Lade Inhalt...

Der menschliche Tod. Wichtiger Bestandteil des Lebens oder Übel?

Kritik an Thomas Nagels Ansicht

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Materialistischer Tod nach Epikur

1.1 Epikurs Argument gegen den Tod als Übel

2. Der Tod als Übel

2.1 Warum ist der Tod laut Thomas Nagel ein Übel?

3. Tod als Notwendigkeit des Lebens

3.1. Tod als wichtiger Bestandteil des Lebens?

3.2 Die Notwendigkeit des Tods

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Der Tod berührt uns nicht.“[1]

So schrieb Lukrez über den Tod. Für uns Menschen ist der Tod ungreifbar, nicht erlebbar, somit geht er uns auch nichts an. Dennoch sehen ihn viele Menschen als das grausamste aller Übel an, unter anderem auch Thomas Nagel. Im Fokus der Arbeit steht die Beantwortung der Frage, ob der Tod nicht als Übel angesehen werden sollte, sondern als wichtiger Bestandteil des Lebens und damit als Notwendigkeit. Um diese Frage zu beantworten, wird Epikurs Meinung über den Tod herangezogen und daraufhin erklärt, wieso der Tod laut Epikur kein Übel ist, auch wenn dieser den Tod selbst als Übel bezeichnet. Daraufhin werden Nagels Argumente für den Tod als Übel analysiert und erläutert. Es folgt eine Gegenüberstellung von Epikur und Thomas Nagel. Unter anderem wird auch Bernand Williams‘ Werk „Von den Vorteilen der Sterblichkeit“ angeführt, um darzustellen, dass der Tod ein Bestandteil des Lebens ist und damit eher eine Notwendigkeit darstellt als ein Übel. Williams wird aber nur kurz angerissen und seine wichtigsten Argumente werden zusammengefasst. Intention der vorliegenden Arbeit ist zu zeigen, dass der Tod nicht immer als Übel angesehen werden sollte, sondern sich aus ihm auch positive Aspekte gewinnen lassen. Zur Eingrenzung der Thematik wird nur der Alterstod beleuchtet.

1. Materialistischer Tod nach Epikur

1.1 Epikurs Argument gegen den Tod als Übel

Es gibt viele Meinungen zum Thema Tod. Manche sehen diesen als Übel, andere wiederum sehen in ihm eine Chance zur vollkommenen Ausnutzung des Lebens, so auch der griechische Philosoph Epikur.

Epikurs „ Brief an Menoikeus, Lehrsätze, Weisungen “ handelt von dem menschlichen Tod. Der Text ist in drei Abschnitte unterteilt: Brief an Menoikeus, Lehrsätze und zuallerletzt Weisungen. Hintergrundwissen ist für das Textverständnis nicht nötig. Epikurs Hauptthese ist die, dass der Tod nichts ist, was uns betrifft. Er setzt diese Konklusion dabei bereits am Anfang des Textes voraus.[2] Daraufhin folgen zwei Prämissen. Aufbau von Epikurs Argumentation ist wie folgt:

Prämisse 1: Alles Gute und Schlechte entsteht und besteht in Empfindungen.

Prämisse 2: Der Tod ist die Vernichtung der Empfindungen.

Konklusion: Der Tod betrifft uns nicht.

Wie bereits erwähnt, wird das Ergebnis schon vorweggenommen, es folgen die Prämissen. Vermutlich will Epikur seiner Hauptthese damit Nachdruck verleihen, indem er sie an den Anfang seiner Argumentation stellt und diese auch damit beendet.

In den menschlichen Empfindungen besteht, oder entsteht für den Menschen alles Gute und Schlechte. Die erste Prämisse scheint schlüssig zu sein, denn wenn der Mensch keine Empfindungen hätte, dann könnte er nicht entscheiden, was nun gut oder schlecht für ihn sei. Ohne jegliche Empfindungen, wäre der Mensch ein neutrales, objektives Lebewesen. So ist es auch richtig zu sagen, dass alles Gute und Schlechte in Empfindungen besteht oder aus ihnen entsteht.

Auch gegen die zweite Prämisse: „Der Tod ist die Vernichtung aller Empfindungen“, ist nichts einzuwenden. Wichtig zu nennen ist, dass mit den Empfindungen nicht nur die Gefühle eines Menschen gemeint sind, sondern auch seine Wahrnehmung, Denkvermögen, generell alles was den Menschen ausmacht. Denn wenn der Menschkeine Gefühle bzw. Empfindungen hätte, dann würde er seine Umwelt nicht in Gut oder Schlecht unterteilen können. Ohne Gefühle gäbe es für den Menschen eine solche Unterteilung erst gar nicht. Mit dem Tod nun hört der Mensch auf zu existieren, somit sterben auch alle seine Empfindungen mit ihm.

Diese können nur von dem Tod vernichtet werden. Wenn ein Mensch zum Beispiel einen Unfall hat und nur noch einen geringen Teil seines Gehirns benutzen kann, also geistig beeinträchtigt wird, dann besitzt er dennoch Empfindungen. Zwar kann er seine Umwelt nicht mehr reflektieren wie ein geistig gesunder Mensch, dennoch reagiert er noch auf diese. Wenn man zum Beispiel vor dem Unfallopfer Grimassen schneidet, dann lacht er und wenn man ihn anschreit, dann weint er. Somit ist zu erkennen, dass er noch Empfindungen besitzt, denn für ihn scheinen Grimassen etwas Gutes zu sein und lautes Geschrei etwas Schlechtes. Das Unfallopfer mag diese zwei Kategorien vermutlich nicht erkennen, dennoch reagiert es passend zu dem an ihn vollführten Handlungen. Denn wenn ihm die Grimassen nicht gefallen würden, also nicht etwas Gutes sein würden, dann hätte er nicht mit einem Lachen regiert. Dasselbe gilt für das Anschreien. Wenn es nicht etwas schlechtes sein würde, dann hätte er nicht geweint. Somit scheint auch die zweite Prämisse schlüssig zu sein, denn nur der Tod, kein Unfall oder Ähnliches, ist in der Lage alle Empfindungen zu vernichten.

Die Konklusion, dass der Tod uns nicht betrifft, scheint ein schlüssiges Ergebnis zu sein. Aufgrund der Vernichtung all unserer Empfindungen, scheint uns der Tod auch nichts mehr anzugehen. Damit wird die „[…] Sterblichkeit des Lebens erst genußfähig […].“[3]

Die eigene Sterblichkeit wird insofern genießbar, dass sie uns die Sehnsucht nach ewigem Leben nimmt, denn wenn man sich im Klaren wird, dass es nichts Schlimmes am Tod gibt, dann verlischt auch der Wunsch nach einem ewigen Leben.[4] Nach Epikur handelt es sich beim Tod um „[…] nichts was uns betrifft.“[5] Der Mensch hört mit Eintreten des Todes auf zu existieren und wird empfindungslos. Dieses Empfindungslose ist aber nichts, was den Menschen betrifft, somit geht auch der Tod den Menschen nichts an.[6]

Laut Epikur ist es sinnlos, sich vor dem Tod zu fürchten. Denn wenn der Tod eintritt, ist der Mensch nicht mehr und solange der Mensch ist, solange gibt es den Tod nicht. Es ist nur die Angst vor dem bevorstehenden Nicht-Leben, die Menschen dazu verleitet, den Tod als größtes aller Übel anzusehen. Laut Epikur ist der Tod somit auch kein Übel, da dieser einfach nicht erlebbar ist.[7]

Dadurch, dass der Tod nicht wahrgenommen werden kann, weil mit seinem Eintreten jede Empfindung stirbt, hat der Tod auch nichts Gutes oder Schlechtes für den Menschen. Somit ist der Tod auch kein Übel.

Der Tod ist vielmehr ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens, es gehört einfach zum Leben dazu, geboren zu werden, zu leben und dann zu sterben. Der Tod und die daraus resultierende Nicht-Existenz, sind eine Notwendigkeit und Teil unseres Lebens.[8]

2. Der Tod als Übel

2.1 Warum ist der Tod laut Thomas Nagel ein Übel?

Für andere Philosophen handelt es sich beim Tod jedoch um das größte aller Übel. So auch für Thomas Nagel. Für ihn ist der Tod ein Übel, da er die Lebenden ihrer Möglichkeiten beraubt und all das Gute ein Ende findet. Wenn Nagel von dem Guten spricht, meint er das Leben im Allgemeinen. Denn allein das Leben an sich sei bereits etwas Gutes, ungeachtet der schlechten Dinge, die einem im Leben widerfahren sind.[9] Im Folgenden werden Nagels wichtigste Argumente aufgezählt und untersucht, aus denen Nagel zum Ergebnis gelangt, dass der Tod ein Übel ist.Nagels Argumentation für den Tod als Übel besteht aus drei Prämissen und einem zentralen Beispiel zur Stützung seiner Argumentation. Bei seiner Argumentation bezieht Nagel auch Epikur und Lukrez‘ Asymmetrieargument mit in seine Argumentation ein.

Nagel erklärt, wieso die posthume Nichtexistenz negativ ist, die pränatale aber nicht. Dabei bezieht er sich auf Lukrez, welcher auf die zeitliche Asymmetrie hingewiesen hat. Denn niemand denkt über die Ewigkeit vor seiner Geburt nach, oder hat Angst davor. Somit scheint es nach Lukrez auch irrational, sich vor dem Tod zu fürchten. Der Tod sei nämlich ein Spiegelbild der dem Leben vorausliegenden Unendlichkeit. Nagel stimmt Lukrez zu, dass niemand in der Zeit vor seiner Geburt oder nach seinem Tod existiert. Jedoch kritisiert Nagel Lukrez, da es für ihn auf keinen Fall irrational ist, den Tod zu fürchten. Denn die Zeit nach dem Tod ist eine Zeit, die uns vom Tod geraubt wird.[10]

Damit unterscheidet sie sich auch von der Zeit vor unserer Geburt. Denn es gibt keine Zeit, die uns geraubt werden könnte vor unserer Geburt. Wenn der Mensch zu einer erheblich früheren Zeit geboren würde, dann wäre er nicht mehr derselbe. Es kommt somit nicht darauf an, wann man geboren ist, denn mit der Geburt verliert man keine Sekunde seines Lebens, mit dem Tod jedoch schon.[11]

Mit seiner Kritik an Lukrez‘ Asymmetrieargument macht Nagel deutlich, dass es durchaus verständlich ist, den Tod zu fürchten und in ihm etwas Negatives zu sehen.

Nagels erste Prämisse ist die, dass das menschliche Glück nicht nur an zeitliche Zustände geknüpft ist. Es gibt nicht nur Dinge, die einfach aufgrund des Zustands während einer bestimmten Zeit vom Menschen als gut oder schlecht empfunden werden. Es kommt vielmehr auf die Lebensgeschichte einer Person an und auf die Möglichkeiten, die die Person noch in ihrem Leben besitzt.[12]

Zur Stützung seiner Argumentation zieht Nagel ein Beispiel heran. Es geht um einen intelligenten Erwachsenen, der durch eine Hirnverletzung in den Geisteszustand eines zufriedenen Säuglings zurückfällt. Alle Bedürfnisse der erwachsenen Personsind befriedigt und sie hat keine Sorgen. Im Ganzen scheint die Person glücklich zu sein. Doch aus der Sicht von Außenstehenden handelt es sich bei diesem Vorfall um ein enormes Unglück. Auch die ehemalige intelligente erwachsene Person würde dieses Ereignis als großes Unglück betrachten. Das Unglück besteht nämlich in den Möglichkeiten der erwachsenen intelligenten Person, welche durch die Hirnverletzung verloren gehen. Die Person mag nun ein glücklicher Säugling sein, doch es ist nicht der Zustand welchen man als Unglück bezeichnet. Als die Person das erste Mal ein glücklicher Säugling war, wurde dieser Zustand auch nicht negativ angesehen. Was als Unglück bezeichnet wird, ist vielmehr die Tatsache, dass die Person ihrer Möglichkeiten beraubt wird. Sie wird ihrer Träume und Hoffnungen beraubt und daran was hätte sein können, wenn sie keine Hirnverletzung hätte.[13]

Somit wird auch die erste Prämisse verständlich und schlüssig gestützt. Es wird deutlich, dass das Glück einer Person nicht in zeitlichen Zuständen besteht, sondern vielmehr in den Möglichkeiten, die sie noch im Laufe ihres Lebens besitzt. Die erste Prämisse scheint schlüssig zu sein, kann aber noch ergänzt werden: Das menschliche Glück besteht nicht nur in zeitlichen Zuständen, sondern auch in den Möglichkeiten ihres Lebenslaufes.

[...]


[1] Lukrez, Von der Natur. (De rerum natura). In: Héctor Wittwer (Hrsg.), Der Tod. Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart, Stuttgart 2014, S. 64.

[2] Epikur. Briefe an Menoikeus, Lehrsätze, Weisungen. In: Héctor Wittwer (Hrsg.), Der Tod. Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart, Stuttgart 2014, S. 58.

[3] ebd. S. 58.

[4] Vgl. ebd. S. 58.

[5] ebd. S. 60.

[6] Vgl. ebd. S. 60.

[7] Vgl. ebd. S. 59.

[8] Vgl. ebd. S. 60.

[9] Vgl. Thomas Nagel, Der Tod. In: Héctor Wittwer (Hrsg.), Der Tod. Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart, Stuttgart 2014, S. 243.

[10] Vgl. ebd. S. 253.

[11] Vgl. ebd. S. 254.

[12] Vgl. ebd. S. 248f.

[13] Vgl. ebd. S. 250f.

Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783346013415
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497907
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,3
Schlagworte
wichtiger bestandteil lebens übel kritk thomas nagels ansicht

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der menschliche Tod. Wichtiger Bestandteil des Lebens oder Übel?