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Das Schließen der "Lücke zwischen dem historischen Subjekt und dem Leser"

Rezeptionsästhetische Überlegungen zu Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 33 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Schillers Rhetorik und Narratologie
1. Zwischen Fakten und Fiktion: neutraler Geschichtsschreiber oder Rhetorik- affiner Poet?
2. Episches Programm und narratologische Elemente: „Engagiertes Erzählen”

II. Der Blick „in die Gemütsverfassung des Beklagten”
1. Die menschliche Doppelnatur: „Laster und Tugend in einer Wiege”
2. Identitätskonstitution und Mitleidserregung qua Isolation
3. Der Sonnenwirt als Falsifikation der Physiognomik
4. „Gewissensangst“ als Initiator der Entscheidung für die Sittlichkeit

III. Justiz- und Gesellschaftskritik als Mitleidsevokation
1. „Ja, übers Leben noch geht die Ehr!“: Implikationen des Ehrverlusts
2. Schutz- und Vaterlosigkeit: „Lassen Sie Gnade für Recht ergehen, mein Fürst“

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

Einleitung

Obgleich Friedrich Schillers Prosawerken gemeinhin ein deutlich geringeres Forschungsinteresse zukommt als seinen theoretischen Schriften,1 so hat sich die neuere deutsche Literaturwissenschaft ausgiebig mit seiner heute unter dem Titel Der Verbrecher aus verlorener Ehre bekannten aufklärerischen Kriminalerzählung, die 1786 anonym in der von Schiller selbst herausgegebenen Zeitschrift Thalia als Verbrecher aus Infamie veröffentlicht wurde, auseinandergesetzt.2 Die Forschungsliteratur scheint dabei stets um die Analyseschwerpunkte Rezep- tionsästhetik, Gattungshistorie, sozialgeschichtliche Studien sowie geistes- und rechtsgeschichtliche Einordnungen zu kreisen,3 wobei jedoch anzumerken ist, dass zwischen diesen Ansätzen vielfache Interdependenzen bestehen und isolierte Betrachtungen wohl nur schwerlich möglich sind. Eine umfassende rezeptionsästhetische Analyse, wie sie im Folgenden vorgenommen werden soll, wird daher zweifelsohne davon profitieren, eine Vielzahl ebendieser Aspekte in ihre Argumentation miteinzubeziehen und deren Zusammenspiel aufzuzeigen, wenn es herauszustellen gilt, mit welchen Mitteln der Publikumsbezug in der programmatischen Vorrede, die sich aus rezeptionsästhetischer Perspektive wohl als am aufschlussreichsten erweist, hergestellt und im Laufe der Erzählung aufrechterhalten und sogar amplifiziert wird.

„Es bleibt eine Lücke zwischen dem historischen Subjekt und dem Leser, die alle Möglichkeit einer Vergleichung oder Anwendung abschneidet und statt jenes heilsamen Schreckens, der die stolze Gesundheit warnet, ein Kopfschütteln der Befremdung erweckt.“4 merkt Schiller eingangs an und verweist damit auf das seiner Meinung nach gravierendste Problem der Geschichtsschreibung, bekennt jedoch gleich darauf, die „republikanische Freiheit des lesenden Publikums“ (14) unter keinen Umständen kompromittieren zu wollen, da dies geradezu eine - wenn auch verbreitete - „Usurpation des Schriftstellers“ (14) sei. Vielmehr müsse „der Held wie der Leser erkalten“ (14), damit Letzterer sich, gänzlich frei von emotionalen Einflüssen, mit Ersterem „in einer Ordnung beisammen“ (13) zu sehen vermöge.

Auch in der kontemporären Rezeptionstheorie nach Wolfgang Iser ist von den der Lücke semantisch ähnlichen „Leerstellen“, mit denen der Leser konfrontiert wird und die ihm eine gewisse Freiheit und Aktivität in der Sinnkonstitution zusprechen, die Rede5 und diese von ihm konstatierte Offenheit eines grundsätzlich polysemantisch angelegten literarischen Werks soll bei der Rezeption allmählich dadurch beseitigt werden, dass „der Leser eine Arbeitshypothese erstellt, die den größten Teil der Werkelemente berücksichtigt und ihre Konsistenz belegt.“6

So fordert auch Schiller seine Leser zunächst dazu auf, die Lebensgeschichte Christian Wolfs unvoreingenommen auf sich wirken und sich nicht durch etwaige erzählerische Einschübe beeinflussen zu lassen, die er als selbsternannter Geschichtsschreiber ohnehin nicht inkludieren möchte, sondern ausschließlich „selbst zu Gericht zu sitzen“ (14), was eine gewisse Objektivität und das eigenständige Erstellen einer Hypothese impliziert. Damit setzt er den Leser in die Position des Richtenden, welche dieser jedoch schwerlich neutral einnehmen kann, schwingt in den Anmerkungen des Erzählers doch stets eine unverkennbare Sympathiebekundung für den Protagonisten sowie ein gewisser justiz- und sozialkritischer Impetus mit.

Es lässt sich somit argumentieren, dass bei der Bedeutungskonstitution der Erzählung sowie dem Schließen der Lücke zwischen Subjekt und Leser, das das eigentliche erzähltheoretische Problem konstituiert,7 Schiller beziehungsweise dem Erzähler, der sich wohlgemerkt an keiner Stelle eindeutig mit Schiller gleichsetzen lässt,8 eine entscheidende Rolle zukommt, leitet er doch den Leser nicht nur sanft in eine bestimmte Richtung, sondern unterbreitet ihm wiederholt insistente Lektüreanweisungen wie „wir müssen ihn seine Handlung […] wollen sehen“ (14), insbesondere in seinem der eigentlichen Erzählung vorangestellten theoretischen Diskurs, der nicht zuletzt dadurch deutlich didaktisch-belehrend anmutet. Es erweckt den Anschein, als werde hier bereits eine Lesart determiniert, die keinerlei „Unbestimmtheitsstellen“9 zulässt; als gehen der Erzählung die Arbeitshypothese sowie deren Begründung bereits voraus. So „[w]urde dem Leser […] des 18. Jahrhunderts durch das Gespräch, das der Autor mit ihm führte, eine explizite Rolle zugewiesen, damit er - bald durch sie, bald gegen sie - je nach der im Text wirksamen Steuerung die menschliche Natur und den Zugang zur Wirklichkeit zu konstituieren vermochte.“10 Zwar gelobt Schiller dissimulierend, keinen „hinreißenden Vortrag“ (14) zur Instrumentalisierung des Lesers vorlegen und diesen keineswegs durch eloquente Digressionen steuern zu wollen, doch widerlegt die darauffolgende Erzählung diesen liberalen Vorsatz vehement.

Im Folgenden soll somit aufgezeigt werden, dass Schiller entgegen seiner proklamierten Intentionen keineswegs die Freiheit des Lesers zulässt oder diesen gar in seiner eingangs postulierten Kälte verweilen lässt, sondern durch geschicktes Einsetzen von rhetorischen sowie narratologisch-formalen Mitteln, einer eindringlichen Figurenpsychologisierung seines Protagonisten und kontinuierlich anklingender Justiz- und Gesellschaftskritik die Leserlenkung auf mehreren Ebenen vornimmt, damit aktiv zum Schließen nicht nur dieser einen, sondern mehrerer verschiedenartiger Lücken beiträgt und die Leseridentifikation durch einen umfangreichen Blick „in die Gemütsverfassung des Beklagten“ (17) geradezu forciert, was unweigerlich ein gewisses „Warmwerden“ mit dem Protagonisten nach sich zieht.

I. Schillers Rhetorik und Narratologie

1. Zwischen Fakten und Fiktion: neutraler Geschichtsschreiber oder Rhetorik-affiner Poet?

Die klassische Tradition der Rhetorik geriet gegen Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur zunehmend in Verruf, sondern wurde von der vorherrschenden Genie- und Organismus-Ästhetik schließlich sogar vollständig verdrängt.11 Sie galt als „hinterlistige[…] Kunst“12 und „abgeschmackte[…] Konvention[…]“13 und zählte zur verpönten Regeldramatik der Franzosen, der der ultimative Genius Shakespeares entgegengehalten wurde.14 Wie bereits angedeutet scheint auch Schiller sich infolgedessen von diesem konventionsgebundenen Schreiben abwenden zu wollen, doch schien er „die Rhetorik noch nicht ganz überwunden“15 zu haben und „[d]as Rhetorische von Schillers Sprache, der in ihr sich ausdrückende hinreißende Wille, der einem rednerischen Zwecke dient, wurde früh bemerkt und war bereits den Zeitgenossen eine nicht geringe Verlegenheit.“16 Dies ist insofern interessant, als dass Schiller sich doch ausdrücklich von jedwedem „hinreißenden Vortrag“ (14) und damit dem erhabenen Stil, dessen Hauptgefahr stets seine Nähe zum Schwulst ist,17 loszusagen intendiert.

Bereits der Untertitel Eine wahre Geschichte. erhebt einen unumstößlichen Anspruch auf faktische Wahrheit, dem Schiller sich verschreibt wenn er sich als ausschließlich an den Fakten orientierten Geschichtsschreiber, angetrieben von einem empirisch-wissenschaftlichen Interesse, inszeniert und dem etwaige rhetorische Ornamentik sowie die emotionale Gemütserwärmung des Lesers entgegenstehen - dies solle ausschließlich „Redner[n] und Dichter[n]“ (14) vorbehalten bleiben. Dieses rationale Interesse scheint wenig ungewöhnlich, brachte doch die Aufklärung einen noch nie dagewesenen Aufstieg wissenschaftlichen Gedankenguts mit sich, was sich in Schillers Erzählung nicht zuletzt in der insbesondere in der Vorrede verwendeten Terminologie niederschlägt:18 „Menschenforscher“ (13), „analogisch […] schließen“ (13), „Seelenlehre“ (13), „Linnäus, […] welcher nach Trieben und Neigungen klassifizierte“ (13), „warum schenkt man einer moralischen Erscheinung weniger Aufmerksamkeit als einer physischen?“ (15), „Leichenöffnung seines Lasters“ (15), „Seelenkunde“ (15), „Körper des Staats“ (15). Die im ersten Satz erwähnten „Annalen“ (13) sind zudem die wohl faktischste Aufzeichnung, die ein Geschichtsschreiber vornehmen kann.19

So mutet auch die Deskription Christian Wolfs, der als ein Rechts- und Krankheitsfall vorgestellt wird,20 in ihrer nüchternen Faktizität beinahe wie eine medizinische Bestandsaufnahme an und legitimiert das wissenschaftliche Interesse des promovierten Mediziners Schiller, denn sie liefert eine wertungsfreie Diagnose und empirische Beschreibung „und notiert ebenso sachlich auch die Wirkung auf andere - die ‚Beobachtungen bei der Leichen-Öffnung des Eleve Hillers‘, ein Protokoll aus der Karlsschulzeit, zeigt eine ähnliche, auf emotionale Wirkung verzichtende Haltung.“21 So schreibt Schiller über Christian Wolf:

Die Natur hatte seinen Körper verabsäumt. Eine kleine unscheinbare Figur, krauses Haar von einer unangenehmen Schwärze, eine plattgedrückte Nase und eine geschwollene Oberlippe, die noch dazu durch den Schlag eines Pferdes aus ihrer Richtung gewichen war, gab seinem Anblick eine Widrigkeit, welche alle Weiber von ihm zurückscheuchte und dem Witz seiner Kameraden eine reichliche Nahrung darbot. (16)

Schiller versucht also eingangs, eine wissenschaftliche Matrix zu etablieren, in der die Geschichte gelesen werden soll,22 doch im weiteren Verlauf der Erzählung werden Fakten zu exemplarischen Zwecken habituell verändert23 und er belässt es keineswegs bei realistisch-kühlen Beschreibungen, sondern nimmt zu poetologischen Zwecken zahlreiche Veränderungen der als wahr proklamierten Geschichte vor. Zwar ist das Wahrheitskriterium nicht ausschließlich aufklärerisch zu verstehen, beruht Der Verbrecher aus verlorener Ehre doch auf der wahren Geschichte des Räubers Fridrich Schwan, mit der Schiller durch seinen Lehrer und Doktorvater Jacob Friedrich Abel zu Karlsschulzeiten in Berührung kam, doch bestehen zwischen der Lebens- Geschichte Fridrich Schwans und dem Verbrecher aus verlorener Ehre zahlreiche Differenzen.24 Im Gegensatz zu Abel, der lediglich historische Daten und Fakten wiedergibt, verändert Schiller den zugrundeliegenden Stoff in poetischer Freiheit.25

Die Berufung auf die historische Wahrheit dient also in erster Linie der Sympathiegewinnung des Publikums und veranlasst dieses, sich mit dem Fall als mit einem echten auseinanderzusetzen und damit die Relevanz der erzählten Geschehnisse nicht in Frage zu stellen.26 So merkt auch Cusack an, dass sich die vermeintliche Authentizität vorrangig auf die realitätsnahe Darstellung psychologischer Prozesse bezieht und der Wahrheitsgehalt primär von dem Grad der Leseridentifikation abhängt.27 Nicht zuletzt durch den hochgradig eloquenten Brief des Sonnenwirts, jene „meisterhafte peroratio“,28 gerät das Konzept der wahrheitsgetreuen Erzählung beträchtlich ins Wanken - immerhin handelt es sich bei Wolf um einen vergleichsweise ungebildeten Mann. Zwar mag es stimmen, dass nicht immer Schiller selbst den „hinreißenden Vortrag“ (14) in Form des Erzählers vornimmt, doch ist er es, der diese Worte seinem Protagonisten in den Mund legt und damit nicht nur an dieser Stelle die „elocutio“ der klassischen Rhetorik exzellent ausführt. Schon das eindrucksvolle Exordium, das in der Rhetoriktheorie die Einleitung einer Rede bezeichnet, verrät eine gewisse Rhetorik-Affinität des Autors. Schillers Text - dies wird zunehmend evident - „melds fact and fiction by the skilled deployment of rhetoric.”29

Er verfolgt eine Taktik der Dissimulation,30 die sich in seiner rhetorischen Ambivalenz manifestiert, welche sich mutmaßlich auf Schillers Unsicherheit in Bezug auf die Bewertung seiner eigenen rhetorischen „Manier“ zurückführen lässt:31 „Indem ich die fertiggemachten Scenen wieder ansehe, bin ich im Ganzen zwar wohl mit mir zufrieden, nur glaube ich einige Trockenheit darinn zu finden… Sie entstand aus einer gewißen Furcht, in meine ehemalige rhetorische Manier zu verfallen.“32 Dieser Zwiespalt lässt sich in der Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre vorfinden, die die Unentschlossenheit Schillers eindringlich reflektiert, sagt er sich doch zunächst von der Rhetorik los und verfällt schließlich doch in rhetorische Überzeugungsmuster, denn er verfolgt klare moralisch-didaktische Ziele, ein „programme of elucidation and instruction”,33 was bereits im ersten Satz durch den Komparativ „unterrichtender“ (13) anklingt und weiterhin durch die Feststellungen, die Geschichte solle „eine Schule der Bildung“ (14) sein und „die Leichenöffnung seines Lasters unterrichtet die Menschheit und […] die Gerechtigkeit“ (15) untermauert wird und den typischen Aufklärungsgedanken wiedergibt. Seine reformierende Intention, so scheint es, hat Schiller hier eindeutig ausformuliert und schließt damit bestimmte Lesarten schlicht aus, wohingegen er andere fördert34 und dadurch die Freiheit das Lesers erheblich einschränkt. Zum Erreichen der Belehrung, dieses „großen Endzweck[s]“ (14), bedient er sich einiger rhetorischer Mittel und besticht den Leser schließlich doch: „Schiller in fact tends to consider […] the techniques of fiction fair game for any proper history writer.“35

So werden der eigentlichen Erzählung zwei Fragen vorangestellt, die durch den „Moduswechsel vom Konjunktiv Irrealis zum Indikativ, das zweifelnde Modaladverb ‚wirklich‘, die pleonastische Beschwörung ‚ohne Rettung […] verloren‘“36 rhetorisch anmuten: „Ob der Verbrecher, von dem ich jetzt sprechen werde, auch noch ein Recht gehabt hätte, an jenen Geist der Duldung zu appellieren? ob er wirklich ohne Rettung für den Körper des Staats verloren war?“ (15). Darauf kann es nur eine Antwort geben, denn auch wenn Schiller behauptet, „dem Ausspruch des Lesers nicht vorgreifen“ (15) zu wollen, so tut er dies doch unmittelbar darauf: „Unsre Gelindigkeit fruchtet ihm nichts mehr, denn er starb durch des Henkers Hand […]“ (15). Bemerkenswert ist an dieser Stelle die Verwendung des inklusiven Personalpronomens „uns“, die sich durch die gesamte Vorrede zieht - „ Wir sehen den Unglücklichen, der doch eben in der Stunde, wo er die Tat beging, so wie in der, wo er dafür büßet, Mensch war wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung an, dessen Blut anders umläuft als das unsrige, dessen Wille andern Regeln gehorcht als der unsrige […]“ (14), „An seinen Gedanken liegt uns unendlich mehr als an seinen Taten […]“ (14) - und durch die das Publikum auf Schillers Sichtweise festgelegt wird. Bereits an dieser Stelle wird also die Lücke zwischen Autor und Leserschaft ebenso geschlossen wie es in der eigentlichen Erzählung mit dem Protagonisten und dem Leser der Fall sein wird, setzt Schiller doch voraus, dass der richtende Leser zu keinem anderen Urteil gelangen wird als er selbst und stellt damit klar, welche Art von Rezipienten er erwartet. Vom lesenden Publikum wird eine Entscheidung für das humanitäre Ideal verlangt - „eine Entscheidung, die allerdings die Abkehr vom praktischen Vollzug fordert.“37 Die Arbeitshypothese hat er somit erstellt und diese gilt es im Folgenden zu verifizieren, wobei der Leser trotzdem nicht „warm werden [soll] wie der Held“ (14). Vielmehr ist das Ziel nach Schiller, dass der Leser Wolf ebenso nüchtern betrachtet wie er selbst und dabei zu demselben wissenschaftlich fundierten Schluss gelangt, denn der Mensch muss lediglich ausreichend informiert sein, um zu den richtigen Resultaten zu gelangen.38 Die rhetorische Wirkungsart des „docere“ scheint somit an oberster Stelle zu stehen.

Nichtsdestotrotz setzt das für den belehrenden Erfolg der Erzählung unabdingbare „dunkle[…] Bewusstsein ähnlicher Gefahr“ (14) eine gewisse Leseridentifikation, ein Erwärmen mit dem Protagonisten voraus; der Leser muss „mit ihm bekannt werden“ (14). Pathos und Schwulst dienen dabei nicht dazu, den Argumenten emotionale Kraft zur Überzeugung zu verleihen, sondern vielmehr der Errichtung einer „Brücke zwischen Gegenstand und Publikum“39 und somit dem Schließen der von Schiller als problematisch empfundenen Lücke. Für einen Rezeptionsästhetiker wie Iser „liegt der alleinige Sinn des Lesens darin, dass es uns zu einem tieferen Selbstverständnis führt, als Katalysator für eine kritischere Sicht unserer eigenen Identität fungiert“40 und es scheint, als verschreibe sich auch Schiller einer ähnlichen Ansicht. So erschafft er mit Wolf keinen idealtypisch guten oder bösen, sondern einen gemischten Charakter im Sinne der Lessing’schen Hamburgischen Dramaturgie (1767-69) und schildert ihn infolgedessen „mit von uns gleichem Schrot und Korne“,41 was einerseits der Authentizitätssteigerung dient und andererseits an die Tradition der Furcht- und Mitleidserregung anknüpft. Diese Furcht, dass uns ein ähnliches Schicksal wie der dargestellten Figur widerfahren könnte, ist dabei „das auf uns selbst bezogene Mitleid“42 und wird von Schiller als „heilsame[r] Schrecken[…]“ (14) bezeichnet, aus dem „Rührung“ (14) erwächst, womit neben dem „docere“ auch das pathoserregende „movere“ der klassischen Rhetoriktheorie Eingang in seine Erzählung findet. Diese kathartisch anmutende Erzählungskonzeption widerspricht der Anwendung des angeblichen wirkungsästhetischen Rezepts Schillers und wirft die Frage auf, inwiefern der Leser überhaupt in einem kalten Zustand verharren kann - dies erwiese sich ohnehin als äußerst problematisch, denn wäre der Leser tatsächlich genauso kalt wie der Held, so würde dies doch unweigerlich bedeuten, dass er ebenso tot sei wie dieser.43

2. Episches Programm und narratologische Elemente: „Engagiertes Erzählen”

Die realhistorische Verankerung war lange Zeit konstitutiv für die Gattung der Kriminalgeschichte, deren Tradition in Deutschland unter anderem durch die Erzählung Der Verbrecher aus verlorener Ehre inauguriert wurde, bei der es sich jedoch wie bereits herausgestellt um Authentizitätsfiktion handelt.44 Obwohl Cusack im Torschreiber so etwas wie eine Detektivinstanz erkennen will,45 handelt es sich keineswegs um eine Detektivgeschichte, denn da, wo diese enden würde - nämlich bei der Aufdeckung des Verbrechens - beginnt für Schiller ein neuer Erzählabschnitt.46 So bezieht sich die im Handlungsverlauf entstehende Spannung auch nicht wie für Detektivgeschichten üblich auf den Ausgang der Erzählung und die zu erwartende Aufklärung des Verbrechens, die durch die externe Analepse „er starb durch des Henkers Hand“ (15) ohnehin bereits im Exordium vorweggenommen wird,47 sondern vielmehr auf den Weg, den der Protagonist zurücklegen muss, um dorthin zu gelangen - um seine Vorgeschichte, seine Tatmotive, seinen moralischen Untergang, seine reuigen Versuche der Rückkehr in das Sozialgefüge. Sie „erwächst also weniger aus der dramatischen Wiedergabe eines Handlungsverlaufs, sondern aus der kasuistischen Dialektik von Fall und normativer Beurteilung.“48

Grundsätzlich wird Der Verbrecher aus verlorener Ehre in der Schiller-Forschung entweder in fünf Erzählabschnitte (die geraffte, berichtende Vorgeschichte, die szenische Schilderung von Festungshaft, Rückkehr, Mord und Räuberbande, der berichtende innere Wandel inklusive Flucht vor der Bande, die Petitionsschrift aus Wolfs Perspektive und schließlich die Gefangennahme)49 gegliedert, was womöglich die Schiller inhärente Affinität zum Dramatischen verriete,50 oder aber in drei distinkte Abschnitte, was mit der ungewöhnlich flexibel wechselnden Fokalisierung zusammenhängt. So setzt sich die Erzählung aus zwei Rahmenteilen, die aus der Sicht eines Er-Erzählers wiedergegeben werden und im Sozialverband stattfinden, und einem Binnenteil, der sich in der Natur abspielt und in dem der autodiegetische Ich-Erzähler Christian Wolf selbst das Wort ergreift, zusammen.51 Der erste Rahmenteil dient dabei der Integration des Lesers in den epischen Kontext sowie Schillers Intentionsfestlegung, wohingegen die Strecken der Erzählung, die aus der Ich- Perspektive geschildert werden und somit einen täterzentrierten Blick ermöglichen, durch das Hervorheben der Isolation des Protagonisten, seine Konfessionen, Reflexionen und Versuche der Reintegration durchaus identifikationssteigernde Implikationen nach sich ziehen, bevor schließlich die Lenkung zurück zum epischen Bericht erfolgt.52 An entscheidenden Stellen gibt der dem Leser aus der Vorrede bekannte Erzähler das Wort an den Protagonisten ab, „vier Mal [wechseln] Ich- und Er-Erzähler, Bericht und szenische Darstellung. In dieser Anlage manifestiert sich die doppelte Zielrichtung von Schillers engagiertem Erzählen: es appelliert in der Perspektive des Ich-Erzählers an das Gefühl [und evoziert Sympathie und Mitleid] und im Bericht des Er- Erzählers an den Verstand.“53

Nichtsdestotrotz ist „die Grenze zwischen der Erzählerstimme und der Stimme des Sonnenwirts […] keine ganz distinkte.“54 So gibt Schiller auch im Erzählertext mehrere verschiedene Standpunkte wertungsmäßig wieder und verknüpft diese kunstvoll miteinander, sei es der Wolfs: „[er] sah […] nur einen Ausweg vor sich […] - den Ausweg, honett zu stehlen“ (16), der des Gerichts: „Das Mandat gegen die Wilddiebe bedurfte einer solennen und exemplarischen Genugtuung, und Wolf ward verurteilt […].“ (17 f.), der Roberts, der jedoch sogleich in Wolfs Perspektive übergeht: „Robert triumphierte. Sein Nebenbuhler war aus dem Felde geschlagen und Hannchens Gunst für den Bettler verloren. Wolf kannte seinen Feind, und dieser Feind war der glückliche Besitzer seiner Johanne.“ (17)55 oder aber der des Erzählers, der sich abrupt an den Wolfs anschließt: „‚Alle kamen überein, mein Verlangen zu bewilligen, ich war erklärter Eigentümer einer H*** und das Haupt einer Diebesbande.‘ Den folgenden Teil der Geschichte übergehe ich ganz […].“ (28). Insbesondere die letzte Textstelle verdeutlicht dabei, wie fließend, teils gar unmerklich diese Fokalisierungswechsel vonstattengehen, sodass der Leser sich mitunter fragen wird, welches „Ich“ denn nun spricht. Diese „moderne Interferenz von Erzähler- und Personentext auch im scheinbar neutralen Erzählerbericht beteiligt den Leser am Geschehen und läßt ihn die Gefühle und Entscheidungen des Helden empathetisch mitvollziehen.“56 Der Delinquent wird also „an den Erzähler wie an den Leser ‚herangerückt‘; der Text wirbt für einen ‚mitleidigen‘ Blick auf den Verbrecher.“57 Dieses Schließen der Lücke zwischen dem Erzähler und dem Protagonisten kontribuiert also maßgeblich zur Leseridentifikation.

In Bezug auf die Erzählkategorie der Zeit lässt sich konstatieren, dass sich die erzählte Zeit durch ein erhebliches Ungleichgewicht auszeichnet. Sie umfasst ein ganzes Leben, etwa 27 Jahre, wobei der Großteil dieser Jahre elliptisch übersprungen wird, wohingegen der Mordtag und der Tag der Auslieferung ungewöhnlich detailliert geschildert werden.58 Auch gibt es mehrere Wechsel von zeitdeckendem (Dialoge, die Bittschrift) und summarischem Erzählen: „Auch diese Periode verlief […]“ (18) sowie eine Zeitraffung im letzten Teil der Erzählung, der zudem mit mehreren auktorialen Interventionen durchsetzt ist.59 Hierin manifestieren sich der Fokus und die vorrangige Intention des Erzählers, denn „der Wiedergabe von Handlungsabläufen kommt unter [dem] mehr didaktischen Aspekt nur sekundäre Bedeutung zu.“60

Dass Schiller durchaus auf Mitleidsevokation aus ist, wird besonders im Schlusssatz evident, in dem das Tränenmotiv, das sich unter anderem auch bei August Gottlieb Meißner, Goethe und Kleist finden lässt, aufgerufen wird, indem der Sonnenwirt den Amtmann auffordert: „[…] lassen Sie […] auf Ihren Bericht eine Träne fallen: Ich bin der Sonnenwirt.“ (35). Diese dem Amtmann abverlangte Träne soll auch der Leser vergießen61 und dient „als Bezeugung der Glaubwürdigkeit nicht nur des Berichtes, sondern vor allem der Gefühle des Sonnenwirts, seiner Reue und seiner Besserung.“62 Sollte der Leser die vorliegende Erzählung tatsächlich mit einer Träne benetzen, so würde dies das Wahrheitskriterium bestätigen.63 Diese Symbolik kommt somit einer expliziten Formulierung des Mitleidens als Wirkungsziel gleich.64 Das abrupte, aporetisch anmutende und emotional geladene Ende bildet zudem einen scharfen Kontrast zum kalten Anfang65 - inwiefern der Leser kalt bleiben soll, während die Erzählung insbesondere durch die Stimme Wolfs kontinuierlich erwärmt, ist doch höchst fraglich - und trägt somit weiterhin dazu bei, dass sich der Erzähler als eine äußerst ambivalente Figur zu erkennen gibt. So setzt er unaufhörlich Erzähler- und Personentext und damit auch Ratio und Leidenschaft, Fakt und Fiktion, Didaktik und Illusion, Kälte und Mitleid einander gegenüber, lässt diese miteinander interferieren und durchbricht auch seine „novellistische Objektivität“66 wiederholt.

[...]


1 Aurnhammer: Engagiertes Erzählen, S. 254.

2 In der Zweitfassung nahm Schiller einige Änderungen im Exordium vor, bei denen es sich primär um die Milderung von Vulgarismen sowie die Elimination dialektal gefärbter Ausdrücke handelte. Vgl. Liebrand: „Ich bin der Sonnenwirt“, S. 117.

3 Aurnhammer: Engagiertes Erzählen, S. 255.

4 Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre, S. 14. Künftig zitiert in runden Klammern im Fließtext mit Seitenangabe.

5 Eagleton: Einführung in die Literaturtheorie, S. 39.

6 Ebd., S. 44.

7 Aurnhammer: Engagiertes Erzählen, S. 258.

8 Rosen: Die Annalen seiner Verirrungen, S. 12. Im Folgenden wird trotz dieser Differenzierung, wie in der Forschungsliteratur üblich, primär von Schiller anstelle des Erzählers die Rede sein.

9 Eagleton: Einführung in die Literaturtheorie, S. 39.

10 Iser: Der implizite Leser, S. 10.

11 Ueding: Schillers Rhetorik, S. 1.

12 Kant: Kritik der Urteilskraft, S. 184.

13 Schiller: Sämtliche Werke Bd. 1, S. 503.

14 Ueding: Schillers Rhetorik, S. 3.

15 Nohl: Friedrich Schiller. Eine Vorlesung, S. 118.

16 Ueding: Schillers Rhetorik, S. 3.

17 Ebd., S. 79.

18 Avgerinou: Aufklärerische Botschaft und Erzähltechnik, S. 15.

19 Rosen: Die Annalen seiner Verirrungen, S. 11.

20 Freund: Die deutsche Kriminalnovelle von Schiller bis Hauptmann, S. 12.

21 Ueding: Schillers Rhetorik, S. 101.

22 Rosen: Die Annalen seiner Verirrungen, S. 14.

23 Hamacher: Geschichte und Psychologie der Moderne um 1800 (Schiller, Kleist, Goethe), S. 66.

24 Die Mutter des, laut Quellen, wohl eher gutaussehenden und allseits beliebten Schwans verstirbt früh und er wächst unter einer Stiefmutter auf, wohingegen der unattraktive, von seinen Mitmenschen verspottete Wolf vaterlos nur mit seiner Mutter heranwächst. Auch bestiehlt Ersterer seinen eigenen Vater und gerät daraufhin bereits im Alter von 17 Jahren erstmals in Haft. Zum Räuber wird Schwan primär, da er sich auf eine arme Bürgerstochter einlässt, die bereits ein Kind hat, und beide Väter die Eheerlaubnis verweigern. Später findet er in der „schwarzen Christine“ eine Komplizin und Gefährtin seines Räuberlebens; Wolf ist hingegen grundsätzlich auf sich alleine gestellt. Vgl. Aurnhammer: Engagiertes Erzählen, S. 256.

25 Aurnhammer: Engagiertes Erzählen, S. 157.

26 Ueding: Schillers Rhetorik, S. 102.

27 Cusack: ‘Der Schein ist gegen Sie.‘, S. 762.

28 Ueding: Schillers Rhetorik, S. 102.

29 Cusack: ‘Der Schein ist gegen Sie.‘, S. 761.

30 Ebd.

31 Ueding: Schillers Rhetorik, S. 3.

32 Schiller: Schillers Briefe, S. 270.

33 Cusack: ‘Der Schein ist gegen Sie.‘, S. 761.

34 Eagleton: Einführung in die Literaturtheorie, S. 51.

35 Rosen: Die Annalen seiner Verirrungen, S. 11.

36 Aurnhammer: Engagiertes Erzählen, S. 259.

37 Ueding: Schillers Rhetorik, S. 84.

38 Avgerinou: Aufklärerische Botschaft und Erzähltechnik, S. 14.

39 Ueding: Schillers Rhetorik, S. 82.

40 Eagleton: Einführung in die Literaturtheorie, S. 42.

41 Lessing: Hamburgische Dramaturgie, S. 296.

42 Ebd., S. 294.

43 Hamacher: Geschichte und Psychologie der Moderne um 1800 (Schiller, Kleist, Goethe), S. 61.

44 Freund: Die deutsche Kriminalnovelle von Schiller bis Hauptmann, S. 17.

45 Cusack: ‘Der Schein ist gegen Sie‘, S. 772.

46 Avgerinou: Aufklärerische Botschaft und Erzähltechnik, S. 4.

47 Ebd., S. 7.

48 Freund: Die deutsche Kriminalnovelle von Schiller bis Hauptmann, S. 13.

49 Aurnhammer: Engagiertes Erzählen, S. 261.

50 Wiese: Schiller ‚Der Verbrecher aus verlorener Ehre‘, S. 45.

51 Freund: Die deutsche Kriminalnovelle von Schiller bis Hauptmann, S. 19.

52 Ebd., S. 18.

53 Aurnhammer: Engagiertes Erzählen, S. 261.

54 Liebrand: „Ich bin der Sonnenwirt.”, S. 121.

55 Aurnhammer: Engagiertes Erzählen, S. 263 f.

56 Ebd., S. 264.

57 Liebrand: „Ich bin der Sonnenwirt.“, S. 122.

58 Avgerinou: Aufklärerische Botschaft und Erzähltechnik, S. 7.

59 Ebd.

60 Freund: Die deutsche Kriminalnovelle von Schiller bis Hauptmann, S. 17.

61 Liebrand: „Ich bin der Sonnenwirt.“, S. 129.

62 Hamacher: Geschichte und Psychologie der Moderne um 1800 (Schiller, Kleist, Goethe), S. 68.

63 Liebrand: „Ich bin der Sonnenwirt.“, S. 129.

64 Willems: Der Verbrecher als Mensch, S. 35.

65 Avgerinou: Aufklärerische Botschaft und Erzähltechnik, S. 15.

66 Freund: Die deutsche Kriminalnovelle von Schiller bis Hauptmann, S. 13.

Details

Seiten
33
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346036148
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503351
Note
1,0
Schlagworte
schließen lücke subjekt leser rezeptionsästhetische überlegungen schillers verbrecher ehre

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