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Streetball. Ist es immer noch eine Trendsporart?

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Entstehung, Entwicklung und Bedeutung von Streetball

2. Trendsport

3. Streetball. Etablierte Sportart oder immer noch Trend?

4. Didaktische Legitimation von Streetball

5. Das „Wie“ und „Was“ der Streetballvermittlung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Bereits Mitte der 80er Jahre stellte die Forschung fest, dass jugendliche Kulturphänomene immer rascher entstehen und sich dabei gleichzeitig verändern.1 In ihrem Drang nach Individualität und Selbstbestimmung war es gerade die junge Generation, die eine Vielzahl neuartiger Trends hervorbrachte. Nicht nur in Kleidung, Musik und Sprache entdeckte sie das Potenzial einer Ausdrucksform ihres Lebensstils. Auch der Sport bot die Möglichkeit der Stilisierung und Identifikation. Aus den Bedürfnissen der Jugend erwachsend entstanden rund um den Globus neue Sportarten, die losgelöst von festen Vereinsbindungen eher unverbindlich nach Lust und Laune funktionierten. „Streetball, das Basketballspiel der Straße, hatte dabei neben dem Inlineskating den größten Zulauf an Jugendlichen.“2 Entstanden in den Metropolen der USA erfreute sich die Trendsportart eines weltweiten Booms und vermochte es wie kaum ein anderer Trend, dem Streben der Jugend nach einer individuellen Lebensführung gerecht zu werden.

Über Jahrzehnte hinweg hat sich Streetball mittlerweile in der Sportwelt etabliert, wird von Vereinen und anderen Institutionen organisiert und ist dabei – unter Umständen – den Charakteristiken einer Trendsportart entwachsen. Ein Schwerpunkt dieser Arbeit soll es demnach sein, zu untersuchen, ob Streetball heute noch immer zu den Trendsportarten gezählt werden kann oder ob dieser Sport sich inzwischen so weit etabliert hat, dass er neben traditionellen Sportarten wie Handball, Hockey oder Fußball bereits zu den traditionellen Sportarten gerechnet werden muss. Zunächst wird dazu ein Überblick über die Entstehung, Entwicklung und Bedeutung von Streetball erarbeitet sowie eine Auseinandersetzung mit dem Trendsportbegriff erfolgen, um dann – auf Grundlage dieser Betrachtungen – in einer Gegenüberstellung von Streetball und Trendsport aufzeigen zu können, ob Streetball noch Trend sein will oder es bereits Tradition geworden ist.

Im zweiten Teil dieser Arbeit geht es darum, herauszufinden, inwieweit Straßenbasketball sich auch für den schulischen Sportunterricht eignet.

Eine methodisch-didaktische Analyse soll hier Fragen zu Sinn, Perspektive und Umsetzung der Sportart in der Schule beantworten.

1. Entstehung, Entwicklung und Bedeutung von Streetball

Beauftragt mit der Entwicklung einer Ausgleichssportart zu den in den USA dominierenden Spielformen Football und Rugby entwickelte der Sportlehrer Dr. James Naismith 1891 das Basketballspiel. Schnell erfreute es sich wachsender Beliebtheit und schaffte es innerhalb kurzer Zeit zu einer angesehenen Sportart, anfangs in den USA, ab den 1920er Jahren dann auch in Europa, aufzusteigen. Zunächst wurde die neue Spielform nur an Schulen und Colleges ausgeübt, Turniere wurden organisiert und erste Ligen ins Leben gerufen. Mit der 1946 gegründeten National Basketball Association (NBA) wurde dann die erste reine Profiliga ins Leben gerufen, sodass Basketball mit den drei Markführern der amerikanischen Sporthierarchie, Football, Baseball und Eishockey, in Konkurrenz treten konnte.3

Wie in so vielen anderen Sportarten der USA hatten zunächst nur weiße Spieler die Möglichkeit Profibasketballer zu werden und wie kein anderes Spiel wurde Basketball von Rassenkonflikten und Ausgrenzung farbiger Spieler überschattet. Erst Jahre nach Gründung der NBA wurden mit Earl Lloyd, Nat Clifton, Chuck Cooper und Hank DeZonie auch afro-amerikanische Spieler in die Profiliga aufgenommen. Von da ab stieg der Anteil farbiger Spieler, trotz ständiger Widerstände, rapide an. Ihre Integration ins Profigeschäft führte zu einem regelrechten Basketballboom in den afro-amerikanischen Wohnvierteln der US Metropolen. Von der Hoffnung angestachelt, Armut, Gewalt und Drogen hinter sich zu lassen und wie ihre Vorbilder den Sprung in die NBA und damit zu Geld und Ruhm zu schaffen, spielten tausende junge Amerikaner auf den Courts der Großstädte. Da die Spielplätze nicht den Vorgaben der NBA entsprachen, entwickelten die ambitionierten Jugendlichen neue Regeln und Spielformen. Es ging nicht mehr ausschließlich darum ein Spiel zu gewinnen, sondern möglichst kreativ, dynamisch und athletisch zu spielen. „Moves“4 wurden zu einem zentralen Bestandteil des Spiels. Wer den Ball besonders athletisch „dunken“5 konnte oder Pässe ohne hinzugucken ausführte, erarbeitete sich Respekt und Anerkennung bei seinen Mitspielern. Eine neue Form des Basketballs war entstanden, welche – je nach Ort und Spielart – mit Ausdrücken wie „Playground Basketball“, „Three on Three“, „Pick up“ „Hoop-D-Do“ oder „Streetball“ bezeichnet wurde und sich dem Profibasketball gegenüber durch einen freieren, unkonventionellen und kreativen Spielstil auszeichnete. Ein Stil, der später „schwarzer Spielstil“ genannt wurde und durch die Verpflichtung einzelner Straßenbasketballer in die NBA auch im Profibasketball Anwendung fand. Die neue Dyamik und das spektakuläre Spiel der farbigen Spieler ließ die Zuschauerzahlen bei den Profispielen rasch in die Höhe schnellen, sodass letztendlich auch der institutionelle Basketballsport vom „Ghettospiel“ der urbanen Jugendszene profitieren konnte.6 Auf den Straßen entwickelte sich indes eine eigene Jugendkultur um das Spiel. Hip Hop und Rap Musik sowie ein weit geschnittener, sportlich legerer Kleidungstil gehörten genauso zur Streetballidentität wie ein eigener Sprachjargon, bei dem Begriffe wie „Hood“ und „Downtown“ an Stelle von Spielfeld und der Zone unterm Korb gesetzt wurden.7 Aus der Basketballbewegung der amerikanischen Großstadtjugend entwickelte sich nach und nach ein globaler Hype. Während die Mitgliederzahlen organisierter Institutionen und Vereine stark zurückgingen, suchte die Jugend nach Möglichkeiten sich ungezwungen, kreativ und individuell ausdrücken zu können. „Die Botschaft von Streetball lautet: Anders sein als der Rest […] es gibt keinen Coach, keinen Zwang zum Trainieren oder das Muß, am Wochenende zum Punktspiel zu erscheinen. Streetball begeistert seine Anhänger durch die Freiheit, das zu tun, wozu man Lust hat.“8

Das innovative Lebensgefühl der Jugend wurde bald von Sportartikelherstellern wie Nike und Adidas erkannt und zum Aufbau eines neuen Images der Marken genutzt. Adidas brachte den Straßenbasketball und das damit verbundene Lebensgefühl letztendlich auch nach Deutschland. Angefeuert durch den gewaltigen Medienrummel um das US-Dream-Team bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona entwickelte sich die 1993 gegründete „Adidas Streetball Challange Tour“ zu einem durchschlagenden Erfolg.9 In der adidas Projektinformation zur „Streetball Challange Tour“ 1993 hieß es:

„Streetball kann die Jugend ansprechen und begeistern. Er wird ihren Bedürfnissen an ,nicht organisierter‘ und ,nicht institutionalisierter‘ Freizeitbeschäftigung gerecht. Wie die Sozialforschung herausgefunden hat, lehnt ein Großteil der Jugendlichen ,gezwungenen‘ Sport ab. Sie wollen selbst entscheiden, wann mit wem und wie sie Sport betreiben. Streetball kennt keinen Zwang!“10

Adidas hat das Verlangen der Jugendlichen nach Individualität und Informalität zum richtigen Zeitpunkt erkannt und die lässige, coole Art, anders zu sein, für das eigene Markenimage genutzt. Gleichzeitig wurde Streetball damit jedoch teilweise seines informellen Charakters enthoben, da in der weiteren Entwicklung immer mehr Turniere, Touren und Challenges entstanden, welche bald die Aufmerksamkeit der organisierten Vereine auf sich zogen. Heute gibt es kaum noch Streetballturniere, die nicht in Zusammenarbeit mit den Vereinen der großen Basketballligen wie der NBA in den USA oder der Basketball-Bundesliga (BBL) in Deutschland, ausgerichtet werden. Auf den Hinterhöfen der Metropolen existiert Streetball aber nach wie vor als das ungezwungene Spiel, welches einer jugendkulturellen Szene die Möglichkeit bietet, sich frei, cool und selbstbestimmt körperlich auszudrücken.11

2. Trendsport

Trendsport steht für Fun, Action, Thrill, Erlebnis, Freiheit, In-Sein und Jugendlichkeit.12 Begriffe, die in gleicher Form auch für die Beschreibung von Streetball verwendet werden können. Trendsport und Streetball, das scheint zweifelsohne zusammenzupassen. Aufgrund der Massenverbreitung, der professionellen Organisation, der Langwierigkeit und Kommerzialisierung des Straßenbasketballs gibt es jedoch Kritiker, die die Zugehörigkeit von Streetball zu den Trendsportarten in Frage stellen. Hat Streetball über die Jahre hinweg nicht seinen exklusiven Charakter verloren? Um diese Frage zufriedenstellend beantworten zu können, ist es zunächst unausweichlich, die Charakteristik von Trendsport zu untersuchen, um Anschließend eine Trendsport-Definition zu finden, der im weiteren Verlauf dieser Arbeit gefolgt werden kann.

Bei genauerer Betrachtung der wissenschaftlichen Beiträge zur Trendsportthematik fällt auf, dass, so oft die Bezeichnung Trendsport in der sportwissenschaftlichen Literatur verwendet wird, Definitionsversuche gleichermaßen rar sind.13 Laßleben versucht den Trendsportbegriff einzugrenzen, indem er die typischen Merkmale von Trendsportarten herausstellt. Die ersten beiden Merkmale werden dabei vom Wortbestandteil Trend abgeleitet. Zunehmende Verbreitung ist eines der zentralen Merkmale von Trends. Eine erfolgreiche Trendsportart löst sich damit vom exklusiven Insiderkreis ab und entwickelt sich zu einer Bewegungsform, die von einer großen Anzahl Sporttreibender ausgeübt wird. Auch Medienpräsenz durch z.B. das Erscheinen von Szenemagazinen sind Indikatoren für eine zunehmende Verbreitung des Trends, bzw. der Trendsportart.14

Um Trends von einer kurzfristigen Modeerscheinung abzugrenzen stellt Laßleben die für einen Trend notwendige Zeitdauer von mehreren Jahren heraus. Er distanziert sich damit von der in der Sportwissenschaft häufig zitierten 5-Jahrestrennlinie zwischen Moden und Trends, sieht eine Trendsportart aber dennoch erst als solche an, „wenn sich das neu auftauchende Bewegungsangebot über mehrere Jahre im Bewusstsein der Sporttreibenden verankert und als Praxis etabliert.“15

Trendsportarten sollten des Weiteren einen gewissen Neuigkeitswert aufweisen.

„Verschiedene Arten von Neuheit sind zu unterscheiden: Etwas kann absolut neu, aber auch unternehmens-, handels-, markt, kunden-, oder für eine Branche neu sein. Im Hinblick auf Trendsportarten sind vor allem Kundenneuheit und Marktneuheit wichtig. „Kundenneuheit“ bedeutet, dass etwas als „neu“ eingestuft“ wird, wenn es in den Augen der Zielgruppe als neu erscheint. „Marktneuheit“ bedeutet, dass etwas in Deutschland neu ist, was z.B. im Pioniermarkt USA längst etabliert ist.“16

Damit eine Trendsportart auch als solche bezeichnet werden darf, sollte eines ihrer wesentlichen Attribute aus der Gestaltungsoffenheit bestehen. Institutionelle Unabhängigkeit, also die freie Wahl des Zeitpunktes und Ortes zum Sporttreiben, sowie die selbstbestimmte Wahl des Partners bzw. Mitspielers und eine geringe Reglementierung sind essentielle Merkmale von Trendsportarten. Auch die technisch-motorische Gestaltungsoffenheit stellt einen wichtigen Faktor dar, da insbesondere anerkannt wird, was als originell oder besonders stylisch gilt.17 Ein technisch perfekt ausgeführter Sprung beim Snowboarden wird folglich weniger anerkannt als ein stilistisch hochwertiger Sprung, der sich durch Kreativität und Spektakularität auszeichnet. Die Stilisierung der Trendsportart setzt sich auch im Alltag der Sportlerinnen und Sportler fort. Kleidung, Mimik, Gestik, Musikgeschmack und Rituale werden zu einem unverwechselbaren Gesamteindruck kombiniert und bilden eine „symbolische Einheit“ mit dem unnormierten Bewegungsvollzug. Stilisierung und Lebensstileinbindung heben den Sport und seine Sportler von der restlichen Sportwelt ab. „Skater oder Surfer ist man eben nicht nur, wenn man auf dem Board steht – Skater oder Surfer ist man 24 Stunden lang.“18

Dieser Aspekt führte mit der Zeit zwangsläufig zu einer zunehmenden Exklusivität und Kommerzialisierung von Trendsport. Zum einen ist die Ausübung vieler Trendsportarten an technisch hochwertige Geräte und Ausrüstung geknüpft, zum anderen bildet die außersportliche Lebensstileinbindung eine zusätzliche Absatzchance für die Sportartikelhersteller. Marken wie Puma machen mittlerweile mehr Umsatz mit Lifestyle-Produkten als mit konventionellen Sportprodukten. Trendsport ist demnach auch an finanziellen Aufwand gebunden, der die Akteure aber gleichzeitig vor Nachmachern schützt und den Sportarten ihre Exklusivität zusichert.19

Das an dieser Stelle zuletzt beschriebene Merkmal des Trendsports ist die Erlebnis und Verlaufsorientierung. Den Akteuren kommt es nicht darauf an, besser zu sein als andere. Bei ihnen bildet vielmehr das Erlebnis an sich das zentrale Handlungsmotiv. Nicht mit klassischen Trainingsmethoden, sondern mit Drills und dem Trial-and-Error Prinzip20 werden die selbstentwickelten Moves verbessert und perfektioniert. Spaßorientierung steht im Mittelpunkt. Disziplin, Wettkampf und Askese sind hingegen keine Trendsport Attribute.21

Alexander Laßleben fügt die oben beschriebenen „sieben Merkmale von Trendsport“ in Form eines Rades zusammen.22 Die Speichen bilden dabei die einzelnen Merkmale ab, die runde Form soll deutlich machen, dass nicht alle Merkmale (Speichen) erfüllt sein müssen, damit von einer Trendsportart gesprochen werden kann. „Je mehr Merkmale (Speichen) [aber] für eine Trendsportart zutreffen, desto eher wird man sie also als Trendsportart bezeichnen können und desto stabiler ist das Rad und somit der Trend.“23

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1. Das Trendsport-Rad.24

Es gibt viele Versuche seitens der Sportwissenschaft, den Variantenreichtum und die Vielseitigkeit von Trendsportarten zu klassifizieren bzw. einzugrenzen. Neben den sieben Merkmalen von Laßleben teilt beispielsweise Wolfgang Söll Trendsportarten in Gruppen ein. Natursportarten und Outdoor-Aktivitäten, Trendvarianten etablierter Sportarten und Sportarten, die sich in dieser Hinsicht ambivalent verhalten, lauten hier die übergeordneten Beschreibungen.25

[...]


1 Vgl Wenzel, 2001, S. 9.

2 Ebd. S. 13.

3 Vgl. Wenzel S. 63ff.

4 Bezeichnung für besonders anspruchsvolle, kreative Bewegungsausführungen des Streetballs.

5 „Dunking“ bezeichnet das Stopfen des Balles von oben in den Korb.

6 Vgl. Wenzel. S. 67-82.

7 Ebd.

8 Neumann, 1994, S. 10.

9 Vgl. Wenzel. S. 86ff.

10 Projektinformation zu Streetball Challenge Tour von Adidas 1993.

11 Laßleben, 2009, S. 69.

12 Vgl. Ebd. S. 36.

13 Vgl. Ebd.

14 Vgl. Laßleben. S. 39

15 Schwier, 1998.

16 Laßleben. S. 40

17 Vgl. Ebd. S.41f.

18 Laßleben. S. 42f.

19 Vgl. ebd. S. 44.

20 Eine Bewegung wird nicht traditionell durch ihre einzelnen Bestandteile erlernt, sondern solange versucht, bis man nicht mehr scheitert, sondern besteht.

21 Vgl. ebd. S. 43.

22 Vgl, Abb. 1.

23 Ebd. S.44

24 Laßleben S. 45

25 Söll , Wolfgang , 2000

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783346052988
ISBN (Buch)
9783346052995
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503312
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,7
Schlagworte
Basketball Streetball Sportunterricht Trendsport

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Titel: Streetball. Ist es immer noch eine Trendsporart?