Lade Inhalt...

Fremde unter Fremden. Untersuchung zum Fremden in Anschluss an Georg Simmels "Exkurs über den Fremden"

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Simmel’s Exkurs über den Fremden

Weitere Typen des Fremden

Arten des Fremdseins

Der Fremde heute

Fremde unter Fremden

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Georgs Simmels soziologische Analyse „Exkurs über den Fremden“ aus dem Jahr 1908 gehört bis heute zu den klassischen Einsichten über den Fremden. Allerdings unterscheidet sich die heutige Gesellschaft deutlich von der, die Simmel zu seinen Lebzeiten erfahren hat. Globalisierung, technischer Fortschritt und immer schneller wechselnde sowie oberflächlicher werdende Kontakte prägen das zeitgenössische Leben vieler. Daher soll die folgende Arbeit der Frage nachgehen, ob und inwiefern Georg Simmels Ansichten zum Fremden heute noch haltbar sind bzw. was sich verändert hat. Wer ist der Fremde heute? Dafür soll zunächst Simmels Exkurs über den Fremden genauer betrachtet werden, um anschließend anhand verschiedener Autoren den Bezug zur Gegenwart herzustellen.

Simmel’s Exkurs über den Fremden

Der Fremde, für den sich Georg Simmel interessiert ist derjenige, der die beiden Bestimmungen von Gelöstheit und Fixiertheit in sich vereint. Es handelt sich hier also nicht um den fremden Wanderer, „der heute kommt und morgen geht, sondern [um den], der heute kommt und morgen bleibt – sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat“ (Simmel; 2013; S.529). Es geht hier also um das besondere Verhältnis des Fremden zur Mobilität und der Sesshaftigkeit.

Nach Simmel ergibt sich die soziologische Position des Fremden außerdem aus einer besonderen Raumkonfiguration, da „ […] das Verhältnis zum Raum […] einerseits die Bedingung, andererseits das Symbol der Verhältnisse zu Menschen ist“ (Simmel; 2013; S.529). So versteht Simmel das Verhältnis zum Fremden als eine besondere Mischung von Nähe und Entferntheit . Der Fremde ist innerhalb eines bestimmten räumlichen Umkreis fixiert, seine Position wird jedoch dadurch bestimmt, dass er nicht von Anfang an zu ihm gehört hat (Vgl. Simmel; 2013; S.529).

Nach Simmel sind in jedem Verhältnis zwischen Menschen die beiden Variablen ‚Nähe‘ und ‚Entferntheit‘ aufzufinden, so können (sozial) nahestehende Personen auch weit (räumlich) voneinander entfernt sein. In der Beziehung zum Fremden sind die Variablen sozusagen vertauscht. Fremdsein bedeutet so, „[…] daß der Ferne nah ist“ (Simmel; 2013; S.529).

Allerdings wird diese Aussage von Simmel eingegrenzt, da der Fremde erst bekannt sein muss, um überhaupt erst fremd zu werden: „[…] die Bewohner des Sirius sind uns nicht eigentlich fremd – dies wenigstens nicht in den soziologisch in Betracht kommenden Sinne des Wortes –, sondern sie existieren überhaupt nicht für uns, sie stehen jenseits von Fern und Nah“ (Simmel; 2013; S.529). Es ist also ein bestimmtes Wissen nötig um etwas als fremd bezeichnen zu können. Daher ist der Fremde nach Simmel ein Element der Gruppe selbst, in welcher seine Stellung gleichzeitig als Außerhalb und Gegenüber wahrgenommen wird.

Als Beispiel für den Fremden führt Simmel den Händler an, da dieser nur dann kommt, wenn Produkte von außerhalb benötigt werden. Verweilt der Händler dann am Ort seiner Tätigkeit anstatt weiter zu ziehen, verschärft sich die Position des Fremden: „Der Handel kann immer noch mehr Menschen aufnehmen als die primäre Produktion, und er ist darum das indizierte Gebiet für den Fremden, der gewissermaßen als Supernumerarius in einen Kreis dringt, in dem eigentlich die wirtschaftlichen Positionen schon besetzt sind“ (Simmel; 2013; S.529).

Eine weitere Eigenschaft des Fremden, neben seiner räumlichen/sozialen Verortung ist, dass er nicht nur im physischen, sondern auch im übertragenen Sinn – als Lebenssubstanz – kein Bodenbesitzer ist. Folglich kann der Fremde zwar in intimeren Verhältnissen von Person zu Person alle möglichen Attraktionen und Bedeutsamkeiten entfalten, wird aber dennoch, so lange er als Fremder empfunden wird, in den Augen der Anderen kein Bodenbesitzer (Vgl. Simmel; 2013: S.529-30).

Die formale Position des Fremden wird vor allem bestimmt durch seinen spezifischen Charakter der Beweglichkeit, in welcher sich die Synthese von Nähe und Ferne wiederfindet. Das bedeutet genauer, dass der Fremde (als Händler) gelegentlich mit jedem Element der Gruppe in Kontakt steht, aber mit keinem dieser Elemente organisch verbunden ist, sei es verwandtschaftlich oder beruflich (Vgl. Simmel; 2013; S.530).

Ein wichtiger Aspekt des Fremden ist außerdem seine Objektivität, welche sich nach Simmel aus einer besonderen Verbindung von Nähe und Ferne sowie Gleichgültigkeit und Engagiertheit auszeichnet. Simmel betont zudem, dass diese Objektivität nicht mit Nicht- Teilnahme zu vergleichen ist, sondern lediglich jenseits des subjektiven und objektiven Verhalten steht – also eine besondere Art der Teilnahme darstellt. Begründet wird dies durch die Distanz des Fremden zu den Tendenzen der Gruppe.

Als Resultat werden ihm „[…] oft die überraschendsten Offenheiten und Konfessionen, bis zu dem Charakter der Beichte, entgegengebracht, die man jedem Nahestehenden sorgfältig vorenthält“ (Simmel; 2013; S.530).

Diese Objektivität deutet Simmel zugleich als Freiheit: „Der objektive Mensch ist durch keinerlei Festgelegtheiten gebunden, die ihm seine Aufnahme, sein Verständnis, seine Abwägung des Gegebenen präjudizieren können“ (Simmel; 2013; S.530). Aus dieser Freiheit ergeben sich jedoch auch die gefährlichen Möglichkeiten den Fremden als Feind oder Hetzer wahrzunehmen, welche aus der Exaggierung der charakteristischen Rolle des Fremden hervorgeht.

Das konkrete Verhältnis zum Fremden unterscheidet sich außerdem durch den unterschiedlichen Grad an Gemeinsamkeiten. Während die Beziehungen zwischen den Elementen der Gruppe durch spezifische Gemeinsamkeiten geprägt sind, hat der Fremde nur allgemeine Eigenschaften mit den Elementen der Gruppe gemein. So hält Simmel fest: „Der Fremde ist uns nah, insofern wir Gleichheiten nationaler oder sozialer, berufsmäßiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns fühlen; er ist uns fern, insofern diese Gleichheiten über ihn und uns hinausreichen und uns beide nur verbinden, weil sie überhaupt sehr Viele verbinden“ (Simmel; 2013 S.531). So kann, laut Simmel, auch in die engsten (bspw. erotischen) Beziehungen leicht ein Zug von Fremdheit kommen, wenn das Stadium der ersten Leidenschaft überwunden und das Einzigartigkeitsgefühl verschwunden ist.

Letztlich betont Simmel, dass der Fremde nie als das Individuum wahrgenommen wird, welches er eigentlich ist, sondern nur als ein bestimmter Typus des Fremden gesehen wird. Somit werden dem Fremden Eigenschaften zugeschrieben, die er unter Umständen gar nicht inne hat.

Fremdheit ergibt sich nach Simmel somit durch eine Kombination aus universalen Merkmalen (die jeder Beziehung innewohnen), die in ihr Extrem gesteigert sind. So ist die Mischung aus Nähe und Distanz im Fall des Fremden zum Nachteil der Nähe verschoben, woraus eine größere (soziale) Distanz resultiert.

Weitere Typen des Fremden

Simmel beschreibt in seinem Exkurs über den Fremden lediglich einen Typus des Fremden, nämlich den „[…] der heute kommt und morgen bleibt“ (Simmel; 2013; S.529). Eine Kritik an diesem Gedanken Simmels ist, dass nicht nur an den ‚potenziell Wandernden‘ gedacht werden sollte, der heute kommt und auch morgen noch bleibt, sondern auch an den, der heute kommt und dauerhaft bleiben will (Vgl. Saalmann, S.72). Daher entwirft Donald N. Levine in seinem Werk „Simmel at a Distance“ (1979; S.31) eine Typologie der Sozialbeziehungen, sowie der durch diese konstruierten Fremden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie hier deutlich wird, kann die Position des Fremden in der Gesellschaft variieren. Auffällig ist dabei der Zusammenhang von Aufenthaltszeit und Intensivität der Beschäftigung. Umso kürzer der Aufenthalt des Fremden, desto intensiver die Beschäftigung mit ihm. „Um Gäste kümmert man sich viel eingehender als um Immigranten, und die Abwehr von als Eindringlinge oder äußere Feinde empfundenen erfordert sehr viel mehr Engagement als die Auseinandersetzung mit Randgruppen und Ausgegrenzten. Jemand, der von vornherein deutlich macht, dass er für immer bleiben will, wird nie als Gast behandelt. Aber auch der Gast verliert seinen besonderen Status, wenn er sich zu lange aufhält.“ (Saalmann; S.73). Daran wird erkennbar, dass die Position des Fremden aus Konstruktionsprozessen hervorgeht.

Aus heutiger Sicht als am problematischsten wahrgenommen werden die Besucher, die länger bleiben und daher auch häufig Opfer von Fremdenfeindlichkeit werden. Beispiele dafür sind in etwa Flüchtlinge und Wanderarbeiter, welche aufgrund ihrer Ortslosigkeit und ihrem potenziellen Wandern-Müssen Fremde im Sinne Simmels sind (Vgl. Saalmann; S.73).

Jedoch basiert dieses Modell darauf, dass jemand von außen kommt und zum Fremden wird. Allerdings sind in der heutigen Zeit, die von Großstädten und dichter Besiedlung geprägt ist, die Fremden schon da. Sie sind unsere Nachbarn.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346033079
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v502380
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,0
Schlagworte
Simmel Fremd

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Fremde unter Fremden. Untersuchung zum Fremden in Anschluss an Georg Simmels "Exkurs über den Fremden"