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Gemischte Charaktere in Lessings bürgerlichem Trauerspiel "Miss Sara Sampson"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lessings gemischte Charaktere und das deutsche bürgerlichen Trauerspiel

3. Konzeption und Wirkung gemischter Charaktere – Tugend oder Laster?
3.1 Miss Sara Sampson und Sir William Sampson
3.2 Mellefont
3.3 Marwood

4. Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärtexte
5.2 Forschungsliteratur

1. Einleitung

Schon Aristoteles hat sich mit dem Theorem der gemischten Charaktere beschäftigt und nutzte es als Mittel in der Tragödie, um Mitleid und Furcht beim Publikum zu erwecken.1 Selbst viele Jahre später berufen sich einige Poetiker noch auf das aristotelische Prinzip, unter ihnen auch Gotthold Ephraim Lessing.2 Mit seiner Tragödie ‚Miss Sara Sampson‘ er- schuf er 1755 ein Stück, welches den Zuschauer zum Mitleiden anregte und mit wessen Charakteren er sich identifizieren konnte.3 Lessing hat bei der Konzeption dieser Figuren eine genaue Vorstellung: Sie sollen „vom gleichen Schrot und Korne“4 sein, wie auch das Publikum.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher mit der Frage, wie gemischte Charaktere in Lessings bürgerlichem Trauerspiel ‚Miss Sara Sampson‘ konzipiert sind und inwiefern sie zu dessen Wirkung beitragen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt somit auf der Charakterisierung und einer wirkungsbezogenen Analyse einzelner gemischter Charaktere aus Lessings Werk. Im folgenden Abschnitt wird Lessings Bürgerliches Trauerspiel sowie sein Konzept von gemischten Charakteren vorgestellt, um daraufhin die Figuren Sir William Sampson, Miss Sara Sampson, Mellefont und Marwood charakterisieren und deren Wirkung auf Lessings Trauerspiel aufzeigen zu können. Der Fokus liegt besonders auf den Tugenden und Lastern der Figuren. Im letzten Abschnitt werden die Ergebnisse schließlich schlussfolgernd zusammengefasst.

2. Lessings gemischte Charaktere und das deutsche bürgerlichen Trauerspiel

Während sich anfangs des 18. Jahrhunderts in England und Frankreich die ‚sentimental comedy‘ als neue Form der Komödie etablierte, war die Literatur in Deutschland noch weit entfernt von Konzepten eines traditionellen Dramas.5 Erst in den dreißiger und vierziger Jahren wurde die ‚Rührende Komödie‘ zum Vorbild für das deutsche Drama und stieß auf große Resonanz beim Publikum.6 „Bis dahin war es Tradition, daß allein die Komödie in der Welt des Bürgers spielte, während die Tragödie Personen hohen Standes vorbehalten war.“7 Unter Einfluss der ‚Rührenden Komödie‘ entstand 1755 mit Lessings ‚Miß Sara Sampson‘ dann aber eine neue Form des Dramas in Deutschland, „[die] tragisches Geschehen in einer alltäglicheren Umgebung als bisher vorzuführen versprach.“8: Das deutsche Bürgerliche Trauerspiel.9

Das bürgerliche Trauerspiel wie die Rührende Komödie, aus der es hervorging, verla- gern den Ort der Handlung in die Intimität des Privatbereiches. […] ‚Innerlichkeit‘, ,Empfindsamkeit‘ [und] ‚Moralität‘ […] bestimmten das Ethos des bürgerlichen Trauerspiels, dem als Ideal eine harmonische Gesellschaftsordnung zugrundeliegt.10

Das Ziel Lessings ist es, den Affekt des Mitleids beim Publikum zu erlangen11, um den Zu- schauer für seine Mitmenschen zu sensibilisieren.12 Mitleid bedeute für ihn hierbei die „Vermischung zweier Gefühle, dem der Liebe zu einem Gegenstand oder einer Person und dem Schmerz über dessen Verlust bzw. deren Unglück.“13 So sind auch Reaktionen wie Schrecken und Bewunderung, die das Bürgerliche Trauerspiel ebenfalls beim Zuschauer hervor- rufen kann, „Äußerungen des Mitleids.“14 Um Mitleid beziehungsweise Mitleiden beim Zuschauer zu bewirken, muss dieser sich mit den Charakterendes Stückes identifizieren können. 15 Dies geschieht durch das Auftreten sogenannter gemischter Charaktere, die – wie zuvor erwähntbei Aristoteles ihren Ursprung finden.16

Ein gemischter Charakter im Sinne Lessings liegt dann vor, wenn ‚gute‘ Figuren im Verlauf des dramatischen Geschehens fragwürdig werden und umgekehrt, wenn also der moralische Antagonismus Gut versus Böse […] durchbrochen wird.17

Hierbei verhält sich die Figur nach ihren eigenen Vorstellungen von Gut und Böse,18 „darf weder ein Ausgebund an Tugend, noch ein ausgemachter Bösewicht sein, sondern muss eine Mischung aus beidem darstellen.“19 Der Autor erschafft also keinen idealen, unfehlbaren Helden oder einen bösen Schurken, sondern eine Figur, die – wie jeder Zuschauer – sowohl Tugend als auch Laster mit sich tragen kann. Also eine Figur „vom gleichen Schrot und Korne“20 wie das Publikum.

3. Konzeption und Wirkung gemischter Charaktere – Tugend oder Laster?

3.1 Miss Sara Sampson und Sir William Sampson

Tugend und Laster sind für die Charaktergestaltung in ‚Miss Sara Sampson‘ von großer Be- deutung. Nahezu jede der Figuren im Stück verhält sich in bestimmten Situationen tugendhaft, trägt aber gleichzeitig auch gewisse Laster mit sich. So auch Sara Sampson, die sich im Laufe der Handlung zu einer überaus tugendhaften Persönlichkeit entwickelt.21 Im Zuge die- ser Entwicklung wird ihr allerdings bewusst, dass sie sich zuvor nicht immer tugendhaft verhalten hat und sieht ihren Tod somit als gerechtfertigt:

Die bewährte Tugend muss Gott der Welt lange zum Beispiele lassen, und nur die schwache Tugend, die allzu vielen Prüfungen vielleicht unterliegen würde, hebt er plötzlich aus den gefährlichen Schranken.22

Schon vor Einsetzen der Handlung begeht Sara einen groben Fehler. Entgegen allen bürgerlichen Moralvorstellungen geht sie eine nicht legalisierte Liebesbeziehung mit Mellefont ein und entzieht sich der väterlichen Vormundschaft indem sie mit ihrem Geliebten flüchtet.23 Später jedoch wird sie von Waitwell überrascht, der ihr einen Brief des Vaters überreichen will. In der sogenannten ‚Briefszene‘ „wird dem Zuschauer Saras Tugend vorexerziert.“24 Ihre Reaktion auf den Brief des Vaters ist allerdings befremdlich, denn das Bewusstsein, dass ihr Vater sie noch liebt und um Vergebung bittet, schmerzt sie mehr als der Gedanke, dass er sie verstoßen hat. 25 Sie fühlt sich dem Vater gegenüber schuldig, so äußert sie ge- genüber Waitwell:

Siehst du denn nicht, wie unendlich jeder Seufzer, den er um mich verlöre, meine Verbrechen vergrößern würde? Müsste mir nicht die Gerechtigkeit des Himmels jede seiner Tränen, die ich ihm auspresste, so anrechnen, als ob ich bei jeder derselben mein Laster und mein Undank wiederholte?26

Sie überlegt nun, wie sie „die Leiden ihres Vaters verringern kann“27, vermehrt diese aber im Gegenteil, da sie die Vergebung nicht annehmen will.28 „Die Sorge um den Vater tritt hinter die Sorge um die Erhaltung ihrer Tugendhaftigkeit zurück.“29, was sie sehr unmenschlich wirken lässt. So scheint es zwar, dass sie sich ihrer Schuld bewusst ist, denn sie bezeichnet ihren Fehler gegenüber Waitwell als Verbrechen30, später im Gespräch mit Lady Solmes jedoch wird aus ihrem Vergehen lediglich eine „verzeihliche Schwäche“31: „Warum soll ich länger so grausam gegen mich sein, und […] [den Fehler] als ein Verbrechen betrachten?“32 Das hat zur Folge, dass Saras Tugendhaftigkeit sehr unglaubwürdig wirkt. Erst als sie mit Marwood gleichgestellt wird, erkennt sie das Ausmaß der eigenen Schuld. Der Fehltritt und die Anerkennung der eigenen Schuld ermöglichen es Sara sich zu einer tugendhaften Person zu entwickeln.33 Im Zuge dessen nimmt sie die Schuld für die Eifersucht Marwoods und ihren daraus resultierenden eigenen Tod auf sich, sieht von jeglicher Rache ab und „spricht Mellefont und ihre Dienerin Betty von jeder Schuld frei.“34 Zudem will sie Arabella in den Kreis der Familie aufnehmen und vergibt ihrem Vater endgültig.35 So ist sie „in den lebhaftesten Empfindungen der Reue, Dankbarkeit und Liebe“36 als tugendhafter Charakter gestorben.

Auch Sir William Sampson entwickelt sich im Verlauf der Handlung von einem lasterhaften Vater zu einer tugendhaften Person. Für eine bürgerliche Familie ist es typisch, dass der Vater als Autoritätsperson für die Einhaltung moralischer Normen zuständig ist, weshalb Sir William Saras Liebesbeziehung verurteilt und sie veranlasst zu flüchten.37 “Sampson handelt in seiner Funktion als Erzieher und Vater unvernünftig, da er […] den Determinationen sei- ner natürlichen Herkunft folgt […] ohne sie kritisch zu reflektieren.“38 Schon wenige Zeit später erkennt er die Schuld an der Flucht Saras und leidet unter der Abwesenheit seiner geliebten Tochter: „Ich würde doch lieber von einer lasterhaften Tochter, als von keiner, geliebt sein wollen.“39 Er macht sich daraufhin viele Vorwürfe, die seine väterliche Liebe zur Geltung kommen lassen: „Wenn ich meine zu späte Strenge erspart hätte, so würde ich wenigstens ihre Flucht verhindert haben.“40. Das Schuldgeständnis markiert deshalb den Hö- hepunkt seiner Charakterentwicklung, durch die er weniger autoritär aber liebevoller wirkt. Er nimmt die Rolle eines neuen Vaters ein: „Dieser liebt Sara um ihrer selbst willen.“41 In- folgedessen akzeptiert er Saras Beziehung zu Mellefont denn „nun weiß ich es, dass er dich aufrichtig liebet; nun gönne ich dich ihm.“42 Speziell in Arabella, die Sara zuvor schon in die Familie aufgenommen hat, sieht er etwas Besonderes: „Sie sei, wer sie sei: sie ist ein Vermächtnis meiner Tochter.“43 Durch Arabella findet er neuen Lebensmut44 und akzeptiert daher Saras Schicksal, durch das er sich letztendlich zu einem tugendhaften Charakter ent- wickelt hat.

[...]


1 Vgl. Barner, Wilfried, Gunter Grimm u.a.: Lessing. Epoche, Werk, Wirkung. 3., neubearb. Aufl. München: Beck 1977 (= Beck'sche Elementarbücher). S. 165.

2 Vgl. Ebd. S.165.

3 Vgl. Ebd. S.142.

4 Lessing’s Hamburgische Dramaturgie. Hrsg. von Joseph Eiselein. Augsburg: o.V. 1836. S.456.

5 Vgl. Barner 1977: 140f.

6 Vgl. Ebd. S.140.

7 Pikulik, Lothar: "Bürgerliches Trauerspiel" und Empfindsamkeit. 2., unveränd. Aufl. Köln: Böhlau 1981(= Literatur und Leben, N.F., 9). S. 1.

8 Ebd. S.1.

9 Vgl. Barner 1977: 140f.

10 Ebd. S.141f.

11 Vgl. Ebd. S.142.

12 Vgl. Ebd. S.144.

13 Ebd. S.143.

14 Ebd. S.143.

15 Vgl. Ebd. S. 142.

16 Vgl. Ebd. S.165.

17 Schößler, Franziska, Christine Bähr, Nico Theisen: Einführung in die Dramenanalyse. Stuttgart: Metzler 2012. S. 94.

18 Vgl. Wittkowski, Wolfgang: „Beim Mahomet, wo habe ich meine Augen gehabt!“. Zur Charaktergestaltung in Lessings Miß Sara Sampson. In: Physiognomie und Pathognomie. Zur literarischen Darstellung von Individualität. Fest- schrift für Karl Pestalozzi zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Wolfram Groddeck und Ulrich Stadler. Berlin: De Gruyter 1994. S. 38.

19 Barner 1977: 165.

20 Eiselein 1836: 456.

21 Vgl. Barner 1977: 145.

22 Lessing, Gotthold Ephraim: Miss Sara Sampson. Stuttgart: Reclam 2003 (= RUB 16). 5. Aufzug, 10. Auftritt. S.104.

23 Vgl. Jacobsen, Roswitha: Ordnung und individuelle Selbstbestimmung im bürgerlichen Trauerspiel. Der Fehler der Sara Sampson. In: Ethik und Ästhetik. Werke und Werte in der Literatur vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Festschrift für Wolfgang Wittkowski zum 70. Geburtstag. Hrsg. von Richard Fisher. Frankfurt am Main: Lang 1995 (= Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 52). S. 85.

24 Barner 1977: 145.

25 Vgl. Ebd. S. 145.

26 Lessing 2003: 3.Aufzug, 3. Auftritt. S.47.

27 Barner 1977: 146.

28 Vgl. Ebd.

29 Ebd.

30 Vgl. Lessing 2003: 3. Aufzug, 3. Auftritt. S.47.

31 Barner 1977: 146.

32 Lessing 2003: 4. Aufzug, 8. Auftritt. S. 86.

33 Vgl. Jacobsen 1995: 82.

34 Weber, Peter: Das Menschenbild des bürgerlichen Trauerspiels. Entstehung und Funktion von Lessings "Miß Sara Sampson. Berlin: Rütten & Loening 1970 (= Germanistische Studien). S.57f.

35 Vgl. Ebd. S.57f.

36 Lessing 2003: 5. Aufzug, 9.Auftritt. S.99.

37 Vgl. Barner 1977: 148.

38 Schützendorf, Nicole: „Macht denn nur das Blut den Vater?“. Studien zum Motiv Adoption in den ausgewählten Werken des 17.-19. Jahrhunderts. Phil. Diss. Masch. Bonn 2014. S.64.

39 Lessing 2003: 1. Aufzug, 1. Auftritt. S.6.

40 Lessing 2003: 3. Aufzug, 1.Auftritt. S.43.

41 Schützendorf 2014: 67.

42 Lessing 2003: 5. Aufzug, 10. Auftritt. S.101.

43 Ebd. 5. Aufzug, 11. Auftritt. S.106.

44 Weber 1970: 58.

Details

Seiten
12
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346028617
ISBN (Buch)
9783346028624
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v501218
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,0
Schlagworte
Miss Sara Sampson Lessing bürgerliches Trauerspiel gemischte Charaktere

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