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Translokale Land-Stadt-MigrantInnen im "Globalen Süden"

Die Bedeutung translokaler Verflechtungen und Prozesse für Land-Stadt-Migrant*innen in Dhaka, Bangladesch

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 24 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Relevanz der Thematik
1.2 Zielsetzung der Arbeit

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Migrationstheorien nach Harris/Todaro und Stark/Bloom
2.2 Translokalität: Definitionen, Dimensionen und Möglichkeiten
2.3 Verknüpfung von Translokalität und Land-Stadt-Migration

3. Fallbeispiel Dhaka, Bangladesch
3.1 Geographische und migrationsbezogene Einordnung
3.2 Gründe für die Land-Stadt-Migration
3.3 Auswirkungen der Land-Stadt-Migration auf Dhaka
3.4 Street Food – Verkäufer in Dhaka

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Migrationsmotive vom ruralen in den urbanen Sektor nach Harris und Todaro

Abb. 2: Translokale Land-Stadt-Verflechtungen

Abb. 3: Urbane und rurale Bevölkerungsverteilung in Bangladesch von 1950-2050

Abb. 4: Migrationsgründe und -Ziele von in Küstengebieten lebenden Menschen Bangladeschs

Abb. 5: Migration der Street Food Verkäufer nach Dhaka im Zusammenhang des städtischen Bevölkerungswachstums

Abb. 6: Kettenwanderung von einem Dorf in der Nähe von Chanpur nach Dhaka

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Relevanz der Thematik

Land-Stadt-Migration ist ein globales Phänomen, welches weltweit zu beobachten ist. Der globale Anteil der in städtischen Agglomerationsräumen lebenden Bevölkerung nimmt weiter zu; Stand 2018: 55,271 % (WORLD BANK, DATA 2018). Während große Teile der Bevölkerung Amerikas, Europas und Ozeaniens bereits seit einigen Jahren überwiegend in Agglomerationsräumen leben, steigen die Verstädterungsraten im afrikanischen und asiatischen Raum erst seit vergleichsweise kurzer Zeit an. Dafür jedoch in sehr großem Ausmaß (WUP 2018). Das beschleunigte Städtewachstum ist heute vor allem ein Phänomen der Entwicklungs- und Schwellenländer. Die Urbanisierungsraten sind dort zurzeit am höchsten. Rund 2/3 aller Megastädte befinden sich zurzeit in Entwicklungsländern. Insgesamt kann ungefähr die Hälfte des städtischen Wachstums im „Globalen Süden“ auf die Migration von ländlichen zu städtischen Räumen zurückgeführt werden (SMART & SMART 2003).

Dhaka, die Hauptstadt von Bangladesch gilt als eine der am schnellsten wachsenden Städte und zählt Prognosen zufolge in naher Zukunft (2030) zu den größten Megastädten weltweit (WUP 2018). Die Stadt stellt einen Ort der Interaktion und Kommunikation dar und befindet sich infolge der zunehmenden Migration in einem anhaltenden Transformationsprozess. Ein Großteil der in Dhaka lebenden Migrant*innen kommt ursprünglich aus ländlichen Gebieten und wandert temporär. Die Gründe der translokalen Migration und deren Auswirkungen auf die Migrant*innen und translokalen Räume sollen im Verlauf dieser Arbeit beleuchtet und kritisch hinterfragt werden.

2.1 Zielsetzung der Arbeit

Nachdem wir uns in den vorherigen Seminarsitzungen mit der Migrationsforschung in Bezug auf Transnationalismus und Translokalität sowie mit transnationalen Verflechtungen innerhalb Deutschlands, aber auch zwischen den USA/Mexiko, USA/Karibische Staaten und den damit zusammenhängenden Aspekten der sozialen und ökonomischen Rimessen auseinandergesetzt haben, soll der Fokus dieser Arbeit auf translokalen Praktiken und Verbindungen von Land-Stadt-Migrant*innen im „Globalen Süden“ liegen.

Das Interaktionsgefüge zwischen Land und Stadt soll dabei in den Fokus gerückt und genauer betrachtet werden. Eine strikte Trennung zwischen den beiden Sphären kann aufgrund translokaler Verbindungen nicht vorgenommen werden. Vielmehr sind diese ineinander verflochten und bedingen sich gegenseitig. Im ersten Teil soll daher zunächst ein allgemeiner Einstieg zur Land-Stadt-Migration erfolgen, der die Besonderheiten des Paradigmenwechsels hin zu einer translokalen Perspektive noch einmal verdeutlicht und betont. Insbesondere die Länder des „Globalen Südens“ sind geprägt von translokalen Netzwerkstrukturen. Anhand eines ausgewählten Fallbeispiels von Bangladesch sollen diese im zweiten Teil der Arbeit erläutert und diskutiert werden. In einem abschließenden Fazit sollen die gewonnen Erkenntnisse noch einmal zusammengetragen und im Hinblick auf mögliche zukünftige Forschungsperspektiven diskutiert werden.

2. Theoretischer Hintergrund

Im folgenden Kapitel sollen zunächst Forschungsgrundlagen zur Land-Stadt- Migration sowie zur Translokalität vorgestellt und im Anschluss miteinander verknüpft werden.

2.1 Migrationstheorien nach Harris/Todaro und Stark/Bloom

Eine der ersten Wissenschaftler, die sich mit dem Forschungsfeld der Land- Stadt-Migration auseinandersetzten waren John R. Harris und Michael P. Todaro. Im Jahr 1970 veröffentlichten sie in dem Artikel „Migration, Unemployment and Devenlopment: A Two Sector Analysis “ ein Migrationsmodell, welches Migration zwischen zwei bestimmten Sektoren zu begründen versucht. Dabei wird zwischen einem permanent ländlichen Sektor, in welchem vorwiegend Agrarprodukte produziert werden, und einem permanent städtischen Sektor, in welchem Industriegüter produziert werden, unterschieden. Der Entschluss zur Migration vom ländlichen in den städtischen Sektor wird auf Lohndifferenziale beider Sektoren und die Aussicht auf ein erhöhtes Einkommen im urbanen Sektor zurückgeführt (HARRIS & TODARO 1970). Der Migrant muss dabei die Risiken vorübergehend arbeitslos zu sein oder nur befristet Beschäftigung zu finden, kalkulieren und diese den grundsätzlich höheren Einkommensmöglichkeiten des städtischen Sektors entgegenhalten (s. Abb. 1). Todaro schreibt in diesem Zusammenhang:

„The greater the difference in economic opportunities between urban and rural regions, the greater the flow of migrants from rural to urban areas.“ (TODARO 1980:377).

Folglich kann Migration nach Harris und Todaro als eine Art „Arbitrage-Bewegung“ interpretiert werden, welche genau so lange stattfindet, bis sich ein Gleichgewicht der Löhne zwischen beiden Sektoren eingestellt hat (Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Migrationsmotive vom ruralen in den urbanen Sektor nach Harris und Todaro(Eigene Darstellung).

Zudem wird angenommen, dass ein bestimmter Mindestlohn im urbanen Sektor existiert und die Arbeitsgesellschaft des urbanen Sektors diesen nicht verlässt um im ruralen Sektor Beschäftigung zu finden (HARRIS & TODARO 1970).

Nur wenige Jahre später entwickelten Oded Stark und David E. Bloom einen weiteren Ansatz, welcher die Migrationsprozesse der Land-Stadt-Wanderung aus einer anderen Perspektive betrachtet und begründet. Nach der „ New Economics of Migration-Theorie “ (1985) werden Migrationsentscheidungen maßgeblich durch Familien- und Haushaltsbeziehungen beeinflusst und bestimmt. Arbeitsmigration stellt demzufolge ein Mittel dar, um den ländlichen Haushalt zu einem kapitalistischen Betrieb zu transformieren. Die Migrationsneigung wird dabei weniger in Zusammenhang mit den vorherrschenden Lohndifferenzialen zwischen ruralem und urbanem Sektor gebracht, sondern steigt mit der Größe des Grenzprodukts des Kapitals (STARK & BLOOM 1985). Besonders berücksichtigt werden Faktoren wie Unsicherheit, Risikoverminderung und Einkommenspooling. Arbeitsmigration kann demnach als gezielte Strategie von interpendenten AkteurInnen verstanden werden, um Risiken zu reduzieren und mit dem Einsatz von Rimessen einen wirtschaftlichen und technologischen Wandel des produzierenden Haushalts zu erreichen (EBD.).

Laut Stark ermöglicht die Migration eines Haushaltsmitgliedes dem ländlichen Haushalt einen „Trade of Risk“ mit beidseitigem Gewinn:

„Whereas none of the parties would have been able to bear the risk of failure alone, the exchange of risks permits the parties to engage in activities that are highly risky in the short run. These activities would not have been undertaken otherwise.“ (STARK 1991:219).

Zum einen dient das migrierte Individuum dem übrigen Haushalt als Sicherungssystem zur Risikominimierung, da Versicherungssysteme wie Alters- und Krankenversicherungen in ländlichen Gebieten häufig fehlen. Zum anderen erfährt der Migrant insbesondere in der Anfangsphase der Migration Unterstützung vom ländlichen Haushalt und kann so Herausforderungen, wie beispielsweise vorübergehende Arbeitslosigkeit unter Umständen besser bewältigen.

Als möglichen Auslöser von Migration nennen Stark und Bloom insbesondere die relative Verarmung. Diese bezieht sich auf den Vergleich der eigenen Position innerhalb einer bestimmten Referenzgruppe. Es handelt sich dabei also um ein subjektives Empfinden, welches auftritt, wenn:

1.) eine Person ein bestimmtes Gut nicht besitzt,
2.) diese zeitgleich eine oder mehrere Personen im eigenen Umfeld sieht, die dieses Gut besitzen,
3.) sie das Gut ihr Eigentum nennen möchte und dies für erreichbar hält (EBD.).

Aus dieser Annahme lässt sich schließen, dass Land-Stadt-Wanderungen nicht unbedingt in den ärmsten Regionen am häufigsten auftreten, sondern vor allem in Gebieten mit sehr ungleichen Einkommensverteilungen.

2.2 Translokalität: Definitionen, Dimensionen und Möglichkeiten

Der Terminus der Translokalität findet in einem weiten Spektrum unterschiedlicher Disziplinen Anwendung; Darunter beispielsweise in Geschichts- und Regionalstudien, Kulturwissenschaften, der Anthropologie oder auch Geographie. Es existiert daher eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen.

Der Begriff der Translokalität hat sich aus den Diskussionen um das Konzept des Transnationalismus entwickelt und baut auf dessen zentralen Erkenntnissen auf (GLICK SCHILLER ET AL. 1991). Der methodologische Fokus auf nationalstaatliche Grenzen wird dabei aufgebrochen, sodass die Vorstellung eines Containerraums und der Dichotomie zwischen „hier“ und „da“, sowie „ländlich“ und „städtisch“ aufgehoben wird. Es findet also keine isolierte Betrachtung zweier abgetrennter Sphären mit jeweils eigenen Merkmalen und Eigenschaften statt, sondern der Raum des „Dazwischen“ rückt in den Vordergrund. Blickell und Datta verstehen Translokalität

as ‘groundedness’ during movement, including those everyday movements that are not necessarily transnational” (BRICKELL & DATTA 2011: 4).

Das “Erden” innerhalb von Bewegungen und Mobilität wird dabei in den Fokus gerückt. Greiner und Sakdapolrak, welche ein Literature Review zum Thema Translokalität geschrieben haben, definieren Translokalität wie folgt:

The term usually describes phenomena involving mobility, migration, circulation and spatial interconnectedness not necessarily limited to national boundaries.”( GREINER & SAKDAPOLRAK 2013: 373).

Der Begriff wird hier als “umbrella term” verwendet, der die verschiedenen Prozesse der Mobilität, Zirkulation, Migration und räumlichen Verknüpfung erfassen soll.

Ein weiteres Zitat von Freitag und von Oppen hebt die Vielfältigkeit von Translokalität hervor, die sich in der Art der Mobilitäten sowie der Personen und Dinge, die sich innerhalb verschiedener Dimensionen bewegen, äußert:

"The sum of phenomena which result from a multitude of circulations and transfers. It designates the outcome of concrete movements of people, goods, ideas and symbols which span spatial distances and cross boundaries, be they geographical, cultural or political." (FREITAG & VON OPPEN 2010: 5).

Die Relevanz des translokalen Ansatzes begründen Greiner und Sakdapolark (2013) damit, dass Grenzziehungen zwischen Nationalstaaten im „Globalen Süden“ ein vergleichsweise neues Phänomen darstellen und diese teilweise willkürlich zwischen den ehemals kolonisierten Staaten gezogen wurden. Die Unterscheidung zwischen nationaler und internationaler Migration ist daher nur sehr eingeschränkt möglich. Der bisherige Fokus auf transnationalen Migrationsprozessen führte zur Vernachlässigung der internen Migration, wobei Binnenmigration mit ca. 740 Mio. Migranten den größten Teil der globalen Migrationsdynamik ausmacht. Im Vergleich dazu wurden nur rund 214 Mio. internationale Migranten verzeichnet (GREINER & SAKDAPOLRAK 2013). Der translokale Ansatz hingegen rückt den Fokus auf lokal-lokal-Beziehungen und relativiert die methodologische Fixierung auf den Nationalstaat. Räumliche ungleiche Entwicklungen und sozioökonomische Disparitäten, welche häufig als Push und Pull-Faktoren genannt werden, treten demnach nicht nur zwischen Nationalstaaten auf, sondern auch innerhalb einzelner Länder.

Translokalität kann unter verschieden Dimensionen betrachtet werden, die sich gegenseitig bedingen und miteinander verknüpft sind. Dazu zählen Orte, Locales und Netzwerke (GREINER & SAKDAPOLRAK 2012).

Orte können als Knotenpunkte definiert werden, in denen Migrantennetzwerke verwurzelt sind und reproduziert werden. Sie können die Handlungsfähigkeit von Personen sowohl ermöglichen als auch beschränken. Durch Migrationsprozesse und den damit zusammenhängenden ständigen Wandel von Kultur, sozialen Beziehungen und wirtschaftlichen Tätigkeiten, sind Orte in einem konstanten Zustand der Transformation (EBD.).

Locales können als „Schauplätze“ übersetzt werden, die eine Umgebung darstellen, in denen soziale Interaktionen stattfinden können. Durch immer wiederkehrende Routineaktivitäten der Migranten können sich diese „Settings“ schließlich zu Translokalitäten (translocales) entwickeln (EBD.).

Netzwerke sind für den Austausch und die Kommunikation unter Migranten notwendig und ermöglichen Zirkulation und Ströme von Ressourcen, Gütern, Informationen sowie Rimessen verschiedener Arten. Sie sind die Voraussetzung und gleichzeitig das Ergebnis translokaler Praktiken und dienen als strukturelles Gerüst in dem sowohl Migrant*innen als auch Nicht-Migrant*innen eingebettet sind (EBD.).

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Details

Seiten
24
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346052698
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v503706
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Geographisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
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Titel: Translokale Land-Stadt-MigrantInnen im "Globalen Süden"