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Caravaggios Gemälde "Grablegung Christi". Welchen Einfluss hatte es auf die europäische Kunst?

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 technische Daten und zeitliche Einordnung

3 Bildbeschreibung

4 Caravaggios Vorbilder
4.1 Pietà von Michelangelo (1498–1499)
4.2 Grablegung Christi von Raffael (1507)

5 Caravaggio als Vorbild
5.1 Grablegung Christi von Peter Paul Rubens
5.2 Grablegung Christi von Dirck van Baburen (1617)

6 Rezeption

7 Fazit

8 Abbildungen

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Er ist in die Welt gekommen, um die Kunst zu zerstören“1

Das soll Nicolas Poussin über Michelangelo Merisi da Caravaggio gesagt haben. Inwiefern Caravaggio die (Kunst-)Welt zerstört oder beeinflusst hat, gilt es herauszufinden. Dazu soll in dieser Hausarbeit Caravaggios Gemälde Grablegung Christi – oft auch nur Grablegung betitelt – besprochen werden.

Zunächst werden dazu technische Daten zum Bild, zum Auftraggeber und zum ursprünglichen Ausstellungsort sowie der Entstehungszeit genannt, um Bildinhalte besser einordnen zu können.

Der Hauptteil der vorliegenden Hausarbeit widmet sich der Beschreibung der Bildinhalte hinsichtlich Sujet, Farbe, Licht etc. Fokus der Betrachtung soll auf der Figurenkonstellation und -komposition liegen.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Bedeutung des Werkes für die Kunst und die Wirkung und Vorbildfunktion zu untersuchen. Inwiefern war die Grablegung monumental und bemerkenswert? Was ist das Besondere? Was inspirierte nachfolgende Künstler, welche Elemente griffen sie auf? Und von welchen Werken lies Caravaggio sich inspirieren?

Ich werde mich dabei mit der neueren Forschungsliteratur vor allem von Sybille Ebert-Schifferer und Jutta Held auseinandersetzen, die beschrieben haben, worin – aus ihrer Sicht – das Herausragende der Grablegung Christi im Werk Caravaggios besteht.

Darauf aufbauend werde ich einen kurzen Einblick in verschiedene ausgewählte Ansichten der Rezeption in der wissenschaftlichen Fachliteratur liefern, um Schlüsse zur Bedeutung der Grablegung Christi und den Einfluss Caravaggios Kunst in der Kunstgeschichte ziehen zu können.

2 technische Daten und zeitliche Einordnung

Das Gemälde Grablegung Christi (Abb.1) misst 300 mal 204 Zentimeter und ist in Öl auf Leinwand gemalt. Seit 1815 befindet es sich in der Pinakothek der Vatikanischen Museen.2 Caravaggio malte die Grablegung Christi für die Familienkapelle der Vittrici in der Kirche Santa Maria in Vallicella in Rom– auch Chiesa Nuova genannt.3 Deren Neubau wurde 1575 begonnen, im Jahr der Approbation des römisch-katholischen Oratorianer-Ordens, dem die Kirche angehörte.4 Bis zum Jahre 1588 wurde das Innenschiff zu einer dreischiffigen Basilika mit einem breiten Mittelschiff und Langhauswänden mit niedrigen Arkaden ausgebaut. In den Seitenschiffen waren die Kapellen angelegt. Die Bauarbeiten zur Wölbung des Lang- und Querhauses der Kirche wurden 1592/93 fertiggestellt.5 Als Caravaggio über ein Jahrzehnt später die Grablegung fertigstellte, war die Kirche noch weitestgehend ungeschmückt, was die Wirkung von Caravaggios Bild vergrößerte.6 Ein modernes Hauptaltarbild für Santa Maria in Vallicella wurde erst 1606 bei Rubens bestellt. Die Grablegung Christi malte Caravaggio zwischen 1602 und 1604. Hierzu gibt es unterschiedliche Angaben in der Literatur. Bei Sybille Ebert-Schifferer wird es auf „um 1603/04“ datiert7, Jutta Held schreibt „um 1604“8, Eberhard König datiert es „zwischen dem 19.Januar 1602 und dem 6.September 1604“.9 Die womögliche Entstehungszeit zwischen 1602 bis 1604 liegt in einen unruhigen Lebensabschnitt für Caravaggio. Es ist die Zeit des Verleumdungsprozesses um Giovanni Baglione, in den Caravaggio seit August 1603 verwickelt war und auf den mehrere Inhaftierungen folgten.10 Die Entstehungszeit des Werkes ist nicht ganz unwichtig, so schreibt Sybille Ebert-Schifferer darüber:

„Während die Reizbarkeit der Person Caravaggio zunimmt, erfährt seine Kunst eine Wende zum psychologisch verinnerlichten Ausdruck und durchläuft eine Phase intensivierter Auseinandersetzung mit der Antike und der Skulptur.“11

Inwiefern Caravaggios Auseinandersetzung mit der Antike und vor allem mit der Skulptur auf das Werk Grablegung Christi gewirkt hat bzw. zum Ausdruck kommt, wird im nächsten Kapitel, der Bildbeschreibung, untersucht.

3 Bildbeschreibung

Sybille Ebert-Schifferer bezeichnet die Zeit der Entstehung des Bildes Grablegung Christi als den „Beginn einer Phase skulptural gedrängter, entlang klarer Achsen angeordneter, plastisch vor einem dunklen Grund angeordneter Figuren“.12
Sechs Figuren positioniert Caravaggio um den Leichnam Christi herum. Die hintere Reihe bilden die drei Marien; hinten rechts die Jüngerin Maria Kleophas, in der Mitte Maria Magdalena und hinten links die Jungfrau Maria, die Mutter Christi in einer ungewöhnlichen Darstellung als alte Frau im Nonnengewand. Vorne links gebeugt steht Nikodemus mit „nackten, sehnigen Beinen und dem kurzen Rock eines Bauern“13 oder Mann des niederen Volkes. Daneben, vorne rechts, ist entweder Johannes oder Josef von Arimathäa, der Jesus sein Felsengrab überlies, dargestellt. Beide Figuren sind üblich in Grablegungsdarstellungen. Es gibt jedoch in der Literatur unterschiedliche Angaben, um welche Person es sich hier handelt. Jutta Held beschreibt „Nikodemus mit dem gekrümmten Rücken und Johannes, die den Leichnam Christi tragen“14 während Sybille Ebert-Schifferer die Männer als „Nikodemus oder Joseph von Arimathäa und Johannes“15 bezeichnet. Im Johannesevangelium (Joh 19,38-42), der entsprechenden Bibelstelle, nehmen Nikodemus und Josef von Arimathäa an der Grablegung teil, deshalb folgt diese Hausarbeit in der Bildbeschreibung Jutta Helds Benennung der Männer als Nikodemus (vorne) und Josef von Arimathäa (hinten).

Mit dieser Figurenkonstellation kombiniert Caravaggio die eigentliche Grablegung, die häufig in Anwesenheit der Männer dargestellt wird mit der Beweinung durch die drei dahinter platzierten Marien. Die Männer stehen auf einer Steinplatte, die links und rechts auf Steinklötzen liegt. Links liegen zwei Steine auf der Platte und überragen ihren Rand. Jutta Held weist auf dieses womöglich instabile Arrangement hin:

„Der Aufbau beweist nicht nur Caravaggios Desinteresse an eindeutigen räumlichen Perspektiven, sondern ist zugleich von einer Labilität und prekären Balance, wie wir sie wiederholt an seinen Kompositionen beobachtet haben.“16

Dennoch arrangiert Caravaggio in der Grablegung Christi eine außergewöhnliche, neuartige Bildkomposition. Ein vor dem Grab stehender Betrachter würde eine exakt gleichseitig angeordnete Personengruppe sehen. Aus diesem Blickwinkel stünde Maria Kleophas hinten in der Mitte der Figurenkonstellation, ihre Arme wären ebenso wie die Arme der Gottesmutter Maria symmetrisch über den Körper ihres Sohnes beziehungsweise um die Figurengruppe positioniert.

Die Darstellung von Mimik und Gestik der Frauen weist eine weitere Besonderheit Caravaggios Gemäldes auf. Die Gesichtszüge und Gesten wirken wie eine Staffelung der Trauer. Die über ihren Sohn ausgebreiteten Arme der Gottesmutter Maria werden als stiller Gebetsgestus im Umkreis der Oratorianer, der Glaubensgemeinschaft der Auftraggeber, angesehen17. Daneben steht Maria Magdalena und wirkt in sich gekehrt, vielleicht weint sie. Sie fasst sich an die Stirn, in der Hand ein Tuch um Tränen wegzuwischen. In Maria Kleophas' emporgestreckten Armen und Blick gen Himmel erkennt der Betrachter schließlich einen lauten, alten Klagegestus.18 Trauer wird damit in stillster bis zu ihrer klagendsten Form dargestellt.19 „Sorgfältig hat Caravaggio die emotionale Anteilnahme der Personen und ihre Schmerzensgesten abgewogen und gestuft“20, wodurch er die emotionale Aussagekraft steigerte, so Held.

Die Blicke der trauernden Gottesmutter und Maria Magdalenas sind nach unten gerichtet. Nur Nikodemus blickt den Betrachter an und fordert ihn scheinbar auf, an der Trauer teilzuhaben oder bei der Grablegung mitzuhelfen21, während er mit beiden Armen die gewinkelten Beine von Jesus fest umklammert. Der rechte Arm von Jesus hängt leblos herab, zwei Finger berühren den Stein der Grabplatte fast als könne er sie noch erfühlen.22 Johannes rutscht mit dem Fingerspitzen in die Seitenwunde von Jesus. Möglicherweise kann es sich hierbei um ein Verweis auf Caravaggios Gemälde Der Ungläubige Thomas handeln. Das Ertasten der Verletzung dient in diesem Fall jedoch „nicht zu Bestätigung seiner Lebendigkeit, wie beim Ungläubigen Thomas, sondern zur Vergewisserung seines Todes“.23 Hände und Arme sind in Caravaggios Darstellung vielfach sichtbar und „als materialisierter Ausdruck seelischen Empfindens vielfältig präsent: schützend, umfangend, zupackend, trauernd und klagend.“24 Während mehrere Hände zu sehen sind, kann der Betrachter nur wenig Füße und Unterleiber ausmachen. Nicht der ganze Körper, nur Gestik und Mimik der Personen sind klar erkennbar.

„Jedes körperliche Zeichen ist von Anfang an auf ein anderes bezogen. Die Gesten und Blicke wollen nicht in Bezug auf einen individuellen, autonomen Körper gelesen werden, sondern in ihrer Differenz zu den Gesten, Blicken und Haltungen der benachbarten Figuren. So arbeitet Caravaggio von Anfang an mit einem Figurenkonglomerat statt mit der klassischen Komposition einzelner Körper.“25

Jutta Held erkennt darin einen Zweck: die Unterordnung der Figuren unter das Hauptgeschehen, den Caravaggio „durch eine rigorose Verleumdung ihrer Eigenständigkeit“26 herbeiführt.

Der Hintergrund lenkt ebenfalls nicht vom Hauptgeschehen, der Grablegung und Beweinung, ab. Durch einen dunklen, leeren Hintergrund wird die ganze Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Figuren gelenkt und die Räumlichkeit der Szene verstärkt.

Vorne, unter der Steinplatte ist ebenfalls nichts im Dunkel zu erkennen. Im Vordergrund ist vor der Steinplatte nur eine einzige grüne Pflanze platziert. Möglicherweise handelt es sich hierbei um die Königspflanze, die in vielen Gemälden Caravaggios auftaucht. Die grüne Farbe kann auch als Symbol für die Hoffnung auf neues Leben interpretiert werden.

Caravaggio nahm wie bei anderen Altarbildern Rücksicht auf die Beleuchtungssituation des Standpunktes, von dem ein eintretender Betrachter seine Bilder sehen konnte.27 Es kann davon ausgegangen werden, dass die Familienkapelle der Vittrice in der Santa Maria in Vallicella über ein Seitenfenster verfügte. Es ist ein starker Lichteinfall von links bis links oben erkennbar, der zu großen Kontrasten im Bild führt, vor allem zwischen dem hellen Leichnam Christi und dem weiteren Figuren , die sich im Halbdunkel befinden.

Der Blick der Betrachters wird diagonal von den erhobenen Händen der Maria Kleophas über die gebeugten Köpfe der Trauernden und horizontal platzierten Körper Jesu zum Leichentuch unten links geführt. Das weiße Leinentuch, in das der Leichnam laut Lukas-Evangelium eingewickelt wurde, ist hier zugunsten des Leibes nur angedeutet und unterstützt den Fluss des erschlafften Körpers28, der hier in einer Momentaufnahme zwischen Ruhen und Herabsenken, vielleicht sogar Fallen, gemalt ist.

Das Leichentuch hängt über dem Grab und scheint in den Raum des Zuschauers hineinzugreifen. Da die Grablegung Christi als Altarbild niedrig angebracht ist, ragt der schräg gestellte Sarkophagdeckel ebenfalls in den Raum des Betrachters. „Das vor dem Bild zu denkende Grab ist der Altar, eine klare Anspielung auf das Sakrament der Eucharistie.“29 Mit dem Rücken zur Gemeinde – die in diesem Fall Betrachter des Gemäldes ist – hebt der Priester die Hostie und überdeckt mit seinem emporgehobenen Armen das tiefhängende Gemälde zum Teil, sodass die Hostie „sich also sichtbar in den Leib Christi (auf Caravaggios Gemälde) zu verwandeln“30 scheint. Damit gelingt Caravaggio eine Komposition, die den intendierten Aufhängungsort und die Wirkung des Bildes an diesem Ort, berücksichtigt.

4 Caravaggios Vorbilder

„Michelangelos Pietà, Raffaels Grablegung, waren die klassischen Vorbilder, Peterzanos, Roncallis, Carraccis Gemälde der 1580er-90er Jahre stellten zeitgenössische Lösungen dar, die Caravaggio ebenfalls als Vorbilder erwogen haben wird.“31

4.1 Pietà von Michelangelo (1498–1499)

Die räumliche Wirkung der Grablegung, die durch die gemalte Grabplatte, die in den Raum hereinzuragen scheint und durch das optische Zusammenwirken mit dem darunter stehenden Altar entsteht, hat Caravaggio bewusst erzielt, vermutlich als Anspielung auf die Pietà von Michelangelo.

[...]


1 Dittmar 2008, S.29.

2 Vgl. König 1997, S. 111.

3 Vgl. Held 1996, S.108.

4 Vgl. Scherner 1997, S. 184.

5 Vgl. Ebd. S. 184-185.

6 Vgl. Ebert-Schifferer 2009, S. 170.

7 Ebd. S. 175.

8 Held 1996, S. 108.

9 König 1997, S.111.

10 Vgl. Rosen 2011, S. 136

11 Ebert-Schifferer 2009, S. 167.

12 Ebert-Schifferer 2009, S. 167.

13 Held 1996, S.112.

14 Ebd., S.109.

15 Ebert-Schifferer 2009, S. 170.

16 Held 1996, S.111.

17 Ebert-Schifferer 2009, S. 171.

18 Held 1996, S. 109.

19 Vgl. Ebert-Schifferer 2009, S. 171.

20 Held 1996, S.109 -110.

21 Vgl. Brauchitsch 2007, S.94.

22 Vgl. Ebd., S.93.

23 Vgl. Ebd., S. 94.

24 Brauchitsch 2007, S. 94.

25 Held 1996, S.110.

26 Ebd.S.110.

27 Vgl. Ebert-Schifferer 2009, S. 172.

28 Vgl. Brauchitsch 2007, S.95.

29 Ebert-Schifferer 2009, S. 171.

30 Held 1996, S.112.

31 Ebd., S. 111.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783346027665
ISBN (Buch)
9783346027672
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v499042
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Caspar-David-Friedrich-Institut
Note
1,7
Schlagworte
Caravaggio Caravaggisten Grablegung Pieta Grablegung Christi

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Titel: Caravaggios Gemälde "Grablegung Christi". Welchen Einfluss hatte es auf die europäische Kunst?