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Risiken des Dolmetschens im medizinischen Bereich

Das 71-Millionen-Dollar Wort

Akademische Arbeit 2019 22 Seiten

Dolmetschen / Übersetzen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Laiendolmetscher vs. Professionelle Dolmetscher
2.1 Laiendolmetscher
2.1.1 Verwandte, Freunde und Bekannte
2.1.2 Mitarbeiter im Gesundheitswesen
2.2 Professionelle Dolmetscher

3 Fehler der behandelnden Ärzte

4 Mögliche Fehler professioneller Dolmetscher im Krankenhaus

5 Community Interpreting

6 Kulturmittler

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Hauptseminar „Risikomanagement für Übersetzungen“ beschäftigt sich unter anderem mit der Wichtigkeit von Risikomanagement für Übersetzungen in Unternehmen. Im Hauptseminar wurde schnell klar, dass ein aktiv betriebenes Risikomanagement enorm schwere Verluste und Schäden verhindern kann. Hierzu zählen Reputationsschäden, Rechtsfolgen, Sachschäden, Vermögensschäden und sogar Personenschäden. Doch wie sieht das Ganze im Bereich des Dolmetschens aus? Hierzu möchte ich auf einen wahren Fall eingehen, der 71 Millionen Dollar kostete und ein Leben für immer verändert hat. Es war das Jahr 1980. Es handelt sich um den damals 18-jährigen Willie Ramirez, der in einem komatösen Zustand in ein Krankenhaus in Florida eingeliefert wurde. Seine Familie, die nur spanisch sprach, versuchte den Sanitätern und Ärzten, die ihn behandelten, seinen Zustand zu beschreiben. Die Übersetzung wurde von einem zweisprachigen Mitarbeiter durchgeführt, der das spanische Wort „intoxicado“ mit „berauscht“ übersetzte. Das Wort „intoxicado“ bedeutet hingegen „vergiftet“ und nicht wie z.B. von Drogen- oder Alkoholkonsum „berauscht“. Die Familie von Willie Ramirez glaubte an eine Lebensmittelvergiftung, da er am Tag zuvor einen Burger außer Haus gegessen hatte. Der Notarzt ging davon aus, dass Willie absichtlich eine Überdosis an Drogen genommen hatte, da Willies damalige Freundin über einen Streit zwischen den beiden berichtete. Es wurde kein professionaler Dolmetscher engagiert, sondern das zweisprachige Krankenhauspersonal. Alle Parteien gingen davon aus, die Sachlage richtig verstanden zu haben. Willie litt tatsächlich an einer intrazerebralen Blutung, doch die Ärzte gingen so vor, als ob er an einer absichtlichen Überdosierung litt, die zu einigen seiner Symptome führen konnte. Die behandelnden Ärzte bekamen die Blutung erst mit, als es schon viel zu spät war. Ganze 36 Stunden wurden die Anzeichen einer interzerebralen Blutung übersehen. Aufgrund der Verzögerung der Behandlung wurde Ramirez querschnittsgelähmt. Er erhielt eine Abfindung in Höhe von 71 Millionen US-Dollar. Der einst so erfolgreiche Baseballspieler und Architektur Student konnte nie wieder laufen (vgl. Price-Wise, 2015). Wie konnte das passieren? Ist es im medizinischen Bereich üblich Laien zu engagieren? Und wenn ja, welche Folgen sind damit verbunden? Hätte das ein professioneller Übersetzer verhindern können und wie wichtig ist Risikomanagement für Menschenleben aus medizinischer Sicht wirklich? Mit diesen Fragen möchte ich mich in folgender Hausarbeit befassen und die Wichtigkeit eines professionellen Dolmetschers im medizinischen Bereich veranschaulichen. Des Weiteren möchte ich auf den Begriff Community Interpreting eingehen und ermitteln, ob und inwiefern Dolmetscher in medizinischen Einsätzen gleichzeitig Kulturmittler sind. Zum Schluss wird anhand von typischen Fehlern professioneller und nicht-professioneller Dolmetscher darauf eingegangen, wie man so einen drastischen Fehler hätte verhindern können.

2 Laiendolmetscher vs. Professionelle Dolmetscher

Dolmetschen im Gesundheitsbereich ist ein komplexes Thema, das von vielen Seiten beleuchtet werden kann. In diesem Kapitel möchte ich auf den Unterschied zwischen Laiendolmetschern und professionellen Dolmetschern im medizinischen Bereich eingehen und diesen Vergleich auf Willies Geschichte beziehen. Für das Dolmetschen im Gesundheitsbereich sollten für den je nach Einsatzbereich relevante Kompetenzen erworben und stetig trainiert werden. Für professionelle Dolmetscher stellt dies eine Selbstverständlichkeit dar. Sprachbarrieren können den Erfolg von Gesundheitssystemen aufs Spiel setzen (vgl. Price- Wise 2015). Eine Möglichkeit, diese Sprachbarrieren zu verringern oder sogar gänzlich zu überwinden, ist der Einsatz von DolmetscherInnen. Die bereits in der Einleitung geschilderte Geschichte zeigt, dass es vorkommen kann, dass jene Personen, die in medizinischen Settings eine Vermittlertätigkeit übernehmen, zumeist ad hoc-DolmetscherInnen sind, also nicht ausgebildete Personen aus dem Familien- und Bekanntenkreis der PatientInnen oder (nicht-medizinisches) Personal der Institution, in der die Dolmetschung stattfindet. Gründe dafür führen auf anfallende Kosten, aber auch mangelndes Bewusstsein unter den Beteiligten und Verantwortungsträgern zurück, die sich der Wichtigkeit professioneller DolmetscherInnen oft nicht bewusst sind (vgl. Barkowski 2007:31ff.).

2.1 Laiendolmetscher

„Als nicht-professionelle gelten die Angehörigen und Freunde des Patienten, das zweisprachige Krankenhauspersonal, externe ungeschulte Dolmetscher, kurzum alle, die keine Ausbildung im Dolmetschen oder im medizinisch-sozialen Dolmetschen genossen haben.“ (Allaoui, 2005: 40)

Im folgenden zählt Allaoui (2005) auf, welche Personen im Krankenhaus für Dolmetschungen herangezogen werden:

- Begleitpersonen der PatientInnen, wie Kinder, Verwandte, FreundInnen und NachbarInnen;
- zweisprachiges medizinisches Krankenhauspersonal – oftmals „Sprachpool“ genannt – wie ÄrztInnen, KrankenpflegerInnen, medizinisch-technische AssistentInnen;
- zweisprachiges nicht-medizinisches Krankenhauspersonal, wie Putzpersonal, TransportfahrerInnen, HandwerkerInnen;
- angestellte bzw. freiberufliche DolmetscherInnen (vgl. Allaoui 2005:18).

Das Einsetzen von nicht-professionellen Dolmetschern im Gesundheitswesen bringt viele Schwierigkeiten mit sich, denn es kann zu erheblichen Folgen kommen. Zu diesen Folgen zählen: Für die Patienten erschwerter Zugang zu Prävention, Anamnese, Diagnose, Therapie, Rehabilitation und Information. Im Allgemeinen kann eine defizitäre Versorgung der betroffenen Patienten Folge sein (Barkowski 2007:31). Eine Gefahr besteht darin, dass der Laie aufgrund fehlender Neutralität, Äußerungen des Patienten bzw. der Familienangehörigen stark verkürzt oder gar nicht wiedergibt. Um einen Bezug mit Willie Ramirez herzustellen, dürften Fehldiagnosen nicht außer Acht gelassen werden. In Kontrast stehen die zusätzlichen Kosten, die für das Gesundheitssystem anfallen würden. Schlimmstenfalls können der behandelnde Arzt bzw. Mitarbeiter des Gesundheitswesens für seine falsche Übersetzung haften. Wie bereits erwähnt, hat Willie einen Schadensersatz von 71-Millionen Euro erhalten. Anders als ein weitgehend auf Neutralität bedachter professioneller Dolmetscher nehmen Laien bewusst und/ oder unbewusst Einfluss auf den Inhalt und den Verlauf des Gesprächs. In erster Linie geschieht dies durch Verzerrung, beispielsweise durch inhaltliche Fixierungen und mangelnde Beherrschung der Fachausdrücke. Durch das eigenständige und meist unreflektierte Agieren der Laiendolmetscher kann es zu einer Um- und Ablenkung der ärztlichen Handlungsabsichten kommen (vgl. Pöchhacker 2000:277).

Laut Ebden bereiten Laiendolmetscher einige Ausdrücke besondere Schwierigkeiten. Es werden anatomische Begriffe häufig ungenau wiedergegeben. Sie werden entweder verallgemeinert oder konkretisiert: z.B. Bein statt Knöchel, Backenzähne statt Kiefer, Hals statt Mandeln, Brust statt Rippen. Wir erinnern uns an „berauscht“ statt „vergiftet“. Im Übrigen werden Symptome falsch übersetzt, z.B. Abführmittel statt Durchfall, wässriger Stuhl statt Wasserlassen usw. Auch Fachbegriffe stellen oft eine Problematik dar: z.B. „verrückt sein“ statt „epileptischer Anfall“ (Ebden et al. 1988:347).

2.1.1 Verwandte, Freunde und Bekannte

In Willies Fall versuchte ein Laie zwischen Familienangehörigen und Krankenhauspersonal zu vermitteln. Ihm wurde ein einziges Wort zum Verhängnis. Ein falscher Freund. Welche Fehler hätten einem Mitglied der Ramirez Familie in einer Dolmetscherrolle passieren können?

Familienmitglieder sind nicht selten emotional beteiligt. Sie könnten schnell mit der Dolmetscherrolle überfordert sein. Für eine gelungene Kommunikation ist eine gewisse Distanz unabdingbar (vgl. Allaoui., 2005: 41).

Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte verfügen in der Regel nicht über die notwendigen sprachlichen Fähigkeiten, die für einen professionellen Dolmetscher von essenzieller Bedeutung sind. In Bezug auf Willies Familie neigen insbesondere Familienangehörige dazu, direkt auf Fragen zu antworten, sodass eine Verschiebung der Gesprächsrollen erfolgt (Ebd. 2005:50). Sie haben zumeist keinerlei Erfahrung oder Kenntnis von medizinischen Inhalten und dem notwendigen Fachvokabular, was auf Willies Geschichte zurückzuführen ist. Hinzu kommt, dass sie als Dolmetscher einen Vertrauensbruch gegenüber dem Patienten bedingen könnten, der möglicherweise keinesfalls seine Verwandten, Freunde oder Bekannte über seine gesundheitlichen

Probleme informieren möchte. Der Einsatz von Laiendolmetschern wie Verwandten (auch Kindern), Freunden, Bekannten oder Fachkräften vor Ort, die im Dolmetschen nicht aus- bzw. fortgebildet sind (z. B. zweisprachigem Klinikpersonal) bedeutet oft eine Verletzung der Fürsorgepflicht gegenüber dem Patienten, die auch rechtliche Folgen haben kann. So verfügen Laiendolmetscher in der Regel weder über die notwendigen sprachlichen Kenntnisse in der Muttersprache bzw. der Fremdsprache noch über die für die Dolmetschtätigkeit gerade in diesem Bereich relevanten Kompetenzen (Transparenz, Un- bzw. Allparteilichkeit, Verschwiegenheit, Kulturmittlung) (vgl. Barkowski 2007: 45 ff.). Laut Barkowski besteht eine weitere Gefahr darin, dass der unprofessionelle Dolmetscher die Wichtigkeit von Patientenäußerungen für den Arzt nicht beurteilen kann, da ihm das medizinische Hintergrundwissen fehlt (Ebd. 2007:46). Willie war bereits bewusstlos als er in ein Krankenhaus kam. Er konnte sich nicht äußern und somit kein Arzt-Patienten Gespräch führen. Laien zu beauftragen kann eine Gefahr darstellen, denn sie können Informationen auslassend und gar verändern. Vor allem stellt dies eine Gefahr dar, wenn Familienangehörige oder Bekannte den Krankheitsfall schildern.

Shackman (1984) bietet hierfür ein sehr gutes Beispiel. Er berichtet von einem Fall, bei dem eine italienische Frau Kopfschmerzen hatte und kein Arzt die Ursache herausfand. Ihr Mann dolmetschte jedes Mal für sie. Bei einem italienischsprachigen Psychiater stellte sich schließlich heraus, dass sie Kopfschmerzen hatte, weil ihr Mann sie schlug. Ihr Mann hatte also seine Rolle als Dolmetscher nicht wahrgenommen, weil er sein eigenes Tun verschweigen wollte: Er war also nicht neutral. Willies Familienangehörige haben zwar keinen Dolmetscher gespielt, dennoch vermittelten sie Informationen an den Laien und an die Ärzte. Price-Wise zufolge berichtete Willies damalige Freundin den Ärzten von einem Streit, wodurch sie wieder auf eine Berauschung statt Vergiftung hindeutete (vgl. Shackman 1984).

2.1.2 Mitarbeiter im Gesundheitswesen

Krankenhauspersonal bzw. Mitarbeiter im Gesundheitswesen sind zwar als Dritte emotional nicht beteiligt, stellen jedoch keinen Ersatz für einen professionellen Dolmetscher dar, denn sie besitzen häufig nicht die für das Dolmetschen erforderlichen Kompetenzen und Erfahrungen in der Anwendung von Dolmetschertechniken. Außerdem verfügen sie oft entweder in einer oder in beiden Sprachen nicht über die notwendigen Kenntnisse des medizinischen Fachvokabulars. Daher können sie meistens nur in eine Richtung relativ gut dolmetschen. Sie tragen wie jeder Dolmetscher ein nicht erhebliches Haftungsrisiko, da Patienten, wie in Willies Fall, zu Schaden kommen könnten. Laut Barkowski können Mitarbeiter im Gesundheitswesen oft während des Dolmetschens ihrer eigentlichen Arbeit nicht nachgehen, da diese dann unter Umständen unerledigt bleibt (vgl. 2007: 48). In einem Krankenhaus wird also ausgegangen, dass zweisprachiges Personal aufgrund seiner Bilingualität zusätzlich zu seinem eigentlichen Beruf die Funktion des Dolmetschers zur (Wieder-) Herstellung von Kommunikation zwischen ausländischen Patienten und Professionellen im Krankenhaus übernehmen kann. Anders als bei professionellen Dolmetschern wird die Kompetenz der Zweisprachigkeit beim Personal nicht geprüft (Pöchhacker 2000).

2.2 Professionelle Dolmetscher

Sprachliche Barrieren, die im Krankenhaus entstehen können, sollen mithilfe eines professionellen Dolmetschers beseitigt werden.

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Details

Seiten
22
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346036056
ISBN (Buch)
9783346036063
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v501373
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,5
Schlagworte
risiken dolmetschens bereich wort

Autor

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Titel: Risiken des Dolmetschens im medizinischen Bereich