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Die Utopia des Thomas Morus und deren kommunistische Rezeption durch Karl Kautsky

Hausarbeit 2001 15 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Teil
1.1 Einleitung
1.2 Zur Person des Thomas Morus
1.3 Skizzierung von Struktur und Inhalt der Utopia

II. Teil
2.1 Die kommunistische Rezeption nach Karl Kautsky
2.1.1 Einleitung
2.1.2 Die Rezeption und ihre Gliederung
2.1.2.a Die Produktionsweise der Utopier
2.1.2.b Die familiären Verhältnisse
2.1.2.c Politik, Wissenschaft und Religion

III. Teil
3.1 Schlusskommentar
3.2 Literaturverzeichnis

I. Teil

1.1 Einleitung

Thomas Morus hat die Utopia oder –wie es im Original heißt- "De optimo rei publicae statu, deque nova insula Utopia, libellus vere aureus, nec minus salutaris quam festivus, clarissimi disertissimeque viri Thomae Mori inclytae civitatis Londoninensis civis et Vicecomitis" (Ein wahrhaft goldenes Büchlein vom besten Zustand des Gemeinwesens und von der neuen Insel Utopia, nicht minder heilsam als ergötzlich, verfasst vom vortrefflichen und hochberedten Thomas Morus, Bürger und Untersheriff der weltbekannten Stadt London) vor rund vierhundert Jahren geschrieben. Das Buch enthält eine für die damalige Zeit sehr genaue und scharfe Zeitkritik, und die Utopia als Antwort darauf eine Fülle an progressiven Gedanken und Gedankenexperimenten. Ebenso zahlreich wie das "neue Gedankengut" sind die Rezeptionen der Utopia, über die Jenny Kreyssig in ihrer Arbeit von 1988 einen guten Überblick bietet. In der vorliegenden Hausarbeit habe ich versucht, die aus der Flut der Rezeptionen ausgewählte und durch den Publizisten und Politiker Karl Kautsky vorgenommene kommunistische Rezeption der Utopia darzustellen. Auch wenn aufgrund des begrenzten Umfanges der vorliegenden Arbeit nicht alle Details der Arbeit von Kautsky berücksichtigt werden konnten, hoffe ich die maßgeblichen inhaltlichen Standpunkte herausgearbeitet zu haben.

1.2 Zur Person des Thomas Morus

Thomas More, dessen Name später zu Morus latinisiert wird, ist am 6. oder 7. Februar 1478 in London geboren. Er besucht eine Lateinschule, absolviert – wie zu seiner Zeit üblich - einen fast zweijährigen Pagendienst und nimmt ein Studium der freien Wissenschaften und der Theologie in Oxford auf. Anschließend studiert er Rechtswissenschaften in London. Nach einem fast vierjährigen Aufenthalt bei den Karthäusermönchen in London entscheidet er sich in einem während dieser Zeit erwachsenen Konflikt um die beiden Optionen vita contemplativa und vita activa für die letztere und läßt sich im Jahre 1501 als Anwalt mit eigener Kanzlei in London nieder. Trotz dieser Entscheidung bleibt Morus Zeit seines Lebens ein tiefgläubiger Mensch, dem es gelingt, "die lebendige Synthese von weltzugewandtem Humanismus und einer frommen Abwendung von der Welt zu leben." (Nipperdey 1975: 135) Parallel zu seinem Wirken als Anwalt beginnt aber auch seine politische Karriere, die ihn 1504 in das House of Commons führt. 1510 wird er zu einem der beiden "undersheriffs" von London und berät in dieser Funktion den Bürgermeister in Fragen der Rechtssprechung. Als Vertreter der Londoner Interessen nimmt er 1515 an einer Gesandtschaft nach Flandern teil, die das Ziel der Abstimmung von Handelsverträgen zwischen den Niederlanden und England verfolgt. Während dieser Reise verfasst er einen Teil der "Utopia", die er ein Jahr später vollendet und die 1516 in London erscheint. Den Höhepunkt seiner Karriere erreicht Morus im Jahre 1529 mit dem Amt des Lordkanzlers. Von diesem Amt tritt Morus zurück, als sich der englische Klerus 1532 der Suprematie Heinrichs VIII. unterwirft. Als er sich zusätzlich dem Eid auf die Suprematie verweigert, wird er am 14. Mai 1534 in den Tower eingeliefert. Nachdem ihm seine Lehensgüter entzogen wurden, wird er am 12. Juni 1535 zum Tode verurteilt. Am 6. Juli des selben Jahres wird das Todesurteil durch Enthauptung vollstreckt.

1.3 Skizzierung von Struktur und Inhalt der Utopia

Das Werk besteht aus zwei Büchern und ist als Dialog angelegt. Im ersten Teil der Schrift wird uns mit Raphael Hythlodeus der "Parteigänger der Utopier" (Saage) vorgestellt, der dann im zweiten Teil als fast alleiniger Erzähler von der nova insula utopia berichtet. Morus stellt Hythlodeus als welterfahrenen Reisenden vor, der unter anderem den Genuesen Amerigo Vespucci auf dessen Reisen begleitet hat. Der Seefahrer Vespucci als Metapher für die Entdeckung der neuen Welt lässt Rückschlüsse auf die Phantasie des Morus zu, der für den Raum dieser weitgehend unentdeckten neuen Welt seine ganz eigene Idealvorstellung formuliert (Nipperdey 1975) und auch (Kautsky 1888). Inhaltlich geht es Morus im ersten Teil des Buches um die kritische Darstellung der politisch-sozialen Verhältnisse im England und Europa seiner Zeit. Obwohl Morus als Dialogpartner des Hythlodeus auftritt, ist es eben dieser der die brennende Zeitkritik, oder wie es an anderer Stelle heißt, "vigorous attack on social evils of the time" (Ames) des Autors Morus zum Ausdruck bringt (Nipperdey 1975).

Ausgangspunkt für die Zeitkritik ist der radikale Anstieg der Anzahl der Diebe in England sowie die Art der Bestrafung durch die englische Obrigkeit. In einer rationalen Analyse legt Hythlodeus (i.e. Morus) die Ursachen dieses Phänomens dar (Utopia, ed. Heinisch 1960: 26 f.). Den zeitgenössischen Gepflogenheiten widersprechend richtet sich die Morus´sche Kritik aber nicht gegen die Sünde und den Teufel oder gegen allgemeine menschliche Unzulänglichkeiten, sondern gegen die Verhältnisse. Es sind die Institutionen die Morus als Urheber im Blick hat. Als Opfer der sogenannten Einhegungsbewegung ist die Bauernschaft nicht durch Reformen oder vermehrten Bauernschutz zu retten. Die Gier einiger weniger sorgt dafür, dass die gesamte soziale Schicht der Pachtbauern plötzlich vor dem Nichts steht. Zu Bettlern gemacht, bleibt vielen nicht mehr als der Versuch sich durch Diebstähle am Leben zu halten. Zwischen dem wirtschaftlichen Individualismus des landbesitzenden Adels und dem Machtstreben des Frühabsolutismus besteht für Morus ein Zusammenhang (Saage: 2001). Beide betreiben eine rigorose Ausbeutung der Untergebenen, "eine Art Verschwörung der Reichen, die im Namen und unter dem Rechtstitel des Staates für ihren eigenen Vorteil sorgen" (Utopia, ed. Heinisch 1960: 108). Ein Staatssystem, dass solche Praktiken toleriert ist für Morus nicht tragbar. Es ist für ihn völlig inakzeptabel, dass der Großteil eines Volkes unter den Machenschaften einer elitären Schicht leidet. Die daraus von ihm gezogene Konsequenz besteht in einer radikalen Kritik der englischen Eigentumsverfassung. "Auf die Herausforderung einer fundamentalen Krise also antwortet die Kritik, und zwar eine von der traditionellen Kritik deutlich unterschiedene weltimmanente, institutionelle und radikale Kritik" (Nipperdey 1975: 115). Eine Einschätzung die auch von Richard Saage geteilt wird, der an den Morus´schen Kritikmustern hervorhebt, dass sie auf Strukturen und nicht auf Personen zielen (Saage 2001). Zur Kritik der Eigentumsfrage gesellen sich im ersten Teil der Utopia zusätzlich Kritikpunkte an der damals üblichen Außen- und Finanzpolitik. Auf sie soll hier aber nicht näher eingegangen werden. Zu vermerken bleibt abschliessend jedoch noch die Tatsache, dass Morus der kritischen Diagnose der bestehenden Verhältnisse fast die Hälfte seines gesamten Werkes einräumt und damit deutlich macht, das ihr eine genau so grosse Bedeutung zukommt wie der Schilderung des idealen Gemeinwesens selbst. Mit dieser Strategie sorgt Morus für ein wichtiges Strukturmerkmal des utopischen Entwurfes. Denn erst die "ausführliche, an rationalen Kriterien ausgerichtete Analyse der sozio-politischen Defizite der Herkunftsgesellschaft Morus´ verbürgt die Verklammerung der fiktiven besseren Alternative mit der Realität und setzt sie von bloßen unverbindlichen Träumen ab" (Saage, 2001: 140).

Die im ersten Teil der Utopia dargelegte Zeitkritik wird anhand der Frage, ob ein Philosoph Staatsmann oder Fürstendiener sein könne, letztendlich eher resignativ debattiert (Utopia, ed. Heinisch 1960: 43 f.). Diese Frage stellt die beiden Bücher der Utopia auch formal in einen Zusammenhang. Da nun an den bestehenden Verhältnissen mit der reinen Vernunft eines Philosophen scheinbar nichts zu ändern ist, erhält im zweiten Teil der Utopia Raphael Hythlodeus das Wort. Dieser Teil ist ganz der Schilderung vom besten Gemeinwesen gewidmet, die Hythlodeus mit Freude und Nachdruck vornimmt. Hier muss nichts verändert werden, da auf den Grundfesten der menschlichen Vernunft eine völlig neue Gesellschaftsordnung erschaffen wird. Hythlodeus hat drei Jahre mit den Utopiern gelebt und ist nur deshalb zurückgekehrt, um dem Rest der deprivierten Welt von den Errungenschaften der fortschrittlichen Utopier zu berichten. Aber schon an seinem Nachnamen und der damit implizierten Ernsthaftigkeit der Erzählung scheiden sich die Geister mancher Rezipienten.[1]

Für die vorliegende Arbeit allerdings ist es wichtig, das Gesellschaftsmodell des Morus ernst zu nehmen. Die eigentliche Erzählung de optimo rei publicae statu ist in vier Teilbereiche gegliedert. Behandelt werden die geographische Lage, sowie die politische, ökonomische und gesellschaftliche Situation, welche sowohl die Philosophie und die Bildung als auch das Kriegswesen und die Religon umfasst. Auf das Eingehen und Darstellen dieser Bereiche im Einzelnen muss an dieser Stelle verzichtet werden (vgl. aber Freund 1930). Vielmehr soll anhand der im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit dargestellten kommunistischen Rezeption nach Karl Kautsky einzelnen Teilbereichen Raum zur Betrachtung gegeben werden.

[...]


[1] Das aus dem Griechischen stammende "Hythlodeus" kann sowohl "Possenmacher" (dieser Meinung sind zum Beispiel Hans Peter Heinrich in seiner Morus-Biografie (1998) und Russel Ames, als auch "Possenfeind" (so interpretiert es beispielsweise Klaus J. Heinisch (1960) bedeuten, während Nipperdey (1975) beide Optionen benennt, sich aber einer Entscheidung enthält. Vgl. auch Kreyssig, (1988, S. 10 f.).

Details

Seiten
15
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638463638
ISBN (Buch)
9783640871001
DOI
10.3239/9783638463638
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50061
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Utopia Thomas Morus Rezeption Karl Kautsky Grundarbeitskreis Einführung Theorie

Autor

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Titel: Die Utopia des Thomas Morus und deren kommunistische Rezeption durch Karl Kautsky