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Fundamentalistischer Terrorismus und die Auswirkungen auf die aktuelle Geopolitik

von Philipp Wagner (Autor) Ulla Bläsing (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 63 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Definition und Aufgabenstellung der Geopolitik

2 Die Entstehung der neuen Welt(Un)ordnung

3 Geopolitische Leitbilder
3.1 Jean-Christophe Rufin: „Der Neue Limes“
3.2 Samuel Huntington: „The Clash of Civilization“

4 Fundamentalismus

5 Das islamische Weltbild
5.1 Islam und Islamismus
5.1.1 Die Scharia
5.1.2 Der Dschihad
5.2 Entstehung des Islamismus

6 Terrorismus
6.1 Terror und Terrorismus
6.2 Terrorismus – Definition und Wurzeln
6.2.1 Nationaler Terrorismus
6.2.2 Internationaler Terrorismus
6.2.3 Transnationaler Terrorismus
6.2.4 Weitere Unterscheidungen

7 Osama bin Laden und die Al Qaida

8 Reaktionen auf den 11. September

9 9/11 und die Auswirkungen auf die US-Geopolitik
9.1 Politische Leitlinien der neuen US-Außen- und Geopolitik
9.2 Internationale Auswirkungen der neuen US-Geopolitik

10 Global Governance

11 Schlussbemerkung

12 Literaturverzeichnis

Anmerkung:

Diese Arbeit ist eine Zusammenstellung der Einzelarbeiten von Ulla Bläsing (Kapitel 4-8) und Philipp Wagner (Kapitel 1-3 und 9-10).

Einleitung

„Der 11. September hat die Welt in eine gefährliche Zukunft gestoßen. Wir haben jetzt die schreckliche Gewissheit, dass kein Land in der globalisierten Welt unverwundbar ist, und dass zum Mord und Selbstmord entschlossene Feinde mitten unter uns jederzeit einen furchtbaren Massenmord verüben können. Diese unheimliche, fürchterliche Gefahr hat mit einem Schlag die Grundlagen bisheriger Sicherheitspolitik dramatisch verändert.“

Bundesaußenminister Fischer vor der 56. UN-Generalversammlung in New York am 12. November 2001.

1 Definition und Aufgabenstellung der Geopolitik

Für ein besseres Verständnis des in dieser Arbeit verwendeten Begriffes „Geopolitik“ ist es nötig, ihn in den Gesamtkontext der Geographie und in das Verhältnis zu den der Geographie benachbarten Disziplinen einzuordnen und genauer zu definieren.

Die Bezeichnung Geopolitik wurde erstmals von dem schwedischen Staatsrechtler Rudolf Kjellén in seinem „System der Politik“ (1917) verwendet und basierte auf dem Werk des deutschen Geographen Friedrich Ratzel („Politische Geographie“, 1897). Kjellén verstand die Geopolitik als „die Lehre über den Staat als geographischen Organismus oder Erscheinung im Raum“ (Kjellen 1917 zit. nach Ante 1981, S.8) und erreichte mit dieser Darstellung trotz der Kritik an dem Organismus-Vergleich erstmals die Verknüpfung der Staatslehre mit der geographischen Raum-Komponente.

Die übertrieben geodeterministische Betrachtungsweise des deutschen Geographen Karl Haushofer in seiner späteren Weiterentwicklung der Geopolitik (1925), in der er die Politik allein den räumlichen Einflussfaktoren ausgesetzt sah, mündete in großen Teilen in die nationalsozialistische Lebensraumpolitik. Die ideologische und propagandistische Verwendung dieser geopolitischen Überlegungen in der nationalsozialistischen Politik führte zu einer langandauernden Diskreditierung der Disziplin Geopolitik.

Vor allem im deutschsprachigen Raum war die Geopolitik seit diesen Ereignissen sehr negativ behaftet und fand in dieser Begrifflichkeit kaum noch Verwendung in Forschung und praktischen Anwendungen. Vielmehr bildeten sich im Laufe der Zeit eine Reihe von Synonymen und Ersatzbegriffen (siehe Abbildung 1, S. 6), die sich zum Teil in ihren Ansätzen und ihren Definitionsweisen unterschieden, sich aber mit sehr ähnlichen Fragestellungen beschäftigten

Im Vergleich zu dem eher zurückhaltenden Gebrauch der Geopolitik im deutschsprachigen Raum, fand in der anglo-amerikanischen Wissenschaft und Politik sehr viel schneller wieder eine Rückkehr zu geopolitischen Fragestellungen und Arbeiten statt. Die politischen Entwicklungen und Veränderungen der späten 1980er und frühen 1990er Jahre sorgten aber dafür, dass die Geopolitik allmählich auch wieder in den deutschsprachigen Ländern Verwendung fand. Allerdings besteht in diesen Ländern aufgrund des langen „Leerlaufes“ ein wesentliches Defizit an Arbeiten und praktischen Erfahrungen, das es, bedingt durch die enorme Aktualität geopolitischer Fragestellungen, in den nächsten Jahren aufzuarbeiten gilt.

Abbildung 1: Synonyme und Ersatzbegriffe für die Geopolitik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung (nach Entwurf von Brill, 1981, S.21)

Diese Arbeit verwendet die in H. Brills „Geopolitik“ aufgeführten Definitionen der Geopolitik. Laut Webster´s New Encyclopedic Dictionary ist die „Geopolitik die Untersuchung des Einflusses von Faktoren wie Geographie, Ökonomie und Bevölkerungszahl auf die Politik, insbesondere die Außenpolitik eines Staates“ (Webster´s New Encyclopedic Dictionary 1990 zit. nach Brill 1994, S. 20f). Im Wesentlichen richtet sich die Arbeit aber nach der Definition von Yves Lacostes, der die Geopolitik als Instrument zur Analyse der Rivalität um Macht und Raum (vgl. Brill 1994, S.21) beschreibt.

Der im politischen Sprachgebrauch und in den Medien aktuell häufig genutzte Begriff der Geopolitik wird in den meisten Fällen im Zusammenhang mit ebendiesen welt-, sicherheits- und machtpolitischen Fragestellungen verwendet. Diese sprachliche Verwendung deckt sich auch mit den Aufgabenstellungen der Geopolitik, die Brill in den folgenden Bereichen sieht:

Zusammenschau und kritische Analyse der jeweiligen weltpolitischen Situation

Programmatik

Herauslösen des spezifisch „Weltpolitischen“ aus der Weltwirtschaft, den Weltreligionen, der Weltzivilisation und anderen Weltfaktoren

Prognostik

Brückenschlag von der Theorie zur Praxeologie und umgekehrt

(Brill 1994, S. 30f)

Die Geopolitik ist eine geographische Disziplin, die in ihrer Verwendung und Fragestellung, wie es schon der Name erkennen lässt, sehr enge Verbindungen zu den Politikwissenschaften aufweist. Aber auch Teilbereiche anderer Disziplinen wie unter anderem der Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Geschichts–, Kultur– und Religionswissenschaften fließen mit in die Analyse des globalen Raum-Politik-Macht-Gefüges und dem Entwurf von geopolitischen Situationsbeschreibungen ein.

Von besonderer Bedeutung für die Aufgabenstellung der aktuellen Geopolitik ist die Berücksichtigung der fortschreitenden Globalisierung, den immer komplexer werdenden internationalen Verflechtungen und den sich daraus ergebenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen. Hierbei sind es vor allem die Prozesse der räumlichen Entankerung, der nationalstaatlichen Entgrenzung und das neue Verhältnis zu einer eigenen kulturellen Identität, die maßgeblich verändernd auf das politische Weltgefüge einwirken und aus diesem Grunde auch in den neuen geopolitischen Analysen und Szenarien eine Berücksichtigung finden müssen.

2 Die Entstehung der neuen Welt(Un)ordnung

Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 ist nicht nur in der deutschen Geschichte ein wichtiges Ereignis. Das Ende des „Eisernen Vorhangs“ kann vielmehr auch als ein Symbol für die Veränderungen in der internationalen politischen Landschaft betrachtet werden, war die deutsche Wiedervereinigung doch eine Folge des Niedergangs der Supermacht Sowjetunion und ihrer späteren Auflösung 1991.

Das Ende der Supermacht Sowjetunion bedeutete neben der Wiedervereinigung Deutschlands aber auch das Ende für das über 40-jährige System der bipolaren Weltordnung. Über lange Zeit des Kalten Krieges hatten die Supermächte Sowjetunion und die Vereinigten Staaten von Amerika in einem mehr oder weniger ausgeprägten Gleichgewicht der atomaren Abschreckung die Ordnung auf der politischen Landkarte maßgeblich gesteuert und beeinflusst. Nach dem Zeitalter des Rüstungswettlaufes und der Stellvertreterkriege (u.a. Korea- und Vietnamkrieg) befindet sich die politische Welt aber nun in einer völlig neuen Situation – die USA als allein verbleibende, weltweite Supermacht.

Schon aufgrund dieser Sachlage ergaben sich zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts völlig neue Möglichkeiten und Ansätze für die weitere Entwicklung der Weltpolitik. Diese Perspektiven und Theorien waren in ihren Ansätzen sehr unterschiedlich und reichten von der Hoffnung auf eine „Friedensdividende“ und den Überlegungen eines „Zeitalter des Friedens“ bis hin zu sehr kriegerischen Weltszenarien.

Dass sich die erhoffte „Friedensdividende“ jedoch nicht auszahlte, zeigte sich unter anderem in dem kriegerischen Überfall Kuwaits durch irakische Streitkräfte, dem folgenden militärischen Eingreifen der internationalen Gemeinschaft und der Entstehung vieler anderer Konfliktfelder (z.B. Somalia) recht schnell.

Des Weiteren stellte sich heraus, dass die Auflösung der Supermacht Sowjetunion und des bipolaren Systems weitreichende politische Folgen hatte. Viele Staaten bzw. ethnische Gruppierungen innerhalb ihrer Bevölkerung, die in der Phase des Kalten Krieges unter dem Einfluss einer der Supermächte bzw. ihres Staates standen, entwickelten nun den Wunsch nach politischer Eigenständigkeit und begannen sich von ihrer bisherigen staatlichen Zugehörigkeit abzuspalten. Diese Erscheinungen des Regionalismus zeigten sich deutlich in den friedlichen Abspaltungen einzelner Staaten, wie zum Beispiel Estland, Lettland, Weißrussland oder der Ukraine, von der ehemaligen Sowjetmacht Russland. Die ehemaligen Ostblockstaaten öffneten sich im Zuge ihrer politischen Selbständigkeit demokratischen Grundprinzipien und versuchten sowohl den politischen als auch wirtschaftlichen Anschluss an den Westen zu finden.

Aber auch die kriegerischen Auseinandersetzungen ethnischer Gruppen im ehemaligen Jugoslawien oder die noch heute stattfindenden Abspaltungsbemühungen Tschetscheniens zur Gründung eines eigenen Staates sind mit auf den Zusammenbruch des sowjetischen Systems zurückzuführen.

Generell hat die Anzahl der Nationalstaaten seit dem Ende des Kalten Krieges stark zugenommen. Viele dieser neugegründeten Staaten erwiesen sich aber auch als sehr instabil und waren ständigen Veränderungen ausgesetzt, was zu einer neuen „Unübersichtlichkeit“ der politischen Landkarte führte. Gleichzeitig vollzog sich durch die Proliferation von technischem Know-how aber auch ein Aufstieg einzelner Länder zu einflussreicheren Atommächten (Pakistan, Indien). Einige weitere Nationen wie der Irak, Iran oder Nordkorea verfolgten bzw. verfolgen den Wunsch diesem Beispiel zu folgen, was auch gerade in der aktuellen Zeit wieder zu erheblichen politischen Spannungen führt. Auch wenn der exponierte Status der USA als weiterhin existente Supermacht in Folge dieser Veränderungen nicht direkt in Frage gestellt wurde, ergaben sich doch grundlegende Veränderungen der Machtverhältnisse.

Doch nicht nur im direkten Bereich der Politik ergaben sich enorme Veränderungen. Vor allem die fortschreitenden Prozesse der Globalisierung und der Internationalisierung der wirtschaftlichen Verflechtungen trugen wesentlich zu Entstehung einer „Weltunordnung“ bei.

Die fortschreitende technische Entwicklung (z.B. schnellere und kostengünstige Transport- und Kommunikationsmittel) und der Fall des Eisernen Vorhangs ermöglichten den international agierenden Wirtschaftsunternehmen einen weiteren Zugang zu neuen Produktionsstätten und Absatzmärkten. Die Wirtschaftsunternehmen stiegen infolge dessen immer mehr zu „Global Players“ auf und betrieben im Rahmen der neuen Möglichkeiten eine sich steigernde Internationalisierung der Produktion. Die Zerlegung und Verlagerungen der wirtschaftlichen Aktivitäten auf die international geeignetsten Standorte führten zu einer enormen „Vermehrung und Verdichtung grenzüberschreitender Interaktionen, die alle Staaten, Gesellschaften und Ökonomien in ein komplexes Geflecht von wechselseitigen Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten verstricken […]. Diese Verdichtung der Interpendenzen bedeutet auch einen Verlust an autonomen Handlungsspielräumen und eine Erosion von Souveränität nach innen und außen. Die zunehmende Entgrenzung der Staaten- und Wirtschaftswelt veränderte die Reichweite nationalstaatlicher Politik […]. Claus Koch (1995) entdeckte schon eine zunehmende „Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft“ angesichts der eigendynamischen Gesetzmäßigkeiten des Weltmarktes.“ (Nuscheler 2004, S. 89).

Als Reaktion auf die wachsende internationale Standortkonkurrenz, zur politischen Stabilisierung und zur Sicherung der eigenen Wirtschaft schlossen sich viele Staaten in Freihandelszonen zusammen (z.B. EU, NAFTA, MERCOSUR, COMESA). Diese wirtschaftlichen Zusammenschlüsse führten, im Verbund mit engeren politischen Kooperationen der jeweiligen Mitgliedsländer, zu einer Ablösung der „klar erkennbaren“ Bipolarität der politischen Außenbeziehungen während der Ära des Kalten Krieges, mit neuen und äußerst komplex zusammenhängenden, multipolaren Konstellationen.

Gleichzeitig zu der wirtschaftlichen und politischen Internationalisierung im Zuge der Globalisierung findet aber auch eine Marginalisierung von benachteiligten Staaten bzw. Regionen statt. Schafften die Newly Industrialized Countries (=NIC´s) Südostasiens noch den Anschluss an die wirtschaftliche Globalisierung zu finden, scheinen andere Gebiete der Erde (v.a. große Teile Afrikas) von der Weltwirtschaft ausgeschlossen. Diese Gebiete dienen häufig nur als Rohstofflieferanten für die globalisierte (westliche) Wirtschaft und können aber kaum von diesem Handel profitieren, was zu „einer Radikalisierung sozialer Ungleichheiten führt“ (Beck 1997 nach Nuscheler 2004, S. 91). Verbunden mit der gleichzeitig stattfindenden, weltweiten Ausbreitung westlicher Vorstellungen von Konsum- und Lebensstilen („Amerikanisierung der Weltkultur“) führt die wirtschaftliche Nicht-Berücksichtigung dieser Länder zu interkulturellen Spannungen, die sich, wie es die vermehrte Anzahl terroristischer Aktivitäten beweist und später auch der 11. September 2001 zeigen sollte, in radikalen und gewalttätigen Handlungen äußern können.

Nach Tibi besteht das Problem der interkulturellen Spannungen und der Ordnungsfrage auch darin, dass die Globalisierung die meisten Lebensbereiche erfasst hat, besonders die Weltwirtschaft, die Politik und das internationale Staatensystem, nicht aber die Kulturen und Zivilisationen. Für ihn ist das Ergebnis eine globalisierte, aber stark fragmentierte Welt. „Globalisierung ist strukturell, Fragmention kulturell, wobei sich in der kulturellen Fragmention die Mängel der strukturellen Globalisierung manifestieren.“ (Tibi 2002, S. 62)

Mit all diesen Ereignissen und Veränderungen nach dem Ende des Kalten Krieges drängte die Frage eines neuen „Prinzips der Weltordnung“ immer mehr in die Öffentlichkeit und das Zentrum des politischen Interesses. Ebenso wie nationale Politiker waren die großen Supranationalen Organisationen wie die Vereinten Nationen, die Europäische Union oder die NATO gefordert und zum Teil auch überfordert auf die neuen Gegebenheiten und Problemstellungen (Krisenherd Afrika, Völkermord in Jugoslawien, große Flüchtlingsströme, fortschreitende Globalisierung, Proliferation von Massenvernichtungswaffen) der neuen Ära zu reagieren. (vgl. Hacke 2003, S. 66ff)

Für diese Problemstellungen können geopolitische Leitbilder als Hilfestellung für die Politik dienen. Sie beschreiben und analysieren die aktuellen Gegebenheiten und veranschaulichen eine mögliche Entwicklung der weltpolitischen Situation und können so eine Orientierungshilfe darstellen.

Im Folgendende sollen nun exemplarisch die geopolitischen Leitbilder von Jean-Christophe Rufin und Samuel Huntington vorgestellt werden. Beide Autoren versuchen in ihren Entwürfen die komplexe Ausgangssituation der politischen Welt zu erfassen, um die vorhandenen Strukturen vereinfacht aber deutlich darzustellen.

3 Geopolitische Leitbilder

3.1 Jean-Christophe Rufin: „Der Neue Limes“

Rufin teilt in seinem Werk „Das Reich und die neuen Barbaren“ die Welt in die dem Titel entsprechenden zwei Einheiten – auf der einen Seite das mächtige und starke (westliche) Imperium des Nordens, welches sich mit den „Barbaren der Neuzeit“ auf der anderen Seite (= dem Süden) konfrontiert sieht. Nach dem Kalten Krieg und dem Zusammenbruch des Kommunismus haben sich die Gegensätze der Ost-West-Konfrontation entschärft und der Westen braucht, so sieht es Rufin in den Handlungen der Politik, die Bildung eines neuen Feindbildes, welches neue Gemeinsamkeiten zur Gefahrenabwehr und somit auch neue Möglichkeiten zur Definition einer gemeinsamen „Zivilisation des Nordens“ bietet. (vgl. Rufin 1991, S. 13f)

Rufin beschreibt Eigenschaftsunterschiede zwischen dem neu entstandenen Imperium (= EU, USA, Russland und Japan) und den „Barbaren“ (= die restlichen Staaten), welche die grundlegenden Gegensätze zwischen „dem Norden und dem Süden“ verdeutlichen und die Bezeichnung der „neuen Barbaren“ scheinbar rechtfertigt:

„Der erste der [westlichen] Werte ist die Einheit... Die Barbarei schreitet in entgegengesetzter Richtung voran: Teilung und Zersplitterung setzen sich unablässig fort und verschärfen sich.“

„Das Reich versteht sich als von Vernunft, Recht, Wissenschaft geleitet. Die Barbaren hingegen sind die Beute von Fanatismus, Willkür und Gewalt... In der neuen Barbarei breiten sich Gewalt und Irrationalität aus, ob nun von der Opposition oder der Regierung praktiziert.“

„Das Reich ist wohlhabend, es führt Buch, es mehrt seine Reichtümer. Die Barbaren sind arm und verschwenderisch.“

(Rufin 1991 zit. nach Nuscheler, S.13f)

Aufgrund dieser Unterschiede sieht Rufin eine gewollt fortschreitende „Abschottung“ des Nordens von den restlichen Staaten und eine Abkehr des Westens vom universellen Ziel einer weltweit gerechten Entwicklung. Er zeichnet weitergehend einen kritischen Entwurf des politisch „gewünschten Stillstand als Leitbild, nicht der ganzen, sondern einer ganz speziellen Welt [und nennt diese spezielle Welt] „das Imperium“. Zugleich handelt [der Entwurf] von einer neuen Befestigungsanlage, einem Damm gegen Veränderung. Er soll das Ungleichgewicht auf diesem Planeten stabilisieren und zugleich sein Wohlstandsgefälle beibehalten, das garantiert, dass die Werte nach der einen Seite abfließen, der Abfall nach der anderen. “ (Rufin 1991, S.6)

Der Autor greift bei diesem beschreibenden Konzept auf geschichtliche Beispiele aus dem Römischen Reich zurück und bezeichnet die neue Trennlinie zwischen dem „zivilisierten Norden“ und dem „barbarischen Süden“ dementsprechend auch als „den neuen Limes“. (vgl. Abbildung 2)

Abbildung 2: Der neue Limes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Konkret spielt sich die, in den Augen Rufins, vom Imperium gewollte Aufrechterhaltung des Nord-Süd-Gegensatzes in vielen Bereichen ab. Neben der bereits erwähnten Abkehr von einer weltweiten und gerechten Entwicklung zieht sich der Norden auch weitestgehend aus anderen Teilbereichen des internationalen Geschehens zurück und überlässt den Süden in großen Teilen dem eigenen Schicksal. Die Nationen des Nordens bauen ihr Imperium zu einer Art Festung aus (z.B. verschärfte Einreise- und Einwanderungsbedingungen) und agieren nur über die Grenzen des neuen Reiches hinaus, um den eigenen wirtschaftlichen und zivilisatorischen Wohlstand zu sichern.

Die Staaten des Südens, die direkt an der Grenze des Nordens liegen, werden entgegen der eigentlichen Entwicklungspolitik noch gefördert und unterstützt, da deren Stabilität und „Pufferwirkung“ für das Imperium von großem Interesse ist. Auf Konflikte in Grenznähe wird aufgrund der Eigeninteressen des Nordens (z.B. Verhinderung einer möglichen Konfliktausbreitung, regionale Destabilisierung) auch mit militärischen Interventionen und Befriedungsmaßnahmen reagiert (z.B. ehemaliges Jugoslawien, Grenada), wohingegen entlegenen und grenzfernen Konflikten eine scheinbare Gleichgültigkeit entgegengebracht wird (z.B. Kambodscha, Ruanda, Timor).

Zusammenfassend beschreibt Rufin die Politik des neuen Limes als eine Trennlinie zwischen zwei Welten, „die in [vielerlei] Hinsicht vereint sind, die unaufhörlich Menschen und Güter austauschen, zwischen denen aber ein erheblicher Rechtsunterschied klafft. […] Es handelt sich um eine Diplomatie der Apartheid im Weltmaßstab.“ (Rufin 1991, S.246f)

3.2 Samuel Huntington: „The Clash of Civilization“

Das sehr bekannte und viel zitierte Werk von Samuel P. Huntington sorgte seit seiner Veröffentlichung für viel Aufsehen und angeregte Diskussionen. Huntington vertritt in seinem 1993 veröffentlichten Artikel die Meinung, dass die Welt sich nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges auf neue, ernsthafte Konfliktsituationen vorbereiten muss. Seiner Meinung nach werden die bedeutenden Krisen der Zukunft nicht mehr von wirtschaftlichen Interessen geleitete oder von Ideologien geprägte zwischenstaatliche Konfrontationen sein, sondern vielmehr werden die Auseinandersetzungen verstärkt zwischen großräumigen kulturellen Einheiten, Huntington spricht in diesem Fall von „Civilizations“, im Deutschen allerdings mit dem zutreffenderen Worten Kulturen und Kulturkreisen übersetzt, auftreten.

Er gliedert die Welt in seinem Entwurf in 7 beziehungsweise 8 maßgebliche Kulturkreise:

die westliche

die lateinamerikanische

die slawisch-orthodoxe

die islamische

die hinduistische

die japanische

die konfuzianische

und in eine mögliche afrikanische Zivilisation,

wobei sich Huntington, ähnlich wie viele Kulturtheoretiker, nur auf eine potentielle afrikanische Kultur festlegen möchte, da die Existenz einer gemeinsamen afrikanischen Kultur sehr kontrovers diskutiert wird. Die Gliederung der unterschiedlichen, staatenunabhängigen Kulturkreise erfolgt bei Huntington aufgrund:

eines gemeinsamen geschichtlichen Hintergrundes,

gemeinsamer, historisch gewachsener Traditionen und

eines gemeinschaftlichen religiösen Glaubens.

Weiter ausführend begründet er seine Einteilung der Kulturkreise auch mit den unterschiedlichen Betrachtungsweisen innerhalb der jeweiligen Kulturen „…on the relations between God and man, the individual and the group, the citizen and the state, parents and children, husband and wife, as well as differing views of the relative importance of rights and responsibilities, liberty and authority, equality and hierarchy.“ (Huntington 1993). Diese doch sehr unterschiedlichen kulturelle Hintergründe sind für Huntington, in der Kombination mit der neuen „Ideologielosigkeit“ der Post-Cold-War-Ära und der Entwicklung der Welt zu einem „Globalen Dorf“ ausschlaggebend für die zukünftige Verlagerung der Ursprünge der großen Konflikte aus dem Zentrum des westlichen Kulturkreises an dessen Grenzen. Waren die großen Konflikte des 19. und 20. Jahrhunderts mit westlicher Beteiligung (z.B. Deutsch-Französischer Krieg, Erster und Zweiter Weltkrieg), noch von innereuropäischen Expansionskonflikten, den daraus resultierenden Folgekriegen und im späteren geschichtlichen Verlauf von der Ideologie des Kalten Krieges geprägt, sieht Huntington die neu auftretenden Spannungen vielmehr an den religiös-kulturellen Grenzen der 8 verschiedenen Kulturkreise (siehe Abbildung 3).

[...]

Details

Seiten
63
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638464239
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50147
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Institut für Geographie
Schlagworte
Fundamentalistischer Terrorismus Auswirkungen Geopolitik Ethno-/Kulturgeographie

Autoren

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Titel: Fundamentalistischer Terrorismus und die Auswirkungen auf die aktuelle Geopolitik