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Von der Eltern-Kind- zur Fachkraft-Kind-Bindung. Erste Transitionserfahrungen in der Krippe

Hausarbeit 2016 11 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Bindung
2.1 Messung des Bindungsverhaltens
2.2 Mögliche Auswirkungen einer unzureichenden Transition in die Fremdbetreuung

3. Von der Eltern-Kind zur Fachkraft-Kind-Bindung
3.1 Grundelemente für den Start einer gelingenden Fachkraft-Kind-Bindung
3.2 Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Fachkraft

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Einleitung

Der Übergang von der Familie in eine außenfamiliäre Bildungseinrichtung bedeutet für das Kind, die Eltern und die Fachkraft in der Einrichtung eine große Veränderung, die eine Fülle von neuen Aufgaben für alle Beteiligten bereithält. Um diesen Prozess sichtbar zu machen werde ich zunächst die Grundzüge der Bindungstheorie aufzeigen, erklären warum sie so wichtig für Kinder und Erwachsene ist und aufzeigen, welche Schwierigkeiten auftreten, wenn diese Transition von Elternhaus zu Einrichtung nicht hinreichend gelingt.

Doch warum ist dieser Übergang so wichtig? In den letzten Jahren haben sich die Betreuungszeiten für unter Dreijährige deutlich ausgeweitet und mit der Einführung des Rechtsanspruches im Sommer 2013 auf einen Krippenplatz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr ist die Zahl der Kinder in einer Krippe drastisch gestiegen. 32% aller Kinder unter drei Jahren werden bundesweit in einer Krippe betreut und davon werden 38% in der Einrichtung mehr als 45 Stunden in der Woche betreut (Stand: März 2015)1. Dieser sich ausweitende Trend macht es umso dringender, dass die Bindung zwischen Kind und Fachkraft eine positive und bildungsanregende ist, da die Einrichtung hier einen großen Teil der Bildungsaufgaben von den Eltern übernimmt.

2. Bindung

Das starke Band, das zwischen der primären Bindungsperson, zunächst meist der Mutter, und dem Kind besteht, wurde zunächst von John Bowlby erforscht und später von Mary Ainsworth durch den „Fremde-Situation-Test“ erweitert.2

Bowlby hat die innige Bindung zwischen Kind und Mutter erforscht, die in den ersten Monaten und Jahren durch die warmherzige und verlässliche Beziehung zwischen Mutter und Kind für bei Seiten Genuss und Befriedigung bringt.3

Dabei geht das Bindungsverhalten des Kindes weit über den natürlichen, evolutionär erklärbaren Schutzmechanismus hinaus, wie Herbert Renz-Polster in seinem Buch „Kinder verstehen“ darlegt und ihre Aufgabe ist nicht damit abschließend erklärt, das Kind vor Angriffen von Raubtieren zu schützen und eine ausreichende Nahrungsversorgung sicherzustellen. Bindung ist noch deutlich mehr als nur eine verlässliche Pflege und Zuneigung. Durch ein sicheres Bindungssystem lernt das Kind mit Belastungen umzugehen und erhält so das nötige Rüstzeug für seine körperliche und emotionale Entwicklung. Und ein weiterer, gerade für die Krippe wichtiger Bereich ist die Möglichkeit für das Kind über das Bindungssystem zu erkennen, ob ihm Menschen in seiner Umwelt mit Freundlichkeit oder Ablehnung begegnen. So bildet die Bindung auch eine Plattform für das soziale Leben und Lernen.4

Bei dem Menschen sucht sich der Säugling die am meisten verfügbare Person als primäre Bezugsperson aus. Stehen dem Kind mehrere Personen zur Verfügung, die es verlässlich betreuen ist es durchaus in der Lage neben seiner Hauptbezugsperson, meist die Mutter, auch von anderen Personen übergangsweise betreut zu werden. Beispielsweise der Vater, Großeltern oder ältere Geschwister.

2.1 Messung des Bindungsverhaltens

Kinder nutzen ihre Hauptbezugsperson als sogenannte Sichere Basis. Von dort aus sind sie in der Lage ihre Umwelt zu erkunden, immer mit der Sicherheit, dass die Bezugsperson anwesend ist und sie im Zweifelsfalle dorthin zurückkehren können. Dieser Schutzmechanismus wird bei Bedrohung oder nach Ablauf einiger Zeit aktiviert und das Kind sucht wieder die Nähe seiner Bezugsperson.5

Dieses Verhalten wurde erstmals von der Soziologin Mary Ainsworth durch den oben bereits erwähnten „Fremde-Situation-Test“ 1969 sichtbar und mit gewissen Einschränkungen messbar gemacht. Hier wird das Bindungs- und Explorationsverhalten von Kinder im Alter von 12 bis 20 Monaten untersucht. Für den Test wird das Kind in einen, mit Kameras ausgestatteten, ihm unbekannten Raum mit mehreren Spielzeugen gebracht. Die Mutter liest, das Kind erkundet die Umgebung (exploriert). Eine fremde Person betritt den Raum und nähert sich dem Kind. Die Mutter steht auf und verlässt den Raum. Hier entsteht eine belastende Situation für das Kind, da es mit einer fremden Person in einer unbekannten Umgebung allein gelassen wird. Nach einer Weile kehrt die Mutter zurück. Jetzt wird untersucht wie sich das Kind während und nach der Trennung von der Mutter verhält, ob es sich trösten lässt und anschließend wieder mit dem Spiel beginnt oder ob es wenig bis keine Veränderung seines Verhaltens zeigt.6

In der Auswertung der Videos hat sich gezeigt, dass sich die Kinder in drei Bindungsmuster unterscheiden lassen.

Das erste Muster ist eine sichere Bindung. Das sicher gebundene Kind benutzt seine primäre Bezugsperson als Sichere Basis. Von hier erkundet es seine Umwelt. Bei einer Trennung zeigt es seine emotionale Belastung durch Weinen oder Rufen und es sucht aktiv die Nähe zu der Mutter. Sie zeigen hier ein offenes Bindungsverhalten. Kehrt die Mutter zurück begrüßt es sie aktiv und sucht Körperkontakt. Im Kontakt mit der Mutter beruhigt sich das Kind schnell wieder und exploriert anschließend.

Bei einem unsicher-vermeidenden Bindungsverhalten überwiegt das Explorationsverhalten des Kindes und es nutzt seine primäre Bezugsperson nicht oder kaum als sichere Basis. Bei einer Trennung zeigt das Kind seine Belastung kaum und auch bei der Rückkehr überwiegt das Explorationsverhalten und das Kind wendet sich aktiv ab und vermeidet Blickkontakt.

Als mögliches Muster kann das Kind auch ein unsicher-ambivalentes Verhalten zeigen. Hier ist das Kind bereits beim Betreten des Raumes angespannt und zeigt wenig Explorationsverhalten. Es wird stark beunruhigt bei der Trennung und bei der Rückkehr des Mutter schwankt das Kind zwischen Nähesuchen und Wutausbrüchen.

Später wurde noch eine vierte Kategorie hinzugefügt. Das desorganisierte Bindungsverhalten zeichnet sich durch eine Vielzahl von unterschiedlichen Impulsen aus, die zum Teil an ein unsicheres Bindungsverhalten erinnern.7

Wird nun in einer stressvollen Situation nicht die Nähe zu der primären Bezugsperson hergestellt verharrt das Kind in dem Bindungsverhalten. Eine fremde Person kann das Kind in der Regel nicht beruhigen.

Entscheidend für die Qualität der Bindung ist eine adäquate Reaktion der Bezugsperson auf die Bedürfnisse des Kindes, die bei einer sicheren Bindung von Wertschätzung und Feinfühligkeit geprägt ist. Die erlernten Bindungsmuster bleiben in der Regel über mehrere Jahre bestehen und werden auch im späteren Leben als Verhaltensmuster für neue Beziehungen abgespeichert.8

Doch wenn die Bindungssicherheit so entscheidend ist und Kindern der Übergang in neue Situationen augenscheinlich so schwer fällt, wie wirkt sich dann eine Fremdbetreuung auf das Kind aus?

2.2 Mögliche Auswirkungen einer unzureichenden Transition in die Fremdbetreuung

Im Zuge der Debatte um die Ausweitung der Krippenplätze in Deutschland hört man immer wieder das Argument: Ein Kind gehört zu seiner Mutter und sie ist die einzige, die ihrem Kind „richtige Nähe“ geben könne. Dieser Argumentation liegt der Irrtum zu Grunde, dass die „natürliche Form“ der Kinderbetreuung eine 24-Stunden Nähe zur Mutter voraussetzt. Es zeigt sich jedoch bereits bei Urvölkern, dass Kinderbetreuung schon immer ein „Patchwork-Projekt“ ist, das auf die Mitarbeit vieler angewiesen ist. Wie bereits im Kapitel Bindung erwähnt, ist ein Kind in der Lage neben seiner Hauptbezugsperson auch noch andauernde und fruchtbare Bindungen zu anderen Personen aufzubauen.9

Dies kann ebenfalls bedeuten, dass sich das Kind in eine sichere Beziehung zu einer Fachkraft in der Krippe begeben kann. Hat das Kind aber nicht die Möglichkeit diese sichere Bindung aufzubauen und wird in der Einrichtung von der primären Bezugsperson allein gelassen kann durch ein kleines Ereignis das Bindungsverhalten ausgelöst werden und es zeigt sich ein langanhaltendes Weinen und Verstörung, das sich über Tage hinziehen kann, da dieses Bindungsverhalten von der Fachkraft nicht erwidert werden kann. Studien haben zwar gezeigt, dass sich das Kind nach einigen Tagen der Fachkraft annähert und sie irgendwann als sichere Basis wahrnimmt, jedoch sind die ersten Tage mit einer sehr großen Belastung für das Kind verbunden.10

Sollte die Transition (Übergang) in die Kita ohne die Eltern als primäre Bezugsperson stattfinden hat sich aber langfristig gezeigt, dass das Kind häufiger unter Erkrankungen leidet, merkliche Entwicklungsrückstände auftreten, die Bindungs-sicherheit zur primären Bezugsperson abnimmt und die Kinder insgesamt ein ängstlicheres Verhalten zeigen.11

Hier wird deutlich, dass der Übergang von der Eltern-Kind-Bindung zu einer Fachkraft-Kind-Bindung von hoher Bedeutung für das Kind ist. Wie dieser Übergang hilfreich gestaltet werden kann, werde ich jetzt im weiteren Verlauf darstellen.

3. Von der Eltern-Kind zur Fachkraft-Kind-Bindung

Die Betreuungszeiten und das Betreuungsalter hat sich, wie bereits in der Einleitung erwähnt, in den letzten Jahren deutlich ausgeweitet. Umso mehr wird die Krippe zu einem Ort, der die Entwicklungsbedingungen eines Kleinkindes entscheidend mitbestimmt. Um diese Entwicklung optimal zu begleiten, ist eine sichere Fachkraft-Kind-Bindung unablässig. Im weiteren werde ich mich besonders auf das beziehungsanregende Verhalten der Fachkraft fokussieren.

3.1 Grundelemente für den Start einer gelingenden Fachkraft-Kind-Bindung

Für einen gelingenden Beziehungsaufbau ist von der Seite der Fachkraft ein Verhalten notwendig, dass sich in dem Begriff Sensitive Responsivität zusammenfassen lässt. Im Folgenden werde ich mich auf die Definition von Regina Remsperger aus ihrer Studie zum Thema beziehen.12 Hier werden zwei Hauptmerkmale genannt. Zum einen die Signale des Kindes bemerken zu können und zum anderen auf diese prompt und angemessen zu reagieren.

Doch wie schafft die Fachkraft zunächst den ersten Schritt die Signale des Kindes zu bemerken? Hier nennt Remsperger Zugänglichkeit als wichtigen Aspekt. Also dem Kind mit Interesse, Zeit und Ruhe entgegenzutreten und gleichzeitig eine abwartende Haltung einzunehmen und die Initiative des Kindes abzuwarten. Der zweite wichtige Schritt ist Aufmerksamkeit. Merkmal hier ist das ruhige Zuhören, Abwarten, was das Kind zu erzählen hat und Interessen, Motivationen und Bedürfnisse des Kindes zu beobachten.13 Als Grundvoraussetzung für die sensitive Responsivität nennt Remsperger und auch Liselotte Ahnert aber auch die Promptheit der Reaktion und natürlich die richtige Interpretation der Bedürfnisse des Kindes.14 Speziell wenn das Kind sich noch nicht sprachlich äußern kann, erfordert diese Interpretation viel Einfühlungsvermögen. Hierfür ist natürlich eine generelle Haltung gegenüber dem Kind von Nöten, die von Akzeptanz, Respekt , Interesse und Einfühlungsvermögen geprägt ist.

3.2 Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Fachkraft

Grundsätzlich ist aber die Fachkraft-Kind und Eltern-Kind-Beziehung keineswegs gleichzusetzen und so kommt es hier auch zu keiner Konkurrenz-Situation. Statt einem hierarchischem Beziehungsaufbau erfüllen die einzelnen Bindungspersonen unterschiedliche Bildungsaufgaben für das Kind. Die Eltern als Bezugspersonen übernehmen die lebensnotwendigen Versorgungsaufgaben für das Kind und diese Beziehung ist lebenslanger Natur und ist deutlich von Emotionen geprägt. Die Fachkraft-Kind-Bindung ist dagegen zeitlich begrenzt und hier werden in erster Linie Bildungsherausforderungen angestoßen und unterstützt. Nichts desto trotz ist auch die letztere Beziehung von großer Bedeutung, wie bereits beschrieben.15

[...]


1 vgl. Ländermonitor der Bertelsmann Stiftung

2 vgl. Grossmann, Klaus; Zimmermann, Peter: Die Bindungstheorie: Modell entwicklungspsychologi-scher Forschung und Ergebnisse, S. 230

3 vgl. Bowlby, John: Frühe Bindung und kindliche Entwicklung, S. 11

4 vgl. Renz-Polster, Herbert: Kinder verstehen, S. 253 ff.

5 vgl. Schölmerich, Axel; Lengning, Anke: Neugier, Exploration und Bindungsentwicklung, S. 203

6 vgl. Gloger-Tippelt, Gabriele: Individuelle Unterschiede in der Bindung und Möglichkeiten ihrer Erhebung bei Kindern, S. 87f.

7 vgl. Laewen, Hans-Joachim: Die ersten Tage, S. 27f.

8 vgl. Grossmann, Klaus: Kontinuität und Konsequenzen der frühen Bindungsqualität während des Vorschulalters, S. 193

9 vgl. Renz-Polster, Herbert: Kinder verstehen, S. 305ff.

10 vgl. Laewen, Hans-Joachim: Die ersten Tage, S. 29ff.

11 vgl. Haefele, B.; Wolf-Filsinger, M.: Der Kindergarten-Eintritt und seine Folgen - eine Pilotstudie, S. 105f.

12 vgl. Remsperger, Regina: Sensitive Responsivität, S. 125

13 vgl. ebd., S. 165f.

14 vgl. Ahnert, Lieselotte: Bindungsbeziehungen außerhalb der Familie, S. 267

15 vgl. Grossmann, Klaus: Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit, S. 259

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