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Bildung. Verstärkt Schule die soziale Ungleichheit?

Hausarbeit 2019 17 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen
2.1 Chancengleichheit
2.2 Bildungsungleichheit
2.3 Chancenspiegel

3 Formen der Bildungsungleichheit
3.1 Schichtspezifische Bildungsungleichheit
3.2 Zusammenhang Bildungsungleichheit und Migrationshintergrund
3.3 Geschlechtsspezifische Bildungsungleichheit
3.4 Privatschulen

4 Ursachen und Konsequenzen der Bildungsungleichheit
4.1 Ursachen für Bildungsungleichheit
4.2 Verstärkung der sozialen Ungleichheit durch das Schulsystem
4.3 Konsequenzen

5 Fazit

Quellen

1 Einleitung

Bildung ist ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor für beruflichen Erfolg, individuelle Lebenschancen, Partizipation im politischen, kulturellen und sozialen Kontext sowie für die Selbstverwirklichung. Es ist mehrfach empirisch belegbar, dass die Chancen hierauf mit dem Bildungsabschluss zusammenhängen (Vgl. Geißler, Menges 2010, S. 155) Teilhabechancen werden durch Bildungsarmut verwehrt. (Vgl. Solga, Dombrowski 2009, S. 7)

Bildungsinstitutionen sind dafür verantwortlich Chancengleichheit herzustellen. (Vgl. Wernstedt, John-Ohnesorg 2008, S. 5) Als Ziele des Bildungssystem beschreibt der erste Nationale Bildungsbericht im Jahr 2006 die Sicherung der Humanressourcen, die Entwicklung von Autonomie und individueller Regulationsfähigkeit und die Förderung gesellschaftlicher Chancengleichheit und Teilhabe. (Vgl. Wernstedt, Ohnesorg 2008, S. 19) Seit Mitte der 1970er Jahre wurde die These der Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem verbreitet, doch wurde diese durch die Ergebnisse der Pisa-Studie widerlegt. (Geißler, Menges 2010, S. 155) Ein zentraler Befund der Pisa-Studie aus dem Jahr 2000 lautete, „Dass in keinem Land der OECD der Bildungserfolg so massiv vom sozialen Hintergrund des Einzelnen abhängt wie in Deutschland.“ (changenspiegel) . Die Studien machen zudem „darauf aufmerksam, dass institutionelle – und damit gesellschaftlich gestaltbare – Merkmale von Schulsystemen das Ausmaß von Bildungsungleichheit mit bestimmen.“ (Solga 2008, S. 2) Auch 2018 hat sich dieses Problem nicht beseitigen lassen, wie eine neuere Pisa-Studie belegt. Nach wie vor ist in Deutschland die soziale Herkunft maßgeblich mitentscheidend für die Bildungschancen, auch wenn sich die Kluft zwischen guten und schlechten Schülern verringert hat. (Vgl. Gillmann 2018)

Ein alarmierender Befund lautet auch, dass Kinder aus höheren sozialen Schichten fünf Mal so oft eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen, wie sozialschwache Kinder. (Vgl. Solga 2008, S. 1) Hermann Giesecke kommt somit zu dem Schluss, dass Schule die soziale Ungleichheit verstärken würde. (Vgl. Giesecke 2003) Diese Arbeit soll diese These behandeln und geht dazu zuerst auf die Definitionen der Worte Chancengleichheit und Bildungsungleichheit ein, dabei sollen explizit primäre und sekundäre Herkunftseffekte erklärt werden. Danach wird der Chancenspiegel vorgestellt. Der darauffolgende Teil geht auf den Zusammenhang zwischen Bildungsungleichheit und sozialer Herkunft, Migrationshintergrund und Geschlecht ein. Der darauffolgende Abschnitt wird sich mit Privatschulen auseinandersetzen. Nach diesem Teil sollen Erklärungsansätze für soziale Ungleichheiten bei Bildungzugängen erläutert werden. Daraufhin soll sich konkret mit der These beschäftigt werden, dass Schule die soziale Ungleichheit verstärkt. Der letzte Teil wird sich mit den Konsequenzen beschäftigen, die daraus gezogen werden können.

2 Definitionen

2.1 Chancengleichheit

„Ganz allgemein gesprochen besagt das Prinzip der Chancengleichheit, dass alle Bürgerinnen und Bürger die gleiche Chance bekommen sollen, möglichst viel aus ihrem Leben zu machen. In all jenen Bereichen und Situationen des gesellschaftlichen Lebens, in denen begehrte Ressourcen, Positionen oder Lebensverhältnisse knapp sind und daher Menschen um sie konkurrieren, soll niemand wegen seiner sozialen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner Religionszugehörigkeit oder wegen anderer persönlicher Merkmale im Vorteil oder im Nachteil sein.“ (Hopf, Edelstein 2018) Besserstellung in der Gesellschaft soll laut Hopf und Edelstein nur durch einen fairen Wettkampf erlangt werden, in dem zu Beginn jeder die gleiche Chance hat durch Leistung und Anstrengung zu den Gewinnern aufzusteigen. Man spricht in diesem Kontext auch von dem meritokratischen Prinzip. (Vgl. Hopf, Edelstein 2018)

2.2 Bildungsungleichheit

Mit Bildungsungleichheit sind laut Müller und Haun Differenzen im Bildungsverhalten sowie den erzielten Abschlüssen oder Bildungsgängen von Schülern unterschiedlicher sozialer Herkunft gemeint. Soziale Bildungsungleichheit ist somit ein Konstrukt, welches den Zusammenhang zwischen den persönlichen Bildungschancen und der Schichtzugehörigkeit beschreibt. (Vgl. Schlicht 2011, S. 35)

In der empirischen Bildungsforschung unterscheidet man zwischen zwei Konzepten der Bildungsungleichheit: Primären und sekundären Herkunftseffekten. „Von primären Herkunftseffekten ist die Rede, wenn ungleiche Schulleistungen von Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft die Ursache für Bildungsungleichheiten im späteren Lebensverlauf sind.“ (Solga 2008, S.2)

Sekundäre Herkunftseffekte beziehen sich darauf, warum es trotz gleichen Leistungen in der Schule Differenzen in den Bildungsentscheidungen für Schüler der verschiedenen Schichten gibt. Laut Solga sind primäre und sekundäre Herkunftseffekte „eng miteinander verwoben“: Schichtspezifische Entscheidungen zum Bildungsweg von Schülern beeinflussen die Chancen der Leistungsentwicklung. „Schichtspezifische Unterschiede in den Leistungen können durch schichtspezifische Entscheidungen bzw. Bildungsaspirationen (Erwartungen an die zukünftige Bildungskarriere von Kindern) verstärkt werden.“ (Solga 2008, S.2)

Jacobs spricht von drei weiteren Konzepten der Bildungsungleichheit, „die sich auf verschiedene Definitionen des Bildungserfolgs beziehen: Ungleichheit im Bildungszugang, Ungleichheit im Bildungsprozess und Ungleichheit im Bildungsergebnis.“ (Schlicht 2011, S. 36)

2.3 Chancenspiegel

Der Chancenspiegel misst Leistungsfähigkeit sowie Chancengerechtigkeit im deutschen Schulsystem. „Er ist eine quantitative Bestandsaufnahme.“ (Bildungsserver) In einer Studie aus dem Jahr 2017 der Bertelsmann Stiftung, der IFS (Institut für Schulentwicklungschancen) der Technischen Universität Dortmund (Vgl. Bildungsserver), sowie des Instituts für Erziehungswissenschaften wurden die Entwicklungsbedarfe und Stärken der Bundesländer verglichen. Dabei wurde zwischen vier Indikatoren unterschieden: Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und Zertifikatsvergabe. Indikatoren hierfür waren zum Beispiel der Anteil von Schülern mit besonderem Förderbedarf, der Anteil an Ganztagsschulen, der Anteil der Schüler, die nach der fünften Klasse auf das Gymnasium wechseln, der Anteil der Schüler, die in der Sekundarstufe wiederholen müssen, Lese- und Mathematikkompetenz, der Anteil der ausländischen Abgänger ohne Hauptschulabschluss sowie der Anteil der Absolventen mit Abitur. (Vgl. Chancenspiegel)

In einer Zwischenbilanz wird veröffentlicht, dass es Fortschritte durch „weniger Schulabbrecher, höhere Durchlässigkeit und mehr Abiturienten" (chancenspiegel 2017, S.7) gibt, die auf Veränderungen in der Schulpolitik zurückgeführt werden. Auch die Chancen von benachteiligten Schülern sollen sich verbessert haben, auch wenn diese immer noch eine Problematik darstellen. Soziale Herkunft sei dabei laut den Autoren ein wichtiger Indikator dafür. So sei zum Beispiel die Lesekompetenz von benachteiligten Neuntklässlern zwei Jahre hinter der von Schüler ohne Benachteiligung. (Vgl. Chancenspiegel 2017, S.7)

3 Formen der Bildungsungleichheit

3.1 Schichtspezifische Bildungsungleichheit

In fast keinem Land hängt der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. (Vgl. Chancenspiegel) „Deutschland gehört [außerdem] zur Spitzengruppe derjenigen Gesellschaften, wo die Leistungen zwischen dem oberen und unteren Quartil der sozioökonomischen Statushierarchie am weitesten auseinanderklaffen.“ (Geißler, Menges 2010, S. 157)

Gering qualifizierte Eltern können zum Ausgangspunkt von Bildungsungleichheit werden, sie gelten allerdings nicht als Ursache. Man spricht in diesem Kontext von intra- und intergenerationale Reproduktion von sozialer Ungleichheit. (Vgl. Solga, Dombrowski 2009, S.7) Seit 50 Jahren konnten Schüler und Schülerinnen aus den unteren sozialen Schichten ihre Bildungschancen nur gering erhöhen, trotz der stetigen Bildungsexpansion. Der Anteil von Gymnasialbesuchen ist in höheren sozialen Schichten deutlich größer (Vgl. Hradil 2012)

Ein Faktor für die Vergrößerung von sozialer Ungleichheit kann zum Beispiel Nachhilfeunterricht darstellen, so ist belegt, dass in Westdeutschland mehr Eltern mit einem höheren Bildungsabschluss Nachhilfe finanzieren. Auch wird die Nachhilfe dort eher von Schülern genutzt, die das Abitur anstreben, als von Hauptschulabsolventen. In Ostdeutschland trifft das beides nicht zu. (Vgl. Solga, Dombrowski 2009, S.36f.)

„In Anlehnung an das Matthäus-Prinzip lässt sich sagen: Wer am meisten hatte, dem wird das meiste dazu gegeben.“ (Geißler, Menges 2010, S. 156)

Deutlich wird dieser Unterschied auch bei der Empfehlung für das Gymnasium, so erhalten Kinder bei gleichen kognitiven Grundfähigkeiten und gleicher Lesekompetenz „eine fast fünf-mal höhere Chance, eine Gymnasialempfehlung von ihren Grundschullehrern zu erhalten.“ (Solga 2008, S. 4f.) Das führt zu ungleichen weiteren Lerngelegenheiten, die von der Herkunft des Schülers oder der Schülerin abhängen, da der Schultyp dadurch bestimmt wird. Außerdem fechten Eltern aus höheren sozialen Schichten häufiger das Urteil des Lehrers an, indem sie von ihrem Elternrecht Gebrauch machen. Die Pisa-Studie zeigt auch, dass Eltern aus schwächeren Sozialschichten eher die Meinung vertreten, dass sie durch die Schulen und Lehrer ihrer Kinder gut beraten sind und relevante Informationen zu der Leistungsentwicklung bekommen. (Vgl. Solga 2008, S. 4)

Auch in der weiterführenden Schule besteht eine enge Verbindung zwischen dem Kompetenzerwerb in Mathematik, Naturwissenschaften sowie Lesen und dem sozioökonomischen Status der Eltern. (Vgl. Buddeberg 2011, S. 9)

Prof. Dr. Bald In unterscheidet zwischen einer primären, sekundären, tertiären und vierten Benachteiligung von Kindern aus unteren sozialen Schichten. Die primäre Benachteiligung besteht darin, das Schüler*innen aus bildungsfernen Milieus weniger Unterstützung von den Eltern erhalten und schlechtere Voraussetzungen mitbringen, als Kinder aus höheren sozialen Schichten. Die sekundäre und tertiäre Benachteiligung bezieht sich auf die Empfehlung für das Gymnasium, während die Vierte sich auf „[d]ie frühe Aufteilung in hierarchisch gegliederte Schulformen und die damit einhergehenden schulischen Auslesemechanismen […]“ (Wernstedt, John-Ohnesorg 2008, S. 12) bezieht, welche die soziale Segregation der Heranwachsenden fördern. In Ländern, in denen die Aufteilung zu einem frühen Zeitpunkt beginnt, „bestehen große sozioökonomische Ungleichheiten, ohne erkennbare Vorteile für die Qualität der Leistung.“ (Wernstedt, John-Ohnesorg 2008, S. 12)

Laut Hillmert und Jacob ist der Herkunftseffekt beim Übergang nach der Grundschule deutlich stärker, als bei der Aufnahme eines Studiums oder einer Ausbildung. (Vgl. Hillmert, Jacob 2006, S. 2187) Jedoch fällt die Chance später ein Studium aufzunehmen bei Kindern aus Akademikerfamilien höher aus. (Vgl. Hillmert, Jacobs 2006, S. 2198) Auch die Rate der Wiederholer in der Grundschule fällt bei Kindern aus unteren sozialen Schichten mit 16 % laut der Pisa-Studie im Jahr 2009 deutlich höher aus als beim Durchschnitt, der bei 9 % liegt. (Vgl. Buddeberg 2011, S. 7)

Es ist festzustellen, dass Schüler und Schülerinnen aus den unteren sozialen Milieus sowohl in der Förderung und Entwicklung ihrer Kompetenzen, wie auch in der Umsetzung ihrer Kompetenzen in äquivalente Zertifikate und Bildungswege benachteiligt sind. (Vgl. Solga, Dombrwoski 2009, S. 15)

3.2 Zusammenhang Bildungsungleichheit und Migrationshintergrund

Während bis 2004 von ausländischen Kindern die Rede war, sind heute mit dem Begriff Kinder mit Migrationshintergrund all jene gemeint, die entweder selbst oder „bei denen mindestens ein Elternteil nach Deutschland zugewandert ist – unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft.“ (Solga, Dombrwoski 2009, S. 16) Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund liegt in Deutschland mit 28 % 5 % über dem OECD-Schnitt. Die Hälfte der Betroffenen sind dabei Migranten zweiter Generation. (OECD 2018) Bei einem Drittel der Schüler und Schülerinnen ist nur ein Elternteil im Ausland geboren. Und 13 Prozent sind selbst im Ausland geboren uns gehören somit zur ersten Migrantengeneration. (Vgl. Warnecke 2018)

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Details

Seiten
17
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346031983
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v501375
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Erziehungswissenschaften
Note
14
Schlagworte
Soziale Ungleichheit Bildung Schule Schüler Bildungsforschung

Autor

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Titel: Bildung. Verstärkt Schule die soziale Ungleichheit?