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Eine kritische Betrachtung der Metapherntheorien der kognitiven Linguistik und der Relevanztheorie

Hausarbeit 2019 19 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Metapherntheorie der kognitiven Linguistik
2.1 Lakoff und Johnson: Metaphors We Live By (1980)
2.2 Kritik an der kognitiven Linguistik und ihrer Metapherntheorie

3. Metaphern in der Relevanztheorie
3.1 Die Relevanztheorie nach Sperber und Wilson (1995, 2002)
3.2 Kritik an der Relevanztheorie

4. Breitere Ansatze
4.1 Die hybride Metapherntheorie nach Markus Tendahl (2015)
4.2 Interkultureller Diskurs

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Metapher ist gemeinhin bekannt als klassischer Topos der antiken Rhetorik, als impliziter Vergleich ohne Komparationspartikeln Oder umgangssprachlich als sprachliches Bild. Auch die Linguistik knupft an die grundsatzliche Vorstellung der Metapher als sprachliches Bild an und definiert sie dementsprechend als auf Bedeutungsahnlichkeiten beruhende Bedeutungsubertragung Oder -verschiebung, bei der eine bestimmte Struktur Oder ein zugrundeliegendes Konzept von einem Bereich auf einen anderen projiziert wird, was auch die Bedeutungserweiterung eines Lexems mit sich bringen kann (Meibauer, 2007). Die Einigung auf eine trennscharfe Definition scheint jedoch nahezu unmoglich, weshalb Weinrich dafur pladiert, „alle Arten des sprachlichen Bildes von der Alltagsmetapher bis zum poetischen Symbol" (Weinrich, 1967: S. 7) zuzulassen. Gerade aufgrund dieser offenbaren Uneindeutigkeit ist das Forschungsinteresse an der Metapher als linguistisches Phanomen bis heute ungebrochen, da dem Erkenntnisprozess die fundamental Frage zugrunde liegt, in welchem Verhaltnis verbale Manifestationen von Metaphern zu ihren kognitiven Ursprungen stehen (Forceville, 2002); wie also menschliche Kognition vonstatten geht, scheinen doch menschliches Denken und Handeln grundsatzlich metaphorisch strukturiert zu sein (Lakoff & Johnson, 1980; Junge, 2010). In der Linguistik sind infolgedessen zahlreiche Ansatze und Erklarungsmodelle entstanden, die jedoch teilweise unvereinbar scheinen. Zwei Metapherntheorien haben die sprachwissenschaftliche Forschung dabei besonders nachhaltig gepragt: die Metapherntheorie der kognitiven Linguistik nach Lakoff und Johnson (1980) sowie die relevanztheoretischen Betrachtungen von Sperber und Wilson (1995, 2002). Zunachst sollen die beiden Ansatze erlautert sowie einige der Hauptkritikpunkte genannt werden und im Anschluss daran wird ein Losungsansatz vorgestellt, der aufzeigt, dass sich die beiden Theorien nicht notwendigerweise ausschlieRen mussen, sondern zu einer umfassenderen hybriden Metapherntheorie kombiniert werden konnen (Tendahl, 2015). Auch soil anhand von Beobachtungen im interkulturellen Diskurs knapp die Frage beleuchtet werden, ob genuin linguistische Theorien Metaphern uberhaupt ausreichend erfassen konnen Oder ob ein breiterer Ansatz erforderlich ist, der beispielsweise soziopragmatische, sprachvergleichende und weitere interdisziplinare Faktoren in die Analyse miteinbezieht.

2. Metapherntheorie der kognitiven Linguistik

2.1 Lakoff und Johnson: Metaphors We Live By (1980)

Als ein Teilbereich der Kognitionswissenschaft klassifiziert die kognitive Linguistik die Sprachfahigkeit des Menschen, die ihn maRgeblich von anderen Lebewesen unterscheidet, als einen der essentiellen Teile der Kognition (Meibauer, 2007). Dabei ist jedoch anzumerken, dass die Etikettierung „kognitiv“ keineswegs bedeutet, dass bewusste Denkprozesse untersucht werden - vielmehr verweist der Begriff auf die Hinwendung zur Semantik (Schmitt, 2017). Die wohl einflussreichste Metapherntheorie der kognitiven Linguistik etablierten George Lakoff und Mark Johnson mit ihrer Publikation „Metaphors We Live By" (1980a), in der sie ..understanding and experiencing one kind of thing in terms of another" (Lakoff et al. 1980a: S. 5), also kognitives Mapping, als Essenz von Metaphern herausstellen und konstatieren, dass es sich bei Metaphern grundsatzlich urn ..primarily a matter of thought and action and only derivatively a matter of language” (Lakoff et al. 1980a: S. 10) handelt, womit sie an holistische Ansatze anknupfen und die Autonomie von Sprache negieren, die laut ihnen also stets im Zusammenhang mit unseren Denkprozessen und unserem Handeln, nicht aber isoliert zu betrachten ist. Metaphorische Ausdrucke werden dabei unbewusst abgerufen; es handelt sich urn ein automatisiertes mentales Verarbeiten von Schemata (Schmitt, 2017). Dies indiziert, wie tief Metaphern laut der kognitiven Theorie in unseren Denkvorgangen verwurzelt sind, was einen der Hauptpfeiler des Ansatzes konstituiert und das Erkenntnisinteresse begrundet, zu beweisen, dass „die menschlichen Denkprozesse weitgehend metaphorisch ablaufen" (Lakoff et al. 1980b: S. 14). Lakoff und Johnson (1980) bemangeln, dass Metaphern in der Philosophie fur gewohnlich als „matters of mere language" (Lakoff et al. 1980a: S. 133) angesehen werden, denn laut ihnen sind sie viel mehr als linguistische Ornamentik: „,Metapher‘ sei nicht bloR eine sprachliche Figur (Trope), sondern eine spezifische Form des sogenannten .mental mapping', das auf entscheidende Weise beeinflusse, wie Menschen denken und schluRfolgern: im alltaglichen Leben und nicht nur in poetischen Oder nicht-literalen Zusammenhangen" (Eder, 2007: S. 169). Dementsprechend stellen sie die These auf, dass sich anhand von metaphorischen AuRerungen, die in unserer Alltagssprache universal sind, das Wesen metaphorischer Konzepte und infolgedessen unser gesamtes Konzeptsystem untersuchen lasst, das wiederum Ruckschlusse auf menschliche Kognition im Allgemeinen erlaubt (Lakoffet al. 1980b). Metaphern sind in ihrerTheorie daherals metaphorische Konzepte zu verstehen, die eine entscheidende Rolle in der Konstruktion unserer Alltagsrealitat spielen, und unser gesamtes Konzeptsystem ist demnach im Kern metaphorisch strukturiert (Lakoff et al. 1980b). Ebenso wie die Sprache, die wir benutzen, urn uber Aspekte des Konzepts zu sprechen, sind die Konzepte selbst systematisch und werden durch den Projektionsprozess des mental mapping, das Korrespondieren von Elementen in verschiedenen conceptual domains, von einem Quellbereich (source domain) auf einen Zielbereich (target domain) ubertragen, woraus sich zahlreiche Subtypen von Metaphern ableiten lassen (Lakoff, 1995: S. 206). Die Strukturierung durch Metaphern ist jedoch immer nur„eine partielle [...] und keine totale [denn] durch die[...] punktuelle Beleuchtung, [die Konzepte zwangslaufig vornehmen, werden stets] andere Aspekte [der] Konzepte verborgen" (Lakoff et al. 1980b: S. 21). Eine bekannte konzeptuelle Metapher, die in der kognitiven Konzeptualisierungstheorie zur Veranschaulichung der Zusammenhange zwischen Sprache und Handeln vorgestellt wird, ist ARGUMENTIEREN 1ST KRIEG, wobei ARGUMENTIEREN der Zielbereich und KRIEG der Quellbereich ist, dem nun zahlreiche gangige Ausdrucke entnommen werden konnen, die alle zu dem ubergeordneten metaphorischen Cluster ARGUMENTIEREN 1ST KRIEG gebundelt werden:

(1) Er griff jeden Schwachpunkt meiner Argumentation an. / SchieRen Sielosli Seine Kritik trafins Schwarze. (Lakoff etal. 1980b: S. 13).

Die kriegerischen Konnotationen sind dabei nicht nur eine Frage der Sprache, sondern wir konnen tatsachlich eine Argumentation gewinnen Oder verlieren; es handelt sich geradezu urn einen verbalen Kampf, was indiziert, dass auch unsere Handlungen nach metaphorischen Konzepten strukturiert sind (Lakoffet al. 1980b). Des Weiteren stellen Lakoff und Johnson (1980) das Potenzial der metaphorischen Subkategorisierung heraus, also der Ableitungen zwischen einzelnen Metaphern, die ein koharentes System metaphorischer Konzepte und der diesen Konzepten zugehorigen Ausdrucke bilden, beispielsweise:

(2) ZEIT 1ST GELD > GELD 1ST EINE BEGRENZTE RESSOURCE > ZEIT 1ST EIN KOSTBARES GUT {Lakoffet al. 1980b: S. 17).

Dabei orientieren wir uns am alltaglichen Sprachgebrauch und wahlen das pragnan- teste metaphorische Konzept, urn das gesamte subkategoriale System zu charakterisieren (Lakoff et al. 1980b). Es gibt unzahlige metaphorische Konzepte, die ferner drei ubergeordneten Arten von Metaphern zuzuordnen sind - ontologischen Metaphern, Orientierungsmetaphern und Strukturmetaphern - doch alien ist gemein, dass sie der Konzeptualisierung des Nicht-Physischen in Begriffen des Physischen dienen - siehe VERSTEHENISTBEGREIFEN (Lakoff et al. 1980b: S. 30) -, wobei physischen Erfahrungen deswegen keineswegs eine fundamentalere Rolle zukommt als anderen Erfahrungen (Lakoff et al. 1980b). Folglich kommt es zur Ausbildung systematischer Korrelate zwischen diffusen, mentalen und greifbaren, sensomotorischen Erfahrungen (Gallese & Lakoff, 2005). Ebenso werden Emotionen in de-abstrahierenden Begriffen konzeptualisierbar:

(3) LOVE ISA JOURNEY (Lakoff, 1995: S. 206).

Das Hauptaugenmerk der kognitiven Metapherntheorie liegt somit auf der Signifikanz der Metapher fur unser alltagliches Leben, denn „wenn [...] unser Konzeptsystem zum groRten Teil metaphorisch angelegt ist, dann ist unsere Art zu denken, unser Erleben und unser Alltagshandeln weitgehend eine Sache der Metapher" (Lakoff et al. 1980b: S. 11) und die Identifikation von Systemen metaphorischer Gedanken beziehungsweise metaphorischer Konzepte ist eines der zentralen Interessen der kognitiv orientierten Metaphernforschung.

2.2 Kritik an der kognitiven Linguistik und ihrer Metapherntheorie

Der immense Einfluss der kognitiven Metapherntheorie auf die Linguistik lasst sich nicht leugnen, doch sah sich der Ansatz in den letzten Dekaden auch betrachtlicher Kritik und zahlreichen Modifikationsvorschlagen ausgesetzt. Einige wenige der pragnantesten Kritikpunkte sollen hier vorgestellt werden. Lakoff und Johnson (1980) raumen selbst ein, dass ihre Theorie nicht empirisch fundiert ist und ihre Beschreibungen daher oftmals auf „spekulativen Bemerkungen" (Lakoff et al. 1980b: S. 28) fuRen. Dieses Forschungsdefizit bemangeln auch Kopcke und SpieR (2015), die auRerdem darauf hinweisen, dass dem Aspekt der Kulturalitat in der Lakoff’schen Theorie zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, die stattdessen die Universalitat von Metaphorik und deren Grundung in korperlichen Erfahrungen in den Vordergrund stellt; die Aktivierung unseres Weltwissens, die der Gebrauch metaphorischer AuRerungen unweigerlich mit sich bringt - spielen doch „situative und kontextuelle Faktoren fur die Bedeutungskonstitution eine zentrale Rolle" (Kopcke et al. 2015: S. 10) - jedoch nicht hinreichend berucksichtigt. Auch Tendahl (2015) kritisiert, dass die kognitive Linguistik sich zu sehr auf metaphorische Konzepte versteift, wodurch der Einfluss des AuRerungskontextes und der darin entstehenden pragmatischen Effekte deutlich zu kurz kommt. Weiterhin existiert laut ihm keine Vorstellung davon, wie genau das mental mapping vonstatten geht; wie also die Projektion von Quell- auf Zielbereich organisiert ist und warum ein spezifisches Konzept aktiviert wird, ein anderes aus derselben source domain jedoch nicht (Tendahl, 2015). Schmitt (2017) merkt an, dass Lakoff und Johnson (1980) lediglich eine radikal simplifizierte relationale, keine substantielle Definition der Metapher vorstellen, die die Unterscheidung von wortlichem und ubertragenem Gebrauch eines Wortes erschwert, doch ebendiese sei entscheidend fur die Definition von Metaphorik. Daruber hinaus kritisiert Kispal (2013), dass Lakoff und Johnson (1980) ihre Theorie als grundlegend neu erachten und es versaumen, auf Vorlaufer aufmerksam zu machen.

3. Metaphern in der Relevanztheorie

3.1 Die Relevanztheorie nach Sperber und Wilson (1995, 2002)

Obwohl auch die Relevanztheorie nach Sperber und Wilson (1995, 2002) ein kognitiv orientierter Ansatz ist, distanzieren sie sich deutlich von der von Lakoffund Johnson (1980) erarbeiteten Metapherntheorie, indem sie ihrem Modell im Sinne der Theorie der „zerebralen Lokalisation" (Meibauer, 2007: S. 8)

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Details

Seiten
19
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346036162
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503352
Note
1,3
Schlagworte
eine betrachtung metapherntheorien linguistik relevanztheorie

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