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Das Konzept Homo Oeconomicus im Wandel der Zeit

Seminararbeit 2019 17 Seiten

VWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung.

2. Das Konzept des Homo oeconomicus im Wandel der Zeit

3. Nähere Betrachtung wichtiger Annahmen.

4. Fazit

Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

Seit den grundlegenden Überlegungen zu den Abläufen in Wirtschaftsnationen hat sich die Ökonomie als eine sehr vielschichtige Wissenschaft implementiert. Dabei handeln viele Fachrichtungen der Ökonomie von der Vorhersage menschlichen Verhaltens. Dies gilt nicht nur für das Verhalten einzelner Individuen, sondern auch für die Funktionsweise von Märkten. Die Entstehung des Grundgedankens eines rational handelnden Menschen geht zurück auf die Ausarbeitungen von Mandeville, Smith und anderen.1 Der Homo oeconomicus ist eine der wohl bekanntesten Theorien der Wirtschaftswissenschaft, um Vorhersagen über Verhalten zu treffen. Dieses Konzept, obwohl seit langem angewandt, ist oft kritisiert worden und des Weiteren wird seit der Einführung an ergänzenden Konzepten gearbeitet, die dieser Kritik gerecht werden sollen. Dabei wurde nicht nur Kritik aus den Wirtschaftswissenschaften selber geäußert, sondern auch aus der Psychologie und anderen Sozialwissenschaften. Um zu untersuchen, ob die Kritik am Homo oeconomicus berechtigt ist, ist zuerst eine Betrachtung des Wandels, dem das Konzept bis jetzt unterlag, sinnvoll. Anschließend wird das Grundkonzept des Modells genauer dargestellt um einzelne Charakteristika zu betrachten. Die darin vorgestellten Vor- und Nachteile sollen dazu dienen die Kritik besser nachvollziehen oder widerlegen zu können. Das Konzept des Homo oeconomicus und die dazu erschienene Literatur ist so umfangreich, dass in der folgenden Arbeit nur ein Teil der Wesenszüge betrachtet werden können. Gerade dadurch wird deutlich, dass dieses Modell alles andere als simpel und für die Ökonomie von großer Bedeutung ist.

2. Das Konzept des Homo oeconomicus im Wandel der Zeit

Wie viele Modelle und Konzepte in der Ökonomie unterliegt auch der Homo oeconomicus einem Wandel, welcher insbesondere dadurch begünstigt wird, dass seine Wurzeln weit zurückreichen. Obwohl das Konzept mehr als hundert Jahre existiert, bleibt dennoch ein Grundgerüst erhalten, welches sich durch die komplette Entwicklung zieht. Im folgenden Kapitel soll der Wandel des Homo oeconomicus dargestellt und in Verbindung mit einigen Kritikpunkten gesetzt werden.

2.1 Die Entwicklung eines Menschenbildes in der Ökonomie

Der Ursprung des Homo oeconomicus liegt im Gedanken der klassischen Nationalökonomie und ist dementsprechend für die Mikroökonomie besonders wichtig. Das Grundmodell kann auch als ein Modell bezeichnet werden, in welchem das Verhalten von Individuen dargestellt wird2. Der Akteur, welcher in diesem Gedanken betrachtet wird, hat einige wesentliche Merkmale, die folgend näher beschrieben werden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Anspruch gestellt, dass ein von diesem Modell dargestellter Mensch unabhängig von äußeren Einflüssen, wie zum Beispiel seinem Beruf oder seinem kulturellen Umfeld, sein soll.3 Ein weiteres Merkmal, welches für den frühen Homo oeconomicus entscheidend ist, ist die Annahme der perfekten Rationalität4 und der perfekten Maximierung.5 Dies bedeutet, dass der Akteur immer die Alternative findet und wählt, welche ihm den größten Nutzen liefert. Aus diesen starken Annahmen resultiert ein hoher Grad der Berechenbarkeit.6 Häufig wird dies auch als ökonomisches Prinzip oder Maximierungsannahme bezeichnet.7 Der Homo oeconomicus besitzt darüber hinaus ein gut geordnetes System an Präferenzen bezüglich seiner Handlungsmöglichkeiten, welches eine große Stabilität aufweist.8 Die Präferenzen stellen in einem gewissen Umfang auch die Intentionen oder die Motivation des Individuums dar. Ob die Intention egoistisch oder sozial ist, spielt in der aktuellen Betrachtung keine relevante Rolle und soll später in Kapitel 3 erörtert werden. Weiter kennt er alle Handlungsalternativen und ist vollständig über seine Präferenzen informiert.9 Die Umwelt des Homo oeconomicus beschränkt dessen Handlungsmöglichkeiten durch Restriktionen, welche durch die vollkommene Information bekannt sind10. Unter diesen Faktoren bewertet er seine Handlungsalternativen in blitzschnellem Tempo11 und wählt dem Payoff entsprechend die Alternative aus, die dem Nutzenmaximum entspricht. Dies lässt sich aus der perfekten Maximierungsannahme ableiten. Hierfür benötigt er einen profunden Kenntnisstand der Mathematik, der diese Berechnung erlaubt.12 Sollte der Homo oeconomicus seine Umwelt nicht komplett kennen, so hat er wenigstens eindeutige und umfangreiche Informationen über alle für ihn relevanten Aspekte.13 Ein weiterer Einfluss zur Entscheidungsfindung sind neben den Zielen, welche im Ursprungsmodell wertbehaftet sind, die Mittel um diese zu erreichen. Die Mittel, welche hier im klassischen Model betrachtet werden, sind nicht wertbehaftet. Der Wandel dieses Gedankens wird in Kapitel 2.3 aufgegriffen.

Grundlegend wird in der Anwendung dieses Modells für die Untersuchung von Märkten zwischen Konsumtheorie und Produktionstheorie unterschieden.14 In der Konsumtheorie werden private Haushalte, ergo die Konsumenten, betrachtet. Diese sind vollständig über Präferenzen, Restriktionen und Preise bzw. Qualität aller Güter informiert und treffen die Entscheidung nutzenmaximierend. In der Produktionstheorie wird angenommen, dass das Gewinnmaximum dem Nutzenmaximum entspricht. Der Unternehmer kennt alle Technologien und wählt die ihm zur Verfügung stehende, optimale, aus. Auf dem betrachteten Markt herrscht vollständige Konkurrenz und jeder Unternehmer ist über die Nachfragebedingungen vollständig informiert.15 Die Funktionsweise des Marktes leitet sich hieraus als Folge des rationalen Handelns vieler einzelner Individuen ab.16

2.2 Kritik am klassischen Modell

Während der Entwicklung des oben beschriebenen Modells wurde häufig auch Kritik an diesem geäußert. Sehr häufig wird bemängelt, dass das klassische Modell sehr unrealistisch sei und zu starke Annahmen treffe. Betrachtet man einige Argumente, ist diese Kritik in gewisser Ausprägung nachvollziehbar. Das wahrscheinlich stichhaltigste Argument gegen oben dargestelltes Modell ist die Tatsache, dass es in der Praxis das Konzept der vollständigen Information der Individuen in Verbindung mit einer fehlerfreien Form der Rationalität nicht geben kann.17 Auch die Fähigkeit für ein Berechnen aller Alternativen und derer Konsequenzen kann es in der Realität nicht geben. Die Kapazitäten des menschlichen Gehirns sind nicht ausreichend solche Berechnungen, abgesehen von der ohnehin unvollständigen Information, innerhalb von sekundenbruchteilen zu vollziehen. Deswegen wurde häufig gefordert, dass der Homo oeconomicus mit einer realistischen und nachvollziehbaren Ausstattung an Informationen und Berechnungsfähigkeiten ausgestattet werden soll.18 Ein weiterer Kritikpunkt ist die zum Teil schwierige Anwendung in der Praxis, denn nachdem der Homo oeconomicus eine Entscheidung getroffen hat, ist er laut der Theorie in seinem Nutzenmaximum. Aus dieser Position bewegt er sich nicht heraus und verweilt hier für immer.19 Darüber hinaus wird in der Entscheidungsfindung des Homo oeconomicus lediglich betrachtet, welche Entscheidung getroffen wird. Eine Untersuchung der Entscheidungsfindung findet nicht statt.20

Aus der hier genannten Kritik ergibt sich, dass vor allem die sehr starken Annahmen, die dieses Modell macht, kritisiert werden. Diese Annahmen schienen am Anfang plausibel, da sie das Modell sehr vereinfachen. Dennoch zeigt die Kritik, dass für ein realistischeres Menschenbild in der Ökonomie ein komplexeres Modell mit weniger starken Annahmen eher tauglich erscheint. Desweiteren hat sich in Folge dieser Charakteristika im Laufe der Zeit eine Beschreibung des Homo oeconomicus herausgebildet, welche ihn als egoistisch und rücksichtslos darstellt. Auf diesen Punkt soll später in Kapitel 3 weiter eingegangen werden. Im folgenden Kapitel wird beschrieben, wie die Wirtschaftswissenschaft versucht hat, die Kritik zu berücksichtigen und welche Veränderungen am Modell vorgenommen wurden.

2.3 Der Wandel des Modells im 20. Jahrhundert

Gegen Mitte des 20. Jahrhunderts kam das Bestreben auf, das Modell des Homo oeconomicus realistischer zu gestalten. Dies geht vor allem auf die zunehmende Praxiserfahrung zurück, welche zeigte, dass die klassischen Annahmen oft nicht der Realität entsprachen.21 Das Konzept der perfekten Maximierung wird mit dem Wandel des Modells nicht verworfen, da der Homo oeconomicus nach wie vor einen Nutzenmaximierer darstellen soll. Durch das Konzept der Entscheidung unter Unsicherheit, welches inzwischen eine entscheidende Rolle im ökonomischen Verhaltensmodell einnimmt, befindet sich der Akteur nun in einer Umwelt, in der er sich unter Unsicherheit entscheiden muss. Diese Unsicherheit geht einher mit Beschränkungen, die das Handeln des Akteurs weiter beeinflussen. Eine dieser Beschränkung ist die unvollständige Information.22 Der Akteur hat mit dieser Erweiterung keine vollkommene Information über seine Handlungsalternativen. Des weiteren können Informationen ungleich verteilt sein.23 In diesem Modell hat der Homo oeconomicus, unabhängig von seinen anderen Entscheidungsalternativen, die Möglichkeit sich für die Beschaffung von mehr Informationen zu entscheiden. Dadurch ist es ihm möglich seine Alternativen neu zu bewerten.24 Allerdings ist die Beschaffung von Informationen mit dementsprechenden Kosten verbunden. Grundlegend für die entstehenden Kosten ist das Konzept, dass Entscheidungen unter Zeitdruck zu treffen sind.25 Wenn die Informationsbeschaffung keine Kosten beinhalten würde, wäre es für den Akteur möglich, so lange Informationen zu beschaffen, bis er zweifelsfrei die beste Alternative ausfindig machen kann, ohne Nutzeneinbußen zu haben. Eine weitere Beschränkung sind Restriktionen, welche schon aus Kapitel 2.1 bekannt sind und bestehen bleiben. Des Weiteren wird der Homo oeconomicus im Zuge der Weiterentwicklung auch als nicht ausschließlich materiell orientiert beschrieben.26 Seine Präferenzen haben sich insofern geändert, dass die Bewertung seiner Handlungsalternativen sämtliche Qualitäten betrachtet und nicht nur den materiellen Nutzen berücksichtigt.27 Zwei grundlegende Annahmen werden nicht verworfen und bleiben nachwievor ein entscheidendes Merkmal des modernen Homo oeconomicus: Zum einen die Rationalität der Entscheidung des Akteurs und auf der anderen Seite die Eigenständigkeit selbiger, was bedeutet, dass er nach seinen persönlichen Präferenzen bewertet und entscheidet und keine fremden Präferenzen berücksichtigt.28 Letztere Annahme wird auch als Eigenständigkeitsaxiom beschrieben. Obwohl die Annahme der Rationalität nicht verworfen wird, hat sich ihre Eigenschaft dennoch geändert. Das alte Bild, dass Rationalität immer einem optimalen Handeln entspreche, wurde verworfen und angepasst, sodass der Akteur nun eine Wahl gemäß seines relativen Vorteils trifft.29 Die letzte hier betrachtete Änderung besteht darin, dass Mittel jetzt ebenfalls wertbehaftet sind, was im Gegensatz zu den wertfreien Mitteln in Kapitel 2.1 steht. Dies erscheint sinnvoll, da der Akteur, wie oben beschrieben, seine Handlungsalternativen bewertet und diese sowohl seine Ziele enthalten, als auch die Mittel, um diese Ziele zu erreichen. Des Weiteren können alle Ziele auch als Mittel zusammengefasst werden, um das übergeordnete Ziel der Nutzenmaximierung zu erreichen.30

2.4 Kritik an der Weiterentwicklung

Die oben genannten Verbesserungen des Homo oeconomicus zeigen auf, dass das Ursprungsmodell der klassischen Nationalökonomie sowohl verbesserungsfähig, als auch in gewissem Maße unrealistisch war. Dennoch sind die Weiterentwicklungen nicht frei von kritischen Äußerungen geblieben, welche sich aber deutlich gewandelt haben und häufig den Charakter alternativer Lösungsansätze haben. Folgend sollen einige Kritikpunkte und alternative Lösungsansätze genannt werden.

Ein wichtiger Kritikpunkt bezüglich der unvollständigen Information ist nicht das Konzept an sich, sondern der Ansatz der Lösung des Problems in der Praxis. Der Homo oeconomicus hat bei unvollständiger Information, wie oben dargestellt, die Möglichkeit gegen Kosten neue Informationen zu erlangen. Mit der Annahme, dass zusätzliche Informationen einen Mehrertrag bringen, würde dementsprechend eine Informationsbeschaffung stattfinden, bis die Kosten einer neu beschafften Information genau dem Ertrag dieser entsprechen. Während diese Berechnung in der Theorie möglich ist, kann in der Praxis nicht beurteilt werden welche Information diesen Punkt darstellt, falls der Punkt bzw. die Information überhaupt erreichbar ist.31 Ein weiterer Kritikpunkt folgt im Vergleich mit dem Homo sociologicus. Dieses alternative Verhaltensmodell aus den Sozialwissenschaften, welches sich unter anderem an soziale Normen hält, wird von seinen Unterstützern als realistischer gegenüber dem Homo oeconomicus bewertet.32 Dieser Kritikpunkt wird später in Kapitel 3.5 weiter ausgeführt. Eine weitere Anmerkung zum Homo oeconomicus aus der Psychologie führt an, dass es sich vielmehr um ein Reiz-Reaktions-Modell der behavioristischen Psychologie handle.33 Dies ist jedoch insofern zu entkräften, dass das Modell des Homo oeconomicus durchaus die Eigenschaft des strategischen Handelns besitzt. Dies wird in den Restriktionen deutlich, da der Akteur alle Handlungsalternativen seiner Interaktionspartner dort bewertet.34 Daraus lässt sich ableiten, dass der Homo oeconomicus nicht auf eine Handlung reagiert, sondern von vornherein diese Handlungen in seiner Entscheidung berücksichtigt. Ein weiteres Problem besteht darin, dass Individuen in Laborstudien häufig gegen die Rationalitätsannahme verstoßen und gemäß des Konzeptes Homo oeconomicus irrational handeln.35 Eine kurze Betrachtung von Lösungsansätzen findet am Ende von Kapitel 3 statt.

[...]


1 Tietzel, Manfred, 1981, "Die Rationalitätsannahme in den Wirtschaftswissenschaften oder Der homo oeconomicus und seine Verwandten", S.115.

2 Kirchgässner, Gebhardt, 1991, Homo oeconomicus: das ökonomische Modell individuellen Verhaltens und seine Anwendung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, S.12.

3 Tietzel, 1981, S.116.

4 Simon, Herbert A., 1979, "Rational Decision Making in Business Organizations", S.496.

5 ebd., 1979, S.496.

6 Tietzel, 1981, S.118.

7 Tietzel, 1981, S.119.

8 Simon, Herbert A., 1955, "A Behavioral Model of Rational Choice" S.99.

9 Kirchgässner, 1991, S.67.

10 ebd., 1991, S.67.

11 ebd., 1991, S.70.

12 Simon, 1955, S.99.

13 ebd., 1955, S.99.

14 Kirchgässner, 1991, S.67.

15 ebd., 1991, S.67.

16 ebd., 1991, S.22.

17 Tietzel, 1981, S.130.

18 Simon, 1955, S.99.

19 Kirchgässner, 1991, S.70.

20 Simon, Herbert A., 1978, "On How to Decide What to Do", S.494.

21 ebd., 1979, S.495.

22 Kirchgässner, 1991, S.71.

23 ebd., 1991, S.71.

24 ebd., 1991, S.13.

25 ebd., 1991, S.17.

26 ebd., 1991, S.15.

27 ebd., 1991, S.15.

28 ebd., 1991, S.16.

29 ebd., 1991, S.17.

30 Kirchgässner, 1991, S.15.

31 Tietzel, 1981, S.130.

32 Kirchgässner, 1991. S.33.

33 Kirchgässner, 1991, S.36f.

34 ebd., 1991, S.37.

35 Rubin, Edward L., 1998, "Putting Rational Actors in Their Place: Economics and Phenomenology", p.1706.

Details

Seiten
17
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346024107
ISBN (Buch)
9783346024114
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v498058
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Schlagworte
Homo Oeconomicus

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