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Dietrichepik - Theoderich der Große und Dietrich von Bern

von Agnes Klopotek (Autor)

Hausarbeit 2004 17 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Theoderich der Große in Historie und Dietrichepik
2.1. Leben und Werdegang von Theoderich dem Großen
2.2. Zur Umkehrung historischer Fakten in der Dietrichepik

3. Die Verbindung von Historie und Sage
3.1. Die Exiljahre als Rekonstruktionsversuch

4. Merkmale einer Sage als literarische Problemklärung
4.1. Die Dietrichsage unter literaturhistorischer Lupe

5. Zusammenfassung

6. Bibliografie

1. Einführung

Literatur kann einen Leser nicht nur in eine wunderbare, spannende und interessante Welt einführen, sie kann auch historisch gesehen sehr lehrreich sein, wenn man versucht ihren Sinn und ihre Entstehung zu hinterfragen. Bei der Dietrichepik, die Stoff dieser Hausarbeit werden soll, finden wir einen solchen Fall, der dem Leser die Augen für eine mittelalterliche Welt öffnet. Es ist überaus spannend, wie die Menschen im Mittelalter Literatur, Geschichte und Politik verstanden haben. All diese Punkte kann man rekonstruieren und erforschen, hier anhand der historischen Dietrichepik zu der sich „Dietrichs Flucht“ und „Alpharts Tod“ zählen lässt, wobei bei dieser Ausarbeitung lediglich die Geschichte von „Dietrichs Flucht“ im Mittelpunkt stehen wird.

Wenn man nun versucht sich der Entstehung und gleichsam des Sinns der Dietrichepik zu nähern, wird man feststellen, wie kompliziert es sein kann, aus einigen wenigen Überlieferungen der Dietrichsage, hier ist das „Hildebrandslied“ und „Dietrichs Flucht“ zu nennen[1], die Entstehung und den Sinn der heroischen Überlieferung in Entwicklung zur Dietrichepik zu rekonstruieren.

Im Fokus wird die beim Forschen offensichtlich liegende Diskrepanz zwischen der Figur Dietrichs von Bern und dem Ostgotenkönig Theoderich dem Großen stehen. Es wird erforscht, inwieweit diese Diskrepanz zwischen dem erfolgreichen König Theoderich und dem erfolglosen Helden Dietrich von Bern, von dem literarischen Verständnis und den politischen Verhältnissen im Mittelalter abhängt und wie diese die Dietrichsage und die Dietrichepik beeinflussten.

Durch die Auswahl der Sekundärliteratur, darunter die für diese Erforschung wichtigen Gedankengänge von Edith Marold, Walter Haug und Joachim Heinzle, sowie aus der Überlieferung von „Dietrichs Flucht“ wird man sich der schwierigen Problemstellung, wie aus dem erfolgreichen König eine erfolglose Sagenfigur werden konnte, nähern, um eine mögliche Antwort zu liefern, die sich trotz der Hinzunahme dieser Sekundärliteratur als Eigenes behaupten wird.

2. Theoderich der Große in Historie und Dietrichepik

2.1. Leben und Werdegang von Theoderich dem Großen

Als Theoderich der Große, der spätere Ostgotenkönig wohl um 451 nach Christus geboren wurde, hätte die gegenwärtige Forschung vielleicht noch nicht vermutet welchen bleibenden Erfolg er als die Sagenfigur Dietrich von Bern haben würde. Zu dieser Zeit befanden sich die Ostgoten unter der Herr schaft des Hunnenkönigs Attila, der in der Dietrichepik „Etzel“ genannt wird. Doch Attila sollte nur noch zwei Jahre zu leben haben und so kam es, dass 453, mit dem Tod Attilas, die Ostgoten ein Föderatenverhältnis mit dem ost römischen Kaiser schlossen. Zur Sicherung dieses Bündnisses wurde der jun ge Theoderich bis zum Jahr 467 als Geisel nach Byzanz gebracht.

In der Zwischenzeit kam es zu einem Kampf zwischen den Ostgoten und den Skiren, dessen Herrscher Odoaker war. Bei diesem Kampf wurde Theode- richs Oheim „Valamer“ getötet. Zurückgekehrt aus der Zeit als Geisel über- nahm Theoderich der Große 474 das Königsamt der Ostgoten.[2] Seine Regie- rungszeit, bis zu seiner italienischen Herrschaft, war von langen Wanderungen gekennzeichnet, die zugleich aber auch „Not und Existenzsorge“[3] bedeuteten. Eben diese „Not und Existenzsorge“ kennzeichnete die Zeit der Völkerwande- rungen, dessen „[…] Wurzeln […] der heroischen Überlieferung […]“ (Heinz le 1984, 141) auch dort zu finden waren. Das Volk hatte keine Möglich- keit sich niederzulassen und ein ruhiges Leben zu führen. Ihr Leben bedeutete, so äußert sich Edith Marold, „[…] mordend und brandschatzend durch die Gegend zu ziehen […]. Beutegierig und kriegslüstern […] von der Konkur- renz anderer Germanenstämme bedroht […]“ zu sein. In diesen Jahren, so vermutet Marold und sie wird damit Recht haben, liegen „[…] tiefe Spuren in der Erinnerung des Volkes […] vielleicht eindrücklichere als die Zeit der Herrschaft in Italien [selbst]“[4] Hier findet man einen Anknüpfungspunkt, dem im weiteren Verlauf der Hausarbeit eine wichtige Rolle zukommt.

Nach der langen Zeit der Unruhen sollte nun endlich bald etwas Beständi- ges dem ostgotischen Volk zukommen: Theoderich der Große konnte 488 seine Herrschaft schließlich sichern, indem er einen neuen Föderatenvertrag mit dem oströmischen Kaiser Zenon I. schloss. Dieser gab Theoderich den Auftrag Odoaker, den Herrscher Italiens, zu bekämpfen und dafür versprach ihm Kaiser Zenon I. die Herrschaft über Italien und die Mitregentschaft im oströmischen Reich. Ab 488 belagerte Theoderich schließlich Italien und be- kämpfte Odoaker in mehreren Schlachten. 490 begann er mit der mehr als zweieinhalbjährigen Schlacht um die von Odoaker gehaltene Stadt Ravenna. Diese „Rabenschlacht“[5] nahm jedoch einen unentschiedenen Verlauf unter dem ein Kompromiss geschlossen werden konnte: Theoderich räumte Odoa ker die Mitregentschaft in Italien vertraglich ein. Doch nur wenige Tage später machte sich Theoderich zum Alleinherrscher: er brachte Odoaker eigenhändig um und gründete das Ostgotenreich in Italien mit der Hauptstadt Ravenna.

Seine Politik war gekennzeichnet durch seine starken Bemühungen freund- schaftliche Beziehungen zu anderen Germanenstämmen zu sichern und durch seine Heiratspolitik einen germanischen Bund zu gründen. Eine länger- fristige Stabilisierung war ihm jedoch nicht möglich gewesen und so scheiterte er an diesem Punkt.[6][7]

Trotzdessen: 526 starb Theoderich der Große und blieb als der Ostgotenkö- nig bekannt, der mehr als 30 Jahre über ein friedliches Italien herrschte.[8]

2.2. Zur Umkehrung historischer Fakten in der Dietrichepik

In der Umformung historischer Fakten zur Dietrichepik findet man bereits im ersten schriftlichen Dokument der Dietrichsage, dem Hildebrandslied (um 830/840), Zeugnis für eine Diskrepanz zwischen Historie und Sage. Im Hildebrandslied „flieht Hildebrand – mit Dietrich – vor Otacher“.[9] Hier liegt der „Beginn des Umformungsprozesses“, nach dem „[…] die Rolle des Usurpators noch Odoaker zufiel […]“ und mit diesen Worten wird Joachim Heinzle[10] vermutlich Recht haben. Während Theoderich der Große Odoaker ermordete, floh Dietrich in der Sage, gemeinsam mit Hildebrand, vor ihm:„Nach Osten einst zog er; er floh vor Otackers Haß, zusammen mit Dietrich und vielen seiner Krieger. […]“. Denn dem Hildebrandslied lässt sich entnehmen, dass Odoaker Dietrich und seine Kämpfer aus Italien vertrieb. Es handelt sich um eine verdrehte Wahrheit: Wo hier im Hildebrandslied Dietrich vor Odoaker flieht, so war es in der Historie Theoderich der Odoaker bekämpfte und ihn schließlich sogar ermordete. Doch im Hildebrandslied entdecken wir noch etwas anderes: Odoaker wird als Vertreiber und Feind Dietrichs dargestellt. In „Dietrichs Flucht“ jedoch ist sein Vertreiber und Hauptgegner Ermenrich und nicht Odoaker. Man kann daraus schliessen, dass die Sage zuerst den Skirenherrscher Odoaker als Hauptgegner Theoderichs gesehen hat, weil dieser bei dem Kampf mit den Ostgoten Theoderichs Oheim Valamer ermordete, und das ostgotische Volk zwang, ihre Wohnsitze aufzugeben.[11] Die langen Wanderjahre der Ostgoten, die von den Skiren vertrieben wurden, würden erklären, warum im Hildebrandslied Odoaker der Feind Dietrichs ist und nicht Ermenrich. Dies dient als Beweis dafür, dass Dietrichs Exil in der Sage vermutlich Theoderichs Zeit vor seiner Italienherrschaft darzustellen versucht.

[...]


[1] Anmerkung: Weitere Quellen, die die Existenz der Figur Dietrichs von Bern bezeugen sind u.a. der Runenstein von Rök in Schweden, und das Portalrelief von San Zeno um 1140. Da in dieser Ausarbeitung mehr die Entstehung von „Dietrichs Flucht“ entscheidend ist, wurden nur die hierzu wichtigen Quellen „Hildebrandslied“ und „Dietrichs Flucht“ verwendet.

[2] Vgl. Joachim Heinzle, Theoderich der Große und Dietrich von Bern. In Einführung in die mittelhochdeutsche Dietrichepik, 1999, S. 2-3.

[3] Edith Marold: Wandel und Konstanz in der Darstellung der Figur des Dietrich von Bern. In: Heldensage und Heldensichtung im Germanischen, Berlin/ New York 1988, S.161.

[4] Edith Marold: Wandel und Konstanz in der Darstellung der Figur des Dietrich von Bern. In: Heldensage und Heldensichtung im Germanischen, Berlin/ New York 1988, S.161.

[5] In der Dietrichepik wird dieser Kampf in der „Rabenschlacht“ dargestellt.

[6] Vgl. Chronik der Menschheit, Hrsg. v. Weltbild Verlag GmbH, Augsburg 1997, S. 224.

[7] Vgl. Lexikon der Geschichte, Falken Verlag 2001, S. 751.

[8] Vgl. Chronik der Menschheit 1997, S. 224.

[9] Vgl. Mc Lintock, David: Dietrich und Theoderich - Sage und Geschichte. In: Geistliche und weltliche Epik des Mittelalters in Österreich. Göppingen 1987 (GAG 446), S. 99.

[10] Vgl. Heinzle, Joachim: Dietrich von Bern. In: Epische Stoffe des Mittelalters. Stuttgart 1984, S.142.

[11] Vgl. Marold 1988, S. 155.

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638463430
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50035
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Dietrichepik Theoderich Große Dietrich Bern Dietrichepik

Autor

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    Agnes Klopotek (Autor)

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