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Sozialkapital. Eine individuelle oder gemeinschaftliche Ressource?

Zum Einfluss der Sozialkapitalausstattung auf die subjektive Gesundheit europäischer Bewohner

Hausarbeit 2018 23 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 THEORETISCHER RAHMEN
2.1 SOZIALKAPITAL – EINEBEGRIFFSERKLÄRUNG
2.2 DEFINITON VON GESUNDHEIT
2.3 AKTUELLE LAGE IN EUROPA
2.4 H YPOTHESEN

3 STUDIENUNTERSUCHUNG
3.1 E RGEBNISDARSTELLUNG
3.1.1 POORTINGA
3.1.2 ROCCO/SUHRCKE
3.1.3 ISLAM ET AL
3.1.4 MOHNEN ET AL
3.2 A USWERTUNG

4 FAZIT

QUELLEN – UND LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Darstellung des nationalen Vertrauens in 21 europäischen Ländern. Bewertungen auf einer Skala von 0-10. Darstellung ohne Israel. (vgl. Poortinga 2006: 295)

Abbildung 2: Darstellung der nationalen Partizipation in 20 europäischen Ländern gemessen an den Vereinsmitgliedschaften pro Kopf. Darstellung ohne Israel. (vgl. Poortinga 2006: 295)

Abbildung 3: Darstellung des prozentualen Anteils derjenigen, die ihre Gesundheit als "gut" oder "sehr gut" eingeschätzt haben. Ergebnisse aus 21 europäischen Ländern. Darstellung ohne Israel. (vgl. Poortinga 2006: 295)

1 Einleitung

Dem Konzept des Sozialkapitals wird in neuerer Zeit stetig zunehmende Bedeutung beigemessen. Nicht nur der Bereich der Sozialwissenschaften, sondern z.B. auch die Politik oder die Wirtschaft bedient sich in ihrer Forschung an den Erklärungs- ansätzen des Sozialkapitals. Zwar ist es durch die Vielzahl an Sparten praktisch aussichtslos, eine einheitliche Definition des Begriffs zu finden, jedoch kann in na- hezu jedem Kontext ein positiver Einfluss auf die gesellschaftliche Integration und den damit verbundenen demokratischen Prozess beobachtet werden. (vgl. Hartung 2014: 59)

Das Sozialkapital fungiert also als erklärende Variable für die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Phänomene; so auch für die gesundheitliche Ungleichheit. Seit den 1990er Jahren gelten die sozialen Netzwerke in der Gesundheitsforschung als wichtige Indikatoren für die verschiedensten Erkenntnisse (vgl. Veenstra et al. 2005: 2800). Seither wächst die Anzahl der Studien, die den Zusammenhang von Sozialkapital und der Gesundheit des Menschen untersuchen, fortwährend. Eine Vielzahl dieser Studien liefert eindeutige Beweise dafür, dass die mentale und phy- sische Gesundheit eines Individuums durch den Grad an sozialer Interaktion und durch die Qualität sozialer Netzwerke und Umwelten beeinflusst wird.1 (vgl. Poor- tinga 2006: 292) Das Sozialkapital dient in dieser Hinsicht also als Ressource, die Einfluss auf den Gesundheitszustand des Individuums nimmt.

Die Frage, die sich auf diesen Fakt aufbauend stellt und die es in dieser Arbeit zu untersuchen gilt, ist, ob diese Ressource als eine individuelle oder als eine gesamt- gesellschaftliche angesehen werden kann. Nimmt die Sozialkapitalausstattung des Individuums also Einfluss auf die individuelle Gesundheit, egal in welchem Umfeld es sich befindet oder fühlen sich die Menschen, die in einer Umgebung mit hohem Sozialkapital leben, unabhängig von ihrem individuellen Maße an Sozialkapital, generell gesünder?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, wird im Folgenden zunächst genauer erklärt, welchen unterschiedlichen Definitionen der Begriff „Sozialkapital“ unter- liegt und was deren wesentliche Merkmale sind. Außerdem wird aufgeführt, was es überhaupt heißt, gesund zu sein. Getreu dem Motto „There is no health without mental health” (Herrman et al. 2005: 10), wird in der Arbeit nicht spezifisch auf die psychische oder die physische Gesundheit eingegangen, sondern auf das generelle Wohlbefinden des Individuums.2 Anschließend werden Hypothesen aufgestellt, die im weiteren Verlauf bestätigt oder widerlegt werden sollen. Damit dies auf Basis empirischer Grundlagen möglich wird, werden die Ergebnisse einiger themenspe- zifischer Studien ausgewertet und zusammengefasst. Um den Umfang dieser Arbeit im vorgegebenen Rahmen zu halten, wird es ausschließlich um Daten auf europäi- scher Ebene gehen. Anschließend wird eine sachliche Antwort auf die Ausgangs- frage gegeben, die im Fazit nochmal abschließend aufgeführt wird.

2 Theoretischer Rahmen

Um das Konzept des Sozialkapitals mit der Gesundheit des Menschen in Verbin- dung zu bringen, muss im folgenden Kapital zunächst geklärt werden, welche An- nahmen und Funktionen den Begriff definieren.

2.1 Sozialkapital – eine Begriffserklärung

Dem Begriff des Sozialkapitals eine genaue und einheitliche Bedeutung zuzuschrei- ben, scheint jedoch schier unmöglich. Da die Idee des sozialen Kapitals in den ver- schiedensten gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bereichen genutzt wird, finden sich in der Literatur etliche Definitionen mit Bedeutungsgehalten, die sich teilweise ergänzen, jedoch auch gegenseitig ausschließen.3

Erstmals taucht der Begriff zum Anfang des 20. Jahrhunderts auf. Schon damals setzt L. J. Hanifan das Sozialkapital mit „[…] Gemeinschaftsgeist, Mitgefühl und de[m] geselligen Austausch zwischen den Akteuren einer sozialen Gemeinschaft“ in Verbindung (vgl. Franzen/Freitag 2008: 9). Heutzutage wird dem Theoretiker in der Sozialkapitalforschung zwar keine sonderlich große Bedeutung mehr zuge- schrieben, jedoch bauen die Ansätze, auf die in jüngster Zeit zurückgegriffen wird, mehr oder weniger auf genau diesen Elementen auf.

Es sind u.a. die Ansätze von Pierre Bourdieu und Robert D. Putnam, die die Defi- nition des Begriffs „Sozialkapital“ maßgeblich beeinflusst haben.

1983 formulierte Bourdieu als erster der zwei Soziologen eine Definition des Sozi- alkapitals als eine von zwei weiteren Kapitalarten, mit der ein Individuum ausge- stattet ist. Neben dem ökonomischen Kapital, das er mit materiellem Besitz be- schreibt und dem kulturellen Kapital, welches durch den Besitz von kulturellen Gü- tern und dem Zugang zu Bildung beschrieben werden kann, zielt das soziale Kapital vor allem auf den Nutzen ab, den ein Individuum aus sozialen Beziehungen für sich beanspruchen kann. Sozialkapital ist laut Bourdieu also die Gesamtheit von Res- sourcen, die aus „[…] dauerhaften Netze[n] von mehr oder weniger institutionali- sierten Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens […].“ (Bourdieu 1983: 191) gewonnen wird. Grundlage und Voraussetzung dieser erwähnten Bezie- hungen sind Tauschbeziehungen, also der ständige Austausch von symbolischen oder materiellen Gütern, wie beispielsweise Worten oder Geschenken, zur Siche- rung der reziproken Anerkennung und des Fortbestehens des Sozialkapitals (vgl. Bourdieu 1983: 191f.).

Während Pierre Bourdieu eher den individuellen Nutzen hervorhebt, geht Putnam vom Sozialkapital als gesamtgesellschaftliche, öffentliche Ressource aus (vgl. Cockerham 2007: 175). “By ‚social capital’, I mean features of social life – net- works, norms, and trust - that enable participants to act together more effectively to pursue shared goals” (Putnam 1995: 664).

Für Putnam stellt das Sozialkapital also ein Produkt aus zwischenmenschlichem Vertrauen, sozialen Netzwerken und sozialen Normen, speziell Reziprozitätsnor- men, dar. Reziprozität meint in diesem Sinne freiwillige Vereinbarungen, also je- mandem in der Erwartung zu helfen, seine Dienste später ebenfalls in Anspruch nehmen zu können. Die Kombination dieser Faktoren begünstigt folglich die ge- sellschaftliche Effizienz und vereinfacht das koordinierte Handeln zwischen Indi- viduen, was laut Putnam zu einer gut funktionierenden Demokratie beiträgt. (vgl. Putnam 1985: 664)

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass das Sozialkapital für Bour- dieu als eine Art immaterielle Ressource angesehen werden kann, die aus sozialen Beziehungen entsteht und vom Individuum eingesetzt werden kann, um die eigenen Ziele zu erreichen. Bei Putnam entsteht das Sozialkapital nicht nur aus sozialen Beziehungen, sondern zusätzlich aus dem daraus resultierenden Vertrauen und der Wechselseitigkeit. Für ihn steht hier die Erleichterung des gesellschaftlichen, de- mokratischen Zusammenlebens der Gemeinschaft im Vordergrund.

2.2 Definiton von Gesundheit

Zusätzlich zur Begriffserklärung des Sozialkapitals wird nun erläutert, wie man „gesund sein“ definieren kann und wie sich die aktuelle gesundheitliche Situation in Europa darstellt.

„Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity”4 – das ist die offizielle Definition der Weltge- sundheitsorganisation für den Begriff “Gesundheit”. Wie bei der Begriffserklärung rund um das Thema „Sozialkapital“ gibt es auch hier zahlreiche unterschiedliche Definitionen. Auffällig und typisch bei deren Betrachtung ist, dass kaum eine In- terpretation auf den objektiven, also den rein biomedizinischen Charakter des Be- griffs abzielt, der als wertneutral gilt und sich ausschließlich auf die Erkennung von Krankheiten bezieht. Viel häufiger steht das Wohlbefinden des Individuums im Vordergrund, das sich nach der eigenen Einschätzung des Gesundheitszustandes einer Person richtet. (vgl. Pförtner 2013: 20ff.) Hierbei setzt sich das Wohlbefinden einer Person meist aus den drei Komponenten der eingangs genannten Definition zusammen, nämlich aus deren physischer, psychischer und sozialer Gesundheit. Unter der physischen Gesundheit kann man die Möglichkeit des Individuums ver- stehen, aufgrund des Gesundheitszustandes alle gewollten Aktivitäten ausführen zu können. Als Merkmal physischer Gesundheit kann unter anderem die Selbststän- digkeit, Mobilität und individuelle Fitness angesehen werden. (vgl. Rubant 1994: 11)

Die psychische Gesundheit definiert sich auf Basis der Gefühle eines Menschen. Dazu gehören beispielsweise Angst, Trauer, Freude und Lust. Unter diesen Aspekt der Gesundheit fallen allerdings auch die kognitiven Gehirnfunktionen, die für die Orientierung, das Gedächtnis und das Denkvermögen zuständig sind. (vgl. Rubant 1994: 13)

Die dritte Komponente befasst sich mit der sozialen Gesundheit. Zwar ist diese die am wenigsten klar definierte Form, jedoch kann darunter generell das Vorhanden- sein und die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen verstanden werden. So- ziale Gesundheit wird u.a. beeinflusst durch den Grad der Bildung, die Qualität der Sprachfähigkeiten, die Höhe des Einkommens und die Art des familiären und sozi- alen Zusammenhalts. (vgl. Frischhut 2013)

Bei separater Betrachtung der aufgeführten Gesundheitsformen lässt sich unwei- gerlich feststellen, dass zwischen allen dreien eine wechselseitige Beziehung und Beeinflussung herrscht. Wenn es einem Menschen beispielsweise psychisch gut geht, wirkt sich das positiv auf den physischen Allgemeinzustand aus. Umgekehrt ist das Prinzip ebenfalls häufig beobachtbar. Zusätzlich beeinflusst psychische Ge- sundheit auch die individuelle soziale Gesundheit dahingehend, dass soziale Anfor- derungen besser erfüllt werden können.

Als Kriterien, die die Gesundheit jedes Einzelnen beeinflussen, sind u.a. die sozio- ökonomischen Merkmale, die Genetik, der individuelle Lebensstil und die Lebens- und Arbeitsbedingungen zu nennen (vgl. Reiter et al. 2014: 12). Aufgrund dieser vielfältigen Gegebenheiten kann es also als unmöglich angesehen werden, den Be- griff der Gesundheit zu pauschalisieren. Jeder hat aufgrund seiner Erfahrungen und Werte andere Vorstellungen davon, was es heißt, gesund zu sein.

Generell kann jedoch zusammengefasst werden, dass die Gesundheit als Kapital und Ressource fungiert, die die individuelle Lebensfreude beeinflusst und mit deren Hilfe der Mensch seinen Verpflichtungen nachgehen kann (vgl. Schwartz 2003: 25).

2.3 Aktuelle Lage in Europa

Im internationalen Vergleich liegt Europa mit einer durchschnittlichen Lebenser- wartung von 81 Jahren im oberen Drittel (vgl. WKO 2016). Das lässt sich natürlich nicht ausschließlich, jedoch in hohem Maße, auf die gesundheitliche Verfassung der Bürger zurückführen. Neben den medizinischen Fakten, die beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit 36% als die europaweit häufigste Todesursache ausweisen, ist das subjektive Wohlbefinden für das Thema der Arbeit primär zu betrachten. Laut europäischem Gesundheitsbericht aus dem Jahr 2015 liegt die durchschnittliche Lebenszufriedenheit der Bürger bei 4,2-7,8, wobei 10 dem besten Leben entspricht (vgl. Der Europäische Gesundheitsbericht 2015: 6). Die Einschät- zung des eigenen Gesundheitszustandes als „gut“ oder „sehr gut“ treffen 68,7% der Frauen und 72,2% der Männer5 (vgl. GEDA 2014: 15f.). Zwar nimmt die Einschät- zung mit steigendem Alter ab, bleibt aber insgesamt auf einem stabilen Level.

[...]


1 Die vorliegende Arbeit befasst sich ausschließlich mit den positiven Einflüssen.

2 Die vorliegenden Studien erwähnen ebenfalls nicht deutlich, ob sie den Einfluss auf die psychische oder auf die physische Gesundheit untersuchen.

3 Die vorliegende Arbeit behandelt das Thema ausschließlich auf soziologischer Ebene.

4 http://www.who.int/about/mission/en/ (Stand: 30.08.2018)

Details

Seiten
23
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346035516
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v502790
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Schlagworte
sozialkapital eine ressource einfluss sozialkapitalausstattung gesundheit bewohner

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