit als dauerhaft bedroht wahrgenommen und beschrieben (Hongler, H. & Keller, S., 2015). Dadurch entsteht für die Jugendhilfe und die Soziale Arbeit der Auftrag, Familien zu beobachten, inwieweit sie den Anforderungen entsprechen und sie ggf. bei der Bewältigung der anstehenden Aufgaben zu unterstützen. Dies führt zu einer rigoroseren Beobachtungs- und Kontrolltätigkeit im Kinderschutz und letztendlich zu einer noch nie dagewesenen Intensität der Überwachung des familiären Lebens und der Kindheit insgesamt (Hongler, H. & Keller, S., 2015).

Die Arbeit im Kinderschutz ist jedoch ein unsicheres Feld und nicht wirklich vorhersehbar. Man kann nicht sagen wie ein Kind sich entwickeln wird und wie es in einer Familie weitergeht. In der praktischen Umsetzung des Kinderschutzes wird daher versucht, mit rationellen Verfahren und der Schaffung von Entscheidungsgrundlagen und Eindeutigkeiten, das Risiko zu minimieren und die Bedrohung oder dramatische Fehlverläufe zu verringern oder auch zu verhindern. Die Bemühungen Gefahren rechtzeitig zu erkennen und abzuwehren sind im Prinzip zu begrüßen. Fachkräfte konstruieren ihren Hilfeplan oder nutzen Einschätzungsbögen, als müssten sie sich nur an bestimmte, allgemeingültige Verfahren halten, um Risiken zu minimieren und voraussehbare, planbare Ziele zu erreichen. Insbesondere mit der Einführung des § 8a SGB VIII „Schutzauftrag der Kindeswohlgefährdung“ wurden Instrumente zur Risikominimierung entwickelt, die überwiegend auf die individuelle Ebene der handelnden Fachkräfte abzielen, z.B. im Sinne von Verfahrensstandards oder Handlungsempfehlungen, in denen Anforderungen an die Fachkräfte festgelegt werden (Kriener, M. & Nörtershäuser, K., 2009). Daher beschäftigt sich die vorliegende gutachterliche Stellungnahme im Auftrag der Hochschule Koblenz mit der Fragestellung, ob der Einsatz von Risikomanagement im Kinderschutz als hilfreiche und sinnvolle Strategie zur Risikominimierung und Qualitätsverbesserung in der Kinder- und Jugendhilfe eingesetzt werden kann. Um gezielt auf die genannte Fragestellung einzugehen, müssen vorab in Kapitel 3 wichtige Gesichtspunkt im Zusammenhang mit Risiko im Kinderschutz betrachtet werden.

3 Was bedeutet Risikomanagement im Kinderschutz

Wie können die Aufgaben des Kinderschutzes fachlich qualifiziert, organisiert, praktikabel und strukturell zuverlässig durchgeführt werden? Die Gründung und Arbeit der Kinderschutznetzwerke, anhaltende Debatten auf der Bundesebene um neue gesetzliche Regelungen oder auch das Bundesmodellprojekt „Aus Fehlern lernen – Qualitätsmanagement im Kinderschutz“ sowie zahlreiche aktuelle Fälle bieten Anlass zu der Frage, wie gut wir in den deutschen Jugendämtern aufgestellt sind, wenn es um den Kinderschutz geht (Schrapper, C. & Schnorr, V. 2012). In der Ende 2008 vorgelegten Machbarkeitsexpertise zur Verbesserung des Kinderschutzes durch eine Fehleranalyse haben Fegert, J. et al. auf der Grundlage von 133 recherchierten Kinderschutzfällen, eine Analyse von Fehleranalysekonzepten und Risikomanagementprogrammen formuliert. Danach soll v.a. ein verbesserter Umgang mit Sachaufgaben durch eine gesteigerte Fachlichkeit und eine handwerkliche Optimierung einschlägiger Arbeitsvorgänge zur Fehlervermeidung beitragen. Weiterhin sollen Anreizstrukturen für ein frühzeitiges Erkennen von Fehlern und Fehlentwicklungen erarbeitet sowie eine angemessene professionelle Haltung für komplexe Aufgaben, eine umfassende Qualitätssicherung und ggf. ein Hilfeprozessmanagement sowie eine Verbesserung der Kommunikation eingeführt werden (Schrapper, C. & Schnorr, V., 2012).

In vielen Arbeiten zur Fehleranalyse und Risikomanagement wird dabei ein Bezug auf ältere und aktuelle Arbeiten der Organisationswissenschaften genommen, die sich mit der empirischen und theoretischen Frage auseinandergesetzt haben, was eine Organisation auszeichnet, denen es besonders zu gelingen scheint, riskante und durch ein hohes Maß an Gefährlichkeit, Ungewissheit und Komplexität ausgezeichneten Aufgaben zuverlässig zu bewältigen (Schrapper, C. & Schnorr, V., 2012). In diesem Zusammenhang ist es wichtig, einerseits nach den Bedingungen und Faktoren für einen gelingenden Kinderschutz zu fragen, und andererseits kritische Fallverläufe zum Anlass zu nehmen, genau und sorgfältig zu untersuchen, welche Probleme sich eingeschlichen haben. Denn erst aus der Analyse, woran man gescheitert ist, können wesentliche Erkenntnisse für Bedingungen und Faktoren eines gelingenden Kinderschutzes erbracht werden. Daraus lassen sich letztendlich die Risiken herausarbeiten, mit denen Kinderschutzarbeit in der modernen Gesellschaft konfrontiert ist und Erkenntnisse gewonnen werden, wie mit diesen Risiken umgegangen werden kann (Schrapper, C. & Schnorr, V. 2012). Dabei handelt es sich i. d. R. um die Gefährdungsrisiken in der kindlichen Entwicklung, z.B. Misshandlungs-, Missbrauchs- oder Vernachlässigungsrisiken. (Kriener, M. & Nörtershäuser, K., 2009)

3.1 Was ist Risiko

Seit Menschengedenken kämpfen wir mit dem Risiko. Doch während Menschen vergangener Epochen mehr mit Einzelgefahren und Katastrophen auf lokaler, nationaler und zwischenstaatlicher Ebene zu kämpfen hatten, sind die Risiken in unserer modernen und eng vernetzten Welt um ein vielfaches vielschichtiger geworden (Romeike, F., 2018). Daher ist in vielen Organisation das Risikomanagement mittlerweile ein Muss. Sei es aus der Notwenigkeit heraus bestehende Gesetze einzuhalten oder weil Unternehmen und Organisationen den strategischen Mehrwert des Risikomanagements erkannt haben und mithilfe moderner Methoden, Simulationen und Analysen Risiken frühzeitig erkennen (Romeike, F., 2018).

Der Umgang mit möglichen Risiken reicht bis ins Altertum zurück. Griechen, Römer sowie Ägypter suchten bereits Wege, um damaligen Gefahren aus dem Weg zu gehen. Dafür wurden Schutzgemeinschaften und Bündnisse gegen potenzielle Feinde gebildet oder Heiraten zwischen Herrschaftshäusern arrangiert, um sich Macht und Einfluss zu sichern. Nach Ulrich Bröckling wird etwas getan „bevor ein bestimmtes Ereignis oder ein bestimmter unerwünschter Zustand eintreten kann oder zumindest der Zeitpunkt ihres Eintretens hinausgeschoben wird bzw. die erwarteten negativen Effekte des Ereignisses oder des Zustandes begrenzt werden“ (vgl. Bröckling, U., 2017, S. 185). In diesem Sinne liegt laut Bröckling jedem menschlichen Handeln etwas Präventives, Vorbeugendes und Vorsorgendes zugrunde (Romeike, F., 2018). Im Umkehrschluss sind alle Menschen von Natur aus sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich Risikomanager, in dem Sinne, dass unser Instinkt uns zur Vorsicht und zum Abwägen von Risiken und Chancen antreibt. Der Begriff Risiko und die Methodik eines präventiven Risikomanagements konnte jedoch erst entstehen, als man sich bewusst war, dass man sein Schicksal auch selbst mitbestimmen konnte (Romeike, F., 2018).

3.2 Risikomanagement

Risikomanagement ist ein sonderbarer und paradoxer Begriff, der suggeriert, dass etwas auf eine bestimmte Art und Weise gemanagt werden kann und dass es nicht mehr oder nur noch in einem deutlich weniger bedrohlichem Maße existiert. Risiko impliziert dabei nicht nur die negativen Auswirkungen einer Handlung oder Entwicklung, deren Eintreten im Gegensatz zur positiven Chance grundsätzlich nicht erwünscht ist. So kann es aus ökonomischen Gründen heraus, durchaus lohnenswert sein, Risiken einzugehen, z.B. bei Finanzoperationen (Hongler, H. & Keller, S. 2015). Spricht man von Risikomanagement, so ist es wichtig, auch einen Blick auf die unterschiedlichen Bedeutungen der Begriffe zu werfen. Etymologisch kann man den Begriff des Risikos auf rhiza (griechisch = Wurzel, Klippe) oder auch risc (arabisch = Schicksal) zurückführen. Auf der anderen Seite steht der Begriff Risiko für das lateinische Wort „ris (i)co“, die Klippe, die es zu umschiffen gilt. Der Ursprung des Begriffes ist jedoch bis heute nicht eindeutig klar. So wird der Begriff im Duden über das vulgärlateinische „risicare“ (resecare, Gefahr laufen, wagen) zurückgeführt (Romeike, F., 2018). Der heutige deutsche Begriff wird verstanden als möglicher Ausgang einer Unternehmung, mit möglichen Nachteilen, Verlusten oder Schäden. Man spricht von Risiken, wenn die Folge einer Handlung ungewiss ist bzw. durch zufällige Störungen von dem geplanten Zielwert abweicht. Somit können Risiken auch als Streuung um einen Erwartungs- oder Zielwert betrachtet werden. Grundsätzlich sind sie immer nur in einem direkten Zusammenhang mit der Planung eines Unternehmens zu interpretieren. Daher ist ein Risikomanagementprozess, als ein Prozess der systematisch verlaufenden Risikoanalyse zu verstehen (Romeike, F., 2018).

Ziel einer solchen Analyse ist es, die frühzeitigen Risiken zu identifizieren, die den Fortbestand einer Organisation gefährden könnten. Demnach sollte das Hauptziel eines Risikomanagements eine möglichst vollständige Erfassung aller Risiko- oder Störquellen sein. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, Risikomanagement als einen kontinuierlichen Prozess bzw. Regelkreislauf der gesamten Organisation zu betrachten, bei dem alle Risiken und Chancen des Führungs- und Durchführungsprozesses zu beachten sind (Romeike, F., 2018).

Risiken stellen damit mögliche Abweichungen von den geplanten Zielen dar. Sowohl im negativen Sinne als Gefahren, als auch im positiven Sinne, in Form von Chancen. Auf der Organisationsebene wird der Erfolg eines Unternehmens maßgeblich dadurch bestimmt, die richtigen Risiken einzugehen. Dabei ist es wichtig, dass sich alle Mitarbeiter eines Unternehmens über die Chancen und Gefahren bewusst sind. Dafür sollte eine möglichst frühzeitige Erfassung von Risiken und Chancen erfolgen, denn nur identifizierte Risiken lassen sich durch eine Unternehmensführung steuern (Romeike, F., 2018).

Nach Luhmann ist der Risikobegriff noch relativ jung. In seiner Risikotheorie definiert er die Begriffe Risiko und Gefahr so, dass die Unterscheidung beider Begrifflichkeiten voraussetzt, dass aus künftigen Schäden eine Unsicherheit besteht. Im Sinne des Risikos als ein etwaiger Schaden, d.h. als Folge der Entscheidung oder der Schaden wird extern veranlasst, also auf die Umwelt zugerechnet. In diesem Fall spricht er von Gefahr. Den Ausführungen von Luhmann zufolge, kann man das Risiko-Schema als eine besonders prominente Form der Zukunftsbeobachtung bezeichnen, die es uns erlaubt, künftige Zustände oder Ereignisse als gegenwärtige Entscheidung zuzurechnen (Hongler H. & Keller, S., 2015).

Risken sind von Entscheidungen unter Sicherheit abzugrenzen, da das Charakteristikum der „Zufälligkeit“ fehlt bei dem das Ereignis sicher eintritt. Das Risikomanagement konzentriert sich daher auf Entscheidungen, die unter Unsicherheit getroffen werden. In diesem Zusammenhang bezeichnet man Unsicherheit als einen bewusst wahrgenommenen Mangel an Sicherheit oder an Reliabilität und Validität. Bei dieser Form von Entscheidungen sind mögliche Szenarien und ihre Auswirkungen nicht oder nicht vollständig bekannt, sodass keine Eintrittswahrscheinlichkeiten angegeben werden können. Im Hinblick auf Entscheidungen unter Risiko sind dagegen mögliche zukünftige Alternativen und Eintrittswahrscheinlichkeiten vorhanden. Szenarien mit nicht berechenbaren Unsicherheiten werden als „Black Swan“ (Schwarze Schwäne) bezeichnet. Dabei handelt es sich um Ausreißer, die außerhalb des üblichen Bereichs der Erwartungen liegen, da in der Vergangenheit nichts Vergleichbares geschehen ist (Romeike, F., 2018).

Zusammenfassend kann man sagen, dass durch das Risikomanagement ein verbesserter Umgang mit Risiken und Chancen auf der Grundlage der Führungs- und Durchführungsprozesse der unternehmerischen Tätigkeiten liegen soll. Dabei ist es Ziel des Risikomanagements die Risiken frühzeitig zu identifizieren, die den Fortbestand der Organisation gefährden, um zu einer vorwärtsgewandten Chancensicht zu gelangen und die Organisation wertorientiert zu steuern. Der erreichte Mehrwert soll dahingehend entstehen, dass die vorausschauende Risiko- und Chancensicht neue Handlungsoptionen für die Zukunft eröffnet. Maßgabe für das Gelingen eines Gesamtprozesses zum Risikomanagement ist der Mitarbeiter in der Organisation (Romeike, F., 2018).

Risikomanagement lässt sich durch einen Kreislauf aus mehreren Phasen darstellen. Der idealtypische Kreislauf stellt sich gemäß dem internationalen Risikomanagement-Standard ISO 31000 dar. In diesem Zusammenhang beginnt das Risikomanagement mit den Rahmenbedingungen den („establish the context“). Hier wird zum einen die Einbindung des Risikomanagements in die Aufbauorganisation festgelegt, zum anderen werden die Schwellenwerte der Risiken identifiziert. Dabei werden die externen Zusammenhänge (soziale, kulturelle, politische, rechtliche, usw.) sowie die internen Zusammenhänge (organisatorischer Aufbau, Rollen und Verantwortlichkeiten, Strategien, Ressourcen, Informationssysteme usw.) festgelegt (Romeike, F., 2018). Um die Risiken wirkungsvoll handhaben zu können, müssen sie bekannt sein. Daher dient die Phase der Risikoidentifikation („Risk Identification“) dazu, Risiken aufzuspüren. Dabei sollen Risikoquellen, betroffene Bereiche, Ereignisse und Entwicklungen im Zeitverlauf berücksichtigt werden. In der Phase der Risikoanalyse („Risk Analysis“) soll ein verbessertes Verständnis für ein Risiko generiert werden. Die Risikoanalyse fließt in diesem Zusammenhang in eine Risikobewertung. Man entscheidet darüber, welche Strategien und Methoden der Risikobewältigung am besten gelingt, betrachtet die Ursachen und Quellen der Risiken, ihre positiven und negativen Auswirkungen sowie die Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens. Das Risiko wird in diesem Zusammenhang durch die Bestimmung der potenziellen Auswirkungen analysiert. Die Risikoanalyse kann mit den verfügbaren Informationen, Daten und Ressourcen mit unterschiedlicher Untersuchungstiefe durchgeführt werden. In der Risikobewertung („Risk Evaluation“) werden die bisher erarbeiteten, qualitativen Ergebnisse quantifiziert und es erfolgt eine Bewertung der Risiken durch potenzielle Schäden oder Schadenszenarien und ihren verknüpften Häufigkeiten bzw. Eintrittswahrscheinlichkeiten. Die im Rahmen der Risikoabschätzung erarbeiteten Informationen, v.a. die bewerteten, aggregierten und priorisierten Risken, dienen anschließend als Grundlage für die Risikostreuung („Risk Treatment“ bzw. „Risk Mitigation“) (Romeike, F., 2018). Ziel einer Risikoidentifikation ist die frühzeitige Erkennung von potenziellen Ziel- und Planabweichungen, d.h. die möglichst vollständige Erfassung aller Risikoquellen, Schadensursachen und Störpotenziale. Für einen effizienten Risikomanagementprozess ist es wichtig, dass dieser als kontinuierlicher Prozess in den Organisationsprozess integriert wird. Die Informationsbeschaffung ist die schwierigste Phase des Risikomanagements, da dieser Schritt die Informationsbasis für alle nachfolgenden Phasen liefert, da nur Risiken bewertet und gesteuert werden können, die vorher auch erkannt wurden (Romeike, F., 2018).

3.3 Risiko- und Fehlermanagement

Unter Risikomanagement versteht man die Prozessanalyse mit dem Ziel, Risikosituationen mit möglichen rechtlichen Konsequenzen aufzudecken, bzw. eine Managementmethode, die das Ziel hat, in einer systematischen Form Fehler und ihre Folgen zu erkennen, zu analysieren und zu vermeiden. Es basiert auf dem Verständnis von Natur und Ausdehnung von Fehlern, der Änderung von Bedingungen, unter denen sich Fehler ereignen, der Bestimmung des Verhaltens, das Fehler verhindert werden sowie auf der Schulung von Mitarbeitern im Umgang mit Fehlern (Fegert, J.M. et al., 2008). Dadurch dient Risikomanagement der Fehlerverringerung durch Fehlervorbeugung und gilt als Teil des Qualitätsmanagements. Es setzt als dynamischer, sich wiederholender Prozess bei institutionellen Fehlerquellen an, um daraus zu lernen und die Umsetzung der diskutierten Vorschläge, Empfehlungen und zwingend erforderlichen Maßnahmen durchzusetzen (Fegert, J.M. et al., 2008). Ein effektives Fehlermanagement besteht demnach aus gezielten Risikoidentifikationen sowie einer nachfolgenden Bewertung, Bewältigung und Risikoüberwachung. Für die Risikoidentifikation und ein effektives Fehlermanagement ist es entscheidend, welche Fehlerkultur in einer Organisation bestehen, bzw. wie in dem Unternehmen mit Fehlern umgegangen wird. Dies hängt u.a. davon ab, welcher Fehlertheorie im engeren Sinne gefolgt wird. In diesem Zusammenhang nennt Fegert et al. zwei Ansätze (Fegert, J.M., 2008):

1. Personeller Ansatz:

Traditionelle liegt der Fokus der Fehleridentifikation auf den Fehlern und Verfahrensverletzungen der Mitarbeiter, bzw. der ausführenden Personen, z.B. in mentalen Prozessen wie Vergesslichkeit, Motivationslosigkeit, Unaufmerksamkeit und mangelnde Sorgfalt. Daher zielen die Gegenmaßnahmen unmittelbar darauf ab, das menschliche Verhalten zu ändern und es als moralische Angelegenheit zu behandeln (Fegert, J.M., 2008).

2. Systemischer Ansatz:

Der systemische Ansatz hingegen geht davon aus, dass Fehler, die in den Organisationen zu erwarten sind, eher die Folge als die Ursache sind und ihr Ursprung im System der Organisation liegt. Als Gegenmaßnahme müssen demnach die Bedingungen unter denen Menschen arbeiten geändert werden. Betrachtet man nur den menschlichen Ursprung des Fehlers, isoliert man den Fehler von seinem Kontext im System. Dies passieren oft in wiederkehrenden Mustern (Fegert, J.M., 2008).

3.4 Risikomanagement im Kinderschutz

3.4.1 Warum ist Kinderschutz riskant

In unserer heutigen Zeit sind die Begriffe Risiko und Sicherheit Schlüsselbegriffe und spielen als solche in modernen Hilfesystemen wie dem Kinderschutz eine wachsende Rolle, da diese Systeme als moderne Risikogesellschaft und als Hochrisikobereich gesehen werden (Wolff, R. et al., 2010). Der moderne Risiko- und Sicherheitsdiskurs entwirft in diesem Zusammenhang einen Deutungs- und Handlungsrahmen, mit dem versucht wird gesellschaftliche, politische, ökonomische und kulturelle Umbrüche der modernen individualisierten Gesellschaften in den Griff zu bekommen (Wolff, R. et al., 2010). Der Kinderschutz wird dabei auf den unterschiedlichsten Ebenen mit Risiken konfrontiert. So beschäftigt er sich mit Themen wie häuslicher Gewalt, Kindeswohlgefährdung, sexuellen Missbrauch und Ähnlichem. Man versucht präventiv mehr und mehr präventiv zu arbeiten, d.h. sich nicht nur mit einem bereits bestehenden Problem zu beschäftigen, sondern mit solchen, die in der Zukunft auftreten könnten. Die Prävention ist u.a. darauf ausgerichtet, eine problembelastende Gegenwart so zu beeinflussen, dass sie sich verbessert oder zumindest nicht verschlimmert. Man versucht Paradoxien zu lösen, indem man Risiko- und Schutzfaktoren bestimmt, denen ein Einfluss auf das Entstehen des zu verhindernden Problems zugeschrieben wird. Gelingt es die Risikofaktoren zu reduzieren, dann reduziert sich möglicherweise die statistische Wahrscheinlichkeit, dass das Problem in Zukunft auftreten wird (Hongler H. & Keller, S., 2015).

Mit der Umstellung auf den Begriff des Risikos kommt es zu einem möglicherweise positiven oder negativen Wahrscheinlichkeitskalkül negativer Ereignisse. Das Wort Risiko steht in diesem Zusammenhang für Gefahr bzw. ein hohes Risiko für eine große Anzahl an Gefahren. Wer von Risiko spricht, der sieht sich in der Aufgabe drohende Gefahren wissenschaftlich hervorzusagen und zu erfassen und ihnen ggf. vorzubeugen (Wolff, R. et al., 2010). Nach Luhmann wird im Kinderschutz dann von Gefahr gesprochen, wenn ein möglicher Schaden, als Folge der eigenen Entscheidungen und Handlungen entsteht. Unter Risiko versteht er dagegen einen möglichen Schaden, der als Folge eigener Entscheidungen und Handlungen eintreten kann (Luhmann, N., 1991). Wichtig ist, dass beides, Gefahren und Risiken, sich auf mögliche Ereignisse in einer nicht zuverlässigen, vorhersagbaren oder zu beeinflussenden Zukunft beziehen. Denn wie für alle sozialen und gesellschaftlichen Phänomene gilt auch für die Versorgung und Erziehung von Kindern, dass sie keinen einfachen kausalen Gesetzen folgen und daher schwer zu prognostizieren sind. So sind weder die konkreten familiären Bedingungen kindlicher Entwicklungen im Einzelfall sicher gestaltet noch können grundsätzliche Rahmenbedingungen für das Aufwachsen aller Kinder ausreichend beeinflusst werden. Riskant ist zudem, dass die erforderliche Ausstattung und Arbeitsweise nur wenig bestimmt wird. So ist man bspw. mit Risiken konfrontiert ist, für die es keine detaillierten Vorgaben gibt (Schrapper, C. & Schnorr, V. 2012). Kinderschutzfachleute haben daher die Aufgabe, riskante, gefährdete Familien zu identifizieren, eine Kindeswohlgefährdung abzuwenden und Familien zu helfen, gleichzeitig aber auch selbst als risikogefährdetes System wahrgenommen zu werden (Wolff, R. et al., 2010). Problematisch sind dabei v.a. die alltäglichen und unausweichlichen Folgen von professionellen Handlungen, wenn durch sie ein Schaden entsteht. Dies kann zum einen dadurch passieren, wenn bestimmte Ziele nicht erreicht werden, zum anderen aber auch, wenn sich die Dinge durch eine ausgeführte Aktivität verschlechtern. So z. B., wenn sich durch eine Hilfsaktion nicht nur keine Verbesserung einsetzt, sondern zudem eine Verschlechterung, bspw. eine psychische oder physische dauerhafte Schädigung (Hongler H. & Keller, S., 2015) eintritt.

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Details

Seiten
41
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346012500
ISBN (Buch)
9783346012517
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497740
Institution / Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,0
Schlagworte
Risikomanagement Kinderschutz Fall- und Fehleranalyse im Kinderschutz Soziale Arbeit Kindheitswissenschaften Sozialwissenschaften Sozialpädagogik Jugendhilfe

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Titel: Gutachterliche Stellungnahme zum Risikomanagement im Kinderschutz