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Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen

Examensarbeit 2005 110 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Theoretischer Teil

1. Einleitung

2. Heranführung an das Thema
2.1 Begriffsbestimmungen
2.1.1 Suizid und Suizidversuch
2.2.2 Weitere Begriffe
2.2 Zahlen und Fakten zum Suizid
2.3 Das Todesbewusstsein von Kindern
2.3.1 Das Wissen über den Tod bei Kindern im Alter zwischen 0 und 14 Jahren
2.3.2 Der Einfluss der kognitiven Entwicklung nach PIAGET auf die Entwicklung des Todesbewusstseins
2.3.2.1 Die Phase der sensumotorischen Entwicklung
2.3.2.2 Die Phase des voroperatorischen Denkens
2.3.2.3 Die Phase der konkret- operatorischen Strukturen
2.3.2.4 Die Phase des formal- operatorischen Denkens
2.3.3 Welchen Einfluss hat das Todesbewusstsein auf die geringen Kindersuizide?
2.4 Geschichtliche und philosophische Betrachtungen des Suizids
2.5 Der Suizid in der Rechtsprechung

3. Die Kindheitsphase und das Jugendalter im Vergleich

4. Theoretische Erklärungsansätze zur Entstehung von Suizidalität
4.1 Die soziologische Suizidtheorie nach DURKHEIM (1897)
4.1.1 Die vier Grundtypen des Suizids
4.1.2 Die soziologische Suizidtheorie bezogen auf Jugendliche
4.2 Die psychoanalytische Suizidtheorie nach FREUD (1917)
4.3 Können Suizide das Ergebnis von Imitationshandlungen sein?
4.4 Suizid- eine Frage der Vererbung?

5. Belastungen und Bewältigungsverhalten
5.1 Belastungen
5.1.1 Die kritischen Lebensereignisse
5.1.2 Die ‚Daily hassles’
5.1.3 Die Krise
5.2 Bewältigung von Belastungen
5.3 Belastungen und Bewältigungsverhalten im Jugendalter

6. Resiliente Jugendliche
6.1 Protektive Faktoren
6.1.1 Personale Schutzfaktoren
6.1.2 Soziale Schutzfaktoren
6.1.2.1 Das soziale Netzwerk
6.1.2.2 Die soziale Unterstützung
6.1.2.3 Freundschaftsbeziehungen
6.2 Resiliente Jugendliche im Vergleich zu suizidalen Jugendlichen
6.2.1 Unterschiede in der Wahrnehmung von Belastungen
6.2.2 Unterschiede hinsichtlich der Schutzfaktoren
6.2.3 Unterschiede im Bewältigungsverhalten

7. Ursachen und Auslöser für suizidales Verhalten im Kindes- und Jugendalter
7.1 Der Belastungsfaktor Schule und sein Einfluss auf die Entstehung suizidalen Verhaltens
7.2 Der Zusammenhang zwischen Suiziden und Depressionen
7.3 Die Rolle der Familie in der Suizidproblematik von Kindern und Jugendlichen
7.3.1 Die ‚broken- home’- Situation
7.3.2 Das Vorliegen suizidaler Tendenzen bei einem Elternteil
7.3.3 Missbrauch, Misshandlungen und Vernachlässigung innerhalb der Familie
7.3.4 Die Viel- Problem- Familie
7.3.5 Die tödliche Botschaft
7.3.6 Zerstörende Symbiosen

8. Die Wahl der Suizidmethoden

9. Diagnostik der Suizidgefährdung bei Kindern und Jugendlichen
9.1 Das präsuizidale Syndrom nach RINGEL (1953)
9.1.1 Die Symptome des präsuizidalen Syndroms
9.1.1.1 Einengung
9.1.1.2 Gehemmte und gegen die eigene Person gerichtete Aggressionen
9.1.1.3 Suizidfantasien
9.1.2 Das präsuizidale Syndrom bezogen auf Kinder und Jugendliche
9.2 Entwicklungsstadien der Suizidhandlung nach PÖLDINGER (1968)
9.3 Weitere Alarmzeichen für eine Suizidgefährdung

10. Abschiedsbriefe

11. Suizidforen im Internet- Gefahr oder Hilfe für suizidgefährdete Jugendliche?

12. Suizidprävention und Therapie
12.1 Suizidprävention
12.1.1 Suizidprävention nach RINGEL
12.1.2 Suizidprävention nach CAPLAN
12.1.3 Suizidprävention in der Schule
12.2 Mögliche Therapien nach einer suizidalen Handlung
13. Schlusswort

II. Empirische Studie: „Übereinstimmungen und Abweichungen der theoretischen Grundlagen über Suizide von Jugendlichen im Bezug auf einen realen Fall“
1. Einleitung
2. Die Auswahl des Probanden
3. Die Vorgehensweise der Untersuchung
4. Der Aufbau des Interviewleitfadens
4.1 Kategorie I: Formelle Klärungen
4.2 Kategorie II: Fragen zur Person
4.3 Kategorie III: Konkrete Fragen zu dem Suizidversuch
4.4 Kategorie IV: Die Reaktionen des Umfeldes
4.5 Kategorie V: Die Behandlung nach dem Suizidversuch
4.6 Kategorie VI: Ausblick
5. Die Ergebnisse des Interviews und ihre Auswertung
5.1 Die Ergebnisse der Kategorie I
5.2 Die Ergebnisse der Kategorie II und ihre Auswertung
5.3 Die Ergebnisse der Kategorie III und ihre Auswertung
5.4 Die Ergebnisse der Kategorie IV und ihre Auswertung
5.5 Die Ergebnisse der Kategorie V und ihre Auswertung
5.6 Die Ergebnisse der Kategorie VI und ihre Auswertung
6. Zusammenfassung der Ergebnisse Literaturverzeichnis Internetquellen

III. Anhang

Anhang A: Interviewleitfaden I

Anhang B: Niederschrift des Interviews vom 28. 11. 2005 III

I. Theoretischer Teil

1. Einleitung

Angeleitet durch ein Seminar im Rahmen meines Studiums entschied ich mich, meine schriftliche Hausarbeit über den Suizid von jungen Menschen zu schreiben. Es interessierte mich, aus welchen Gründen ein junger Mensch, der sein ganzes Leben noch vor sich hat, sein Leben scheinbar plötzlich selbst beendet. Da Suizid besonders im Jugendalter keine Seltenheit ist (im Jahr 2003 starben 267 junge Menschen im Alter zwischen 10 und 20 Jahren an den Folgen eines Suizides)[1], sehe ich hierin die Rechtfertigung meiner Themenwahl. Obwohl Suizide von Kindern unter zehn Jahren sehr selten sind, entschied ich mich, auch sie in meine theoretischen Untersuchungen mit einzubeziehen.

Als ich während der Anfertigung meiner Arbeit anderen Personen von meinem Thema erzählte, stieß ich auf recht viel Unverständnis für Suizidenten im Allgemeinen und auf Unwissenheit über das Thema ‚Suizid’, was vermutlich an der anhaltenden Tabuisierung dieses Themas in unserer Gesellschaft liegt. Mit Hilfe dieser Arbeit möchte ich deshalb mit Vorurteilen hinsichtlich des Suizides aufräumen und u. a. darstellen, was für ein komplexes Geschehen Suizid eigentlich ist.

Um die psychologische Hausarbeit abzurunden, habe ich beschlossen, zusätzlich zu meinem Theorieteil eine empirische Studie durchzuführen, in der ich innerhalb einer Einzelfallstudie das Suizidverhalten eines 17- jährigen Jugendlichen beleuchten und analysieren will. Zusätzlich möchte ich aufzeigen, in welchem Maße sich die theoretischen Erklärungen für Suizid von Jugendlichen auf einen realen Fall übertragen lassen.

2. Heranführung an das Thema

Im Folgenden möchte ich den Leser an die Thematik meiner Hausarbeit heranführen. Dabei ist dieser Teil noch etwas allgemeiner gehalten und noch nicht direkt auf Kinder und Jugendliche spezialisiert.

2.1 Begriffsbestimmungen

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Suizid bemerkt man sehr schnell, dass bestimmte Begriffe und Wendungen näher abgegrenzt und erläutert werden müssen. Dies werde ich im Folgenden tun, damit der Leser nicht durch die zahlreichen von mir verwendeten Begriffe den Überblick verliert.

2.1.1 Suizid und Suizidversuch

Der Begriff „Suizid“ wird vom Lateinischen „sui caedere“ abgeleitet und bedeutet übersetzt ‚sich töten’[2] oder genauer: „[…] Der Suizid ist eine gegen das eigene Leben gerichtete Handlung mit tödlichem Ausgang. […]“[3], wobei es allerdings nicht entscheidend ist, ob der Betroffene seinen Tod auch wirklich beabsichtigt hat oder nicht.

Derjenige, der einen Suizid durchführt oder auszuführen versucht hat, ist laut dem DUDEN der ‚Suizident’[4] und nicht ‚Suizidant’, wie es in vielen Büchern falsch geschrieben steht.

Die so genannte ‚Suizidalität’ ist die Neigung einer Person zum Suizid oder auch anders gesagt, die Suizidgefährdung einer Person.[5]

Der Begriff des Suizids wird in der Literatur sowie im alltäglichen Sprachgebrauch oftmals durch die Worte ‚Freitod’ oder ‚Selbstmord’ ersetzt. Diese Bezeichnungen bewerten den Akt des Suizids jedoch moralisch, denn der Begriff des ‚Selbstmords’ „[…] suggeriert die Vorstellung des ‚Sich- Mordens’ und damit eine ethisch zu verurteilende Handlung […]“[6] ; außerdem geht es beim Suizid, wie im Verlauf der Arbeit noch deutlich werden soll, nicht darum, das eigene Selbst tatsächlich zu töten[7]. Der Begriff des ‚Freitods’, der von Schopenhauer geprägt wurde, heroisiert die Tat der Selbsttötung und assoziiert, dass Suizid eine Entscheidung aus freiem Willen heraus sei[8], was aber in keinem Fall der Realität entspricht. Aus diesen Gründen spricht sich der Großteil der Autoren gegen die Verwendung der Begriffe ‚Freitod’ und ‚Selbstmord’ und für den Gebrauch der Begriffe ‚Selbsttötung’ oder eben ‚Suizid’ aus, da deren Bedeutung am neutralsten seien, weshalb ich mich in dieser Arbeit ebenfalls an diesen Begriffen orientieren will.

Insgesamt stellt der Suizid eine „[…] extreme Form der Problembewältigung […]“[9] dar, die der Suizident dann in Erwägung zieht, wenn seine augenblickliche Lage so unerträglich geworden ist, dass er mit ihr nicht mehr zurechtkommt und „[…] andere Lösungsmechanismen keinen Erfolg mehr versprechen […]“[10]. Der Suizident flieht demnach im Prinzip vor seinen Problemen, da er keinen anderen Ausweg mehr aus seiner misslichen Lage sieht.

Wie schon zu Beginn erwähnt, endet ein Suizid tödlich. Im Gegensatz dazu steht der Suizidversuch oder, nach STENGEL, auch ‚Parasuizid’[11] genannt. Wie der Begriff des ‚Suizidversuchs’ schon vermuten lässt, bleibt es bei ihm nur bei dem Versuch des Betroffenen, sein Leben selbst zu beenden. Der Suizidforscher Erwin RINGEL definierte den Begriff des Suizidversuches folgendermaßen: „[…] Der Selbstmordversuch ist eine absichtliche Selbstschädigung, die mit mehr oder minder klarer Selbsttötungstendenz durchgeführt wird, aber keinen tödlichen Ausgang hat […]“.[12]

Nach FEUERLEIN lassen sich Suizidversuche je nach den Motiven des Suizidenten in drei unterschiedliche Kategorien einteilen: In die ‚parasuizidale Pause’, ‚parasuizidale Geste’ und ‚parasuizidale Handlung mit ausgesprochener Autoaggression’.[13]

Bei der parasuizidalen Pause ist der größte Wunsch des Betroffenen der nach einer Pause vom Leben. Durch die Einnahme einer Überdosis Tabletten o. Ä. hofft er, etwas Ruhe vor seinen Problemen zu bekommen. Dabei sehnt er den Tod zwar nicht herbei, nimmt ihn jedoch in Kauf.[14]

Im Mittelpunkt der parasuizidalen Geste steht der Appell des Betroffenen an seine Mitmenschen. Die parasuizidale Geste ist im Prinzip als Suizidhandlung zu verstehen, die bewusst als Suizidversuch angelegt wird, da der Betroffene sein Suizidmittel und den Ort seiner Selbsttötung so auswählt, dass die Möglichkeit gerettet zu werden kaum auszuschließen ist.[15] Problematisch bei dieser Variante ist jedoch, dass der Betroffene nie sicher wissen kann, ob sein Suizidmittel nicht durch gewisse Umstände doch zu seinem Tod führt oder ob er wirklich rechtzeitig gefunden wird. Dies wird in der Literatur auch ‚Gottesurteilsfunktion’[16] genannt; dabei lässt der Betroffene sozusagen Gott über den Ausgang der suizidalen Handlung entscheiden.

Die parasuizidale Handlung mit ausgesprochener Autoaggression ist gleichzusetzen mit einem ‚missglückten Suizid’. Der Betroffene hat hier im Gegenteil zur parasuizidalen Geste wirklich die Intention, sein Leben zu beenden.[17] So ist die Wahl seines ‚Suizidmittels’ sowie der Ort, an dem er seinen Suizid durchführen will, von ihm so gewählt, dass die Möglichkeit einer Rettung von außen so klein wie möglich ist, allerdings wird er durch einen Zufall dann aber doch gefunden und gerettet.[18]

An diesen drei unterschiedlichen Arten von Suizidversuchen lässt sich erkennen, dass „[…] der Ausgang einer Suizidhandlung … oftmals nur vom Zufall abhängig (ist) […]“[19], woraus resultiert, dass man in keinem Fall von ‚ernsthaften’ oder ‚nicht ernsthaften’ Absichten des Betroffenen sprechen kann, da er sich zu jeder Zeit im Klaren darüber ist, bei der suizidalen Handlung auch sterben zu können, und dies von ihm auch in Kauf genommen wird.

In jedem Fall hat ein Suizidversuch starken Appellcharakter, mit dem der Betroffene seine Umwelt zum Handeln auffordern und durch den er auf seine unerträgliche Situation aufmerksam machen will.[20] Damit wird besonders deutlich, dass Suizidversuche in den meisten Fällen von stark ambivalenten Tendenzen geprägt sind, denn einerseits will der Betroffene sein Leben wirklich beenden, weil er unter seinen jetzigen Lebensbedingungen nicht weiterleben möchte, andererseits hofft er trotzdem, dem Tod entgehen zu können, indem er Bezugspersonen auf seine aus seiner Sicht auswegslose Lage aufmerksam macht. STENGEL beschreibt dieses Phänomen der Ambivalenz so: „[…] Die meisten Menschen, die Selbstmordhandlungen begehen, benehmen sich so, als ob sie nicht entweder sterben oder leben wollten, sondern beides gleichzeitig, aber meistens das eine mehr als das andere. […]“.[21] So sendet der Betroffene also ‚Hilferufe’ an seine Umwelt aus, um dem Tod entgehen zu können, die aber aufgrund ihrer Unterschwelligkeit oft von den Angehörigen, Freunden oder anderen Bezugspersonen überhört bzw. nicht ernst genommen werden.

Kommt es so schlussendlich tatsächlich zu einem Parasuizid, so löst dieser bei den Bezugspersonen des Betroffenen oft Reue aus, sich nicht genügend um die Person gekümmert zu haben, woraus dann kurzfristig die Bereitschaft entsteht, das eigene Verhalten zu ändern, um dem Suizidenten ein besseres Leben zu ermöglichen.[22] Allerdings hält dieser gute Vorsatz in den wenigsten Fällen lange an[23], wodurch der Betroffene wieder in die Gefahr gerät, einen erneuten Suizidversuch zu unternehmen. So ist es auch zu erklären, dass 25 % der Personen, die einen misslungenen Suizidversuch hinter sich haben, die suizidale Handlung wiederholen[24], wobei erneute Versuche der betroffenen Personen fast immer eine Steigerung in der Wahl der angewandten Suizidmethode erkennen lassen[25].

2.1.2 Weitere Begriffe

Neben den Begriffen Suizid und Suizidversuch gibt es noch einige andere Begriffe, die bestimmte Formen suizidalen Verhaltens beschreiben können.

Zum einen wäre da der von MENNINGER geprägte Begriff des so genannten ‚Suizids auf Raten’ oder auch ‚verzögerte Selbsttötung’ genannt[26], wobei der Betroffene durch starke Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängigkeit, Magersucht und Ähnliches auf Dauer seinen Körper schädigt[27]. Sportarten wie z. B. Bergsteigen, Drachen fliegen oder Bungeejumping, bei denen sich die den Sport ausübende Person einem extrem hohen Risiko aussetzt, gehören ebenfalls dazu.[28]

Zum anderen ist auch der Begriff der ‚Suizidideen’ interessant. Suizidideen sind Gedanken über den selbst herbeigeführten Tod oder Todeswünsche.[29]

Ebenfalls erwähnenswert ist der Begriff des ‚maskierten’ Suizids. Vermutlich gehören viele Verkehrstote in diese Kategorie, da man bei Unfällen oftmals nicht ausmachen kann, ob der Fahrer absichtlich einen Unfall provozierte oder nicht.[30] Wahrscheinlich gehören ebenfalls viele Drogentote, die sich den ‚Goldenen Schuss’ gesetzt haben, in diese Kategorie, aber auch hier ist es schwer, einen Unfall von einer absichtlichen Tat zu unterscheiden[31], es sei denn, ein Abschiedsbrief liegt vor.

Des Weiteren wird in der Literatur noch auf den Begriff der ‚Panikhandlung aus nichtigen Anlässen’ eingegangen. Dieser wurde von Suizidforschern bei Jugendlichen festgestellt, die kleinere Diebstähle verübt oder einen Unfall verursacht hatten.[32] Dabei war den Jugendlichen ihre Tat so peinlich, „[…] dass sie sich aus einer Kurzschlusshandlung heraus das Leben nahmen […]“[33].

Ferner existiert in der Literatur das Schlagwort des ‚Bilanz- Suizids’. Nach einer genauen Abwägung aller Aspekte hat sich der Betroffene für den Tod und gegen das Leben entschieden.[34] Der Bilanzsuizid ist gründlich geplant und vorbereitet und wird in den meisten Fällen von älteren Menschen bei schweren unheilbaren Krankheiten angewendet.[35]

2.2 Zahlen und Fakten zum Suizid

Anhand der Tabelle 1[36] lässt sich erkennen, dass im Jahr 2003 in Deutschland 11.150 Menschen an den Folgen eines Suizids starben, von denen 8179 männlichen Geschlechts und 2971 weiblichen Geschlechts waren. Geht man davon aus, dass diese Zahlen über die Jahre hinweg einigermaßen konstant bleiben, nehmen sich demnach täglich ca. 30 Menschen in Deutschland das Leben. Weltweit liegt die Zahl der täglichen Suizide nach Schätzungen der World Health Organization (WHO) täglich bei ungefähr 1000 Menschen.[37]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Sterbefälle durch Suizid und Selbstbeschädigung in Deutschland im Jahr 2003

Die hohe Anzahl der Suizide in Deutschland wird aber von den meisten gar nicht wahrgenommen und oftmals kommen anderen Todesursachen wie Tod im Straßenverkehr, Tod durch Drogen oder Tod durch HIV viel mehr Beachtung zu, obwohl ihre Zahl, wie aus der Tabelle 2[38] ersichtlich wird, beträchtlich niedriger ist als die Zahl der Personen die durch Suizid sterben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Sterbefälle durch ausgewählte Todesursachen im Jahr 2003

Obwohl die Zahlen der Suizidtoten schon recht hoch ist, muss beachtet werden, dass sie vermutlich eine nicht unbeträchtliche Dunkelziffer an Suiziden nicht mit einbeziehen, da man, wie schon in Punkt 2.1.2 erwähnt, davon ausgeht, dass viele Suizide in die Kategorie des ‚maskierten Suizids’ gehören und somit nicht eindeutig als Suizide identifiziert werden können, woraus wiederum resultiert, dass sie auch nicht in die Statistiken aufgenommen werden können.

Über die Anzahl der Suizidversuche in der BRD gibt es keine verlässlichen Zahlen, da über Suizidversuche seit 1963 keine amtlichen Statistiken mehr geführt werden.[39] Folglich weisen von Forschern und Statistischen Ämtern geführte Statistiken über Suizidversuche ebenfalls eine nicht unbeträchtliche Dunkelziffer auf, da nur ein geringer Teil der Suizidversuche in Krankenhäusern behandelt werden muss und dadurch in die Statistiken einfließt.[40] Man schätzt jedoch, dass Suizidversuche über alle Altersklassen hinweg ca. 10-mal so häufig sind wie Suizide[41], woraus sich für Deutschland eine tägliche Anzahl von ungefähr 300 Suizidversuchen ergeben würde.

Im Geschlechtervergleich stellt sich heraus, dass ungefähr zwei Drittel aller Suizide von Personen des männlichen Geschlechts begangen werden, wohingegen Suizidversuche zu ca. zwei Dritteln von Frauen begangen werden.[42]

In der Gruppe der jungen Menschen, die Personen zwischen 0 und 25 Jahren einschließt, ist der Suizid neben Unfällen und Tumoren die dritthäufigste Todesursache, bei jungen Männern um die 20 sogar die zweithäufigste.[43]

Im Jahr 2003 starben in Deutschland 715 junge Menschen zwischen 0 und 25 Jahren an den Folgen eines Suizids (vgl. Tab. 1). Geht man davon aus, dass diese Zahlen über die Jahre einigermaßen konstant bleiben, ergibt sich, dass in Deutschland täglich ca. ein bis zwei junge Menschen durch Suizid sterben.

Suizidversuche sind in der Gruppe der jungen Menschen häufiger als in allen anderen Altersklassen. Man vermutet, dass die Anzahl der Suizidversuche in dieser Altersgruppe 20 – 30- mal höher sind als die Zahl Suizide[44], woraus eine tägliche Anzahl von ungefähr 50 Suizidversuchen in der Gruppe der jungen Menschen resultieren würde. Dabei werden sie am häufigsten von jungen Frauen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren begangen.[45]

Besonders in der Gruppe der jungen Menschen muss damit gerechnet werden, dass die Zahlen der Statistiken eine beträchtliche Dunkelziffer aufweisen. Einerseits kann in dieser Altersklasse ebenfalls der ‚maskierte Suizid’ auftreten, und andererseits werden gerade suizidale Handlungen bei Kindern und Jugendlichen oftmals von Angehörigen als Unfall

o. Ä. vertuscht, um der Schande, dem Scham und einer moralischen Verurteilung durch die Gesellschaft zu entgehen.[46]

Die Zahl der Kinder unter zehn Jahren, die Suizid begehen, ist, wie man an der Tabelle 1 erkennen kann, sehr niedrig. Allerdings muss man auch hier von einer gewissen Dunkelziffer ausgehen, da Suizide von jüngeren Kindern oft für einen Unfall gehalten werden.[47]

Im Laufe der Zeit haben sich hinsichtlich des Suizids einige Vorurteile und Falschannahmen in den Köpfen der Menschen verfestigt, auf die ich nun zur Richtigstellung kurz eingehen möchte.

Die erste Annahme lautet: ‚Derjenige der über Suizid spricht, führt ihn letztendlich nicht aus’.

Diese Aussage ist falsch, denn 80 bis 90 % aller Suizidenten kündigen ihren Suizid vorher mehr oder weniger offensichtlich an.[48] Damit wollen sie Bezugspersonen auf ihre Lage aufmerksam machen; jedoch werden diese Signale, wie schon weiter oben erwähnt, oft überhört. Als suizidgefährdet wird zwar jeder bezeichnet, der von Suizid als Mittel zur Lösung seiner Probleme spricht, allerdings bedeutet dies natürlich nicht, dass auch wirklich jeder, der darüber redet, auch Suizid verübt.[49]

Die zweite Annahme ist, dass ‚wer den Suizid überlebt, gar nicht wirklich sterben wollte’.

Das Problem hinter dieser Annahme ist die ambivalente Einstellung fast jedes Suizidenten zum Tod. Einerseits will er wirklich sterben, weil er mit seiner derzeitigen Lage nicht zurechtkommt, andererseits will er aber auch weiterleben.[50]

Die dritte Falschannahme über Suizid ist, dass ‚wer einmal zum Selbstmord neigt, es immer wieder tun wird’. Einerseits ist ein Suizidversuch zwar ein starkes Zeichen für einen weiteren Suizidversuch, vorausgesetzt es hat sich an der belastenden Situation des Suizidenten nichts geändert, andererseits kann durch die Beseitigung der Probleme des Suizidenten durch Bezugspersonen dieses Risiko gemindert werden.[51]

2.3 Das Todesbewusstsein von Kindern

Bevor man sich mit der Frage beschäftigt, warum Kinder und Jugendliche überhaupt Suizid begehen, muss man sich zunächst im Klaren darüber werden, ab welchem Alter Kinder überhaupt ein konkretes Vorstellungsvermögen über den Tod besitzen.

Im Folgenden werde ich die Entwicklung des Todesbewusstseins von Kindern näher beschreiben und auf die Frage eingehen, inwieweit die Entwicklung des Todesbewusstseins von Kindern mit der relativ niedrigen Suizidrate bei Kindern unter zehn Jahren zusammenhängt.

Dabei muss man allerdings beachten, dass sich Kinder in ihrem Entwicklungstempo unterscheiden und somit die von mir gemachten Angaben nur als eine ungefähre Richtlinie gelten können. Außerdem spielt bei der Entwicklung des Todesbewusstseins eines Kindes eine große Rolle, ob das Kind schon eigene Erfahrungen mit dem Tod gemacht hat, da Kinder, die schon frühzeitig mit dem Tod konfrontiert worden sind, eine ganz andere Einstellung zum Tod haben als Kinder in ihrem Alter, die noch keine Erfahrung mit dem Tod haben.

2.3.1 Das Wissen über den Tod bei Kindern im Alter zwischen 0 und 14 Jahren

Die frühesten kindlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema Tod finden im Allgemeinen bereits im Alter von ca. zwei Jahren statt und sind durch eine sachliche und emotionslose Einstellung dem Tod gegenüber gekennzeichnet.[52]

Vom dritten bis zum fünften Lebensjahr hält diese emotionslose Einstellung dem Tod gegenüber an. Dazu kommt, dass das Kind in dieser Zeit der Meinung ist, dass der Tod kein endgültiger Vorgang, sondern jederzeit beliebig rückgängig zu machen ist.[53] Es ist der Auffassung, dass Personen, die gestorben sind, nur ‚fortgegangen’ seien[54] und dass es sich bei der Trennung von der Person nur um eine Trennung auf Zeit handele[55].

Mit ungefähr dem fünften Lebensjahr erkennt das Kind die physischen Aspekte des Todes, wie z. B. die Bewegungsunfähigkeit eines Toten, und begreift so zunehmend, dass Tod etwas anderes als Lebendigkeit sein muss.[56]

Im Alter zwischen sechs und sieben Jahren beginnt das Kind reges Interesse am Tod und ein stärkeres Bewusstsein über den Tod und seine Konsequenzen zu zeigen.[57] Es beginnt, emotional auf den Tod zu reagieren und reagiert auf die Vorstellung, Angehörige könnten sterben, beunruhigt.[58] Es begreift nun zwar, dass der Tod etwas Endgültiges ist, meint aber trotzdem, dass es sich ihm z. B. durch Verstecken entziehen könne.[59] Es entwickelt ein starkes Interesse an Todesursachen sowie an den Ritualen, die mit dem Tod einhergehen.[60] Ungefähr im Alter von acht Jahren begreift das Kind erst, dass jeder Mensch, auch es selbst, irgendwann einmal sterben muss.[61]

Im Alter von ungefähr neun Jahren wird das Verständnis über den Tod durch die Entwicklung des abstrakten Denkens immer klarer.[62]

Im Alter von ca. zehn Jahren entwickelt das Kind die Angst vor dem eigenen Tod und es beginnt, ein philosophisches Interesse am Tod zu entwickeln.[63]

Im Alter zwischen 12 und 14 ist das abstrakte und logische Denken des Kindes vollkommen entwickelt, wodurch es entsprechend über eine ausgereifte Kenntnis des Begriffs ‚Tod’ verfügt.[64]

2.3.2 Der Einfluss der kognitiven Entwicklung nach PIAGET auf die Entwicklung des Todesbewusstseins

Zwar wurde im Punkt 2.3.1 dargelegt, über welches Wissen Kinder im Alter zwischen 0 und 14 Jahren über den Tod verfügen, allerdings wurde noch nicht erklärt, welche Faktoren für die Entwicklung des Todesbewusstseins entscheidend sind. Laut ORBACH hängt dies eng mit der allgemeinen kognitiven Entwicklung nach PIAGET zusammen.[65] Dieser unterscheidet vier Stufen in der kognitiven Entwicklung eines Kindes: Die Phase der ‚sensumotorischen Entwicklung’, des ‚voroperatorischen Denkens’, der ‚konkret- operatorischen Strukturen’ und das ‚formal- operatorische Stadium’.[66]

Diese Entwicklungsstufen sollen im Folgenden näher erläutert und ihre Bedeutung für das Begreifen von Tod beschrieben werden.

2.3.2.1 Die Phase der sensumotorischen Entwicklung

Die sensumotorische Entwicklung findet laut PIAGET in den ersten zwei Lebensjahren statt. In dieser Phase liegt das Augenmerk auf der Entwicklung der Motorik, und der Fähigkeit des Kindes, die Umwelt wahrzunehmen.[67]

In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres, ungefähr ab dem achten Lebensmonat, beginnt sich beim Kind die ‚Objektpermanenz’ zu entwickeln, womit die Fähigkeit des Kindes gemeint ist, zu begreifen, dass ein Gegenstand auch dann noch weiter existiert, wenn es ihn auch nicht mehr sehen kann.[68]

Noch früher entwickelt sich beim Kind die so genannte ‚Personpermanenz’. Dabei beginnt das Kind nach dem Verschwinden einer vertrauten Person, besonders nach dem Verschwinden der Mutter, aktiv nach ihr zu suchen.[69] Die Personpermanenz ist für das spätere Verständnis des Todes besonders bedeutungsvoll, um zwischen einfacher Abwesenheit und dem Tod einer Person unterscheiden zu können.

2.3.2.2 Die Phase des voroperatorischen Denkens

Die Merkmale des voroperatorischen, anschaulichen Denkens sind besonders relevant für die Entwicklung des kindlichen Todesbewusstseins.

In dieser Phase denkt das Kind zunächst ‚magisch’, d. h. es ist der Ansicht, dass alles seinem Willen unterlegen ist und nach seinen Wünschen abläuft.[70] Es sieht seine gesamte Umwelt als belebt an, was von PIAGET mit dem Stichwort ‚Animismus’ belegt wurde[71]. Weiterhin ist es der Meinung, dass ‚jemand’ die Berge und andere Naturgegebenheiten ‚gemacht’ habe. PIAGET nennt dies ‚artifizialistische Naturdeutungen’.[72]

Die artifizialistischen und animistischen Erklärungen des Kindes werden von PIAGET mit dem Stichwort ‚Egozentrismus’[73] belegt. Dazu gehört unter anderem auch, dass das Kind nicht in der Lage ist, sich in die Rolle einer anderen Person hineinzudenken und sich für den Mittelpunkt des Universums hält.[74]

In der zweiten Phase des voroperatorischen Stadiums verringert sich dieser Egozentrismus des Kindes, es besitzt jedoch immer noch kein richtiges Zeitverständnis.[75] Fragt man Kinder, die sich in dieser Phase befinden, wann sie ihrer Meinung nach sterben werden, erhält man oft die absurde Antwort ‚In 300 Jahren!’ o. Ä.[76] Hieran zeigt sich besonders gut, dass Kinder in dem Stadium des voroperatorischen Denkens noch über einen unreifen Zeitbegriff verfügen. Deshalb glauben sie in dieser Phase auch noch, dass der Tod zeitlich begrenzt ist[77], weil sie seine Endgültigkeit noch nicht erfassen können.

Des Weiteren wird durch das ‚beseelen’ von Gegenständen deutlich, dass das Kind noch überhaupt keine Vorstellung davon hat, was der Unterschied zwischen lebenden und leblosen Dingen ist. So kann es auch den Tod als Beendigung des Lebens nicht begreifen.

2.3.2.3 Die Phase der konkret- operatorischen Strukturen

Die Phase der konkret- operatorischen Strukturen beginnt ungefähr zwischen dem fünften und dem sechsten Lebensjahr. Das Kind beginnt nun zu klassifizieren und ist in der Lage zweidimensional zu denken. Es ist weniger von den eigenen Sinneswahrnehmungen abhängig und vertraut mehr auf die eigene Vorstellungskraft und Logik.[78]

Das Kind beginnt langsam, ein Verständnis von Zeit zu entwickeln und beginnt zu begreifen, dass der Tod die Beendigung des Lebens darstellt, was allerdings noch nicht für das eigene Selbst gilt.[79]

2.3.2.4 Die Phase des formal- operatorischen Denkens

In der letzten Phase, der Phase des formal- operatorischen Denkens, die ungefähr mit dem zehnten Lebensjahr beginnt, sind die Gedanken des Kindes objektiv, abstrakt, logisch und hypothetisch und seine Zeitwahrnehmung ist voll ausgebildet[80], wodurch es sich über die Endgültigkeit des Todes bewusst wird. Da es sich nun über Naturgesetze und teilweise auch über physikalische und biologische Gesetzmäßigkeiten im Klaren ist, kann es den Tod nun mithilfe biologischer und physikalischer Vorgänge erklären[81], wodurch es nun auch begreift, dass auch es selbst irgendwann einmal sterben muss.

2.3.3 Welchen Einfluss hat das Todesbewusstsein auf die geringe Anzahl von Kindersuiziden?

Warum nehmen sich nun aber Kinder unter zehn Jahren- glücklicherweise- so selten das Leben? Kann dies mit der Entwicklung des Todesbewusstseins von Kindern zusammenhängen? Die Forschung bestätigt diese Meinung. Man geht davon aus, dass die meisten Kinder unter zehn Jahren aufgrund ihres gering ausgeprägten Todesbegriffs die Option des Suizids noch nicht in Erwägung ziehen können. Sie verstehen noch nicht, dass sie ihren eigenen Tod auch selbst herbeiführen können, weil sie den Tod an sich noch nicht begreifen. So stelle Suizid erst „[…] dann eine Handlungsoption dar, wenn die Kinder erkannt haben, daß das Sterben nicht nur ein unabwendbares und alle Menschen gleichermaßen betreffendes Geschehen sei, sondern auch als Handlung begriffen werden könne, die sich bewußt herbeiführen lasse […]“.[82] Dadurch kann eine ‚Problemlösung’ in Form eines Suizids in den meisten Fällen von einem jüngeren Kind erst gar nicht in Erwägung gezogen werden. Dazu kommt, dass Handlungen erst dann als suizidal bezeichnet werden, wenn sie den bewussten Entschluss enthalten, dass Leben aufzugeben.[83] Da Kinder diesen Entschluss jedoch aufgrund ihres unvollständigen Todesbewusstseins noch nicht fassen könnten, müssten somit ihre Handlungen als nicht suizidal bezeichnet werden.

Aus diesen beiden Kriterien für einen Suizid, die BRÜNDEL aufstellt, folgt, dass Handlungen von jüngeren Kindern die suizidalen Handlungen ähneln, als ‚Missgeschicke’ seitens des Kindes und nicht als Suizide interpretiert werden müssten.

ORBACH vertritt hingegen eine andere Ansicht. Er meint, dass derartige Handlungen von jüngeren Kindern in keinem Fall als „[…] Spiele mit tragischem Ausgang oder Unfälle ohne Hintergrund […]“[84] anzusehen sein dürften.

Die Unterschiede in den Aussagen von BRÜNDEL und ORBACH hinsichtlich der Suizide von Kindern liegen in ihren unterschiedlichen Definitionen begründet. Während BRÜNDEL der Ansicht ist, dass die Handlungen eines Kindes erst als suizidal bezeichnet werden könnten, wenn ihm bewusst ist, dass ein vollendeter Suizid das nicht mehr rückgängig zu machende Ende des Lebens darstellt, ist ORBACH der Meinung, dass auch schon Handlungen als suizidal gelten müssten, denen dieses Bewusstsein nicht zugrunde liegt[85].

2.4 Geschichtliche und philosophische Betrachtungen des Suizids

Im Laufe der Geschichte hat die Einstellung zum Suizid eine große Wandlung erfahren, die ich hier kurz skizzieren möchte.

Der größte Teil der Philosophen der Antike setzte sich rege mit dem Thema Suizid auseinander. Dabei drehte es sich bei ihren Überlegungen vor allem um die Frage, ob Suizid gerechtfertigt und zu billigen sei oder nicht. Ein Teil der Philosophen befürwortete den Suizid, der andere Teil vertrat dem Suizid gegenüber eine eher negative Position. So war der griechische Philosoph Hegesias (3. Jahrhundert v. Chr.) der Ansicht, dass Suizid erlaubt sein müsse, damit sich der Mensch aus dem Elend des menschlichen Daseins befreien könne[86], während andere Philosophen sich klar gegen Suizid aussprachen. So waren Pythagoras und seine Schüler (6. bis 4. Jahrhundert v. Chr.) der Ansicht dass Suizid eine „[…] Auflehnung gegen die Götter […]“[87] und wegen der von ihnen erwarteten Seelenwanderung sinnlos sei. Plato (427 - 347) und Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) sprachen sich ebenfalls gegen den Suizid aus, da sie der Ansicht waren, dass er unsittlich und verwerflich sei.[88] Sie gestanden jedoch Personen mit „[…] unverbesserlichen verbrecherischen Anlagen, unheilbaren Leiden […]“[89] oder Personen, die ihre Ehre unwiederbringlich verloren hatten, Suizid zu.

Die Stoiker (ca. 300 v. Chr.) und die Cyniker waren ebenfalls Befürworter des Suizids.[90]

Die Einstellung des Christentums hinsichtlich des Suizids hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder gewandelt. Aus der Heiligen Schrift geht abgesehen vom 5. Gebot darüber keine negativ wertende Stellungnahme hervor.[91] So wurde der Suizid im Christentum zunächst als nicht so schwerwiegend empfunden. Es wurde z. B. frommen Christinnen zugestanden, „[…] sich bei drohenden schweren Mißhandlungen selbst zu töten […][92].

Eine Wende zeichnete sich jedoch seit der Zeit des Augustinus (354 - 430) - einem Mann der Kirche - ab, der Suizid als schweren Verstoß gegen das 5. Gebot ansah[93]. In den darauf folgenden Jahren wandelte sich die Einstellung gegenüber Suizid. So wurde auf dem Konzil von Orleans im Jahr 533 entschieden, Suizidenten das kirchliche Begräbnis zu verweigern[94] und auf der Synode von Braga im Jahr 562 beschloss man, den Suizid mit Ausschluss aus der Kirchengemeinschaft und einem „[…] diffamierenden Begräbnis […]“[95] zu bestrafen.

Papst Nikolaus I. verkündete um 860, dass Suizid eine Todsünde sei und 1184 wurde diese Wertung der Kirche auf dem Konzil zu Nîmes auch zum Bestandteil des kanonischen Rechts.[96]

Diese Einstellung der christlichen Kirche zum Suizid, die auf Augustinus zurückzuführen ist, ist prinzipiell auch heute noch gültig, allerdings mit dem Unterschied, dass dem Suizidenten heutzutage das kirchliche Begräbnis erlaubt ist.[97]

Andere Religionen wie z. B. der Islam, bewerten Suizid als eindeutig negativ und belegen dies mit dem Koran, der Suizid scharf verurteilt und dem Suizidenten mit dem ‚Rösten im Höllenfeuer’ droht.[98]

Buddhismus und Hinduismus stehen dem Suizid neutral gegenüber, halten ihn aber ähnlich wie Pythagoras und seine Schüler für eine große Dummheit, da der Suizident trotz seines Suizids der von ihnen erwarteten Seelenwanderung nicht entgehen könne.[99]

Auch die deutschen Philosophen des späten Mittelalters und der Neuzeit machten sich ihre Gedanken zum Thema Suizid.

Die idealistische deutsche Philosophie verurteilte den Suizid generell. So war KANT (1724 - 1804) der Ansicht, dass der Suizident ‚durch die Zerstörung der eigenen Person die Sittlichkeit vernichtet und damit die Menschheit entwürdigt’.[100]

Andere deutsche Philosophen wie Schopenhauer (1788 - 1860) und Nietzsche (1844- 1900) beschrieben „[…] die Selbsttötung als Zeichen menschlicher Freiheit […]“[101] und bejahten sie. Auch Philosophen aus dem Ausland wie VOLTAIRE (1694 - 1778), ROUSSEAU (1712 - 1778), KIERKEGAARD (1813 - 1855) bejahten den Suizid.[102]

2.5 Der Suizid in der Rechtsprechung

In Deutschland standen Suizidversuche bis zum Ende des 18. Jahrhunderts unter Strafe, in Großbritannien war ein Suizidversuch sogar noch bis zum Jahre 1961 eine strafbare Handlung.[103] Dabei ging man dort allerdings mit den gesetzlichen Vorschriften nicht immer ganz konsequent um, so dass nur ein geringer Teil der Betroffenen vor Gericht kam und dort mit Gefängnis, einer Geldstrafe oder Bewährung bestraft wurde[104]. In den allermeisten Fällen lautete das Urteil jedoch, dass „[…] das seelische Gleichgewicht des Betroffenen gestört sei […]“[105], wodurch die Feststellung eines Verbrechens vermieden werden konnte.

Das heutige deutsche Strafrecht bezieht sich mit den § 211ff des StGB hinsichtlich von Tötungen jedweder Art nur auf solche, die eine Person einer anderen zufügt, wodurch Suizid nicht rechtswidrig ist und straflos bleibt.[106] Auch die Verleitung oder die Beihilfe zum Suizid (das Überreden einer Person zum Suizid oder das Beschaffen des Suizidmittels) erfüllen in Deutschland nicht den Straftatbestand, solange „[…] die Tötung auf einer freiverantwortlichen Willensentscheidung beruht […]“.[107] Die gilt allerdings nicht, wenn es sich bei dem Suizidenten um ein Kind, einen zur Eigenverantwortung unfähigen Jugendlichen oder um eine psychisch verwirrte Person handelt, da bei diesen Personengruppen davon auszugehen ist, dass freiverantwortliches Handeln ausgeschlossen werden kann.[108]

Des Weiteren ist in Deutschland nach §§ 216 des StGBs die Tötung auf Verlangen sowie nach § 323c die unterlassene Hilfeleistung strafbar.[109]

3. Die Kindheitsphase und das Jugendalter im Vergleich

Da meine Arbeit sich sowohl auf Kinder als auch auf Jugendliche bezieht, möchte ich im Folgenden zunächst die Frage klären, wo eigentlich die Grenze zwischen Kind und Jugendlichem liegt und inwieweit sich die beiden Phasen voneinander unterscheiden.

Der Begriff ‚Jugendalter’ meint die Zeitspanne vom 11. bis zum vollendeten 17. Lebensjahr, woraus resultiert, dass die Kindheit ungefähr bis zum vollendeten 10. Lebensjahr andauert.[110] Spreche ich also in meiner Arbeit von ‚Jugendlichen’, meine ich junge Menschen im Alter zwischen 11 und 18 Jahren.

Jugend ist eine Zwischenposition zwischen Kindheit und Erwachsenenalter und stellt somit große Anforderungen an den jungen Menschen: Er muss Verhaltensformen und Privilegien der Kindheit aufgeben und Kompetenzen erwerben, die Aufgaben, Rollen und Status des Erwachsenen begründen.[111]

Vergleicht man die Lebensphase der Kindheit genauer mit der der Jugend, so stellt man fest, dass einige bezeichnende Unterschiede zwischen diesen Phasen bestehen. So kommt es im Jugendalter zum Eintreten der Geschlechtsreife, womit die Pubertät beginnt, die einen tief greifenden Einschnitt in die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen markiert, da es durch die eintretende Geschlechtsreife zu einem plötzlichen Ungleichgewicht in der psycho- physischen Struktur der Persönlichkeit kommt.[112] Insgesamt wird durch die anatomischen, physiologischen und hormonellen Veränderungen, die in dieser Phase auftreten, für den jungen Menschen eine Anpassung auf körperlichen, seelischen und sozialen Ebenen notwendig.[113]

Natürlich finden auch in der Kindheit psycho- physische und psycho- soziale Veränderungsprozesse statt[114], allerdings sind Kinder noch nicht in dem Maße eigenständig wie Jugendliche, wodurch sie hinsichtlich von Anforderungen und Herausforderungen auch noch nicht in dem Maße auf sich selbst gestellt sind wie Jugendliche. Während im Kindesalter spezielle Anforderungsleistungen mithilfe der Imitation der Eltern bewältigt werden, wird im Jugendalter die Bewältigung dieser Anforderungen und Herausforderungen nur dadurch möglich, dass sich der Jugendliche von seinen engsten Bezugspersonen löst und eigene Bewältigungsstrategien entwickelt, die Vorraussetzung für den Entwicklungsprozess im Jugendalter sind.[115]

In der Entwicklungspsychologie wird die Bewältigung spezieller Anforderungen innerhalb einer Lebensphase mit dem Stichwort ‚Entwicklungsaufgaben’ betitelt.

Die Entwicklungsaufgaben der frühen und späten Kindheit, die in der Entwicklung elementarer kognitiver und sprachlicher Kompetenzen, in der Entwicklung sozialer Kooperationsformen und moralischer Grundorientierung liegen, bilden das Grundgerüst für die Entwicklungsaufgaben, die in der Phase der Adoleszenz auf den Jugendlichen zukommen.[116] Diese liegen nach HAVIGHURST im Aufbau ‚neuer und reiferer Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts’, in der ‚Übernahme der männlichen bzw. weiblichen Geschlechterrolle’, in der ‚Akzeptanz der eigenen körperlichen Erscheinung’, in der ‚emotionalen Unabhängigkeit von den Erwachsenen (besonders der Eltern)’, in der ‚Vorbereitung auf Ehe, Familie und Beruf’, in der ‚Erlangung von Werten und eines ethischen Systems’, ‚in der Entwicklung einer Ideologie’ und in der ‚Erstrebung und Erreichung eines sozial verantwortlichen Verhaltens’.[117]

Wie man sieht, stellt die Jugendphase durch die zu erledigenden Entwicklungsaufgaben große Anforderungen an Jugendliche. Sie leben in einem Kernkonflikt zwischen der Gewinnung ihrer eigenen Identität und der Integration von Bewährtem in die eigene Persönlichkeit, wollen sich also einerseits von Gleichaltrigen und vor allem von ihren Eltern abgrenzen, andererseits aber auch soziale Kontakte mit Gleichaltrigen knüpfen und festigen.[118] Diesen Konflikt müssen die Jugendlichen so lösen, dass sie nicht zu stark belastet werden, da, wie ich später noch aufzeigen möchte, eine hohe Belastung Suizid fördernd wirken kann.

Für Kinder gilt dies nicht in dem Maße wie für Jugendliche, da sie, wie schon erwähnt, das meiste durch Imitation lernen und kaum selbst Bewältigungsstrategien entwickeln müssen.

Insgesamt bewältigt die Mehrzahl der Jugendlichen das Jugendalter ohne besondere Auffälligkeiten und setzt sich konstruktiv mit ihren Entwicklungsaufgaben auseinander, wodurch das Jugendalter heutzutage eher als eine Phase der gelungenen Bewältigung und weniger der Krise angesehen wird.[119]

4. Theoretische Erklärungsansätze zur Entstehung von Suizidalität

Es existieren in der Suizidforschung viele verschiedene Entstehungstheorien die allesamt versuchen, das Phänomen des Suizids und seine Entstehung zu erklären. In diesem Teil möchte ich deshalb zwei dieser Theoriemodelle näher erläutern und die Frage erörtern, ob Suizide das Ergebnis von Imitationshandlungen sein können und ob es möglich ist, dass Suizide innerhalb einer Familie vererbbar sein können.

4.1 Die soziologische Suizidtheorie nach DURKHEIM (1897)

Dank der Forschungsarbeit des französischen Soziologen Emile Durkheim, der im Jahre 1897 mit seinem Werk ‚Le suicide’ die erste große Monografie zum Thema Suizid schrieb[120], änderte sich mit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts das Bild, das man sich zuvor vom Suizid gemacht hatte. Nicht länger galten nur noch die philosophischen, religiösen, staatsrechtlichen und medizinischen Überlegungen allein, um das Phänomen des Suizids zu erklären, sondern auch der soziologische Aspekt.[121]

Durkheim wertete ihm zur Verfügung stehende Fakten, Daten, Tabellen und Statistiken zum Thema Suizid aus und entwickelte daraus soziologische Theorien zur Erklärung für suizidales Verhalten.[122] Dabei setzte er sich nicht mit der Frage auseinander, „[…] warum jemand Suizid begeht, sondern welche gesellschaftlichen Zustände zu einer hohen Selbstmordrate führen […]“[123].

4.1.1 Die vier Grundtypen des Suizids

Durkheim unterscheidet in seinem Werk vier Suizidarten, die sich von der nicht geglückten Anpassung des Individuums an verschiedene Gesellschaftsformen ableiten: Den egoistischen, den altruistischen, den anomischen und den fatalistischen Suizid.[124]

Der egoistische Suizid entwickelt sich aus einem Mangel an Gemeinschaftsbewusstsein.[125]

Je stärker die Verbundenheit des Individuums mit einer speziellen Gruppe wie zum Beispiel einer familiären, politischen oder religiösen Gruppe ist, desto mehr spürt das Individuum den Sinn des Lebens und desto mehr Kraft hat es, eigene Krisen zu bewältigen.[126] So geht laut Durkheim zum Beispiel aus der ‚Institution Ehe’ eine Suizid hemmende Wirkung aus.[127]

Aus der oberen Hypothese resultiert, dass Individuen, die isoliert und von der Gesellschaft ausgeschlossen leben, einen „[…] Mangel an Lebenssinn erfahren […]“[128] und so eher dazu neigen, suizidale Handlungen auszuführen.

Der altruistische Suizid stellt genau das Gegenteil des egoistischen Suizids dar: Er entsteht, wenn das Individuum zu stark in die Gesellschaft integriert wird und ihm nicht genügend Freiräume für die Entwicklung einer eigenen Identität gelassen werden.[129] Aus der Einengung und durch den hohen Druck der Gesellschaft oder der zugehörigen Gruppe kann dann eine suizidale Handlung entstehen, wie es zum Beispiel in Japan beim Harakiri der Fall wäre.

Während die beiden vorigen Suizidarten durch die soziale Integration bestimmt sind, sind der anomische und der fatalistische Suizid durch die soziale Regulation bestimmt.

Der anomische Suizid entsteht, wenn das „[…] Individuum an der Regel- und Grenzenlosigkeit seines Handelns […]“[130] leidet und die Gesellschaft ihm „[…] keine regulative Kraft entgegen setzt […]“[131].Dabei verliert das Individuum die Vorstellung darüber, welche Normen gesellschaftlich erwünscht sind und es kann durch Frustration zum Suizid kommen.[132]

Der fatalistische Suizid stellt das Gegenstück zum anomischen Suizid dar. Er „[…] ist die Folge einer überstarken Regulierung und Disziplinierung der Gesellschaft […]“.[133]

In einer Vielzahl von nachfolgenden Studien wurde der von Durkheim beschriebene „[…] Zusammenhang zwischen der sozialen Integration und der Selbstmordrate einer Gesellschaft generell bestätigt […]“.[134] So besitzt Durkheims Theorie im Großen und Ganzen auch heute noch Gültigkeit[135], auch wenn ihm nachfolgende Forscher seine Arbeiten verbesserten und überarbeiteten.[136]

4.1.2 Die soziologische Suizidtheorie bezogen auf Jugendliche

Durkheims Theorie lässt sowohl auf die Situation Erwachsener als auch auf die Situation von Jugendlichen gut beziehen. So geht, wie schon anfangs erwähnt, von dem Gefühl, einer Gruppe anzugehören eine starke Suizid hemmende Wirkung aus. Das bedeutet für den Jugendlichen: Je mehr Geborgenheit und Sicherheit er von seiner Familie bekommt oder je zugehöriger er sich seiner Peer- Group fühlt, desto mehr Sinn erblickt er in seinem Dasein und desto resistenter ist er gegen Suizidtendenzen.[137] Das Selbstwertgefühl, das der Jugendliche durch die Zugehörigkeit zu einer Jugendgruppe erlangt, hilft ihm bei der Bewältigung von persönlichen Krisen und Konflikten.[138]

Durkheims Theorie hat auch hinsichtlich einer zu starken Gruppenbindung Gültigkeit im Bezug auf Jugendliche. So besteht in einer zu starken Gruppenbindung die Gefahr, dass der Jugendliche sich gegen die möglicherweise bestehenden schlechten Einflüsse der Gruppe nicht mehr wehren kann und durch Gruppenzwang in kriminelle Handlungen verstrickt wird.[139]

Auf den Suizid jüngerer Kinder lässt sich die soziologische Theorie nur in geringem Maß anwenden[140], vermutlich weil sie noch nicht in dem Maße von der Gesellschaft abhängig sind wie Jugendliche.

4.2 Die psychoanalytische Suizidtheorie nach FREUD (1917)

FREUD entwickelte seine Gedanken über die Entstehung des Suizides in seinem Werk ‚Trauer und Melancholie’.[141] Zentraler Punkt seiner Theorie ist dabei die so genannte Aggressionsumkehr, die ihren Ursprung oftmals in den frühen Kinderjahren hat[142] und deren Ursachen vielfältig sind. Oftmals durften die Betroffenen als Kinder ihren Zorn oder ihre Aggressionen nicht offen zeigen, sondern sie mussten artig und angepasst sein; Fehlverhalten wie das Zeigen des frühkindlichen Zorns wurde möglicherweise seitens der Eltern mit Liebesentzug bestraft[143].

Wenn ein Kind nun aber gegenüber seinen Eltern Aggressionen empfindet, obwohl es aufgrund seiner kindlichen emotionalen Abhängigkeit und Hilflosigkeit gezwungen ist, diese zu lieben, sich mit ihnen identifiziert und zusätzlich seine Aggressionen auf Wunsch der Eltern gar nicht zeigen darf, bleibt ihm nichts anderes übrig, als diese aufkommenden Aggressionen ins eigene Unterbewusstsein zu befördern, wodurch in der kindlichen Seele eine Ambivalenz zwischen gefühlter Zuneigung und Ablehnung für die Eltern entsteht.[144] Diesen Vorgang bezeichnet Freud als ‚Verdrängung’.[145] Dabei entstehen die Aggressionen, die das Kind gegenüber seinen Eltern empfindet, nicht durch einfache Verbote der Eltern, sondern entweder durch eine zu intensive besitzergreifende Liebe oder durch eine mangelnde Zuneigung der Eltern für ihr Kind.[146]

Kommt es dann zu einem späteren Zeitpunkt zu einer Zurückweisung oder Kränkung seitens einer geliebten Person, ist das Kind bzw. der Jugendliche oder der Erwachsene dann aufgrund seiner Erziehung nicht in der Lage, die empfundenen Aggressionen gegen dieses Aggressionsobjekt zu wenden. Es empfindet zwar Hass gegenüber dieser Person, andererseits identifiziert es sich mit ihr und hat Angst, die Person zu verlieren.[147] So kommt es, dass Hassgedanken und Rache- und Mordimpulse, die eigentlich gegenüber dem Aggressionsobjekt verspürt werden, in einer Aggressionsumkehr gegen sich selbst gerichtet und im Suizid befriedigt werden.[148] So ist der Suizid „[…] ein um 180° gewendeter Mord […]“[149] und „[…] ein symbolischer Mord an der Person .., zu der die Haß- Liebe besteht […]“[150].

4.3 Können Suizide das Ergebnis von Imitationshandlungen sein?

Suizidforscher beschäftigen sich schon seit langem mit der Frage, ob suizidale Handlungen, die medial vermittelt werden, zu verstärkten Nachahmungseffekten in der Bevölkerung führen. Der Anlass für diese Annahme liegt im so genannten ‚Werther- Effekt’ begründet:

Als Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1774 seinen Roman ‚Die Leiden des jungen Werther’ veröffentlichte, in dem sich die Hauptperson aufgrund einer unerwiderten Liebe durch Erschießen das Leben nimmt, nahmen sich im so genannten ‚Werther- Fieber’ viele junge Menschen- meist auf die gleiche Weise wie der junge Werther- das Leben.[151] Um diesem Phänomen ein Ende zu setzen, wurde Goethes Roman für einige Zeit in verschiedenen deutschen und ausländischen Städten verboten.[152]

[...]


[1] Vgl. Neuhland: Infopool. - http://www.neuhland.de/haupt/html/fa_fs.htm.

[2] Vgl. Schütz 1994, S. 11.

[3] Hömmen 1994, S. 18.

[4] Vgl. Drosdowski et al. 1996; unter ‚Suizident’.

[5] Vgl. Bründel 1993, S. 131.

[6] Ebd., S. 24.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. Noob 1998, S. 12.

[9] Bründel 1993, S. 23.

[10] Ebd.

[11] Vgl. Erwin Stengel: Selbstmord und Selbstmordversuch. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1969; zit. n. Bründel 1993, S. 41.

[12] Ringel 1987, S. 27.

[13] Vgl. Wilhelm Feuerlein: Selbstmordversuch oder parasuicidale Handlung? Tendenzen suicidalen Verhaltens. In: Der Nervenarzt 3. (1971). S. 127 – 130; zit. n. Bronisch 2002, S. 12f.

[14] Vgl. Bronisch 2002, S. 13.

[15] Vgl. Bründel 1993, S. 42.

[16] Vgl. Bründel 1993, S. 42.

[17] Vgl. Bronisch 2002, S. 14.

[18] Vgl. ebd.

[19] Bründel 1993, S. 43.

[20] Vgl. ebd., S. 41.

[21] Erwin Stengel: Grundsätzliches zum Selbstmordproblem. In: Erwin Ringel (Hrsg.): Selbstmordverhütung [4. Auflage] Eschborn bei Frankfurt am Main: Fachbuchhandlung für Psychologie 1987, S. 9 - 50; zit. n. Gerisch 1996, S. 70.

[22] Vgl. Bründel 1993, S. 42.

[23] Vgl. ebd.

[24] Vgl. Christine Swientek: Trennung, Einsamkeit, Partnerverlust. Den Selbstmord überwinden, mit der Ich- Katastrophe leben. In: Hans- Werner Carlhoff/Peter Wittemann (Hrsg.): Festhalten und Loslassen. Junge Menschen zwischen Bindung und Bindungslosigkeit. Stuttgart: Landesarbeitsstelle Baden- Württemberg 1989, S. 83 – 92; zit. n. Knapp 1995, S. 27.

[25] Vgl. Bründel 1993, S. 43.

[26] Vgl. Karl- Augustus Menninger: Selbstzerstörung (Man against himself, dt.). Psychoanalyse des Selbstmords. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974; zit. n. Bronisch 2002, S. 12.

[27] Vgl. Bronisch 2002, S. 12.

[28] Vgl. ebd.

[29] Vgl. ebd.

[30] Vgl. Oerter/Dreher 1998, S. 359.

[31] Vgl. ebd.

[32] Vgl. Schütz 1994, S. 26.

[33] Ebd.

[34] Vgl. Giernalczyk 2003, S. 49.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. Neuhland: Infopool. - http://www.neuhland.de/haupt/html/fa_fs.htm.

[37] Vgl. Wellhöfer 1981, S. 7.

[38] Vgl. Statistisches Bundesamt.

[39] Vgl. Bründel 1993, S. 27.

[40] Vgl. Neuhland: Infopool. - http://www.neuhland.de/haupt/html/fa_fs.htm.

[41] Vgl. ebd.

[42] Vgl. Oerter/Dreher 1998, S. 359.

[43] Vgl. Neuhland: Infopool. - http://www.neuhland.de/haupt/html/fa_fs.htm.

[44] Vgl. Neuhland: Infopool. - http://www.neuhland.de/haupt/html/fa_fs.htm.

[45] Vgl. Vgl. Hans- Jürgen Möller: Suizidalität erkennen und behandeln. Eine Herausforderung für den Allgemeinarzt. - http://psywifo.klinikum.uni-muenchen.de/forschung/publikation/0240_i.pdf.

[46] Vgl. Bründel 1993, S. 27.

[47] Vgl. Orbach 1990, S. 29.

[48] Vgl. Hömmen 1994, S. 63.

[49] Vgl. ebd., S. 67.

[50] Vgl. Hömmen 1994, S. 69.

[51] Vgl. Hömmen 1994, S. 88f.

[52] Vgl. Schneewind/Weiß 1998, S. 1038f.

[53] Vgl. Käsler/Nikodem 1996, S. 106.

[54] Vgl. Bründel 1993, S. 40.

[55] Vgl. Orbach 1990, S. 102.

[56] Vgl. Käsler/Nikodem 1996, S. 106.

[57] Vgl. Orbach 1990, S. 101.

[58] Vgl. ebd.

[59] Vgl. Schneewind/Weiß 1998, S. 1039.

[60] Vgl. Orbach 1990, S. 101.

[61] Vgl. Schneewind/Weiß 1998, S. 1039.

[62] Vgl. Orbach 1990, S. 101.

[63] Vgl. Bründel 1993, S. 40.

[64] Vgl. Käsler/Nikodem 1996, S. 107.

[65] Vgl. Orbach 1990, S. 104.

[66] Vgl. Montada 1998, S. 519 – 540.

[67] Vgl. Orbach 1990, S. 104.

[68] Vgl. Montada 1998, S. 521.

[69] Vgl. Rauh 1998, S. 222.

[70] Vgl. Orbach 1990, S. 105.

[71] Vgl. Montada 1998, S. 524.

[72] Vgl. ebd., S. 523.

[73] Vgl. Montada 1998, S. 524.

[74] Vgl. Orbach 1990, S. 105.

[75] Vgl. ebd.

[76] Vgl. ebd., S. 106.

[77] Vgl. ebd.

[78] Vgl. ebd., S. 107.

[79] Vgl. ebd.

[80] Vgl. ebd., S. 109.

[81] Vgl. Orbach 1990, S. 109.

[82] Bründel 1993, S. 40.

[83] Vgl. ebd., S. 40.

[84] Orbach 1990, S. 132.

[85] Vgl. Orbach 1990, S. 128.

[86] Vgl. Wellhöfer 1981, S. 1.

[87] Ebd., S. 2.

[88] Vgl. ebd.

[89] Ebd.

[90] Ebd.

[91] Vgl. ebd., S. 3.

[92] Ebd., S. 4.

[93] Vgl. Wellhöfer 1981, S. 4.

[94] Vgl. Ebd.

[95] Ebd.

[96] Vgl. ebd.

[97] Vgl. ebd., S. 5.

[98] Vgl.ebd., S. 3.

[99] Vgl. ebd., S. 2.

[100] Vgl. ebd., S. 5f.

[101] Ebd., S. 6.

[102] Vgl. ebd.

[103] Vgl. Otzelberger 1999, S. 18.

[104] Vgl. Talmon- Gros 1987, S. 10.

[105] Ebd.

[106] Vgl. Ehrhardt, S. 30.

[107] Talmon- Gros 1987, S. 11.

[108] Vgl. ebd.

[109] Vgl. ebd.

[110] Vgl. Oerter/Dreher 1998, S. 312.

[111] Vgl. ebd., S. 310.

[112] Vgl. Hurrelmann 1995, S. 31.

[113] Vgl. ebd.

[114] Vgl. ebd., S. 32.

[115] Vgl. Hurrelmann 1995, S. 32.

[116] Vgl. ebd., S. 34.

[117] Vgl. Robert J. Havighurst: Developmental tasks and education. New York: Longman 1982; zit. n. Oerter/Dreher 1998, S. 328.

[118] Vgl. Bründel 1993, S. 13.

[119] Vgl. ebd., S. 85.

[120] Vgl. Bründel 1993, S. 45.

[121] Vgl. Noob 1998, S. 47.

[122] Vgl. Bronisch 2002, S. 64.

[123] Wellhöfer 1981, S. 36f.

[124] Vgl. Bronisch 2002, S. 64.

[125] Vgl. Käsler/Nikodem 1996, S. 56.

[126] Vgl. ebd.

[127] Vgl. Wellhöfer 1981, S. 15.

[128] Käsler/Nikodem 1996, S. 57.

[129] Vgl. Orbach 1990, S. 21.

[130] Bründel 1993, S. 45.

[131] Ebd.

[132] Vgl. Langenberg- Pelzer 1995, S. 24.

[133] Käsler/Nikodem 1996, S. 60.

[134] Wellhöfer 1981, S. 38.

[135] Vgl. Bründel 1993, S. 45.

[136] Vgl. Wellhöfer 1981, S. 38.

[137] Vgl. Bründel 1993, S. 45.

[138] Vgl. ebd.

[139] Vgl. ebd., S. 45f.

[140] Vgl. Orbach 1990, S. 26.

[141] Vgl. Bründel 1993, S. 46.

[142] Vgl. Schütz 1994, S. 17.

[143] Vgl. ebd.

[144] Vgl. Schütz 1994, S. 17.

[145] Vgl. ebd.

[146] Vgl. ebd.

[147] Vgl. Bronisch 2002, S. 74.

[148] Vgl. Bründel 1993, S. 46f.

[149] Orbach 1990, S. 19.

[150] Ebd.

[151] Vgl. Hömmen 1994, S. 84.

[152] Vgl. Knapp 1995, S. 53.

Details

Seiten
110
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638465311
Dateigröße
832 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50284
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,0
Schlagworte
Suizidalität Kindern Jugendlichen

Autor

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Titel: Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen