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Die Literaturzeitschrift "Sinn und Form" unter Peter Huchel 1949-1962. Eine ungeliebte Visitenkarte der DDR

Exposé für eine Hausarbeit

Vorlage, Beispiel 2019 10 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung

2 Fragestellung und Vorgehensweise

3 Aktueller Forschungsstand und Literatur

4 Vorläufig geplante Gliederung

5 Literaturverzeichnis

1 Problemstellung

Sinn und Form ist eine literarische Zeitschrift, die 1949 durch den Präsidenten des Kulturbundes, Johannes R. Becher, und dem bürgerlichen Humanisten Paul Wiegler gegründet wurde. Als Chefredakteur schlug Becher den parteilosen Lyriker Peter Huchel vor, der das Amt bis 1962 innehatte.1 In das Zentrum der Zweimonatsschrift sollten aktuelle Beiträge zur Literatur gerückt werden, welche dem deutschen Leser das vorstellen sollte, was ihm im Zuge des Faschismus vorenthalten blieb.2 Einige namhafte Autoren, die in den Widerstand gegen den Faschismus getreten und im ersten Jahr vertreten waren, sind u.a. Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Hans Mayer und Anna Seghers.3 Die Zeitschrift sah ihre Aufgabe darin, fortschrittliche Literatur zu präsentieren, die sich auf der ganzen Welt ansiedelte und für den Frieden und die Völkerverständigung eintrat.4 Kulturelle Beziehungen zu Nachbarländern wollten nun wieder geknüpft werden.5

Im ersten Jahr unterstand die Zeitschrift, relativ freischwebend, dem privaten Verlag Rütten & Loening. Da die ersten 2500 Exemplare nicht alle verkauft und viele als Freiexemplare weggeben wurden, war klar, dass es sich bei Sinn und Form um ein verlustbringendes Unternehmen handelte. Ab Heft 5/1950 übernahm nun die weitaus besser finanziell ausgestatte Deutsche Akademie der Künste Sinn und Form.6 Auf der einen Seite bedeutete dies mehr Stabilität und Sicherheit für die Zeitschrift, sowie den erleichterten Zugang zu Autoren, sorgte jedoch andererseits auch dafür, dass Sinn und Form als Teil der Akademie stets der Kontrolle und Einflussnahme ausgesetzt war.7 Trotz des anfangs positiven Urteils in der DDR konnte die Feindseligkeit gegen Formalismus und Dekadenz nicht spurlos an der Zeitschrift Sinn und Form vorbeiziehen. Indem Huchel seinen Kurs halten wollte, musste er sich über den Widerspruch zur vorherrschenden Kulturpolitik im Klaren sein.8 Anlass für eine erste große Krise der Zeitschrift gab es 1952. Die DAdK eröffnete im Dezember 1951 eine Ernst Barlach-Ausstellung. Wilhelm Girnus äußerte sich zu dieser Anfang 1952 im Neuen Deutschland und bezichtigte Barlach des Formalismus. Nachdem Huchel die Notizen von Brecht zur Verteidigung Barlachs im ersten Heft 1952 veröffentlicht hatte, wurde er zu Becher zitiert und heftig von ihm angegriffen. In der nachfolgenden Zeit musste Huchel für umstrittene Beiträge um eine Druckgenehmigung bei Becher bitten.9 Eine erneute Auseinandersetzung gab es im selben Jahr. Huchel druckte im letzten Heft einen Teil aus Hanns Eislers Libretto Doktor Faustus und einen Begleittext von Ernst Fischer ab. Zusammen mit den in Heft 1/1953 herausgegebenen Gedichten von Oskar Maria Graf hagelte es scharfe Kritik. Eine redaktionelle Veränderung erschien unausweichlich.10 In das Jahr 1953 fiel der Tod Stalins, sodass der im September 1952 zum ordentlichen Mitglied der Akademie gewählte Huchel nicht um eine Beileidsbekundung kam.11 Da die Attacken gegen Huchel nicht aufhörten und die jetzige Redaktion als politisch und künstlerisch unfähig hingestellt wurde, kam es Mitte Mai 1953 zur Kündigung.12 Nachdem Brecht die Rücknahme der Entlassung durchsetzen konnte, entstand der redaktionelle Beirat, der Huchels Souveränität einschränken sollte. Vorgesehene Beiträge mussten außerdem vom Präsidium der Akademie unterzeichnet werden.13 Trotz des Verhandlungsgeschicks Huchels, erweiterte sich 1957 die Kritik an Sinn und Form. Auf der Kulturkonferenz der SED griff Kurt Hager die Zeitschrift stark an. Man warf ihr u.a. vor, den sozialistischen Realismus nicht ins Auge zu nehmen.14 Nachdem die Partei Huchel 1961 relativ in Frieden gelassen hatte, leitete am 8. Februar des folgenden Jahres Alexander Abusch die ersten Schritte gegen den Chefredakteur ein. Eine Analyse sollte die inhaltliche Entwicklung der Zeitschrift von 1959 bis 1961 festhalten. Bevor man das Ergebnis vorliegen hatte, war bereits die Entscheidung festgelegt: Inhalt und Leitung von Sinn und Form müsse man abändern. Peter Huchel sollte einen ideologisch zuverlässigen und gleichberechtigten Chefredakteur an die Seite gestellt bekommen. Da er jegliche Vorschläge ablehnte und Stephan Hermlin das Amt nicht übernehmen wollte, kündigte Huchel selbst am 27. Juli 1962 und Bodo Uhse übernahm als Nachfolger seine Tätigkeit ab 1963.15 Trotz, dass Huchel dazu angehalten war, die Texte des letzten Doppelheftes der Akademieleitung vorzulegen, tat er dies nicht.16 Die Doppelnummer 5/6 spitzte noch einmal die Diskussion um die Zeitschrift zu. Auf die einleitende Erklärung, über die Veränderung der Zeitschrift und den Rücktritt Huchels von Willi Bredel, folgte Brechts Nachlass: Über die Widerstandskraft der Vernunft. Der gebildete Leser konnte hierbei Parallelen zwischen 1933 und 1962 herstellen und Huchels provokanten Vergleich zwischen SED und DDR-Regierung mit der NSDAP und Hitler identifizieren.17 Die DDR leitete nach der unwürdigen Entlassung des Chefredakteurs geheimpolizeiliche Maßnahmen ein. Peter Huchel wurde seines Amtes enthoben, weil er gesamtdeutsch und international dachte und der „Bitterfelder Weg“, sowie der „sozialistische Realismus“ für ihn keine Bedeutung hatte. Der stärkere Einbezug der Akademie in das Herrschaftsgeflecht der SED war nach Huchels Kündigung durchaus besser möglich. Für Huchel folgten lange Jahre der Isolierung, der Diskriminierung und Observation durch die Staatssicherheit. Bis zu seiner lang ersehnten Ausreise 1971 nach Italien blieb er jedoch Mitglied der AdK.18

2 Fragestellung und Vorgehensweise

Peter Huchel könnte man somit als einen ‚Seiltänzer‘ betiteln, der sich oft auf einem schmalen Grat zwischen eigenen Ansprüchen und den Literaturvorstellungen der DDR bewegte. Aus dieser Problemstellung heraus leitet sich folgende Forschungsthese ab:

Für die kulturpolitische Agenda der SED-Führung war Peter Huchel als Chefredakteur der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ nicht vertretbar.

Um diese These bestmöglich zu beantworten, bedarf es zu Beginn einer umfassenden Literaturrecherche. Diese sollte unbedingt ausgewählte Hefte der Zeitschrift Sinn und Form beinhalten, die Lyrik Peter Huchels integrieren und weitere Sekundärliteratur einbeziehen. Der Schwerpunkt bei der Bearbeitung muss stets auf der Dreiecksbeziehung zwischen Peter Huchel als Chefredakteur, der Akademie der Künste und der Kulturpolitik der SED liegen.

Folgende Fragen sollten nach intensiver Recherche bewertbar sein und in die Darstellung einfließen (Auswahl):

- Welches Potenzial sah Becher in Peter Huchel, um ihn für das Amt des Chefredakteurs auszuwählen?
- Inwiefern ließ sich Huchels Anspruch an die Literaturzeitschrift nicht mit den kulturpolitischen Rahmenbedingungen decken?
- Wie versuchte Huchel die Balance zwischen eigenen Ansprüchen und denen der Partei zu halten? Wann überschritt er bewusst die Grenzen?
- Welche Wichtigkeit besaßen ausländische Autoren für die Zeitschrift Sinn und Form ? Inwiefern entstanden 1950 Veränderungen, als die Zeitschrift zum Organ für die Deutsche Akademie der Künste wurde?
- Welchen Einfluss hatte der Mauerbau auf Sinn und Form und inwiefern dachte man 1961 wirklich an die Auflösung der Zeitschrift?
- War Huchel in den Augen der SED-Führung ein ernstzunehmender „Störfaktor“?
- Inwieweit beeinflusste die SED Huchels Leben auch noch nach dessen Kündigung?

3 Aktueller Forschungsstand und Literatur

Betrachtet man die Literatur in der ost- und westdeutschen Germanistik, so fällt auf, dass die Literaturzeitschrift ein durchaus unbeachtetes Forschungsgebiet darstellte. Die DDR-Germanistik beschäftigte sich zwar mit einigen Zeitschriften des Nachkriegsdeutschlands, aber Sinn und Form und speziell Peter Huchel wurden als Thema gemieden.19 Im 11. Band der Geschichte der deutschen Literatur, welcher 1976 in Ostberlin erschien und nur die DDR-Literatur betrachtet, findet man lediglich kurze Worte für Peter Huchels Tätigkeit als Chefredakteur.20 Rein kulturpolitisch wir die Zeitschrift mit „Tendenzen des Ästhetizismus und der Versöhnung von bürgerlicher und sozialistischer Ideologie“21 bewertet, denen man Anfang der 60er Jahre „den Klassencharakter und die Volksverbundenheit sozialistischer Kunst und Literatur entgegen“22 setzte. Für Westdeutschland erschien erst 1986 ein umfangreicher Artikel von Ian Hilton.23 In ihm wird Wesentliches über die Struktur von Sinn und Form zusammengetragen.24

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts kann sich die „DDR-Forschung“ auf einem fundamentalen Erkenntnisstand bewegen. Erschöpfendes Quellenmaterial und vier Jahrzehnte Sinn und Form, von 1949 bis 1989, gebündelt in etwa 250 Heften, ermöglichen eine vielseitige Untersuchung auf seriöser Basis. Wissenschaftliche Teiluntersuchungen beziehen sich größtenteils auf die Entwicklungsgeschichte der Zeitschrift und die Huchel-Zeit , blenden jedoch oft den Bestand von MfS-Quellen aus.25 Die grundlegendste Monographie, auf die auch weitere ‚Huchel-Experten‘ wie Hub Nijjsen, Stephen Parker und Matthias Braun aufbauen, stammt aus dem Jahr 1992 von Uwe Schoor und trägt den Titel „Das geheime Journal der Nation.“26 Gebündelt auf rund 250 Seiten, betrachtet er die Jahre unter Peter Huchel von 1949 bis 1962 und geht dabei sehr detailliert auf die einzelnen Autoren und deren Werke ein, die Sinn und Form Leben eingehaucht haben.27 Matthias Braun, ehemaliger „Mitarbeiter in der Forschungsabteilung der BStU – Arbeitsschwerpunkt: Wirkungsweise des MfS im Kulturbereich“28, hat sich 2004 intensiv mit der Literaturzeitschrift auseinandergesetzt.29 In seiner Monographie, die von 1949 bis 1990 alle Chefredakteure der Zeitschrift integriert, wird u.a. auf 50 Seiten Peter Huchel in den Mittepunkt gerückt. Es wird aufgezeigt, unter welchen vorgegebenen kulturpolitischen Rahmenbedingungen sich Redaktionsentscheidungen ergaben und inwiefern die Zeitschrift in die Akademie der Künste eingebunden war. Erstmalig nimmt Braun die Rolle der Staatssicherheit in den Blick.30 Die neueste Publikation zu Peter Huchel stammt aus dem Jahr 2018. Matthias Weichelt, derzeitiger Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form seit 2013, widmet sich dem Lyriker und Chefredakteur in Form einer Lebenslaufdarstellung. Mit historischen Fotografien, Schnappschüssen, Brief- und Manuskriptausschnitten untermauert Weichelt sein würdigendes Bild sowohl auf den Lyriker, als auch Chefredakteur Peter Huchel.31 In seinem Kapitel „››Ich wünsche Ihnen, bei Gott, nicht den Posten eines Chefredakteurs‹‹“32 werden Huchels Jahre als Chefredakteur in kurzer, aber sehr prägnanter Weise schlaglichtartig beleuchtet und redaktionelle Schwierigkeiten nachskizziert.33

[...]


1 Vgl. Matthias Braun: Die Literaturzeitschrift ››Sinn und Form‹‹. Ein ungeliebtes Aushängeschild der SED-Kulturpolitik, Bremen 2004, S.13f. (Braun: Die Literaturzeitschrift ››Sinn und Form‹‹)

2 Vgl. Uwe Schoor: Vom ››sowjetisch- trojanischen Panjepferd‹‹ zum ››geheimen Journal der Nation‹‹. Sinn und Form bis 1962, in: Simone Barck, Martina Langermann, Siegfried Lokatis (Hg.): Zwischen ››Mosaik‹‹ und ››Einheit‹‹. Zeitschriften in der DDR, Berlin 1999, S. 339 – 345, S.339. (Schoor: Vom ››sowjetisch- trojanischen Panjepferd‹‹ zum ››geheimen Journal der Nation‹‹)

3 Vgl. Braun: Die Literaturzeitschrift ››Sinn und Form‹‹, 17.

4 Vgl. Hub Nijssen: Der heimliche König. Leben und Werk von Peter Huchel, Nijmegen 1995, S.212. (Nijssen: Der heimliche König)

5 Vgl. Schoor: Vom ››sowjetisch- trojanischen Panjepferd‹‹ zum ››geheimen Journal der Nation‹‹, 339.

6 Vgl. Braun: Die Literaturzeitschrift ››Sinn und Form‹‹, 17.

7 Vgl. Matthias Weichelt: Peter Huchel. Berlin 2018, S.59, 61. (Weichelt: Peter Huchel)

8 Vgl. Schoor: Vom ››sowjetisch- trojanischen Panjepferd‹‹ zum ››geheimen Journal der Nation‹‹, 341.

9 Vgl. Nijssen: Der heimliche König, 214.

10 Vgl. Braun: Die Literaturzeitschrift ››Sinn und Form‹‹, 25.

11 Vgl. Nijssen: Der heimliche König, 216.

12 Vgl. Braun: Die Literaturzeitschrift ››Sinn und Form‹‹, 28f.

13 Vgl. Uwe Schoor: Das geheime Journal der Nation. Die Zeitschrift “Sinn und Form“, Chefredakteur: Peter Huchel 1949-1962, Berlin 1992, S.104. (Schoor: Das geheime Journal der Nation)

14 Vgl. Schoor: Vom ››sowjetisch- trojanischen Panjepferd‹‹ zum ››geheimen Journal der Nation‹‹, 343.

15 Vgl. Nijssen: Der heimliche König, 327ff.

16 Vgl. Braun: Die Literaturzeitschrift ››Sinn und Form‹‹, 55.

17 Vgl. Nijssen: Der heimliche König, 333.

18 Vgl. Braun: Die Literaturzeitschrift ››Sinn und Form‹‹, 58ff.

19 Vgl. Braun: Die Literaturzeitschrift ››Sinn und Form‹‹, 9.

20 Vgl. Horst Haase u.a. (Hg.): Geschichte der deutschen Literatur. Literatur der Deutschen Demokratischen Republik, Bd. 11, Berlin (Ost) 1976, S.511. (Haase: Geschichte der deutschen Literatur)

21 Haase: Geschichte der deutschen Literatur, 511.

22 Ebd.

23 Vgl. Ian Hilton: Sinn und Form. ››Ein schlimmes Kapitel …‹‹, in: Axel Vieregg (Hg.): Peter Huchel. Frankfurt am Main 1986, S. 249 – 264. (Hilton: Sinn und Form)

24 Vgl. Schoor: Das geheime Journal der Nation, 15.

25 Vgl. Braun: Die Literaturzeitschrift ››Sinn und Form‹‹, 10.

Darunter zählt: Hub Nijssen: Der heimliche König. Leben und Werk von Peter Huchel, Nijmegen 1995; Stephen Parker: Peter Huchel. A Literary Life in the 20th century Germany, Bern 1998; Uwe Schoor: Vom ››sowjetisch- trojanischen Panjepferd‹‹ zum ››geheimen Journal der Nation‹‹. Sinn und Form bis 1962, in: Simone Barck, Martina Langermann, Siegfried Lokatis (Hg.): Zwischen ››Mosaik‹‹ und ››Einheit‹‹. Zeitschriften in der DDR, Berlin 1999, S. 339 – 345; Gustav Seibt: Das Prinzip Abstand. Fünfzig Jahre Sinn und Form, in: Sinn und Form 51 (1999) 2, S. 205 – 218.

26 Schoor: Das geheime Journal der Nation.

27 Vgl. ebd.

28 Braun: Die Literaturzeitschrift ››Sinn und Form‹‹, 230.

29 Vgl. ebd.

30 Vgl. ebd., 10f.

31 Vgl. Weichelt: Peter Huchel.

32 Ebd., 49.

33 Vgl. ebd., 49-63.

Details

Seiten
10
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346034465
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v498854
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Schlagworte
sinn und form peter huchel literaturbetrieb in der ddr

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Titel: Die Literaturzeitschrift "Sinn und Form" unter Peter Huchel 1949-1962. Eine ungeliebte Visitenkarte der DDR