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Hochbegabung in Theorie und Praxis

Ausarbeitung einer Unterrichtsreihe mit Schwerpunkt Begabtenförderung

Hausarbeit 2019 20 Seiten

Pädagogik - Begabtenpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fachwissenschaftliche Analyse
2.1 Definitionen und Modelle
2.2 Diagnose
2.3 Problemstellungen im Zusammenhang mit Hochbegabung
2.4 Förderung
2.4.1 Das Schulische Enrichment-Modell (SEM)
2.4.2 Compacting
2.4.3 Enrichment
2.4.4 Akzeleration

3 Exemplarische Unterrichtsplanung einer Reihe im Sachunterricht zum Thema „Wald"
3.1 Begründung des Konzepts
3.1.1 Legitimation des Themas
3.1.2 Erläuterung der angewandten Methoden
3.2 Ausarbeitung der Unterrichtsstunden

4 Literaturverzeichnis

5 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Thematik der (Hoch-)Begabtenförderung im Allgemeinen und im schulischen Kontext. Die fachwissenschaftliche Aufbereitung des komplexen und kontrovers diskutierten Themas kann aufgrund der Limitierung des Umfangs dieser Arbeit nur in Ansätzen erfolgen. Das Hauptaugenmerk wird auf den Aspekt der angemessenen Förderung von (hoch-)begabten Kindern und Jugendlichen in Schulen gelegt.

Für angehende Lehrkräfte besteht die Herausforderung darin, ihr pädagogisches Wissen mit den fachspezifischen Kenntnissen sowie dem Wissen über Lehren und Lernen zu verbinden und diese Fähigkeiten in lernwirksamen Unterricht umzumünzen (vgl. Rost 2015, S. 135f). In diesem Sinne ist es das Anliegen der Verfasserin, die im Seminar und Selbststudium erworbenen Kenntnisse mit den Anforderungen des Schulalltags zu verknüpfen, um so einen Mehrwert für die Schülerinnen und Schüler bieten zu können, indem Begabungen erkannt und gefördert werden und das Erreichen von Leistungsexzellenz ermöglicht wird.

Auf diesen Gedanken aufbauend wird die Unterrichtsreihe, welche im 3. Kapitel ausführlich erläutert wird, konzipiert. In der öffentlichen Diskussion geht es meist darum, wie es gelingen kann, leistungsschwächere Kinder angemessen zu fördern. Dass Begabte ebenfalls Unterstützung verdienen und benötigen wird oftmals mit der Begründung negiert, es sei nicht nötig, eine Elite „heranzuzüchten“ (vgl. Schulte zu Berge 2005, S. 28). Tatsächlich kommen viele (hoch-)begabte Kinder auch ohne spezielle Förderung gut zurecht, da sie sich selbst Wissen aneignen und „auch aus weniger idealen Bedingungen das Beste herausholen [können]“ (Rohrmann & Rohrmann 2010, S. 147). Im Gegensatz dazu können sich Schülerinnen und Schüler zu Problemfällen entwickeln, wenn ihrer besonderen Begabung nicht Rechnung getragen wird (vgl. dazu Kapitel 2.3).

Somit sollte es nicht darum gehen, Kinder mit unterschiedlichen Leistungsniveaus gegeneinander auszuspielen (bzw. die Mittelverteilung von Bund und Ländern für Förderung derselbigen), sondern alle Schülerinnen und Schüler bestmöglich in ihrem Lernerfolg unterstützen. Sabine Schulte zu Berge (2005, S. 30) bringt die Argumentation auf den Punkt: „In dem Moment, in dem jedes Kind seiner Begabung - und nicht seiner Herkunft - entsprechend gefördert wird, ist das Prinzip der Chancengleichheit verwirklicht.“

2 Fachwissenschaftliche Analyse

2.1 Definitionen und Modelle

Möchte man den Begriff der Hochbegabung definieren, stößt man auf eine Fülle verschiedener wissenschaftlicher Erklärungsversuche.

Im Jahre 1971 erschien in den USA der sogenannte „Marland-Report", welcher nach dem Verfasser des Berichts einer im Auftrags des Erziehungsministeriums durchgeführten Studie zur Situation Hochbegabter in den Vereinigten Staaten benannt ist. Hier heißt es: „Begabte und talentierte Kinder sind von berufsmäßig qualifizierten Personen identifizierte Kinder, die aufgrund außergewöhnlicher Fähigkeiten hohe Leistungen zu erbringen vermögen" (Marland 1971, S.9). Er benennt in seiner Definition explizit das Fachpersonal, sprich Psychologen, welche nötig sind, den Leistungsstand eines Kindes zu ermitteln. Damit wendet er sich gegen eine Identifikation Hochbegabter durch Laien wie Lehrpersonal oder Eltern.

Webb et al. konstatieren, dass nach der IQ-Definition jemand als hochbegabt betrachtet werden kann, der in einem IQ-Test einen Wert von 130 oder höher erreicht (vgl. ebd. 2017, S. 32). Problematisch an diesem Ansatz ist, „dass nicht alle Begabungskomponenten durch Intelligenztests erfasst werden können" (Schulte zu Berge 2005, S. 18). Hier klingt bereits an, dass Intelligenz nicht ausschließlich über die kognitive Leistungsfähigkeit definiert werden kann.

In diesem Sinne betont Albert Ziegler (2017, S. 29), dass „die Ergebnisse der einschlägigen Forschungsstudien belegen, dass die Gleichsetzung von Hochbegabung mit einer hohen gemessenen Intelligenz jeglicher empirischen Grundlage entbehrt." Er zitiert aus zwei Längsschnittstudien (Tearman und Deary) und kommt zu dem Schluss, dass Selbstwert und Motivation die zuverlässigsten Prädikatoren für Leistungsexzellenz seien (vgl. ebd. S.28). Ziegler wendet sich somit strikt gegen eine IQ-basierte Definition von Hochbegabung.

Lohaus und Vierhaus beschreiben Hochbegabung damit, „dass Wissen schneller erworben, angewendet und transferiert werden kann" (Ebd. 2015, S. 142). Ihr Ansatz geht in eine ähnliche Richtung wie der von Detlef Rost (2013, S.17), der eine „intelligente Person" dahingehend charakterisiert,

dass sie das Potenzial besitzt, sich rasch umfassendes Wissen in unterschiedlichen Situationen/Inhaltsbereichen anzueignen, dass sie vielfältige Problemlösestrategien erwerben und adäquat anwenden kann, dass sie schnell aus ihren eigenen Erfahrung und aus den Erfahrungen anderer lernt, dass sie erkennen kann, bei welchen Inhalten/Problemstellungen/Situationen eine Übertragung von Wissen und Strategien möglich ist („Transfer" oder „Generalisierung") und bei welchen sich diese Übertragung verbietet („Differenzierung").

Howard Gardner legte Anfang der neunziger Jahre ein bis heute vor allem bei Pädagogen1 beliebtes Modell der „multiplen Intelligenzen“ („MI") vor, in denen er zunächst sieben Intelligenzen identifizierte (linguistische, mathematisch-logische, räumliche, körperlich- kinästhetische, musikalische, interpersonale und intrapersonale Intelligenz). In neueren Veröffentlichungen spricht Gardner von immer weiteren Intelligenzen, was den Verdacht der Beliebigkeit aufkommen lässt (vgl. Rohrmann & Rohrmann 2010, S. 36).

Gardners Ansatz ist insofern kritisch zu sehen, als dass viele der postulierten Intelligenzen nicht zuverlässig messbar sind (vgl. ebd.). Außerdem bemängelt Detlef Rost (vgl ebd. 2009, S. 109), dass die Wahrscheinlichkeit steigt, zu der Gruppe der ,Hochintelligenten‘ zu gehören, je mehr ,Intelligenzen‘ gekennzeichnet werden. Somit könne sich fast jede beliebige Person in dem Spektrum wiederfinden. In seinem Werk „Handbuch Intelligenz“ kritisiert er auf rund 20 Seiten das Konzept Gardners. Insbesondere das in seinen Augen unwissenschaftliche Arbeiten2 und die Verbreitung von Falschaussagen machen ihn in seinen Augen zu einem unseriösen Mitglied seiner Zunft.

Joseph Renzulli (2001, S. 20ff.) legte bereits 1978 das „Drei-Ringe­Modell“ zur Beschreibung von Hochbegabung vor. Er geht von drei Merkmalen aus, die, wenn sie zusammenwirken, Menschen dazu befähigen, Hochleistungen hervorzubringen: Überdurchschnittliche Fähigkeiten, Engagement und Kreativität. Somit wendet sich Renzulli ebenfalls gegen eine rein über die kognitive Leistung gemessene Definition von Intelligenz bzw. Hochbegabung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Drei-RingeModell (Renzulli, 2001, S.21).

Mönks et. al (2012, S. 25ff.) haben das Modell Renzullis aufgegriffen und weiterentwickelt. Sie gehen von einem „Triadischen Interdependenzmodell aus“, um Hochbegabung zu beschreiben. Die Persönlichkeitsmerkmale hohe intellektuelle Fähigkeiten, Kreativität und Motivation stehen in einem engen Zusammenhang und sind bei hochbegabten Menschen zu finden. Das soziale Umfeld (Familie, Peers, Schule) spielt für die Entwicklung hochbegabter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Triadisches interdependezmodeii (Mönks, Ypenburg, 2012, S. 29).

Kinder eine wichtige Rolle. Die Autoren betonen (ebd., S.37), dass „Begabung [..] nicht auf den gemessenen IQ reduziert werden [kann]".

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Das Münchner Hochbegabungsmodell nach Heller et al. Aus: Ziegler 2017, S. 51.

In der Tradition Howard Gardners, aber mit weitaus differenzierter Ausgestaltung (u.a. durch Aufnahme von Wechselbeziehungen zwischen Begabungen und Moderatoren wie z.B.Umweltbedingung en und Persönlichkeitsm erk-malen), entwickelten Heller et al. (2005) das Münchner Hochbegabungs modell. Kritisch daran zu sehen ist, dass das Modell eine Reihe von Variablen aufweist, die problematisch zu definieren sind (vgl. Ziegler 2017, S. 51). Hier stellt sich beispiels-weise die Frage, wann man einen Menschen als musikalisch be-schreibt. Rohrmann und Rohrmann (2010, S.51) stellen folglich fest, dass „eine empirische Überprüfung nicht möglich sei."

Abschließend bleibt festzuhalten, dass es kaum möglich ist, den Begriff der Hochbegabung einheitlich zu definieren, da nicht nur Laien, sondern auch Wissenschaftler unterschiedliche Auffassungen bezüglich dessen vertreten. Nicht umsonst stellte Hany bereits 1987 fest, „dass es zur Zeit mehr als hundert verschiedene Umschreibungen gibt" (zit. n. Mönks 2012, S.17).

2.2 Diagnose

Diesem Kapitel liegen die von Rohrmann und Rohrmann (2010, S.102f.) aufgestellten „Leitlinien für Begabungsdiagnostik und Gutachtenerstellung" zugrunde.

Die Autoren konstatieren, dass die „Diagnostik von Hochbegabung [...] der Komplexität der mit Begabung verbundenen Fragen und Phänomene entsprechen [muss]" (ebd., S. 70). Aufgrund dieser Tatsache stellen intelligenzdiagnostische Untersuchungen hohe Anforderungen an Psychologen, die diese durchführen. Um Hochbegabung zu ermitteln bzw. auszuschließen werden vorrangig Intelligenztests eingesetzt. Dabei ist zu beachten, dass ein- und mehrdimensionale Testverfahren zur Verfügung stehen, welche regelmäßig überarbeitet und neu normiert werden.

Eindimensionale Tests sind sprachfrei und somit zur Erkennung hoher Intelligenz bei Personen mit Schwächen im nonverbalen Bereich (z.B. Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen) geeignet. Auch gelten sie als milieuunabhängiger als mehrdimensionale Verfahren, da letztere zwar „ein Profil intellektueller Fähigkeiten [ergeben]", diese aber in „engem Zusammenhang mit Bildungsinhalten [stehen]" (S. 76). Dies bedeutet, dass Kinder, welche aufgrund guter Förderung einen hohen Bildungsstand aufweisen, in mehrdimensionalen Testungen besser abschneiden als solche, die diese Unterstützung nicht erfahren haben. Da beide Verfahren Stärken wie Schwächen aufweisen, plädieren Rohrmann und Rohrmann für eine Kombination zweier Intelligenztests, um Hochbegabte zu identifizieren (vgl. ebd). Weiterhin ist festzuhalten, dass die Verfahren die wissenschaftlichen Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität aufweisen müssen.

Die Autoren weisen darauf hin, dass es bei allen Testverfahren einige Problematiken zu beachten sind. Dazu zählen 1) Messfehler, 2) Instabilität von Intelligenz im Kindesalter, 3) Decken- und 4) Flynn-Effekt.

Zu 1) „Testergebnisse [sind] grundsätzlich fehlerbehaftet" (S. 74). Das bedeutet, dass eine Person, der ein IQ von beispielsweise 130 attestiert wurde, diesen Wert nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 90-95% tatsächlich erreicht hat. „Konkret bedeutet das [...], dass [...] der „wahre Wert" mit 90%iger Sicherheit im IQ-Bereich von 121 und 139 liegt" (S. 75). Das Dilemma einer Beschreibung von Hochbegabung, die sich allein auf Ergebnisse eines Intelligenztests stützt, zeigt sich an diesem Phänomen: Es kann somit durchaus sein, dass eine Person mit einem IQ von 130 in Wirklichkeit „nur" einen Wert von 121 aufweist und somit nicht als hochbegabt im Sinne der IQ-Definition gelten darf.

Deshalb schlussfolgern die Autoren, dass „eine alleinige Identifikation von Hochbegabten durch herausragende allgemeine Intelligenz nicht ausreichend ist" (S.77), sondern zusätzlich ein Stärken-Schwächen-Profil zu erstellen ist, um „dies für die Planung der weiteren Beratung und Förderung nutzbar zu machen" (ebd.).

Zu 2) Aufgrund der Tatsache, dass die kognitive Entwicklung im Kindesalter nicht linear verläuft, sprechen sich die Autoren gegen eine Etikettierung von Hochbegabung im Vorschul- oder gar Kleinkindalter und für den Begriff des Entwicklungsvorsprunges aus (vgl. S. 43, 73).

[...]


1 Gardners Konzept ist aufgrund der Tatsache in der pädagogischen Psychologie beliebt, da es die Vielfalt individueller Stärken von Kindern widerspiegelt (vgl. Rohrmann & Rohrmann 2010, S. 36). Außerdem ist es für Laien leicht verständlich und wird womöglich deshalb gern zitiert.

2 „H. Gardner selbst hatte und hat nach eigenem Bekunden keinerlei Interesse an der Entwicklung von Messinstrumenten zur Erfassung von „MI" (Rost 2013, S.132).

Details

Seiten
20
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346009128
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v498191
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Schlagworte
Hochbegabung Kinder Diagnostik Förderung Unterricht Grundschule

Autor

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Titel: Hochbegabung in Theorie und Praxis