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Ursachen für den molukkischen Terrorismus während der 1970er Jahre in den Niederlanden

Akademische Arbeit 2019 20 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Relevanz

2. Theoretischer Rahmen und bisherige Forschung

3. Hintergrund Molukker in den Niederlanden

4. Ursachen für den Terrorismus
4.1 Makroebene
4.2 Mesoebene
4.3 Mikroebene

5. Fazit und weiter Forschungsbedarf

Literaturverzeichnis

Abstract

Der molukkische Terrorismus in den Niederlanden der 1970er Jahre kann bezüglich struktureller Gründe vor allem auf eine gescheiterte Integration in die niederländische Gesellschaft zurückgeführt werden, welche dazu führte, dass die Idee eines eigenen unabhängigen molukkischen Staates bis in die 1970er Jahre fortbestehen konnte. Zusätzlich dazu bewirkte die mangelnde Integration eine sozio-ökonomische Marginalisierung der zweiten Molukkergeneration, welcher ebenfalls eine ursächliche Wirkung zugesprochen werden kann. Gruppenspezifisch spielte insbesondere eine unterschiedlich starke Offenheit für politische Gewalt zwischen der ersten und zweiten Generation eine Rolle, ebenso wie ihre verschiedenen Loyalitäten gegenüber den Niederlanden und dem von ihnen angestrebten molukkischen Staat.

For structural reasons, Moluccan terrorism in the Netherlands of the 1970s can be attributed, above all, to a failed integration into Dutch society, which led to the idea of a separate independent Moluccan state continuing into the 1970s. In addition, the lack of integration caused a socio-economic marginalization of the second generation if moluccans, which can also be attributed a causal effect. Regarding group specific causes, a varying degree of openness to political violence between the first and second generation played a role, as did their different loyalties to the Netherlands and the Moluccan state they sought.

1. Einleitung und Relevanz

Während in den 1970er Jahren für die meisten europäischen Länder der linksextreme Terrorismus durch sowohl inländische als auch ausländische Gruppierungen prägend war, erlebten die Niederlande zwischen 1970 und 1978 mehrere Terroranschläge, welche sich hinsichtlich ihrer Motivation am ehesten als antikolonial-nationalistisch beschreiben lassen.

Verantwortlich für die Terroranschläge waren junge Molukker1 (Bewohner der Inselgruppe der Molukken), geboren und aufgewachsen in den Niederlanden, wobei die Molukker Anfang der 1950er Jahre in großer Zahl als Einwanderer aus der ehemaligen Kolonie Niederländisch-Indien emigriert waren. Viele der ursprünglichen Einwanderer waren bis zur Unabhängigkeit der Kolonie Angehörige der Kolonialtruppen und scheiterten nach der Umwandlung Niederländisch-Indiens in Indonesien daran, einen eigenen Staat auszurufen, weshalb sie dazu gezwungen waren, in die Niederlande zu emigrieren. Diese Arbeit wird sich deshalb der Frage widmen, welche Ursachen für eine Radikalisierung der zweiten molukkischen Einwanderergeneration verantwortlich gemacht werden können, die letztlich im Terrorismus mündete. Da sich die Terror- anschläge knapp 20 Jahre nach Ankunft der ersten Molukker ereigneten, geht die hier verwendete Hypothese davon aus, dass mangelnde Integrationsmaßnahmen und geringe Zukunftsperspektiven sowohl in den Niederlanden selbst als auch einer geringen Aussicht auf Gründung eines eigenen Staates ursächlich für den Terrorismus der zweiten Einwanderergeneration waren.

Die Thematik ist insbesondere deshalb relevant, da der molukkische Terrorismus als frühes Beispiel dafür dienen kann, wie es in einer zweiten Einwanderergeneration zur Radikalisierung kam, die letzten Endes in Terroranschlägen resultierte. Obwohl die Terroranschläge der Molukker über 40 Jahre zurückliegen, ist die Problematik einer Radikalisierung von späteren Zuwanderergenerationen auch heutzutage noch sehr relevant, insbesondere mit Blick auf islamistische Terroranschläge in westlichen Ländern der jüngeren Zeit.

Zur Ermittlung der Ursachen für den molukkischen Terrorismus wird ein Ansatz verwendet, welcher die Faktoren für Terrorismus auf einer Mikro-, einer Makro-, und einer Mesoebene einordnet. Als Material dient vor allem Sekundärliteratur, welche sich mit der Geschichte der Molukker als Einwanderer und den Terroranschlägen der 70er Jahre beschäftigt. Ebenso wurde Sekundärliteratur verwendet, die sich allgemein dem Terrorismus in den Niederlanden während der 1970er widmet. Aufgrund der Komplexität des Themas erhebt diese Arbeit nicht den Anspruch, die alleinige Ursache bzw. die alleinige Gruppe von Ursachen zu ermitteln, welche zu den Terroranschlägen der Molukker führte. Der Anspruch der Arbeit besteht indessen darin, diejenigen Ursachen zu ermitteln, welche am wahrscheinlichsten für den Terrorismus verantwortlich sind. Zu Beginn dieser Arbeit wird zuerst ein genauerer Blick auf den theoretischen Rahmen und den bisherigen Forschungsstand zum molukkischen Terrorismus geworfen. Im Anschluss wird zum weiteren Verständnis der historische Hintergrund der Molukker in den Niederlanden genauer beleuchtet, bevor im Hauptteil die Ursachenanalyse vorgenommen wird. Zum Abschluss wird ein Fazit zu den Befunden dieser Arbeit gezogen und ein Blick auf möglichen weiteren Forschungsbedarf geworfen.

2. Theoretischer Rahmen und bisherige Forschung

Hendrik Hegemann und Martin Kahl widmen sich im fünften Kapitel ihres 2018 veröffentlichten Buches „Terrorismus und Terrorismusbekämpfung“ mit dem Titel „(Wie) kann man Terrorismus erklären? Die Suche nach Bedingungen und Ursachen“ der Frage, ob und wie man die Ursachen von Terrorismus ermitteln kann. Die Ursachenanalyse teilen die Autoren in drei Ebenen ein: die Mikroebene mit individuellen Faktoren, die Makroebene, die strukturelle Faktoren untersucht und die Mesoebene, welche gruppenspezifische Faktoren beinhaltet.

Hinsichtlich individueller Faktoren auf der Mikroebene, welche als Ursachen für Terrorismus in Betracht gezogen werden, steht vor allem die Vermutung unnatürlicher Persönlichkeitsstrukturen bei Terroristen im Vordergrund, allerdings sind schwerwiegende psychologische Erkrankungen bei Terroristen nicht auffallend häufig zu finden (vgl. Borum, 2014; Hegemann & Kahl, 2018, S.75). Weitere Faktoren, welche laut Hegemann und Kahl eine grundlegende Offenheit für Terrorismus fördern und eine schrittweise Identifikation mit und Integration in gewalttätigen Gruppen oder Ideologien bewirken können, sind beispielsweise emotionale Unsicherheit, Unzufriedenheit, eine Selbsteinschätzung als Opfer oder eigene Gewalterfahrungen (vgl. Hegemann & Kahl, 2018, S.76).

Während sich die Mikroebene mit individuellen Faktoren beschäftigt, widmet sich die Makroebene strukturellen Faktoren politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Art, welche als Ursache für Terrorismus angesehen werden können. In diesem Zusammenhang häufig genannte Faktoren sind Armut, bewaffnete Konflikte, politische Unterdrückung, Perspektivlosigkeit, soziale Ausgrenzung, religiöse und ethnische Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsteile sowie Integrationsprobleme, welche auch für die Untersuchung in dieser Arbeit von Bedeutung sein können (vgl. Hegemann & Kahl, 2018, S.81). Wichtig hierbei ist, wie auch Hegemann und Kahl betonen, dass die ursächliche Wirkung von strukturellen Faktoren nicht unmittelbar auftritt, sondern letztlich über subjektive Interpretationen und politische Deutungen, welche Gewalt als legitime Antwort auf diese Bedingen erachten (vgl. Hegemann & Kahl, 2018, S.85f).

Als dritte ursächliche Ebene wird die Mesoebene mit gruppenspezifischen Faktoren in Betracht gezogen. In diesem Falle entfaltet sich Terrorismus innerhalb konkreter sozialer Kontexte und Beziehungen wie Familie, Freundeskreis, ethnische Gemeinschaft oder auch Subkultur und kann in diesem Fall als Gruppenphänomen erfasst werden (vgl. Hegemann & Kahl, 2018, S.87). Individuelle Veranlagungen, das Vorhandensein einer ausgearbeiteten Ideologie oder strukturelle Bedingungen, gegen welche man vorgehen möchte, sind auf der Mesoebene keine primären Gründe, warum Menschen zu Terrorismus greifen, sondern die Überredungskunst der sozialen Bezugspersonen und das Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe (vgl. Hegemann & Kahl, 2018, S.87). Jedoch betonen Hegemann und Kahl, dass jeder der drei Ansätze mit gewissen Problemen einhergeht und deshalb für sich allein nicht in der Lage ist, die Ursachen für Terrorismus zu erklären.

Da sich keiner der drei Ansätze dazu eignet, die Ursachen für Terrorismus allein zu erklären, werden für diese Arbeit alle drei Ebenen auf relevante Befunde untersucht, welche als Ursachen für den molukkischen Terrorismus angesehen werden können. Ein besonderer Fokus soll hierbei auf der Makro- und der Mesoebene liegen, da es sich einerseits bei den Molukkern um eine eingewanderte Bevölkerungsgruppe handelt und sie eine eigene ethnische Gruppierung innerhalb der ursprünglich sehr homogenen niederländischen Gesellschaft darstellen. Zum anderen kann auch das Verhalten der Niederlande als ehemalige Kolonialmacht und Aufnahmeland von Bedeutung sein, insbesondere da es sich bei der Migration der Molukker um die erste große Migration von Menschen eines fremden Kulturkreises in die Niederlande handelt, wodurch sich möglicherweise strukturelle Bedingen entwickelt haben, die ursächlich für den Terrorismus waren.

Ein Großteil der bisherigen Forschung zu den Molukkern in den Niederlanden, welche als Sekundärliteratur für diese Arbeit verwendet wurde, beschäftigt sich mit der Rolle der Molukker als erste große Einwanderergeneration in den Niederlanden und ihre Entwicklung im Laufe der Zeit, wobei der Terrorismus in den 1970ern Jahren unterschiedlich große Betrachtung findet. Forschungsarbeiten, welche sich spezifisch mit dem Terrorismus befassen, fokussieren sich zum einen darauf, wie die niederländische Regierung während der 1970er Jahre lernte, mit Terrorismus umzugehen, wobei der Terrorismus der Molukker als historisches Beispiel dient, und zum anderen darauf, die Hintergründe des molukkischen Terrorismus zu beleuchten.

Die bisherigen Forschungsarbeiten, welche für diese Arbeit herangezogen und analys iert wurden, besitzen sowohl Stärken, Schwächen als auch Grenzen. Eine Stärke der verschiedenen Forschungsarbeiten ist der große Zeitabschnitt, aus welchem die Arbeiten stammen. Die älteste der analysierten Arbeiten stammt aus dem Jahr 1980 und wurde damit kurz nach dem letzten molukkischen Terroranschlag veröffentlicht, während die jüngste Arbeit aus dem Jahr 2018 stammt. Dies ermöglicht, sowohl Forschungsarbeiten zu haben, welche den molukkischen Terrorismus als zeitgenössisch-aktuelles Problem behandelt, während die jüngeren Forschungsarbeiten den molukkischen Terrorismus als ein historisches Phänomen sehen und die Hintergründe und die Nach- bzw. Auswirkungen des Terrorismus umfassender betrachten als zeitgenössische Arbeiten. Gleichzeitig geben die Arbeiten, welche sich mit der Geschichte der Molukker befassen, einen tieferen Einblick in ihre Rolle und ihr ehemaliges und aktuelles Selbstbild als Einwanderer, was für das weitere Verständnis der Problematik und auch zum besseren Verständnis der Hintergründe des Terrorismus durchaus zuträglich sein kann. Nachteilig ist, dass kaum eine der analysierten Arbeiten genauer auf einzelne Terroristen eingeht und so auch nur wenige Ergebnisse zur individuellen Ebene zur Verfügung stehen. Ein weiterer Nachteil bzw. eine Begrenzung besteht darin, dass eine Analyse niederländisch- sprachiger Forschungsarbeiten zum molukkischen Terrorismus aufgrund sprachlicher Barrieren nicht möglich ist, weshalb lediglich deutsch- und (insbesondere) englischsprachige Forschungsarbeiten verwendet werden konnten.

3. Hintergrund Molukker in den Niederlanden

Der molukkische Terrorismus hängt eng mit der Dekolonialisierung der ehemaligen Kolonie Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien, zusammen. Während der niederländischen Herrschaft dienten viele Molukker, insbesondere von der südlichen Insel Ambon, in der Kolonialarmee Koninklijk Nederlandsch-Indisch Leger (kurz KNIL). Während die Offiziere Niederländer waren, rekrutierten sich die gewöhnlichen Soldaten aus der lokalen Bevölkerung der Kolonie, wobei Molukker durch die Niederländer bevorzugt wurden, da diese als Christen in den Augen der Niederländer vertrauenswürdiger waren als Muslime, wie beispielsweise die Bevölkerungsgruppe der Javaner (vgl. Bartels, 1990, S.1ff). Die Privilegierung durch die Niederländer hatte zur Folge, dass die Molukker ihnen gegenüber besonders loyal waren und ein Überlegenheitsgefühl gegenüber nichtchristlichen Bevölkerungsgruppen entwickelten, was letztlich in Spannungen mit diesen resultierte (vgl. Bartels, 1990, S.3ff).

Als im Anschluss an den zweiten Weltkrieg und eine Besetzung Niederländisch-Indiens durch Japan, bei welcher die Molukker aufseiten der Niederländer kämpften, die während der Besatzung von den Japanern unterstützte Nationalbewegung unter Sukarno Indonesien für unabhängig erklärte, unternahmen die Niederlande zwischen 1945 und 1949 den Versuch, die vormalige Kolonie militärisch wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Bei den euphemistisch als „Polizeiaktion“ bezeichneten Militäreinsätzen wurden die Niederländer erneut von molukkischen Angehörigen der KNIL unterstützt. Trotz militärischer Erfolge waren die Niederlande 1949 unter dem Druck der Vereinigten Staaten dazu gezwungen, Niederländisch- Indien in die Unabhängigkeit zu entlassen. Der anschließende Versuch, ein föderal strukturiertes Indonesien in Form einer niederländisch-indonesischen Union nach dem Vorbild des britischen Commonwealth weiterhin an die ehemalige Kolonialmacht zu binden, scheiterte. Obwohl den damals 16 Bundesstaaten im Laufe der Verhandlungen zur Unabhängigkeit zugesagt worden war, eigenständig besondere Beziehung zum indonesischen Bundesstaat und zu den Niederlanden aushandeln zu dürfen, begann die Regierung unter Präsident Sukarno ab 1950 eine Transformation Indonesiens zu einem Einheitsstaat (vgl. Herman & van der Laan Bouma, 1980, S.227f). Als klar wurde, das auch die Molukken unter direkte indonesische Kontrolle geraten werden und aus Angst vor indonesischen Repressionen, welche von der ehemals privilegierten Stellung der Molukker in der kolonialen Hierarchie herrührten, folgte am 25. April 1950 die Ausrufung der unabhängigen Republik der Südmolukken (Republik Maluku Selatan, kurz RMS), in der Hoffnung, dass diese Unterstützung durch die Niederlande, die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen erhalten würde (vgl. Janke, 1992, S.78). Diese Annahme stellte sich jedoch als falsch heraus und Indonesien reagierte auf den Sezessionsversuch mit einer militärischen Invasion der Molukken, welche in einem bewaffneten Kampf um die Unabhängigkeit der Molukken mündete.

[...]


1 Früher wurde häufig auch die Bezeichnung Ambonesen verwendet, welcher sich auf die Hauptinsel der Molukken, Ambon, und die gleichnamige Hauptstadt der heutigen indonesischen Provinz Maluku bezieht, von der ein Großteil der Migranten stammt. Da dieser Begriff allerdings nicht alle Migranten korrekt erfasst, wird im Verlauf dieser Arbeit die korrektere Bezeichnung Molukker verwendet.

Details

Seiten
20
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346026729
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v500419
Institution / Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen – Lehrstuhl für Internationale Beziehungen
Note
2,0
Schlagworte
Terrorismus Niederlande Kolonialismus Indonesien Molukken

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Titel: Ursachen für den molukkischen Terrorismus während der 1970er Jahre in den Niederlanden