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Die New York City Draft Riots im Bürgerkrieg

Motive und Bedeutung

Seminararbeit 2019 27 Seiten

Geschichte - Amerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Motive
2.1 Die Iren und die Draft Riots
2.2 Teilnehmer

3. Verlauf

4. Folgen und Bedeutung

5. Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

"This was the scene of the hanging of a negro in the morning, and another at 6 o'clock in the evening. The body of the one hung in the morning presented a shocking appearance at the Station-House. His fingers and toes had been sliced off, and there was scarcely an inch of his flesh which was not gashed. Late in the afternoon, a negro was dragged out of his house in West Twenty-seventh street, beaten down on the sidewalk, pounded in a horrible manner, and then hanged to a tree."1

Diese Szene wirkt wie ein schlechter Horrorfilm, jedoch wird sie als etwas beschrieben, das im Juli 1863 in New York geschehen ist. Vom 13. Bis 16. Juli 1863 wütete ein riesiger Mob in New Yorks Straßen, die New York City Draft Riots. Der schnelle Sieg, den der Mob zu Beginn feierte, führte in eine Welle aus Zerstörung und Hass, die ganze vier Tage andauerte. Erst als Truppen aus Gettysburg die Stadt erreichten, konnten die Aufstände beendet werden.

Diese gewalttätigen Unruhen waren kein unabhängig vom Bürgerkrieg stattfindendes Ereignis. Ein Krieg kann erst dann vollständig verstanden werden, wenn nicht nur die Schlachten angesehen werden, sondern auch die Heimatfront mit den politischen und kulturellen Entwicklungen. Die New York City Draft Riots waren nicht einfach nur ein kurzer Ausbruch von Gewalt und Zerstörung. Sie haben einen viel komplexeren Hintergrund und waren ein Ausdruck des Frusts, den seine Teilnehmer verspürten und der sich über Jahre hinweg angestaut hatte. Es waren noch nicht einmal zwei Wochen vergangen, seit General Lees Armee in Gettysburg geschlagen wurde, die Menschen müssten also allen Grund zur Freude gehabt haben.2 Doch wieso kam es dann zu diesen Auseinandersetzungen und was sagen sie über die Gesellschaft im Norden während der Zeit des Bürgerkriegs aus?

Obwohl sie die bis heute tödlichsten Unruhen in der Geschichte der Vereinigten Staaten sind, hört man nur selten etwas von ihnen. Nur eine kleine Anzahl an Historikern widmete sich bisher den Draft Riots, was verwunderlich erscheint auf Grund der Tatsache, dass der Amerikanische Bürgerkrieg eines der am besten erforschten Ereignisse der Geschichte ist. Lediglich zwei Monographien widmen sich ausschließlich den Draft Riots: Adrian Cooks „Armies of the Streets“3 aus dem Jahre 1974 und Iver Bernsteins „The New York City Draft Riots“4 von 1991. Die New York Draft Riots sind also ein Loch in der sehr gut erforschten Geschichte des Amerikanischen Bürgerkriegs, weswegen es sich lohnt, ein Blick auf sie zu werfen.

Da es keine vollständigen Augenzeugenberichte über die Draft Riots gibt, wurden hauptsächlich kleinere Quellen und Sekundärliteratur verwendet, die zusammen ein schlüssiges Bild über den Ablauf und die Motive der Draft Riots abgeben.

Zu Beginn sollen die Hintergründe, die Entstehungsgeschichte und daraus resultierend die Motive der Draft Riots analysiert werden. Ein genauerer Blick wird hierbei auf die Iren geworfen, da sie die größte Gruppe, der an den Draft Riots Beteiligten waren. Im Anschluss werden einige Geschehnisse der Draft Riots und ihr Verlauf behandelt, wobei hier weder chronologisch noch mit dem Ziel auf Vollständigkeit vorgegangen wird. Da es bei solch einem Ereignis nicht ausreicht, eine Beschreibung der Unruhen und der Gewalttaten zu geben, soll sich diese Arbeit zusätzlich dem Warum und Weshalb widmen. Weiterhin gilt es herauszufinden, wer an den Riots beteiligt war und welche Gründe die Menschen dafür hatten. Danach werden kurz die Folgen der Draft Riots skizziert. Zum Schluss soll die Bedeutung der Draft Riots und ihre Motive im Hinblick auf die Gesellschaft in einem Fazit zusammengefasst werden.

2. Motive

Um die New York City Draft Riots verstehen zu können, muss man sich zuerst ihre Hintergründe und ihre Entstehungsgeschichte vor Augen halten. Daraus kann man die Motive der Menschen erfahren, warum sie die Riots begannen, bzw. warum sie sich an ihnen beteiligten.

Einer der wichtigsten Gründe für die Draft Riots war der Krieg an sich, denn ohne ihn hätte es vermutlich nie den Draft und somit auch nie die Draft Riots gegeben. Wie jeder Krieg veränderte auch der Amerikanische Bürgerkrieg die Wirtschaft des Landes. Zu Beginn des Krieges erschreckten die Sezession und die Bedrohung durch einen Krieg die Menschen sehr und man musste den Verlust an Rohstoffen, Absatzmärkten aber auch an Arbeitskräften beklagen. Nach und nach jedoch verhalf der Krieg der Wirtschaft zu neuem Aufschwung.5 Dies traf jedoch nicht auf alle Menschen zu. Vor allem die ungelernten Arbeiter hatten nichts von diesem Aufschwung, da zwar viele Menschen beschäftigt waren, aber die Verbraucherpreise immer wieder anstiegen und in keinem Verhältnis zu den niedrigen Löhnen der Arbeiter standen. Da viele ärmere Menschen bereits schlecht bezahlte Jobs hatten, führte dies dazu, dass sich ihre Lage immer weiter verschlechterte.6

Für die meisten Menschen aus dem Norden begann 1863 eine Periode des Krieges, die große Frustration mit sich brachte. Die militärischen Erfolge fehlten und zu Hause litten die Menschen. Lange Zeit ging man im Bürgerkrieg davon aus, dass es ein kurzer Krieg werden würde, der schnell entschieden sein würde. Erst der Horror auf den Schlachtfeldern machte den Politikern, aber vor allem der Zivilbevölkerung klar, dass dieser Krieg nicht so schnell entschieden sein wird, wie erhofft. Es wurde immer schwerer Soldaten zu beschaffen, aber auch den Krieg zu finanzieren. Gleichzeitig wurde es für die Heimatfront immer klarer, dass der Krieg nicht fernab stattfindet. Jedes Hoch und Tief in der Moral der Bevölkerung hing von den Erfolgen der Armee ab. Als es jedoch in mehreren Schlachten zwischen 1862 und 1863 zu Niederlagen kam, wie zum Beispiel der in Fredericksburg, sank die Moral im Norden immer weiter.7 Da der Krieg immer länger und immer härter wurde, als man es sich je hätte vorstellen können, desertierten immer mehr Soldaten. Jeder siebte Soldat des Nordens desertierte, jeder 9. im Süden. Deshalb beschloss die Regierung, die erste allgemeine Wehrpflicht in der amerikanischen Geschichte einzuführen.8

Die Lage des Krieges schien also zu Beginn des Jahres 1863 nicht gut auszusehen und vor allem die ärmeren Menschen litten unter ihm. Als dann auch noch bekannt gegeben wurde, dass die Regierung einen Draft plant, mussten viele Menschen zu Recht um ihre Existenz bangen. Auch hatten sie das Vertrauen in die Armee verloren und waren nicht mehr gewillt, einen Krieg zu unterstützen, der ihnen schadet. Sie mussten also jede Chance nutzen, um zu verhindern, dass der Draft erfolgreich ist und sie eingezogen werden.

Ein Punkt, der hilft die Riots und ihre Gründe zu verstehen, ist der Zusammenhang von Rassismus und Arbeit im 19. Jahrhundert. Auch im Jahre 1863 noch war die Lage in New York anders, als es sich mancher vom Norden heute vielleicht vorstellt. Selbst nach der Emanzipation von 1862 wurden immer noch Farbige diskriminiert und es gab eine komplizierte Aufteilung der Arbeit in der Stadt. Für viele Arbeiten benötigte man eine Lizenz und farbige Menschen wurden von dieser Lizenz oft ausgeschlossen. Den Farbigen blieb oft nichts anderes übrig, als die am schlechtesten bezahlten Jobs zu nehmen, wodurch es zu wirtschaftlicher Konkurrenz mit denen kam, die diese billige Arbeit zuvor ausführten, häufiger irische Immigranten, denn die Farbigen arbeiteten oft für noch weniger Geld. Im Frühling 1863 wurden die Spannungen noch verschlimmert, als Schifffahrtsgesellschaften beschlossen, Farbige gegen einen Streik von Hafenarbeiter einzusetzen. 9 Viele Arme sahen in den Drafts die Chance, ihrer Wut Luft zu verschaffen. Sie kannten nur ihre tägliche Armut und die Gefahr eingezogen zu werden machte ihnen große Angst. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden vermischte sich mit Rassismus, was den Mob so gefährlich machte.10

Durch den auch im Norden gängigen Rassismus gab es ein für die Rioters „natürlichen“ Grund die Farbigen anzugreifen, denn diese waren „niedrigere“ Menschen und sollten nicht die gleichen Rechte haben, wie sie selbst. Als sie dann erfuhren, dass ein Draft veranstaltet wird, weigerten sie sich den Krieg, der nun auch das Ziel der Sklavenbefreiung hatte, zu unterstützen, der ihre eigene Existenz auf mehrere Arten gefährden konnte: Die Angst vor wirtschaftlicher Konkurrenz, die die vielen befreiten Sklaven bringen könnten und die Gefahr, nicht für die Familie sorgen zu können, wenn man verwundet wird oder stirbt.

Doch auch die Zeitungen trugen einen erheblichen Teil dazu bei, dass die Ängste der Menschen weiter angestachelt wurden. Demokratische Zeitungen schürten die Angst, dass viele ehemalige Sklaven in den Norden kommen werden noch weiter.11 Die Daily News schrieb am 13. Juli über den draft: „The draft would compel the white laborer to leave his family destitute and unprotected while he goes forth to free the negro, who, being free, will compete with him in labor.”12

Verbunden damit war auch ein Aspekt sexueller Moral. Einige der Farbigen, die vom Mob getötet wurden, waren mit Weißen verheiratet. Bordelle, die den Zutritt für Farbige gewährten, sowie Prostituierte, die auch mit farbigen Männern schliefen, wurden angegriffen. Auf diese Weise versuchten die Rioters ihr sexuelles Moralverständnis mit Hilfe von Gewalt durchzusetzen.13

Doch die Draft Riots hatten auch politische Gründe. Viele Menschen aus dem Norden waren geschockt, wie die Regierung, alles für den Sieg tuend, die eigenen Prinzipien, auf die man doch so stolz war, über den Haufen warf. Während Lincoln für andere die Freiheit versprach, fürchteten gleichzeitig viele Menschen, dass sie ihre eigenen Freiheiten gegenüber einer starken Regierung verlieren würden. Die wenigsten konnten sich vorstellen, dass die Regierung und die Gesellschaftsordnung jemals wieder so sein würde wie vor 1860.14

Um unionschädigende Aktivitäten zu verhindern tat Lincoln etwas, das vielen Menschen als nicht demokratisch erschien: Er beschränkte die bürgerlichen Freiheiten, in dem er zwei Mal das Recht auf Habeas Corpus aussetzte, um Gegner schneller verhaften zu können. 15 Militäroffiziere konnten so Verdächtige verhaften und ohne ein Gericht festhalten. Im gesamten Krieg wurden so um die 15000 Menschen verhaftet. Außerdem verbot er immer wieder Zeitungen, die etwas publizieren wollten, was den Sieg der Union schädigen könnte.16 Viele Menschen bekamen Zweifel über die Verfassungsmäßigkeit der Emanzipation und die Frage, ob noch demokratisch gegen Verhaftete vorgegangen wird. All dies führte zu großer Unzufriedenheit mit der Regierung. Vor allem wenn die Erfolge im Krieg ausblieben zweifelten die Menschen an der Regierung.17

Am 1. August schreibt ein Deutscher über seine politischen Vermutungen:

„[…] Deshalb, verlaß dich drauf, kannst du unsere Regierung nicht mit der Nero’s vergleichen, wenn hier und dort durchgreifende Maßregeln ergriffen werden müssen, die leicht von auswärtigen Zeitung als despotisch hingestellt werden können, aber es in der tat nicht sind, denn es hat bis jetzt, so lange die Geschichte besteht, noch keine Regierung bestanden, die eine größere Duldung und Schonung gegen die frechsten Angriffe auf ihre Autorität bewiesen hätte als die Regierung Abraham Lincoln’s. […] Nun komm einmal in den Norden und sieh, mit welcher Frechheit demokratische Zeitungen die Partei des Südens nehmen, sieh, wie hier im Norden, trotz des Emanzipation’s-Proklamation, Demokraten für die Rechtmäßigkeit der Sklaverei sprechen, wie sie sagen, man solle alle Neger todt schlagen etc und du würdest dein Urtheil sicher ändern. […]“18

Es wird immer wieder kontrovers darüber diskutiert, ob Lincoln nun zu weit gegangen sei und den Sieg im Bürgerkrieg über die demokratischen Grundwerte gestellt habe, oder ob dies für den Erhalt der Union nötig war.19 Viele Menschen sahen jedoch nur die Einschränkung ihrer Bürgerrechte und sie hatten Angst davor eine immer autoritärer werdende Regierung zu unterstützen, die ausschließlich anderen die Freiheit schenken will, ohne die möglicherweise positiven Aspekte für den Verlauf des Krieges zu erkennen.

New Yorks Politiker der demokratischen Partei hofften daher in den anstehenden Wahlen einen Erfolg zu verzeichnen, indem sie Angst vor dem anstehenden Draft, vor der sich ausweitenden Macht der Nationalregierung und vor dem Krieg im allgemeinen, der ihrer Meinung nach nur dazu diente um die Farbigen zu befreien, schürten.20 Die Angst der Menschen vor einer „Invasion“ der Farbigen wurde so noch bestärkt und sogar gefördert. Hatten einige Menschen eh schon die Angst vor so etwas, wurde sie durch eine solche Propaganda noch verschlimmert und gefestigt.

Für Lincolns Kritiker war sein Verhalten eine Möglichkeit, den in ihren Augen nicht mehr demokratisch regierenden Lincoln anzugreifen. Eine Gruppe, die davon profitierte, waren die Friedensdemokraten, die von den Republikanern Copperheads genannt wurden. Sie wollten das Ende des Krieges und die Anerkennung der Konföderation. Außerdem forderten sie die Rücknahme der Sklavenemanzipation.21 Die Zahl der Anhänger und Sympathisanten der Copperheads variierte je nach Lage des Krieges. Vor allem, wenn der Krieg ins Stocken geriet oder die Lage schlecht für den Norden aussah, begannen viele ihre Interessen von den Copperheads vertreten zu sehen und sie gewannen an Einfluss.22 Die Ideen der Copperheads fanden sowohl bei der Zivilbevölkerung als auch in der Armee Zuspruch, was dazu führte, dass die Zahl der Desertationen weiter anstieg.23

Clement L. Vallandigham war einer der Copperheads, der für diese Ziele einstand. Vallandigham hatte den Slogan: „The Constitution as it is, the Union as it was.”, manchmal wurde jedoch noch ein „and the Niggers where they are.” dazugeschrieben.24

Dies alles zeigt jedoch, dass Lincolns Position nicht immer so gefestigt war, wie manche es heutzutage vermuten. Einer der Gründe für die Menschen, sich gegen jegliche Autorität der Regierung zu wenden war also ein sehr Offensichtlicher: der Hass auf den Draft und die Regierung im Allgemeinen. Dies lässt sich vor allem dadurch erkennen, dass zu Beginn die Einberufungsoffiziere und Polizisten und später auch Reporter von Republikanischen Zeitungen angegriffen wurden.

Doch es gab noch andere, banaler wirkende Gründe, die jedoch nicht ganz außer Acht gelassen werden dürfen. Viele Kriminelle nutzen die Gunst der Stunde und beteiligten sich aus eher praktischeren Gründen an den Unruhen: die Wahrscheinlichkeit unentdeckt und ungestraft zu stehlen war sehr hoch. So mischten sich vermutlich auch viele unter den Mob, die einfach nur stehlen wollten und die die Riots als eine gute Gelegenheit dafür ansahen. Andere rutschten viel mehr durch übertriebenen Alkoholkonsum in den Mob hinein.25

2.1 Die Iren und die Draft Riots

Die Iren waren die größte Gruppe der Teilnehmer an den Draft Riots. Doch warum beteiligten sich so viele Iren an den Draft Riots und was bedeutet dies für die Gesellschaft des Nordens im Bürgerkrieg? Die Gründe der irischen Immigranten an den Riots teilzunehmen waren eng verbunden mit dem Thema des Rassismus, doch war es nicht Rassismus allein, sondern eine Vielzahl an Gründen, die die Iren dazu bewegten bei den Riots mitzumachen. Um diese Gründe zu verstehen, muss man sich erst einmal eine kurze Vorgeschichte dazu anschauen.

Im Jahre 1790 wurde der Naturalization Act verabschiedet, der allen freien weißen Personen, die in die USA einreisten, das Bürgerrecht verlieh. Dadurch bekamen selbst die ärmsten Immigranten aus Europa das Bürgerrecht, nicht jedoch Farbige oder Native Americans. Die weißen Einwanderer waren die einzigen, die als „zivilisiert“ genug erschienen, um Bürger in einer Demokratie zu sein. Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr Menschen in die USA einwanderten, wollten sich die schon länger in den USA lebenden Weißen von den neu eingewanderten Weißen abgrenzen. Obwohl die Iren weiße Europäer waren, wurden sie von vielen in Amerika Geborenen nicht als zivilisiert genug angesehen.26 Für sie war es eine Mischung aus Schock und Ekel zu sehen, wie die irischen Immigranten aussahen, wenn sie in den amerikanischen Häfen ankamen.27 So wurden die Iren oft als „niggers turned inside out” und Farbige als „smoked Irish” bezeichnet. Die Iren sahen sich jedoch durchaus als weiß an und waren bereit, ihren Platz unter den Weißen auch gewaltsam zu verteidigen. Gegen „minderwertige“ Farbige zu kämpfen machte sie selbst weißer.

Noch dazu kam, dass die meisten Iren römisch-katholisch waren, was immer wieder zu dem Gerücht führte, dass sie nur in die USA kamen, um die amerikanische Demokratie zu Gunsten Roms zu infiltrieren.28 Wie tief dieses Gerücht in den Köpfen der Menschen saß, zeigt der Brief eines Deutschen an seinen im Süden lebenden Bruder:

„[…] die wirklich gräßliche Barbarei des Pöbels in New York wird dir wohl die Augen geöffnet haben, aus welchem Stoff die nördliche Demokratie, Anhänger des Südens, besteht. Ich versichere Dich, Rom hat wieder durch den Arm seiner Farbigen Henkersknechte seinen Arm im Spiel, deren Zweck es ist, Vernichtung der Republik um jeden Preis und Aufbauung der absoluten Monarchie. Körperliche und geistige Sklaverei – wie hübsch paßt das nicht zusammen und wie deutlich kann man bei jeder Gelegenheit sehen, auf was es die römische Geistlichkeit abgesehen hat.“29

Auch politisch waren die meisten Iren schon vor dem Beginn des Bürgerkriegs nicht auf der Seite der republikanischen Regierung. Trotzdem erkannten sie bei Kriegsbeginn, dass der Erhalt der Union wichtig für sie und ihr Land sei. Viele hatten in den Vereinigten Staaten die einzige Chance auf ihr Überleben gesehen. Man hatte dort die Chance auf Arbeit und es gab Religionsfreiheit. Zu Kriegsbeginn hatten viele die Hoffnung, dass man in einem schnellen Krieg Geld für die Familie verdienen konnte und gleichzeitig erhoffte man sich etwas Kriegserfahrung für den Fall eines Unabhängigkeitskrieges gegen England.30 Die Iren hatten immer wieder gegen die Briten in ihrem Land ankämpfen müssen und betrachteten daher alle Regierungen von vornerein skeptisch. Gewalt war für sie lange die einzige Möglichkeit ihre Rechte zu sichern.31

Das Leben der Iren in den USA war oft nicht so, wie sie es sich erhofft hatten. Da viele ungelernte Arbeiter waren, mussten sie in den schlechtesten Vierteln New Yorks leben. Die Art, wie die Iren lebten war den meisten in den USA Geborenen nicht zivilisiert genug, auch wenn die Iren oft nichts für ihre Lebensumstände konnten, denn die einzigen Viertel, in denen sie es sich leisten konnten zu leben, würden heute als schlimme Slums bezeichnet werden.32 Was die ganze Sache noch verschlimmerte, war, dass die Farbigen und die Iren oftmals die gleichen, schlecht bezahlten Jobs annahmen. Dies führte dazu, dass beide Gruppen um die gleichen Arbeitsplätze kämpfen mussten. Die Iren hatten „dank“ des Rassismus in diesem Kampf noch die Oberhand, doch nach der Emanzipationserklärung fürchteten sie, dass der Norden nun von Farbigen überströmt werden würde und ihnen ihre eh schon schlechte wirtschaftliche Lage noch verschlimmern würden.33

Die Iren waren also ohnehin schon vor dem Kriegsbeginn nicht auf der Seite der republikanischen Regierung und gegen den Abolitionismus. Nachdem der Krieg jedoch länger und länger wurde, begann die letzte Unterstützung der Iren für den Krieg zu wanken. Auch sie hatten immer mehr Tote zu beklagen und als ein irischer General, dem die Iren stets vertraut hatten, von der Regierung aus seinem Amt enthoben wurden, fühlten sie sich von der Regierung verraten. Auf die Nachricht, dass Lincoln die Emanzipation proklamierte, reagierten die meisten Iren feindselig, da der eh schon belastende und immer unerwünschter werdende Krieg, der ursprünglich zum Erhalt der Union geführt wurde, nun auch der Befreiung der Sklaven dienen sollte.34 Die irischen Immigranten waren es sich nicht mehr wert für einen Krieg zu kämpfen, der nicht mehr ihrer war und von dem sie nun befürchteten, dass er ihnen schaden wird.

Cook zweifelt an, dass die Angst vor ehemaligen Sklaven, die in den Norden kommen würden und mit den Iren um billige Arbeitsplätze konkurrieren würden, ein Grund für die Riots waren, bzw. dass jemand Angst vor dieser Konkurrenz gehabt hätte. Er belegt dies damit, dass nur wenige Hafenarbeiter, die die meiste Konkurrenz zu befürchten hätten, an den Unruhen beteiligt waren und nur drei farbige Hafenarbeiter vom Mob angegriffen wurden. Außerdem meint er, dass keine Firmen, die Farbige angestellt hatten, gezielt angegriffen wurden. Er führt außerdem an, dass die farbigen Arbeiter in New York sich eher vor einer Konkurrenz fürchteten, da Arbeitgeber eher europäische Immigranten einstellten.35 Diese Argumente scheinen jedoch nicht immer ganz zutreffend und logisch. Nur weil nicht „genügend“ farbige Hafenarbeiter angegriffen wurden heißt das noch lange nicht, dass der Mob das vielleicht nicht geplant hatte. Auch die Beteiligung der Hafenarbeiter erscheint zu undurchsichtig, da noch ganz andere Berufsgruppen eine Konkurrenz gefürchtet haben. Die Mehrzahl, der an den Unruhen Beteiligten waren schließlich ungelernte Arbeiter, die sich sicherlich von einer Propaganda, die solche Ängste schürte, beeinflussen ließen.

[...]


1 Buffalo Morning Express and Illustrated Buffalo Express: The New York Riot. The Killing of Negroes. Buffalo, 1863.

2 Hoehne, Patrick Tyler: Die at home. A contextualization and mapping of the New York City Draft Riots of 1863. URL: https://mountainscholar.org/handle/10217/189410#? [08.04.2019], S.5.

3 Cook, Adrian: The Armies of the Streets. The New York City Draft Riots of 1863, Lexington 1974.

4 Bernstein, Iver: The New York City Draft Riots. Their Significance for American Society and Politics in the Age of the Civil War, New York 1991.

5 Vgl. Sautter, Udo: Der Amerikanische Bürgerkrieg, Darmstadt 2009, S. 106f.

6 Vgl. Ebd. S. 115.

7 Vgl. Olsen, Christopher J.: The American Civil War. A Hands-on History, New York 2006, S. 145.

8 Vgl. Pohanka, Reinhard: Der Amerikanische Bürgerkrieg, Wiesbaden 2007, S. 130.

9 Vgl. Rutkowski , Alice: Gender, Genre, Race, and Nation. The 1863 New York City Draft Riots. In: Studies in the Literary Imagination 40 (2007), S. 111-132. URL: http://go.galegroup.com/ps/i.do?ty=as&v=2.1&u=tuebi&it=DIourl&s=RELEVANCE&p=LitRC&qt=TI%7E%22Gender%2C+Genre%2C+Race%2C+and+Nation%3A+The+1863+New+York+City+Draft+Riots%22%7E%7EVO%7E40%7E%7EIU%7E2%7E%7EPU%7E%22Studies+in+the+Literary+Imagination%22%7E%7EAU%7ERutkowski%2C+Alice&lm=&sw=w [08.04.2019], S. 118.

10 Vgl. McKay, Ernest A.: The Civil War and New York City, New York 1990.S. 208.

11 Rutowski, Gender 118.

12 The New York Daily News, July 13, 1863.

13 Vgl. Cook, Armies, S. 203.

14 Vgl. Burten, Orville Vernon: The Age of Lincoln, New York 2007, S. 215.

15 Vgl. Sautter, Bürgerkrieg, S. 121f.

16 Vgl. Olsen, Civil War, S. 150.

17 Vgl. Fredrickson, George M.: The Inner Civil War. Northern Intellectuals and the Crisis of the Union, Urbana 1993.

18 Helblich, Wolfgang/ Kamphoefner, Walter D.: Deutsche im Amerikanischen Bürgerkrieg. Briefe von Front und Farm 1861-1865, Paderborn 2002, S. 336.

19 Da eine ausführliche Beantwortung dieser Frage den Rahmen einer Hauptseminars Arbeit sprengen würde, kann hier leider nicht ausführlich auf diese spannende Frage eingegangen werden.

20 Vgl. Burten, Lincoln, S. 213.

21 Vgl. Pohanka, Bürgerkrieg, S. 125f.

22 Vgl. McGinty, Brian: Lincoln and the Court, Cambridge 2008, S. 184.

23 Vgl. Pohanka, Bürgerkrieg, S. 125f.

24 Vgl. McGinty, Lincoln, S. 184.

25 Vgl. Cook, S. 93f.

26 Vgl. MacMullan, Terrance: Habits of Whiteness. A Pragmatist Reconstruction, Bloomington 2009. URL: http://web.a.ebscohost.com/ehost/detail/detail?vid=0&sid=44a3f9a6-8f6a-455b-8c43-3db5386023e4%40sessionmgr4009&bdata=JnNpdGU9ZWhvc3QtbGl2ZQ%3d%3d#AN=276693&db=nlebk [08.04.2019], S. 44f.

27 Vgl. Hoehne, Die at Home, S. 30.

28 Vgl. MacMullan, Whiteness, S. 46f.

29 Vgl. Helblich, Deutsche, S. 335f.

30 Vgl. Hoehne, Die at Home, S 15f.

31 Vgl. Cook, Armies, S. 30.

32 Vgl. Hoehne, Die at Home, S. 33f.

33 Vgl. Gertse, Ronald D.: Abraham Lincoln, Regensburg 2008, S. 184.

34 Vgl. Hoehne, Die at Home, S. 22-24.

35 Vgl. Cook, Armies, S. 205f.

Details

Seiten
27
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346018052
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v498420
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Schlagworte
Amerikanische Revolution Amerika Riots Unruhen Draft Riots

Autor

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