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Das Konzept der "World Polity". Eine einführende Darstellung

von Tim Lerner (Autor)

Hausarbeit 2017 13 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Konzept der „World Polity“
2.1 Zentrale Begriffe
2.2 Modell und Mechanismen: Mythen, Isomorphie, Entkopplung
2.3 Kritische Würdigung der Theorie
2.4 Die Rolle des Staates

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Heute sind wir alle voneinander abhängig, niemand kann sich mehr in seine persönliche Festung zurückziehen, ein Inseldasein pflegen.“

(Dalai Lama)[1]

Die intensive Vernetzung der Staaten auf internationaler Ebene trat in den vergangen Jahren zunehmend in den Blick von Kultur, Politik sowie Wissenschaft. Das Stichwort der Weltgesellschaft ist fast schon zu einem geflügelten Wort geworden. Unter dem Schlagwort der World Polity, im deutschsprachigen Raum häufig als Weltkultur übersetzt, haben Meyer et. al. seit den 1970er Jahren ein einflussreiches Konzept vorgelegt, dass in der Folge von einer Vielzahl Forschern ausdifferenziert und empirisch untermauert wurde. Fokuspunkt der Arbeiten ist dabei eine simple Beobachtung: Die Strukturen von Staaten (und Organisationen) ähneln sich formal in vielen Punkte. Besonders seit 1945 gleichen sie sich zunehmend an und richten sich in einem Rationalisierungsprozess an westlichen Prinzipien, etwa wie Rechtsstaatlichkeit, aus[2].

Illustrieren kann man dies, Meyer folgend, anhand des Beispiels einer fiktiven neu entdeckten Inselgesellschaft. Würde eine solche Gesellschaft in Kontakt mit den anderen Staaten kommen, so würde sie, so die Prognose, schnell bekannte Strukturen von Staatlichkeit entwickeln, es würden Ministerien gegründet, staatsbürgerliche Rechte verliehen und standardisiert[3]. Dem einleitenden Zitat des Dalai Lamas nach: Niemand kann sich auf ein Inseldasein zurückziehen. Das Modell der World Polity sucht zu erklären, warum dies so ist und zu prognostizieren, unter welchen Voraussetzungen es voraussichtlich zu Anpassungsprozessen kommen wird. Hierzu entwickeln die Autoren eine neofunktionalistische theoretische Ausrichtung, welche bei der Wechselwirkung von Akteuren einerseits und Strukturen andererseits ansetzt.

Ziel dieser Arbeit ist es das Konzept der World Polity im Sinne einer Einführung übersichtlich darzustellen. Zunächst wird hierzu in Kapitel 2.1 die Grundlage gelegt, indem zentrale Begriffe geklärt werden. Es folgt eine Darstellung des Modells im Detail (Kapitel 2.2) und eine kritische Betrachtung unter Heranziehung weiterer Forschungsliteratur (Kapitel 2.3). Diese Arbeit entstand im Umfeld eines Universitätsseminars, dass sich mit den Aufgaben von Staaten auseinandergesetzt hat. Aus diesem Grund wird in Kapitel 2.4 der Frage nachgegangen, welche Rolle Staaten im Kontext des Konzepts der World Polity haben und welche Aufgaben sie übernehmen. Zum Schluss werden die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst, wobei sich u.a. zeigen wird, dass das Staatsverständnis im Rahmen der World Polity in entscheidenden Punkten von der klassischen Staatenlehre abweicht.

2. Das Konzept der „World Polity“

2.1 Zentrale Begriffe

Der Begriff der World Polity lässt Politikwissenschaftler vielleicht schnell an die klassiche Unterscheidung zwischen policy, polity und politics denken, wobei polity auf „die institutionelle Dimension terrritiorial verfaßter politischer Systeme“[4] abhebt. Diese Assoziation ist gefährlich, denn im Gegensatz hierzu ist die institutionelle Dimension im Konzept der World Polity keineswegs durch staatliche Grenzen gekennzeichnet. Vielmehr handelt es sich um „eine breite kulturelle Ordnung, die explizite Ursprünge in der westlichen Gesellschaft hat“[5], jedoch eben nicht auf diese beschränkt ist. Zwei Begriffe und ihr Verständnis sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung: Kultur und Institutionen.

Während unter Kultur im herkömmlichen Sinn vor allem eine Sammlung anerkannter Werte und technischen Wissens verstanden wird, vertritt Meyer einen breiteren Kulturbegriff. So zählen für ihn etwa kognitive Modelle und Regeln der Gesellschaft mit hinzu. Sie verleihen den Handlungen der Akteure, im Sinne Meyers sind dies Staaten, Organisationen oder Individuen, Legitmität und Sinn, wobei sie eine leitende Wirkung entfalten. Kultur kann damit als „die zentrale Kategorie zur Erklärung sozialer Prozesse und Strukturen“[6] bezeichnet werden. Die Akteure werden durch sie mitkonstruiert, oder wie Krücken es ausdrückt: „In fortwährenden Rationalisierungsprozessen erzeugt die Gesellschaft […] die sie bevölkernden Akteure[7].

Institutionen werden in dem Zusammenhang aus neo-funktionalister Perspektive verstanden als „kulturelle Regeln, die bestimmten Einheiten und Handlungen kollektiven Sinn und Wert verleihen und sie in einen größeren Rahmen integrieren“[8]. Es handelt sich um „Erwartungzusammenhänge […], die Verhaltensweisen sowohl begrenzen als auch ermöglichen“[9]. Wenn die Akteure diesen Erwartungszusammenhängen ihrem Verhalten nach entsprechen, so reproduzieren sie die damit zusammenhängende Sozialstruktur. Beispiele für solche (gesellschaftlichen) Institutionen wären etwa das gesamte Schulsystem, die Schulpflicht, oder auch nur die Klassenlehrerin, welche in ihrem Unterrichtsraum Verhaltensregeln auf einem Plakat festhält. Dies kann einhergehen mit „einem Prozeß, durch den bestimmte Einheiten und Handlungsmuster normative und kogntitive Gültigkeit erlangen und praktisch als Selbstverständlichkeiten und Gesetzmäßigkeiten akzeptiert werden“[10], was sich als Institutionalisierung bezeichnen lässt.

2.2 Modell und Mechanismen: Mythen, Isomorphie, Entkopplung

Ausgangspunkt des theoretischen Modells Meyers ist die Beobachtung von strukturellen Ähnlichkeiten, auch Isomorphien genannt, auf weltgesellschaftlicher Ebene, welche sich vorrangig an westlichen Prinzipien orientieren. Zu bemerken sind sind diese in verschiedensten Bereichen. Im Staatsaufbau, im Bildungssystem oder bei staatsbürgerlichen Rechten. Hierbei ist zu beachten, dass diese Ähnlichkeiten nicht als Entwicklung zur Gleichheit mißverstanden werden sollten. So stellt Wobbe mit Blick auf die zu klärende Fragestellung fest: „Die Fragestellung lautet […], wie das Phänomen der kulturellen und institutionellen Isomorphie, also eine Strukturähnlichkeit in unterschiedlichen Lokalitäten, trotz der sozialen, ökonomischen und politischen Heterogenität dieser Länder zu erklären ist: Warum sind staatliche Organisationsformen der Verwaltung oder Komponenten des politischen und Militärsystems in industriell hoch und niedrig entwickelten Ländern ähnlich?“[11]. Um diese Frage beantworten zu können, haben Meyer und seine Forschungsgruppe zahlreiche empirische Studien durchgeführt, welche vor allem quantitativ ausgerichtet waren und Daten auf einer hoch aggregierten Ebene über lange Zeiträume analysiert haben. Bevor hierauf jedoch genauer eingegangen wird, sind noch einige wichtige Elemente des Konzepts der World Polity zu klären. Eine Schlüsselfunktion kommt den Begriffen Mythen, Isomorphie und Entkopplung zu.

In einem für die neofunktionalistische Theorie wegweisenden Aufsatz legten Meyer und Rowan 1977 die Grundlage für die weiteren Arbeiten am World Polity-Ansatz. Hierin vertraten sie die These, dass der Ursprung für formale Strukturen in sogenannten Mythen zu suchen sei[12]. Anknüpfend an Webers Theorien zum rationalen Handeln in Organisationen als logische Konsequenz ökonomischer Märkte arbeiten die Autoren die These heraus, dass die vorrangige Vorstellung von Effizienz als oberstem Ziel bürokratischer Organisation irrig sei. Sie stellen in dem Zusammenhang zur Abgenzung von anderen Theoretikern fest: „Durch ihre Fokussierung auf komplexe relationale Netzwerke sowie auf die Ausübung von Kontrolle und Koordination haben vorherrschende Theorien eine weitere von Weber thematisierte Quelle formaler Strukturen vernachlässigt: die Legitimität von rationalisierten formalen Strukturen“[13]. Leztlich sehen sie die Funktion formaler Sturkturen vor allem in der Erzeugung von Legitmität. Dies geschieht durch die Etablierung von Mythen, welche sich auch als „wirkungsmächtige institutionelle Regeln“[14] fassen lassen können. Diese „stellen […] rationalisierte und personenunabhängige Vorschriften dar“[15] und aufgrund ihrer hohen Institutionalisierung „sind sie […] jenseits des Ermessens aller individuell Beteiligter oder Organisationen“[16]. Als Beispiele für solche Mythen nennt Meyer unter anderm „Professionen, Programme und Technologien“[17]. Der Ausbildungsgang des handwerklichen Meisters in Deutschland ließe sich also auch als hochgradig strukturgenerierender Mythos bezeichnen. Denn dies ist der entscheidende Punkt: Meyer folgend wirken Mythen, sobald sie etabliert sind, bei der Herausbildung von Strukturen mit, „definieren neue Situationen des Organisierens, redefinieren bereits existierende“[18], sie führen dazu, dass „neue und bestehende Bereiche der Aktivität […] in institutionalisierte Programme, Professionen oder Techniken codiert“[19] werden, welche von anderen Organisationen aufgegriffen werden, da diese hiermit Legitimität erzeugen wollen und generieren so letzlich Isomorphie.

[...]


[1] Maier, Katharina (Hrsg.), 2013: Die besten Lebensweisheiten der Welt. Eine sorgsame Auswahl der berühmtesten Sentenzen. 4. Auflage. Wiesbaden: Marixverlag, S.2.

[2] Vgl. Hasse, Raimund/Krücken, Georg, 2005: Neo-Institutionalismus. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 42.

[3] Vgl. Meyer, John W., u.a.: Die Weltgesellschaft und der Nationalstaat, in: Meyer, John W. (Hrsg.), 2005: Weltkultur. Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 86-87.

[4] Krücken, Georg: World Polity Forschung, in: Senge, Konstanze/Hellmann, Kai-Uwe (Hrsg.), 2006: Einführung in den Neo-Institutionalismus. Wiesbaden: VS Verlag, S. 139.

[5] Hasse, Raimund/Krücken, Georg, 2005: Neo-Institutionalismus. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 42.

[6] Krücken, Georg: World Polity Forschung, in: Senge, Konstanze/Hellmann, Kai-Uwe (Hrsg.), 2006: Einführung in den Neo-Institutionalismus. Wiesbaden: VS Verlag, S. 141.

[7] Ebd., S. 142.

[8] Meyer, John W./Boli, John/Thomas M., George: Ontologie und Rationalisierung im Zurechnungssystem der westlichen Kultur, in: Meyer, John W. (Hrsg.), 2005: Weltkultur. Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 18.

[9] Hasse, Raimund/Krücken, Georg, 2005: Neo-Institutionalismus. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 67.

[10] Meyer, John W./Boli, John/Thomas M., George: Ontologie und Rationalisierung im Zurechnungssystem der westlichen Kultur, in: Meyer, John W. (Hrsg.), 2005: Weltkultur. Wie die westlichen Prinzipien die Welt durchdringen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 18.

[11] Wobbe, Theresa, 2000: Weltgesellschaft. Bielefeld: Transcript Verlag, S. 29.

[12] Meyer, John W./Rowan, Brian: Institutionalisierte Organisationen. Formale Struktur als Mythos und Zeremonie, in: Koch, Sascha/Schemmann, Michael (Hrsg.), 2009: Neo- Institutionalismus in der Erziehungswissenschaft. Grundlegende Texte und ermpirische Studien. Wiesbaden: VS Verlag, S. 29.

[13] Ebd., S. 32.

[14] Meyer, John W./Rowan, Brian: Institutionalisierte Organisationen. Formale Struktur als Mythos und Zeremonie, in: Koch, Sascha/Schemmann, Michael (Hrsg.), 2009: Neo- Institutionalismus in der Erziehungswissenschaft. Grundlegende Texte und ermpirische Studien. Wiesbaden: VS Verlag, S. 29.

[15] Ebd., S. 32.

[16] Ebd., S. 32.

[17] Ebd., S. 32.

[18] Ebd., S. 33.

[19] Ebd., S. 33.

Details

Seiten
13
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346022738
ISBN (Buch)
9783346022745
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497992
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,7
Schlagworte
Weltkultur World Politiy Staatsaufgaben Meyer Mythen Isomorphie Entkopplung

Autor

  • Tim Lerner (Autor)

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