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Lebensweltorientierung von Hans Thiersch in der Sozialen Arbeit

Seminararbeit 2016 5 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Einleitung

Hans Thiersch verfasste in den 70er- Jahren die Theorie der Lebensweltorientierung der Sozialen Arbeit. Im Folgenden setze ich mich anhand von zwei Quellen (s. Quellenangabe) mit dieser auseinander. Zuerst definiere ich zentrale Begriffe seiner Theorie, dann gehe ich zum Gegenstand und der Funktion der Lebensweltorientierung über. Ableitend aus der Theorie ergeben sich wichtige Themen für die Praxis des Sozialpädagogen/in. Während der Ausarbeitung und zusammenfassend stelle ich positive Aspekte, aber auch Widersprüche, Grenzen und Schwierigkeiten, die sich für die Soziale Arbeit ergeben, dar.

Zentrale Begriffe der verwendeten Theorie

Soziale Arbeit ist für Thiersch eine praxisnahe und kritische Handlungswissenschaft, in der die Orientierung an die individuelle Lebenswelt der sozialpädagogischen Adressaten/innen eine große Rolle einnimmt. Innerhalb seiner Theorie definiert Thiersch verschiedene Begrifflichkeiten um diese in seiner Komplexität zu erfassen. Ein zentraler Begriff der lebensweltorientierten Theorie ist der Alltag, der die Lebenserfahrung aller Menschen umfasst. Es ist nach Thiersch wichtig, dass jener nur in Verbindung mit den geschichtlichen, sowie gesellschaftlichen Verhältnissen verstanden werden kann. Die Gesellschaft bestimmt für den Alltag objektive Strukturen (z.B. der Schulalltag eines Kindes). Es ergeben sich daraus Verhaltensweisen, die durch äußere Zwänge bestimmt werden. Das Verhalten ist außerdem stark geprägt durch Werte und Normen, die durch die Umwelt der Adressaten/innen gegeben sind. Im Alltag eines jeden Menschen vollzieht sich das Alltagsleben, das geprägt ist durch Routinen und Regeln, um die täglichen Aufgaben bewältigen zu können. Der Mensch, das Subjekt mit seinen eigenen Erfahrungen und Empfindungen, befindet sich in einem sozialen Umfeld, in einer räumlichen, zeitlichen, sowie sozialen Überschaubarkeit. Hier werden verschiedenste Aufgaben der Individuen in- und nebeneinander erledigt. Das zielgerichtete Handeln des Menschen erfolgt ohne Begründungen und orientiert sich pragmatisch. Alltäglichkeit befindet sich in engem Zusammenhang mit dem Alltagsleben und setzt den Alltag voraus. Wie auch bei dem Alltagsleben zeigen sich Routinen und Pragmatismus charakteristisch. Unterschiedliche Orte, an denen sich dabei die Alltäglichkeit vollzieht, werden Alltagswelten genannt. Durch verschiedene Alltagswelten setzt sich die Alltäglichkeit des Subjekts zusammen. Alltäglichkeit bezieht sich auf die erfahrenen sozialen Bezüge, den erfahrenen Raum, ebenso auf die erfahrene Zeit. Dadurch kann man die Wirklichkeit des Einzelnen nicht als absolute Wirklichkeit betrachten, die für jeden gleich ist. Jeder Mensch mit seinen eigenen Erfahrungen, Empfindungen und Aufgaben hat seine eigene Wirklichkeit, obwohl sich im Alltagsleben mehrere Menschen zur gleichen Zeit, im gleichen Raum, mit den gleichen sozialen Kontakten befinden. Es können durch die unterschiedlichen Interpretationen des Erfahrenen Widersprüchlichkeiten im Alltag entstehen. Die räumlichen, sozialen und zeitlichen Bezüge dienen der Orientierung im Alltag. Sie sind ein wichtiges Charakteristikum des Alltagskonzeptes von Thiersch. Der Alltag der Menschen wird außerdem durch generell gültige Verstehens- und Handlungsmuster strukturiert. Alltäglichkeit wird gesehen „als spezifische Form des Verstehens und Handelns“ (Thiersch, Lebensweltorientierte Soziale Arbeit, 2012, S.48). Auch wird Alltäglichkeit von Thiersch betrachtet als „Schnittstelle objektiver Strukturen und subjektiver Verständnis- und Bewältigungsstrukturen“, da innerhalb der durch die Gesellschaft vorgegebenen objektiven Formen des Alltags eine subjektive Wirklichkeit des Erfahrenen besteht.

Gegenstand/Thema der Sozialen Arbeit

In der Lebensweltorientierung der Sozialen Arbeit formuliert Thiersch den Alltag der sozialpädagogischen Adressaten/innen als Gegenstand seiner Theorie. Das Ziel der Zusammenarbeit des Sozialpädagogen/in mit den Adressaten/innen ist nicht der gelungene, sondern der gelingendere Alltag. So ist die zentrale Frage, wie sich die Lebensverhältnisse bessern lassen und inwiefern dies realisierbar ist. Es muss davon ausgegangen werden, dass der Alltag aus aufgegebenen Lebensproblemen besteht, die vom Menschen bewältigt werden müssen. Als Ansatzpunkt zur Hilfe ist das „Verstehen als Verständigung“ nach Thiersch von besonderer Wichtigkeit. Es lässt sich am besten herausfinden wie den Menschen zur Seite gestanden werden kann, wenn man ihn versteht. Eine Art des Verstehens, die den Sozialpädagogen/in hilft, die angebrachteste Handlungsmethode anzuwenden, ist das wissenschaftliche Verstehen. Man begegnet dem sozialpädagogischen Adressaten/in in seiner Lebenswelt. Es muss die Vielfalt des Alltags des Adressaten/in aufgeteilt, spezifiziert und analysiert werden. So wird die Individualität des Einzelnen in seinem Erleben und Verhalten zum Ausdruck gebracht, aber auch die Sachzwänge hervorgehoben, denen der Adressat/in unterliegt. Durch den Sozialpädagogen/in müssen gemeinsam mit dem Klienten/in die Zusammenhänge von gegebenen Ressourcen und Schwierigkeiten geklärt werden, als auch deren folgende Auswirkungen auf deren Alltag. Daraus lässt sich, wie schon vorher erwähnt, in Abstimmung mit dem Adressaten/in die angebrachteste Handlungsmethode bzw. – strategie anwenden. Der Alltag des Menschen befindet sich dabei stets in enger Verbindung mit den institutionellen und professionellen Möglichkeiten. Während des gesamten Verlaufs muss man sich den Grenzen der Sozialen Arbeit bewusst sein. Die Gestaltung der Handlungsstrategien basiert auf einer theoretischen Fundiertheit. Jedoch kann sich der Sozialpädagoge/in immer nur mit einzelnen Ansätzen befassen, da die Problemlagen häufig sehr komplex sind. Es bestehen auch Grenzen der Zuständigkeit. So muss mit anderen Berufsgruppen kooperiert werden und man ist gegenseitig voneinander abhängig, wobei jeder seine eigenen Handlungsstrategien verfolgt. Ebenso kann Soziale Arbeit nur erfolgreich sein, wenn der Alltag die institutionellen Möglichkeiten kritisiert und umgekehrt. Die Möglichkeiten und Grenzen der Sozialen Arbeit als Wissenschaft sind stets zu reflektieren, wobei sich Theorie und Praxis nicht aus dem Zusammenhang lösen lassen. Widersprüche im Alltag bedürfen einer Klärung, wie auch die Verbindung zwischen gegebenen Problemen und pädagogischer, institutionalisierter, sowie professionalisierter Hilfe.

Funktion der Sozialen Arbeit

Die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion von sozialpädagogischen Institutionen und deren Interventionsformen stellt Thiersch innerhalb seiner Theorie. Soziale Arbeit verfolgt das Ziel des gelingenderen Alltags, welches nur durch Hilfe zur Selbsthilfe erreicht werden kann. Die Hilfe zur Selbsthilfe als ein Teil des Konzepts der Lebensweltorientierung ist für Thiersch daher von zentraler Bedeutung. Der Sozialpädagoge/in verhilft dem Adressaten/in dazu Rahmenbedingungen zu ändern um den gelingenderen Alltag sicher zu stellen. Der Klient/in wird durch den Sozialpädagogen/in in schwierigen Lebenslagen unterstützt und zur größtmöglichen Selbstständigkeit verholfen, mit diesen umzugehen. Daher sollte die Zusammenarbeit am Ende zur Unabhängigkeit führen, also den Sozialpädagogen/in möglichst überflüssig machen. Um dies zu erreichen wird stets ressourcenorientiert gearbeitet unter Einbezug von professionellen und institutionellen Möglichkeiten. Nach Thiersch ist die Soziale Arbeit als Institution in der Gesellschaft mit Widersprüchen behaftet. Einerseits soll sie die Rechte aller, vor allem der Hilfebedürftigen, vertreten. Andererseits ist es auch ihre Aufgabe in der Gesellschaft bestehende Machtverteilungen zu stützen und Konflikte möglichst ohne großen Aufwand zu befriedigen. Dabei besteht eine strukturelle Gewalt, mit ihren ausübenden Zwängen in der Gesellschaft, unterdessen der Hilfebedürftige widersprüchlicherweise auch Sozialstaatansprüche hat. Soziale Arbeit kann oft nur ohnmächtig ausführen, was ihr aufgetragen wird. Der Sozialpädagoge/in hat nicht nur Grenzen in seinen Zuständigkeiten, sondern kann sich auch nicht in politische und soziale Angelegenheiten der Öffentlichkeit einmischen. Er befindet sich im ständigen Kampf Handlungsfreiräume innerhalb der institutionellen Gegebenheiten zu erkennen und diese im Sinne des sozialpädagogischen Adressaten/in zu nutzen. So ist dieser auch häufig moralischen Konflikten ausgesetzt. Thiersch beschreibt aufgrund dieser Verhältnisse die Soziale Arbeit als „Stachel im Fleisch bestehender Machtverhältnisse“.

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Details

Seiten
5
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783346026118
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v501256
Institution / Hochschule
Hochschule Neubrandenburg
Note
1,0
Schlagworte
Lebensweltorientierung Soziale Arbeit Hans Thiersch Thiersch sozial Alltagswelten Alltäglichkeit Lebenswelt Arbeit Hans

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Titel: Lebensweltorientierung von Hans Thiersch in der Sozialen Arbeit