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Ernst Jünger und sein Kriegstagebuch "In Stahlgewittern" - eine Untersuchung der verschiedenen Fassungen vor dem Hintergrund der Jahre 1919-1934

Hausarbeit 2003 17 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ernst Jünger bis 1918
2.1. Kindheit und Jugend
2.2. Im Krieg

3. „In Stahlgewittern“ I und II 1919 – 1922
3.1. Ernst Jünger um 1919
3.2. Die erste Fassung 1920
3.3. Die zweite Fassung 1922
3.4. Fazit

4. „In Stahlgewittern“ III 1923 – 1924
4.1. Das Jahr 1923
4.2. Die dritte Fassung 1924
4.3. Fazit

5. „In Stahlgewittern“ IV 1925 – 1934
5.1. Ernst Jüngers Entwicklung bis 1933
5.2. Die vierte Fassung 1934
5.3. Fazit

6. Schlussbetrachtung

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ernst Jünger ist hierzulande wohl immer noch einer der umstrittensten und kontrovers diskutiertesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Gilt sein literarischer Rang weitesgehend als unbestritten wird er doch von vielen Kritikern durch seine radikale Ablehnung der Weimarer Demokratie und den kriegsbejahenden Charakter seiner frühen Kriegsbücher als geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus wahrgenommen. Die Grundlage seiner frühen Bekanntheit und des später teilweise zum Mythos verklärten Bildes von Jünger sind seine Kriegstagebücher und hier insbesondere sein erstes und wichtigstes „In Stahlgewittern“. Jünger hat an diesem Buch, wie auch an seinen anderen frühen Kriegsbüchern, immer wieder, teils sehr gewichtige, Änderungen vorgenommen, ohne explizit auf diese hinzuweisen. Um die Bedeutung von „In Stahlgewittern“ innerhalb des sehr umfangreichen und heterogenen Schaffens von Ernst Jünger zu beurteilen, erscheint es sinnvoll die verschiedenen Fassungen vor dem biographischen und zeitgeschichtlichen Hintergrund ihrer Entstehung zu betrachten. Eine solche Analyse hilft darüber hinaus, Jüngers Haltung zum Nationalsozialismus genauer einordnen zu können und ein Stück weit seine geistige und politische Verantwortung für den Niedergang der Weimarer Republik zu klären.

Der zeitliche Rahmen dieser Analyse umfasst im wesentlichen die Jahre 1919 bis 1934, also den Zeitraum zwischen Entstehung der ersten Fassung[1] und dem Erscheinen der vierten Fassung[2]. Weitere Änderungen des Buches 1961 und 1978 finden hier keine weitere Beachtung, da sie in erster Linie stilistischer Natur sind und keinen unmittelbaren Bezug zur politischen Situation der Jahre haben. Hingegen wird man nicht umhin kommen einige Aspekte aus Jüngers Biographie bis 1919 zu skizzieren, da sein Verhältnis zu Elternhaus und Schule, und insbesondere natürlich das Kriegserlebnis selbst, entscheidenden Einfluss auf sein literarisches und politisches Wirken in der Weimarer Zeit hatte.

Schwierig erscheint eine brauchbare Begriffsfindung um Jünger genauer einer Ideenrichtung bzw. einer geistigen Gruppierung zuzuordnen. Der Überbegriff Nationalismus bedarf in Bezug auf Ernst Jüngers spezieller Ausprägung in den 20er Jahren einer stärkeren Differenzierung. Eine einheitliche Terminologie hat sich hier bislang nicht durchgesetzt. Der Begriff „Soldatischer Nationalismus“[3] erscheint am brauchbarsten um Jüngers frühe Kriegsliteratur zu charakterisieren. Er bezeichnet eine Form des Nationalismus, also des Bewusstseins, welches die Größe und Macht der eigenen Nation als höchsten Wert erachtet, dessen entscheidender Ausgangspunkt und bindendes Element das Kriegserlebnis darstellt, aus dem fast alle politischen und gesellschaftlichen Ideallösungen abgeleitet werden. Hauptgegner war die Weimarer Republik und Ziel die Errichtung einer totalitären Diktatur. In der Literatur werden auch die Begriffe „Neuer Nationalismus“ und „Revolutionärer Nationalismus“ nahezu austauschbar verwendet. Aus solchen Einordnung ergeben sich aber erhebliche Schwierigkeiten hinsichtlich der Definition und Abgrenzung relativ homogener Gruppierungen und Strömungen.

Die Literatur zu Ernst Jünger ist so umfangreich wie unübersichtlich, auch der Umgang mit ihr ist oft problematisch, dient sie doch häufig als Austragungsort ideologischer Konflikte. Eine ganze Reihe von Forschungsliteratur bemüht sich um eine geistes- und ideengeschichtlichen Einordnung Jüngers. Daneben existiert ein weiterer, teils schwer abgrenzbarer, Forschungsstrang primär literaturwissenschaftlich orientierter Arbeiten, welche die Kriegsliteratur der Weimarer Republik und die Rezeptionsgeschichte von Jüngers Werken näher untersuchen. Die verschiedenen Fassungen der Kriegstagebücher wurden von der Jünger-Forschung aber lange Zeit wenig beachtet und wenn, nicht in die Analyse einbezogen. Ausnahmen bilden eine Reihe philologischer Untersuchungen zu Beginn der 90er Jahre von Eva Dempewolf[4] und Wojciech Kunicki[5], die sich eingehend den Textänderungen Jüngers an seinen Kriegtagebüchern widmen, den politischen Hintergrund in diesem Zusammenhang jedoch lediglich andeuten. Hermann Knebel macht in seiner Arbeit[6] diesbezüglich zwei Forschungspositionen aus. Zum einen die `Finalitätsthese´, welche die Änderungen an Jüngers Werk als eine Progression zu stilistischer und inhaltlicher Vervollkommnung darstellt, zum anderen die `Opportunitätsthese´, welche die einzelnen Fassungen historisch lokalisiert, was auch der Ansatz meiner Arbeit ist.

Es liegen darüber hinaus eine Vielzahl von Jüngerbiographien vor, welche mehr oder weniger kritisch das Leben Ernst Jüngers reflektieren. Eine für wissenschaftliche Zwecke brauchbare Jünger-Biographie, die auch nur annähernd den Status eines Standardwerkes hätte, ist nicht zu finden. Die Quellen bestehen hauptsächlich aus Ernst Jüngers autobiographischer Literatur über den betreffenden Zeitraum, was natürlich einige naheliegende Probleme, bezüglich Jüngers Selbstdarstellung und einer nachträglichen Interpretation, mit sich bringt. Obgleich sein autobiographisches Werk sehr umfangreich ist, ist es doch in gewissem Sinne sehr einseitig und vernachlässigt viele für diese Arbeit relevante Fakten. Jüngers Publizistik in der Weimarer Republik kann hier einen genaueren Einblick in seine politische Haltung dieser Jahre geben und autobiographische Texte von Personen aus seinem näheren Umfeld, insbesondere seines Bruders, ergänzen in Teilen das Bild der Privatperson Jünger.

Zur Bearbeitung des Themas ergeben sich eine Reihe von Fragen, welche im Folgenden zu beantworten sind. Welche Faktoren spielten eine Rolle bei der Entwicklung Jüngers bis zum Erscheinen von „In Stahlgewittern“ und wie sind sie zu bewerten? Welche persönlichen und zeitgeschichtlichen Umstände führten zum Entstehen des Buches und wie wirken sie sich darauf aus? Welche wesentlichen Änderungen nimmt Jünger daran vor? Wie erklären sich diese Änderungen vor dem persönlichen und politischen Hintergrund ihrer Entstehung? Wie entwickelte sich Jüngers Verhältnis zum Nationalsozialismus und lassen sich Rückschlüsse auf die Änderungen an seinen Kriegstagebüchern ziehen?

Grundproblem bei dieser Betrachtung ist sicherlich die Schwierigkeit, Literatur eindeutig in den persönlichen und gesamtgesellschaftlichen Kontext einzuordnen. Lassen sich auch oftmals keine eindeutigen Kausalitäten bestimmen, so gibt es doch eine Reihe von Ereignissen und Entwicklungen, die sich als entscheidend für die Entstehung der verschiedenen Fassungen deuten lassen. Um diese zu untersuchen, werde ich mich in meiner Analyse, was die Textänderungen angeht, wesentlich auf die bereits erwähnten Arbeiten von Dempewolf und Kunicki stützen. Aufgrund des beschränkten Umfangs werde ich mich aber weniger der Analyse und Interpretation einzelner Textstellen widmen, sondern den biografischen und politischen Hintergrund in den Mittelpunkt meiner Betrachtung rücken und diesen chronologisch aufarbeiten. Dazu lassen sich drei Entwicklungsstationen der Werkgenese von „In Stahlgewittern“ bestimmen: zum einen die Ausgaben von 1920 und 1922, die dritte Fassung in der Ausgabe von 1924 und die Änderungen in den Ausgaben von 1934/35/36. Anhand dieser Einteilung werde ich Jüngers Entwicklung nachzeichnen und versuchen Rückschlüsse auf seine Arbeit an „In Stahlgewittern“ zu ziehen.

2. Ernst Jünger bis 1918

2.1. Kindheit und Jugend

Ernst Jünger wird 1895 als erstes von fünf Kindern des Chemikers und Apothekers Dr. Ernst Georg Jünger und Karoline, geb. Lamperl in Heidelberg geboren. Er wächst zum Großteil im Sprach- und Kulturraum Hannover auf, sein Großvater Fritz Jünger ist Gymnasiallehrer in Hannover. Sein Verhältnis zum Vater gilt als spannungsreich[7]. Trotz einer durchaus toleranten und gesprächsbereiten Haltung, war die absolute Dominanz des positivistischen Wissenschaftlers mit einem ausgeprägten Hang zum Sarkasmus[8] den Söhnen oft unerträglich.

Jüngers Herkunft aus einer wohlhabenden Akademikerfamilie eröffnete ihm die Chance einer sehr guten Schulbildung. Häufige Schulwechsel, Ablehnung des pädagogisch vermittelten Wissens und eine tiefe Abneigung gegen die Schule generell, führen zu mäßigen bis schlechten Zeugnissen[9]. Jünger erscheint eher als Einzelgänger und flüchtet in Tagträumereien , Literatur (Karl May, Defoe, Cervantes) und Naturstudien (erste Käfersammlungen 1908). 1911 wird er gemeinsam mit seinem Bruder F.G. Jünger Mitglied im „Wandervogel“.

Die irrationalistischen Strömungen der Jahrhundertwende prägen die Gedankenwelt großer Teile der bürgerlichen Jugend. Die deutsche Jugendbewegung mit ihren Abenteuerfahrten und ihrem Gemeinschaftserlebnis verspricht, was die bürgerliche Erwachsenenwelt nicht bieten kann. Diese Spannungen innerhalb des Bürgertums, zwischen positivistischen Realitätsglauben und irrationalistischer Sehnsucht, zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft[10], verdeutlichen sich bei Jünger in besonderem Maße und entladen sich im Weltkrieg. Ein Indiz dafür findet sich bei Jünger gleich auf der ersten Seite von „In Stahlgewittern“, wo es heißt: „Wir [...] waren in den kurzen Ausbildungswochen zusammengeschmolzen zu einem großen, begeisterten Körper, Träger des deutschen Idealismus der nachsiebziger Jahre. Aufgewachsen im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns allen die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach dem großen Erleben“[11]. Ohne den Ersten Weltkrieg auf die Austragung eines geistigen Generationskonflikts reduzieren zu wollen, bildet dieser doch einen Grundstein für die Kriegsbegeisterung der `Generation von 1914´.

Die `Atmosphäre des norddeutschen Bürgerhauses um die Jahrhundertwende´ wird Jünger zunehmend unerträglich. Sein jugendbewegtes Aufbegehren gegen Elternhaus und insbesondere Schule mündet in die offene Flucht. Jüngers Verpflichtung bei der französischen Fremdenlegion im Herbst 1913 wird vom Vater annulliert. Ernüchtert von seinem missglückten Abenteuer heimgekehrt, macht ihm sein Vater das Angebot nach Beendigung des Abiturs mit einer Expedition zum Kilimandscharo belohnt zu werden[12]. Dazu kommt es nicht.

[...]


[1] In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppenführers von Ernst Jünger. Kriegsfreiwilliger dann Leutnant und Kompanie-Führer im Füs.-Regt. Prinz Albrecht von Preußen (Hannov. Nr.73). Verlag Robert Meier, Leisnig 1920. - Fortan abgekürzt mit ISt ( und Jahreszahl der Fassung)

[2] In Stahlgewittern. Ein Kriegstagebuch von Ernst Jünger. Vierzehnte erneut durchgesehene Auflage. Verlegt bei E.S.Mittler & Sohn, Berlin 1934. – bis 1936 entstehen zwei weitere Fassungen, die sich als Variationen bzw. Weiterentwicklungen der vierten Fassung charakterisieren lassen

[3] Prümm, Karl: Die Literatur des Soldatischen Nationalismus der 20er Jahre (1918 – 1933). [2 Bde.]. Kronberg 1974.

[4] Dempewolf, Eva: Blut und Tinte. Eine Interpretation der verschiedenen Fassungen von Ernst Jüngers Kriegstagebüchern vor dem politischen Hintergrund der Jahre 1920 bis 1980. Würzburg 1992.

[5] Kunicki, Wojciech: Projektionen des Geschichtlichen. Ernst Jüngers Arbeit an den Fassungen von „In Stahlgewittern“ Frankfurt a.M. [u.a.] 1993.

[6] Knebel, Hermann: >Fassungen<: Zu Überlieferungsgeschichte und Werkgenese von Ernst Jüngers In Stahlgewittern, in: Vom Wert der Arbeit. Zur literarischen Konstitution des Wertkomplexes >Arbeit< in der deutschen Literatur (1770 – 1930). Tübingen 1991, S. 381 f.

[7] Dies wird von der Sekundärliteratur immer wieder besonders betont .Dazu: Müller, Hans-Harald: Der Krieg und die Schriftsteller – Der Kriegsroman und die Weimarer Republik. Stuttgart 1986, S. 212 ff.

[8] Friedrich Georg Jünger: Spiegel der Jahre – Erinnerungen. München 1958, S.246 f.

[9] „Versetzung vollkommen ausgeschlossen“ am Lyceum II, aus: Schwilk, Heimo [Hrsg. ]: Ernst Jünger – Leben und Werk in Bildern und Texten. Stuttgart 1988, S.17.

[10] Christian von Krockow beschreibt diesen Gegensatz in: Die Entscheidung. Eine Untersuchung über Ernst Jünger, Carl Schmitt, Martin Heidegger. Frankfurt a.M. 1990, S. 28 ff.

[11] ISt (1922), S. 1.

[12] Dazu: Hans-Harald Müller: „Im Grunde erlebt jeder seinen eigenen Krieg“. Zur Bedeutung des Kriegserlebnisses im Frühwerk Jüngers, in: Ernst Jünger im 20. Jahrhundert. München 1995, S. 17.

Details

Seiten
17
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638464123
ISBN (Buch)
9783638776783
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50135
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Ernst Jünger Kriegstagebuch Stahlgewittern Untersuchung Fassungen Hintergrund Jahre

Autor

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