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Der Erwerb interkultureller Kompetenz beim Schüleraustausch durch Cultural Assimilators

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 28 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interkulturelles Lernen und interkulturelle Kompetenz
2.1 Schüleraustausch und der Erwerb interkultureller Kompetenz
2.2 Vorbereitungsphase des Schüleraustausches

3. Der Cultural Assimilator – Entstehung
3.1 Aufbau der Cultural Assimilators
3.2 Ziele der Cultural Assimilators
3.3 Analyse eines Cultural Assimilators für die Eignung einer Schulklasse

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Fragt man Schüler, was sie von einem Schüleraustausch erwarten, hört man meist Sätze wie: „Mal sehen wie das Land so aussieht. Ich möchte auf der Fahrt viel Schönes erleben. Das Ganze soll Spaß machen“.1 Dass solche Erwartungen nicht zielführend sein können, steht außer Frage. Doch was ist überhaupt das Ziel eines Schüleraustausches? Die Annahme er solle die Sprachkenntnisse verbessern ist ein mittlerweile überholter Mythos, da während eines Schüleraustausches viel zu wenig Zeit für eine weitreichende Sprachverbesserung besteht.2 Dennoch ist dieses Ziel bei den Schülern noch stark in den Köpfen vertreten,3 da sie von den Lehrern in der Vorbereitungsphase des Schüleraustausches nicht genug über das eigentliche Ziel aufgeklärt werden: die interkulturellen Kompetenzen der Schüler auszubilden. Dabei geht es nicht um eine Konfliktvermeidung während des Austausches, sondern vielmehr darum, bestehende Konflikte zu reflektieren und sich das Befremdliche der anderen Kultur einzugestehen. Der Erwerb interkultureller Kompetenz wiederum dient dem übergeordneten Ziel der Europäischen Union: der Friedenssicherung. Denn durch interkulturelle Kompetenzen können Missverständnisse vermieden und für eine bessere Kommunikation zwischen den Kulturen gesorgt werden. Nicht nur für die Europäische Union ist dies von enormer Bedeutung. Durch die Globalisierung, vermehrte Migration und immer größere Vernetzung der Welt durch die Medien, ist die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen infolge fehlender Reflektion der eigenen und Unwissenheit der anderen Kulturstandards immer größer geworden. So sollte es mittlerweile zur wünschenswerten Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Einzelnen gehören, interkulturelle Kompetenzen zu erlangen. Verstärkt wird der Erwerb interkultureller Kompetenz auch im Lehrplan für Fremdsprachen verankert, sodass bereits im Gymnasium daraufhin ausbildet wird. Der Thüringer Lehrplan für Spanisch äußert sich zum Erwerb von interkultureller Kompetenz wie folgt: „Interkulturelle Kompetenz entwickelt der Schüler über den Erwerb und die Vertiefung von soziokulturellem Orientierungswissen, den Umgang mit Gemeinsamkeiten sowie kultureller Differenz und das Handeln in mehrsprachigen Situationen.“4 Auch der Schüleraustausch wird im Thüringer Lehrplan kurz angeschnitten, jedoch eher in Bezug auf die Sprachmittlungskompetenzen der Schüler, weniger in Verbindung mit dem Interkulturellen Lernen. Hierbei wird deutlich, dass ein Problem des Schüleraustausches immer noch die zu geringe Beimessung des Erwerbs interkultureller Kompetenz ist. Auch das Fehlen einer ausreichenden Vorbereitungsphase, was von mehreren Autoren wie Thomas und Kerndter beklagt wird, ist kritisch und sollte behoben werden, indem das Ziel des Erwerbs von interkultureller Kompetenz explizit vermittelt und darauf noch vor dem Austausch vorbereitet wird.5

Doch wie kann so eine Vorbereitung explizit aussehen? Eine Möglichkeit, Schüler auf den Schüleraustausch und das Interkulturelle Lernen vorzubereiten, stellen die sogenannten „Cultural Assimilator Übungen“ dar. Die Nachfrage, vor allem von beruflicher Seite, nach solchen Cultural Assimilator Übungen oder Trainings ist durch den intensiveren Kontakt zu verschiedenen Kulturkreisen immer größer geworden.6 Im Folgenden soll diese These anhand eines Cultural Assimilators vom Klett-Verlag genauer auf die Eignung für Schüler überprüft werden und ob der Erwerb interkultureller Kompetenz im Zusammenhang mit einem Schüleraustausch in einem spanischsprachigen Land durch solche Übungen erleichtert werden kann.

2. Interkulturelles Lernen und interkulturelle Kompetenz

Bevor zur eigentlichen Untersuchung gekommen werden kann, müssen zuvor noch die wichtigsten Begriffe geklärt werden. Dazu gehören das interkulturelle Lernen und die interkulturelle Kompetenz.

Interkulturelles Lernen findet laut Thomas dann statt, „…wenn eine Person bestrebt ist, im Umgang mit Menschen einer anderen Kultur deren spezifisches Orientierungssystem der Wahrnehmung, des Denkens, Wertens und Handelns zu verstehen, in das eigenkulturelle Orientierungssystem zu integrieren und auf ihr Denken und Handeln im fremdkulturellen Handlungsfeld anzuwenden.“7

Er betont dabei vor allem die Wichtigkeit, die Unterschiede der anderen Kultur nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu verstehen und dieses Verständnis in das eigene Orientierungssystem zu integrieren, um mit diesem neuen Wissen angemessen handeln zu können. Erst dann ist interkulturelles Lernen erfolgreich. Interkulturelles Lernen erfolgt in mehreren Stufen: sich Orientierungswissen aneignen, andere Kulturstandards wahrnehmen und diese Kulturstandards anhand des fremdkulturellen Orientierungssystems interpretieren können.8 Sobald diese Stufen erreicht worden sind, ist interkulturelles Lernen erfolgt und zeigt sich im Erwerb interkultureller Kompetenz. Interkulturelles Lernen kann sowohl in einem fremdkulturellen Handlungsumfeld, zum Beispiel im Schüleraustausch, aber auch durch interkulturelles Training erfolgen.

Interkulturelle Kompetenz meint eine spezifische Sozialkompetenz, welche den effektiven Umgang mit Menschen einer anderen Kultur beinhaltet.9 Doch was genau bedeutet effektiv? Die Interkulturelle Kompetenz beinhaltet drei Ebenen, auf denen der Umgang effektiv sein sollte: 1. Die affektive Ebene. Die Schüler sollten während eines Schüleraustausches also interessiert und aufgeschlossen gegenüber der anderen Kultur sein. Sie sollten außerdem Empathie entwickeln und eigene Standpunkte relativieren können. Des Weiteren sollten sie in der Lage sein, negative Emotionen die durch Missverständnisse auftreten können, zu regulieren.10 Als 2. Punkt sollten die Schüler kognitives Wissen über die andere Kultur besitzen. Dies ist laut Schröder besonders wichtig, da es die Basis für den Erwerb interkultureller Kompetenz darstellt. Ohne theoretisches Wissen über beispielsweise geschichtliche Ereignisse und Kulturstandards des jeweiligen Landes, können die Schüler auch nicht die anderen zwei Fähigkeiten (affektive und pragmatische Kompetenzen) trainieren.11

Damit ist vor allem spezifisches soziokulturelles Wissen über das andere Land, aber auch Wissen zum Kommunikationsablauf, unter anderem auch non-verbale Aspekte gemeint. 3. Die Schülerinnen und Schüler sollten pragmatisch-kommunikative Kompetenzen erlangen. Dazu gehört angemessenes Handeln bei Missverständnissen, sowie beispielsweise der Einsatz eines angemessen Sprecherwechsels, der Umgang mit verschiedenen Kommunikationsstilen und Strategien des Nachfragens.12 Erfüllt man alle drei Kompetenzen, so hat man interkulturelle Kompetenz erlangt, was sich darin äußert, dass Handlungsstörungen ausbleiben, kritische Interaktionssituationen eher reibungslos verlaufen und sich die Person langfristig in die neue Kultur integrieren kann.13

Die Wichtigkeit dieser Kompetenz wurde in der Einleitung bereits erwähnt. Allerdings muss noch einmal darauf eingegangen werden, warum es so schwer ist, diese Kompetenz überhaupt zu erreichen. Grund hierfür sind die sogenannten Kulturstandards, nach denen wir unbewusst agieren.14 Es handelt sich hierbei um spezielle Regeln, nach denen eine Gesellschaft und Kultur handelt.15 Problematisch ist, dass diese Regeln meist selbstverständlich sind und daher kaum reflektiert werden und das Verhalten des Gegenübers oft anhand eigener Kulturstandards beurteilt wird.16

Die Kulturstandards wurden von G. Hofstede erforscht, wobei er von 1968 bis 1972 insgesamt fünfzig Länder erfasst hat und auf bestimmte Kategorien wie Machtdistanz, Maskulinität, Entfernung und andere hin untersucht hat. Der Kulturstandard der Entfernung, auch Proxemik genannt, spiegelt sich für Deutsche eher in Distanz wieder. Sie achten stets auf eine adäquate Entfernung zwischen sich selbst und ihrem Gesprächspartner. Dies ist in Spanien nicht der Fall. Hier beträgt die Entfernung wie man in der Tabelle ablesen kann gleich null.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abbildung 1)17

Auch in der affektiven Prägung sind große kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und Spanien sichtbar. Während Deutschland nur den Wert 15 für affektive Prägung erreicht hat, weist Spanien ganze 95 Punkte auf. Diese kulturellen Unterschiede können zu kritischen Situationen mit Missverständnissen und Unverständnis führen, wenn man nur die eigenen Kulturstandards kennt und das Verhalten des Anderen nicht anhand dessen Kulturstandards interpretiert kann. Es erfolgen somit Attributionsfehler und eine isomorphe Attribution, also die Interpretation des fremden Verhaltens anhand des fremdkulturellen Orientierungssystems, findet nicht statt.18 Diese ist jedoch elementar für die Bewältigung interkultureller Begegnungen.

Solche kritischen Situationen in interkulturellen Begegnungen werden auch Critical Incidents genannt und sind mittlerweile für Analysen dokumentiert worden. Sie sind einst im zweiten Weltkrieg durch Flanagan entstanden, welcher den Umgang von Menschen mit Maschinen beobachten wollte, um damit praktische Probleme zu lösen.19 Schnell wurde dieses Verfahren dann auf menschliche Interaktionen übertragen und später als Analysematerial für interkulturelle Kommunikationsstörungen genutzt, welche sich dann auch in den Cultural Assimilator Übungen als Material wiederfanden.

Während die oben genannten Kulturstandards von Hofstede gemessen wurden und somit generell als treffend für die jeweilige Kultur angesehen werden können, gibt es dennoch immer Ausnahmen, die diesem Muster nicht entsprechen.20 Schwierig wird dies dann, wenn Menschen einer anderen Kultur Stereotype gebildet haben. Sie dienen zwar der Komplexitätsreduktion und sind unabdingbar für den kognitiven Apparat, jedoch können sie bei unzureichender Revidierung das interkulturelle Lernen hindern.21 So könnten Spanier über Deutsche beispielsweise denken „Die Deutschen sind kühl und abweisend.“. Obwohl hier ein gewisser Wahrheitsgrad liegt (da die Proxemik von Deutschen gering ist, könnte dies auf die Spanier einen solchen Eindruck erwecken), handelt es sich um eine Generalisierung, die Probleme hervorrufen kann,22 wenn eben genau dieser Stereotyp nicht eintritt und sich ein Deutscher in seinem Distanzverhalten anders gibt, als vermutet. Meist wird in solchen Situationen dann das Befremdliche ignoriert, sodass sich die Stereotypen wieder und wieder bewahrheiten und festigen, was nicht im Sinne einer interkulturellen Kompetenz ist.23

Ein anderes Problem stellt die sogenannte „Scheingleichheit“ dar. Auch dies kann vorkommen, wenn zu wenig Wissen über die Zielkultur verfügbar ist und angenommen wird, die andere Kultur sei der eigenen sehr gleich. Dies führt oft zur Unterschätzung von möglichen Problemen und kann zu Kommunikationskonflikten führen.24

All diese Probleme erschweren den Erwerb Interkultureller Kompetenz, sodass sich nun die Frage stellt, warum sich ausgerechnet der Schüleraustausch so optimal für den Erwerb dieser Kompetenz eignet.

2.1 Schüleraustausch und der Erwerb interkultureller Kompetenz

Warum und unter welchen Bedingungen dient der Schüleraustausch der Aneignung interkultureller Kompetenz? Wenn man den Schüleraustausch einmal mit dem Unterricht in der Schule vergleicht, so werden schnell Unterschiede deutlich. Während sich die Schüler in der Schule in einer Art unnatürlichen „schulischen Laborsituation“25 befinden, die realitätsfern ist26, handelt es sich beim Schüleraustausch um eine authentische neue Umgebung. Dies bedeutet, dass Sprechhandlungen im Unterricht zwar initiiert werden und auch authentischen Charakter annehmen können, doch das Zielland mit seinen kulturellen Besonderheiten, seiner spezifischen Sozialstruktur, Geschichte und Geographie nur theoretisch erlebt werden kann. Das Praktische fehlt somit. Und dies ist auch oft der Fehler, der bei einer Vorbereitung gemacht wird, wenn sie überhaupt im Voraus stattfindet: Es wird sich hauptsächlich nur auf die sprachlichen Voraussetzungen der Schüler konzentriert, nicht jedoch auf die Ausbildung ihrer interkulturellen Kompetenzen. So finden sich in Lehrbüchern oft nur Aufgaben um die Sprachbarriere zu senken.

[...]


1 Vgl. Thomas 1988: 28

2 Vgl. Kerndter 1989: 4, Haferkemper 1989: 21

3 Vgl. Thomas 1988: 20ff.

4 Thüringer Ministerium für Bildung Lehrplan Spanisch 2011: 8

5 Vgl. Thomas 1988: 28-30, Kerndter: 1989: 5

6 Vgl. Müller 1995: 43

7 Thomas 1988: 46

8 Vgl. Kinast 1998: 12

9 Vgl. Bertallo et al. 2004: 19

10 Vgl. Kinast 1998: 9, 13

11 Vgl. Schröder 1986: 7

12 Vgl. Reinmann: 2017: 27-29, Kinast 1998: 9

13 Vgl. Kinast 1998: 9

14 Vgl. Müller 1995: 45

15 Vgl. Heringer 2010: 182

16 Vgl. Kinast 1998: 4ff.

17 Padilla Gálvez und Gaffal 2005: 32

18 Vgl. Kinast 1998: 7

19 Vgl. Heringer 2010: 218ff.

20 Vgl. Kinast 1998: 5

21 Vgl. Heringer 2010: 198ff.

22 Vgl. Bertallo et al. 2004 :23

23 Vgl. Auernheimer 2010: 56ff.

24 Vgl. Schiemann, Wolff 1989: 9, Foellbach 2002: 205

25 Leuck 1986: 8

26 Vgl. Müller 1989: 5

Details

Seiten
28
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346051608
ISBN (Buch)
9783346051615
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v499073
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Interkulturelles Lernen Schüleraustausch Cultural Assimilator Interkulturelle Kompetenz Phasen des Schüleraustausches

Autor

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Titel: Der Erwerb interkultureller Kompetenz beim Schüleraustausch durch Cultural Assimilators