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Die Deutung der "Hermannsschlacht" in Heinrich von Kleists und Christian Dietrich Grabbes "Die Hermannsschlacht"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 43 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das „römische“ System
2.1. Die Römer bei Heinrich von Kleist
2.2. Die Römer bei Christian Dietrich Grabbe

3. Das „germanische“ System
3.1. Die Deutschen bei Heinrich von Kleist
3.2. Die Deutschen bei Christian Dietrich Grabbe

4. Die Herrscherfigur des Hermann
4.1. Hermann bei Heinrich von Kleist
4.2. Hermann bei Christian Dietrich Grabbe

5. Die Schlacht und ihre Funktion
5.1. Funktion der Schlacht bei Heinrich von Kleist
5.2. Funktion der Schlacht bei Christian Dietrich Grabbe

6. Fazit: Kleist vs. Grabbe

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang (Graphiken)
8.1. Die Deutung der Schlacht bei Heinrich von Kleist
8.2. Die Deutung der Schlacht bei Christian Dietrich Grabbe

1. Einleitung

In der „Varusschlacht“[1] im Herbst des Jahres 9 n. Chr. erlitten die drei römischen Legionen samt Hilfstruppen unter Publius Quinctilius Varus eine vernichtende Niederlage gegen das germanische Heer unter der Führung des Cheruskerfürsten Arminius[2]. Die Schlacht leitete das Ende der Versuche ein, auch die rechtsrheinischen Gebiete Germaniens zu einer Provinz des Römischen Reiches zu machen. Die sehr lange römische Truppenkolonne wurde auf dem Marsch von der Weser zum Rhein von den Germanen in einen Hinterhalt gelockt und in einem dreitägigen Kampfe vollständig aufgerieben. Die Römer gaben anschließend ihre rechtsrheinische Offensive auf. Den Schauplatz der Schlacht, von Publius Cornelius Tacitus als Teutoburgiensis saltus überliefert, suchte man seit dem 16. Jahrhundert im Teutoburger Wald, aber auch im näheren und weiteren Umkreis. Archäologische Untersuchungen seit 1987 haben bei Kalkriese auf einem mehr als vier Kilometer langen Areal zahlreiche römische Gold – und Silbermünzen sowie unzählige Ausrüstungsgegenstände und Trachtenbestandteile römischer Legionssoldaten freigelegt, die zweifellos als Zeugnisse kriegerischer römisch-germanischer Auseinandersetzungen der Zeit kurz nach Christi Geburt zu deuten sind. Die topographische Lage des „Hinterhalts“, der Engpass zwischen Kalkrieser Berg und Großem Moor, sowie die Qualität und Zeitstellung der römischen Funde sprechen dafür, bei Kalkriese den Schauplatz der „Hermannsschlacht“ zu vermuten.[3]

Dieser historische Kontext war nicht nur für Historiker und Archäologen ein Faszinosum der deutschen Geschichte. Auch zahlreiche Dichter und Autoren machten die Schlacht im Teutoburger Wald zum Sujet ihrer Werke. Daniel Casper von Lohenstein dichtete beispielsweise seinen Großmüthiger Feldherr Arminius (posthum 1689/90 in zwei Bänden erschienen), Schönaich und Wieland dichteten ihre Epen; Johann Elias Schlegel sein Drama. Großes Interesse an der Vergangenheit Deutschlands fand auch ihren Ausdruck in der romantisch-nationalen Dramentrilogie Friedrich Gottlieb Klopstocks über das Leben des Hermann: Hermanns Schlacht (1769), Hermann und die Fürsten (1784) und Hermanns Tod (1787). Dieses Textkorpus Klopstocks diente Heinrich von Kleist partiell als Quelle und auch er machte die Figur des Hermann zur Hauptfigur seines fünfaktigen Dramas Die Hermannsschlacht (erschienen 1821 in den von Johann Ludwig Tieck herausgegebenen Hinterlassenen Schriften). Das Stück wurde am 18. Oktober 1860 in einer überarbeiteten Fassung in Breslau uraufgeführt.[4] Mit seinem letzten Werk stellt sich auch Christian Dietrich Grabbe in die lange Reihe der Arminiusdichter. Von dem 1822 erschienenen Buch seines Schwiegervaters Wo Hermann den Varus schlug[5] ausgehend, versuchte er in mühsamer, wegen Krankheit qualvoller Arbeit den Stoff zu bewältigen. Manche Szenen schrieb er fünfmal, aber der schon dem Tod Geweihte konnte seinem Körper die Kraft für eine vollkommene Gestaltung seines Werkes nicht mehr abringen.[6] Grabbe starb am 12. September 1836 in Detmold, so dass das Werk 1838 von seiner Frau veröffentlicht wurde.

Grabbe kannte zwar die Schlachtdarstellung Kleists, dennoch entnahm er nur sehr wenig daraus. Sein Werk sollte ganz anders werden. Am 30. März 1935 schrieb er an den Schriftsteller Karl Leberecht Immermann: „Kleists Hermann schicke ich anbei mit Dank zurück. Was ich daraus benutzen konnte, habe ich mir gemerkt. Mein Armin wird aber ganz anders.“[7] Ziel dieser Hausarbeit soll sein, genau diese unterschiedliche Deutung der „Hermannsschlacht“ an den gleichnamigen Werken Heinrich von Kleists und Christian Dietrich Grabbes zu illustrieren. Die Vielzahl an Sekundärliteratur bietet ein breites Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten. Die Analyse der beiden unterschiedlichen Systeme (Germanen vs. Römer), die Deutung des deutschen Befreiers Hermann und die unterschiedliche Funktion der beiden Werke sollen den Schwerpunkt dieser Hausarbeit bilden. Anhand eines Fazits sollen abschließend die beiden Dramen miteinander verglichen werden. Dazu sind Graphiken entstanden, die im Anhang dieser Arbeit einzusehen sind.[8] Diese sollen der Veranschaulichung dienen.

2. Das „römische“ System

2.1. Die Römer bei Heinrich von Kleist

Bei Heinrich von Kleist wird mit einem negativen Römerbild gearbeitet, das sich als Gegenfolie im Rahmen der Germanenideologie ausgebildet hatte. Dazu gehört bei Kleist in erster Linie die Kritik an der imperialen Politik, mit der Rom die [9] territoriale Expansion des Reiches ohne Rücksicht auf Interessen oder Eigenarten anderer Völker vorantreibt.[10]

In Kleists römischen System ist der „große Kaiser Roms“ Oktav Augustus, die „große Kaiserin“ ist Livia. Die Römer sind „das Volk des fruchtumblühten Latiens[11], sie halten sich für die Söhne der Götter und für das auserwählte Volk: „für wen erschaffen ward die Welt, als Rom?“ (S. 42). Das römische Volk fühlt sich zudem berufen, die Welt zu besiegen; sie haben das Mittelmeer beschritten und trotzig Osten und Westen erobert.[12] Ihre römischen Waffen machten die Welt zu ihrem Untertan und brachten dadurch das Gold der Afern, die Seide Persiens und die Perlen von Korinth in ihren Besitz (S. 25). Diese Machtposition veranlasst die Römer „gebläht von Glück“ (S. 97), nun auch die Germanen zu vernichten. Rom zeigt sich als Koloss, der in seinen Eroberungszügen den Widerstand der Parther und Gallier unterdrückte und nun plant, sich auch die germanischen Stämme einzuverleiben[13]: „WOLF (indem er sich auf dem Boden wirft). Rom, dieser Riese, der, das Mittelmeer beschreitend, / Gleich dem Koloß von Rhodus, trotzig, / Den Fuß auf Ost und Westen setzet, / Des Parthers mut’ gen Nacken hier, / Und dort den tapfern Gallier niedertretend: / Er wirft auch jetzt uns Deutsche in den Staub.“ (S. 5) Aber nicht nur die Machtgier der Römer ist die auslösende Größe ihres Handelns. Kaiser Augustus und sein Senat fühlen sich in ihrem Imperium nicht sicher vor den deutschen Truppen, solange deren „kecke Fürsten“ (S. 49) nicht für alle Zeit entthront sind. Erst dann können sie sich in ihrer Machtstellung gefestigt fühlen. Das römische Volk, gerüstet mit seinen Waffen, stellt sich siegessicher gegen die Germanen, denn es ist ein Wahn der Deutschen, wenn sie glauben, sie könnten nach alter Sitte in offener Feldschlacht die „Fremden hinwegjagen“ (S. 14). Und weil die ganze Welt für Rom erschaffen scheint, richtet sich die Beurteilung der Deutschen durch die Römer nur nach dem einen Gesichtspunkt: welchen Nutzen bieten sie ihnen? Zudem wirft die auffallend häufige Verwendung von Tiervergleichen ein bezeichnendes Licht auf das Germanenbild der Römer.[14] So werden bei Kleist die Germanen praktisch mit den Tieren im Walde gleich gewertet, die „ausgeweidet und gepelzt“ werden (S. 42). Die Römer benutzen die Germanen, wie Hermann meint, ohne jede Menschenachtung als Vieh, dessen „Material“ man ausschlachtet: „THUSNELDA. […] Das sind ja Tiere, Querkopf, der du bist, / Und keine Menschen! / HERMANN. Menschen! Ja, mein Thuschen, / Was ist der Deutsche in der Römer Augen? / THUSNELDA. Nun, doch kein Tier, hoff ich – ? / HERMANN. Was? – Eine Bestie, / Die auf vier Füßen in den Wäldern läuft! / Ein Tier, das, wo der Jäger es erschaut, / Just einen Pfeilschuß wert, mehr nicht, / Und ausgeweidet und gepelzt dann wird! / THUSNELDA. Ei, die verwünschte Menschenjägerei!“ (S. 42)

Die Römer verachten die plumpen und ehrlichen Germanen und ihre Sprache empfinden sie als „Greulsystem von Worten“ (S. 75). Diese Entmenschlichung und die dadurch resultierende rein wirtschaftliche Betrachtungsweise wird deutlich gemacht durch die wiederholte Bemerkung, dass auf dem Markt in Rom goldhelle und seidenweiche Frauenhaare verkauft werden, welche aus Cheruska stammen.[15] Die Damen des römischen Volkes hingegen haben schwarze Zähne und schmutzige Haare (S. 40). Ihre Zähne reißen sie sich heraus und stecken die weißen der Deutschen in die Lücken. Die schwarzen Haare schneiden sie sich ab und hängen dafür die blonden um den Kopf (S. 41). Bei Kleist können die Römer all dies tun, denn es existiert keine Macht, die sich ihnen in den Weg stellt.[16]

Zur Durchsetzung der eigenen machtpolitischen Expansion weiß Rom die kriegerische Unterwerfung anderer Völker als Zivilisierung oder als Schutzherrschaft darzustellen.[17] So beschreibt Ventidius in einem Gespräch mit Hermann den römischen Einmarsch als eine schützende Hilfeleistung gegen Marbod. Ein typisches Argument aus dem Repertoire imperialer Politik.[18] Diese römische Hilfeleistung offenbart sich später jedoch als trügerische List, da Varus seine Truppen nur „scheinbar“ zur Hilfe anbot, um den „Adler auch im Land Cheruskas aufzupflanzen.“ (S. 11) Während der römische Feldherr Cheruska gegen Marbod zu schützen vorgibt, sucht er unterdessen im Stillen die Germanen gegeneinander auszuspielen. Auch Ventidius geht nur eine „scheinbare“ Beziehung mit Thusnelda ein. Er betrügt sie, indem er nur vorgibt sie zu lieben. Ventidius nimmt jedoch später seine Maske des verliebten Jünglings ab und gibt sich als tückischer und diensteifriger Römer zu erkennen. Er hat die Locke, die er von Thusnelda einst als Liebespfand erbat, bereits als Probe für seine Kaiserin Livia auf den Weg nach Rom gebracht. Ventidius nutzt sein Liebesverhältnis lediglich nur für politische Zwecke. Auch die römischen Verhandlungen mit Marbod repräsentieren einen Typus der Scheinheiligkeit. Der Imperator Augustus hat Marbod mit der Herrschaft von Germanien „geschmeichelt“, er hat ihn „schelmisch“ gegen Hermann aufgehetzt, ihn heimlich mit Waffen unterstützt und ihm Feldherren zugesandt, die ihn der Kunst unterrichten sollten, Hermann aus dem Feld zu schlagen. Die letzte Absicht des Augustus ist jedoch die Vernichtung Hermanns und Marbods. Um dieses Ziel zu erreichen, bietet Varus nicht nur Marbod, sondern auch Hermann ein Bündnis gegen den anderen an. Wer dann am meisten bietet, also auf die meiste Selbständigkeit verzichtet, soll als „vorläufiger“ Verbündeter gegen den, der weniger geboten hat, fungieren.[19] Dass sich Varus schließlich jedoch „scheinbar“ auf die Seite Hermanns statt auf die Seite Marbods schlägt, ist darin zu ergründen, dass sich Marbod nicht „aus voller Brust“ (S. 56) für Rom entscheidet.[20]

Neben List und Betrug gehört vor allem der Vertragsbruch zu den Methoden römischer Expansionspolitik[21]. Varus hatte mit Thuiskomar einen Vertrag geschlossen, er werde nicht in sein Erbland einmarschieren, wenn Thuiskomar im Kampfe gegen Holm neutral bleibe. Thuiskomar blieb neutral, aber Varus bricht den Vertrag und marschiert in Sicambrien ein, angeblich, weil das der Krieg mit Holm erfordere.[22] In einem römischen System hat demnach ein geschlossener Vertrag keinerlei Gültigkeit. Nicht zuletzt wird hieran die Respektlosigkeit der Römer gegenüber niederen Völkern veranschaulicht.

Zweifellos beruht in Kleists Drama die kriegstechnische Überlegenheit Roms nicht zuletzt darauf, dass es sein Heer nach rationalen Gesichtspunkten geradezu perfekt organisiert hat und daher über eine Armee verfügt.[23] Das Heer des Varus präsentiert sich im Kampf, aber auch vor und nach der Schlacht geordnet und diszipliniert. Selbst Hermann ist von dieser „Zucht“ der Kohorten, die von ihren Offizieren in „Zaum“ gehalten werden (S. 58), überrascht. Soldaten, die sich dieser perfekten Organisation entziehen, beispielsweise durch Übertritte oder Freveltaten[24], werden verurteilt. Als Varus von „außerordentlichen Unordnungen“ (S. 35) hört, die seine Truppen in Cheruska zu verantworten haben, versichert er Hermann, dass ein „Gericht bereits bestellt sei“, um die Täter zu enthaupten (S. 45). Hier muss eine rasche Verurteilung der Unzüchtigen geschehen, da ansonsten das von den Römern vorgetäuschte Bündnis mit den Germanen bereits gefährdet werden könnte.[25] Georg HEMPEL hingegen spricht von einer inneren Disziplinlosigkeit der Römer. Greultaten einzelner werden berichtet, eine heilige Eiche wird gefällt und ein Aufruhr einiger Dörfer wird dadurch erstickt, dass die gesamten Ortschaften niedergebrannt werden. Dieser Zügellosigkeit stehen die Feldherren achselzuckend gegenüber.[26] Es kann also hier konstatiert werden, dass das römische System „gute“ und „schlechte“ Römer enthält. Dabei werden jedoch nur die „schlechten“ Römer eliminiert, die den Schlachtplan der Römer gefährden könnten.[27] Das Zerstören germanischer Güter hingegen wird nicht gerügt. Es handelt sich schließlich nicht um das „eigene Hab und Gut“ des römischen Systems. Nur durch moralische Zucht, Disziplin, Ordnung und Egoismus kann eine Unterwerfung anderer Völker durch die römische Weltherrschaft gewährleistet und realisiert werden.

Als Resultat dieser rationalen Organisation erfährt das römische Heer eine beengte Starrheit. Rom repräsentiert in Kleists Hermannsschlacht ein solches „ordentliches“, „homogen-einheitliches“ System[28], in dem jeder wie ein Zahnrädchen zu funktionieren gewohnt ist. Darin liegt die Effizienz und Stärke der Armee begründet. Die Folge ist dadurch jedoch eine willenlose Befehlshörigkeit des Individuums im römischen System, die besonders an der Herrscherfigur des Varus nachzuweisen ist: „VARUS. […] Meinst du vielleicht, die Absicht sei, Cheruska / Als ein erobertes Gebiet – ? / VENTIDIUS. Quintilius, Die Absicht, dünkt mich, lässt sich fast erraten. / VARUS. - Ward dir etwa bestimmte Kund darüber? / VENTIDIUS. Nicht, nicht! Misshör mich nicht! Ich teile bloß, / Was sich in dieser Brust prophetisch regt, dir mit, / Und Freunde mir aus Rom bestätigen. / VARUS. Sei’s! Was bekümmert’s mich? Es ist nicht meines Amtes / Den Willen meines Kaisers zu erspähn. / Er sagt ihn, wenn er ihn vollführt will wissen.“ (S. 49) Es zeigt sich hier ein Mangel an eigenem, mitverantwortlichem Denken, weil sich Varus kein selbständiges Urteil bilden kann. Er fungiert lediglich nur als perfekter Funktionsträger und blindes „Werkzeug“ des Augustus.[29] Die römische Armee wird vor diesem Hintergrund zum Inbegriff einer Ordnung, die den Menschen zur willenlosen Maschine herabwürdigt.

Einen entscheidenden Kritikpunkt sieht Hermann am römischen Verhältnis zum Fremden, dessen Selbstbestimmung, Identität und nationale Eigenart nicht geachtet und respektiert werden.[30] Stattdessen soll mit „Marionettenregierungen“ die eigene römische Lebensweise anderen fremden Gruppen aufgezwungen werden. Das Ziel ist eine „kopieartige“ Integration der römischen Eigenarten in ein anderes „fremdes“ und „schwächeres“ System. Hermann ist sich bewusst, dass Rom von der Macht her weit überlegen ist. Aufgrund des hohen Herrschaftsanspruches stellt das römische System jedoch in seiner Ansicht ein Hindernis auf den Weg zu einer idealen Weltgemeinschaft dar; es liebe ja schließlich nur sich selbst: „HERMANN. […] Und, unter einem Königszepter, / Jemals die ganze Menschheit sich vereint, / So lässt, dass es ein Deutscher führt, sich denken, / Ein Brit’, ein Gallier, oder wer ihr wollt; / Doch nimmer jener Latier, beim Himmel! / Der keine andre Volksnatur / Verstehen kann und ehren, als nur seine.“ (S. 15)

2.2. Die Römer bei Christian Dietrich Grabbe

Auch bei Christian Dietrich Grabbe wird analog zu Heinrich von Kleist ein negatives Bild der Römer entworfen. Dieses der römischen Lebensweise zugrunde [31] liegende System offenbart sich vor allem in den Feldern Militär, Justiz und Verwaltung als weitgehend zermürbte und ausgehöhlte Verfassung.[32] Die Natur wird als ein bloßes Objekt umfunktionalisiert, auf das die römische Zivilisation einen direkten Anspruch erhebt. Auf diese Weise wird die Natur, nach römischer Art, geordnet und systematisiert. Voraussetzung für diese Systematisierung ist jedoch, dass sich die Römer Mensch und Natur in ihr System bezwungen und damit beherrschbar gemacht haben.[33]

Das System bei Grabbe erscheint als kompromisslos. Schon in der Eingangsszene des Dramas wird der römische Soldat Vero trotz seiner dreißigjährigen Treue zum Tode verurteilt. Da ihn Hunger und der aufgeweichte germanische Boden schwächten, machte er sich durch Ungehorsam vor dem römischen Militärgesetz schuldig. Da in dieser Disziplinierung des römischen Systems ein Menschenleben kaum etwas wert ist, wird der Name Veros aus der Soldatenliste gestrichen. Er selbst wird von seinen Kameraden zu Tode gepeitscht. Dabei wird der Schuldspruch ohne Diskussion und Klage vollzogen – getreu nach der römischen Devise: „Sei ein Römer, halt dich grade![34]: „MANIPELFÜHRER. Kommilitonen, wie straft man Ungehorsam des Legionars? / EIN VETERAN. Mit dem Tode durch Rutenhiebe seiner Gefährten. / MANIPELFÜHRER (löscht in der Liste). So ist’s. / VERO. Er löscht meinen Namen, bald werden mein Rücken und mein Leben auch ausgelöscht. / DER VETERAN. Nicht unruhig. Wir hauen aus allen Kräften, lassen einen alten Freund nicht lang zappeln, machen’s mit ihm kurz ab. Sei ein Römer, halt dich grade! (Er entblößt dem Vero den Rücken, und es wird gegeißelt)“

Auch in äußersten Notlagen geht es in der römischen Legion ordnungsgemäß und gesetzestreu zu, denn sie kennen auch im Unglück Ordnung und Befehl, wodurch nicht nur die ungeheure Schlagkraft der römischen Armee zu erklären ist: „Viele der Soldaten nehmen, ohngeachtet aller Gefahr, und obgleich manche mit den unbedeckten, pfeilgetroffenen Köpfen verwundet oder tot in den Fluss stürzen, ihre Helme ab, füllen sie mit Wasser und bringen es ihren am Lager arbeitenden Kameraden.“ (S. 365) Dieses systematisierte Einteilen und Exerzieren erscheint als Grundzug des römischen Wesens.[35] So sieht der Prätor beispielsweise Hermann als eine „Ausnahme“ (S. 332) an, da der Cheruskerfürst während seiner Zeit in Rom „unter den Prätorianern gebildet und exerziert“ (S. 332) wurde. Demnach wurde Hermann in das römische System ein – und untergeordnet.[36] Solche Hierarchien von Ordnung und Befehl stehen in absolutem Gegensatz zu den Germanen. Sie ordnen sich keiner höheren Befehlsgewalt unter. Nur so lässt sich erklären, warum sich die Germanen nicht den Befehlen des Varus beugen, sondern eigenmächtig handeln und denken: „VARUS: Ohne meinen Befehl? / HERMANN: Der Deutsche tut des Guten gern zuviel, auch unangefragt.“ (S. 345) An diesen Führungsansichten der Römer und Germanen lässt sich exemplarisch auch der Gegensatz vom geordneten System der Römer und der „chaotischen“ Natur der Germanen festhalten. Auf der einen Seite steht die Geschlossenheit und Uniformität römischer Truppen, die ihrem Führer „blind“ folgen; auf der anderen Seite präsentiert sich das „bunte“ Volk (S. 335) der germanischen Stämme, die ihrem Führer Hermann keineswegs immer widerspruchslos zu gehorchen bereit sind.

Ebenso wie bei Heinrich von Kleist zeigt sich bei Grabbe ein eindeutiges menschenverachtendes Germanenbild. Auch hier stehen die gebildeten und gesetzestreuen Römer den ungebildeten Germanen gegenüber: „PRÄTOR: Pah, der Germane ist noch Barbar, niedriger fast als seine Tiere.“ (S. 332). Hier fallen ebenfalls wieder die zur Entmenschlichung verwendeten Tiervergleiche auf. Der Prätor bezeichnet Hermann selbst als „Schwachkopf“ (S. 331), dessen Armee mit der des heiligen römischen Reiches nicht vergleichbar ist: „PRÄTOR: Übrigens fürchte gar nichts. Dich umschart ja Varus mit den drei trefflichsten Legionen Roms, und hundertfünfzigtausend aus euren Gauen nebenbei. / HERMANN (für sich): Wir Deutschen „nebenbei!“ Na - - ! Pass’ auf!“ (S. 332) An dieser Position des Prätors wird die arrogante und angeberische Haltung des römischen Systems veranschaulicht.

Wie die Figur des Schreibers zeigt, können jedoch das Gesetz und die strenge römische Disziplin des römischen Systems schließlich auch in Befehlshörigkeit und blindmechanischem Gehorsam münden. In dieser Rolle wird die ganze Tragweite des korrupten und menschenverachtenden Rechtssystems der Römer deutlich. Der Schreiber tritt bei Grabbe als trocken-pedantischer Aktenmensch auf, dem die Unterschrift wichtiger ist als die Ehre oder gar der Untergang Roms.[37] Selbst dann, als die Niederlage der Römer schon längst feststeht, verlangt er von Varus mitten in der Schlacht eine Unterschrift, die aus ökonomischem Eigennutz und rechtlicher Borniertheit benötigt wird, um einen Kaufvertrag über germanische Landstriche[38] zu bestätigen (S. 375): „DER SCHREIBER. Prokonsul, wolltest du nun diese Akte unterzeichnen – verzeihe – aber ganz unmaßgeblich ist es jetzt die höchste Zeit. / VARUS (sehr ruhig). Lieber Freund, warte bis morgen. Dann will ich’s tun, wenn ich kann. (Für sich) Ich tat, was ich konnte, ich bin besser als der Ruf, den mir die Nachwelt geben wird. Ich ward betrogen, - geschieht das nicht dem Besten oft am ersten?“ Der Schreiber repräsentiert bei Grabbe nur einen seelenlosen Automaten des römischen Rechtssystems, allein von Gesetzen und Akten bestimmt, die ihm die Menschen und die Natur völlig entfremdet haben.[39] Er reagiert nur mit machtorientierter Unterwürfigkeit, hat keinerlei eigene Meinung zu den aktuellen Geschehnissen, sondern verlässt sich blind auf das Gesetz und auf die Befehle seiner Vorgesetzten: „SCHREIBER. Ich kenne ein bisschen vom Gesetz und von den Buchstaben, welche es bilden, sonst aber schreib ich hin, was man mir diktiert und weiß oft nicht was. / VARUS. […] Dergleichen Maschinen sind besser daran als ihre Werkmeister.“ (S. 366/367) Das römische System bringt demnach neben kameradschaftlichen Soldaten und mutigen Anführern auch solche „seelenlose Untiere“ (S. 366) hervor, die mit ihrem Verhalten die römischen Tugenden ad absurdum führen.

[...]


[1] Lateinisch: Clades Variana – Deutsche Übersetzung: „Die Niederlage des Varus“.

[2] Verdeutscht in „Hermann“. Darum auch später die Bezeichnung „Hermannsschlacht“.

[3] BROCKHAUS ENZYKLOPÄDIE in vierundzwanzig Bänden. 19., völlig neu bearbeitete Auflage, Band 23 (Us – Wej). Mannheim : Brockhaus, 1994, S. 68.

[4] KINDLERS NEUES LITERATURLEXIKON. Herausgegeben von JENS, Walter. Band 9 (Ka – La). München : Kindler, 1989, S. 473.

[5]Mein erster Leiter wird Deines Vaters Buch sein müssen“, schreibt Grabbe in seinem Brief vom 08. Januar 1835 an seine Frau Louise.

[6] HEGELE, Wolfgang: Grabbes Dramenformen. München, Fink : 1970, S. 242.

[7] NIETEN, Otto: Christian Dietrich Grabbe: Sein Leben und seine Werke. In: Schriften der Literarhistorischen Gesellschaft Bonn (Band IV), Herausgegeben von LITZMANN, Berthold. Dortmund : Ruhfus, 1908, S. 345.

[8] Vergleiche graphische Illustrationen im Anhang (S. 41f.).

[9] Vergleiche graphische Illustration, Anhang 8.1., S. 41.

[10] VON ESSEN, Gesa: Hermannsschlachten. Germanen und Römerbilder in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Göttingen : Wallstein-Verlag, 1998, S. 147.

[11] KLEIST, Heinrich von: Die Hermannsschlacht. Ein Drama. Stuttgart : Reclam, 2004, S. 14. Im fortlaufenden Text wird nach dieser Ausgabe zitiert.

[12] HEMPEL, Georg: Heinrich von Kleist: Die Hermannsschlacht. 1931. Chemnitz : Schloß-Druck, 1931, S. 26.

[13] VON ESSEN, S. 148.

[14] VON ESSEN, S. 148.

[15] HEMPEL, S. 31.

[16] Ebd. S. 32.

[17] VON ESSEN, S. 149.

[18] Ebd.

[19] HEMPEL, S. 29.

[20] Ebd.

[21] VON ESSEN, S. 150.

[22] HEMPEL, S. 28.

[23] VON ESSEN, S. 151.

[24] Ein Hauptmann berichtet, er habe drei römische Soldaten ermordet, da diese an der Vergewaltigung Hallys beteiligt waren.

[25] VON ESSEN, S. 152.

[26] HEMPEL, S. 30/31.

[27] In diesem Falle fungiert der Hauptmann in Fußnote 22 als „guter“ Römer. Die römischen Vergewaltiger müssen eliminiert werden; ihre „Geilheit“ könnte möglicherweise das eigene System gefährden und sie könnten in ihrem „sexuellen Rausch“ die wahren Kriegsabsichten der Römer verraten.

[28] VON ESSEN, S. 153.

[29] VON ESSEN, S. 153.

[30] Ebd. S. 154.

[31] Vergleiche graphische Illustration, Anhang 8.2., S. 42.

[32] VON ESSEN, S. 200.

[33] Ebd. S. 201.

[34] GRABBE, Christian Dietrich: Hermannsschlacht. In: Christian Dietrich GRABBE, Werke und Briefe: Historisch-kritische Gesamtausgabe in sechs Bänden (Dritter Band). Emsdetten (Westf.) : Lechte, 1961, S. 321. Im fortlaufenden Text wird nach dieser Ausgabe zitiert.

[35] VON ESSEN, S. 202.

[36] Ebd.

[37] VON ESSEN, S. 203.

[38] Diese scheint Varus aber am Ende der Schlacht gerade zu verlieren. Dieses kann oder „will“ der Schreiber jedoch überhaupt nicht realisieren.

[39] VON ESSEN, S. 203.

Details

Seiten
43
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638463928
ISBN (Buch)
9783638680158
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50094
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Medien
Note
1-
Schlagworte
Deutung Hermannsschlacht Heinrich Kleists Christian Dietrich Grabbes Dramen Kontext Zeit

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Titel: Die Deutung der "Hermannsschlacht" in Heinrich von Kleists und Christian Dietrich Grabbes "Die Hermannsschlacht"