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Rollenspiele im Unterricht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 31 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definitionen und Erklärungen der Grundbegriffe
2.1 Soziale Rolle
2.2 Rollentheorie
2.3 Rollenspiel

3. Rollenspiel im Unterricht
3.1 Voraussetzungen
3.1.1 Gruppenvorbereitung
3.1.1.1 Spielvorschlag für das warm-up Erwachsener
3.1.1.2 Spielvorschlag für das warm-up im Primarbereich
3.2 Rollenspieltypen und -funktionen nach Morry van Ments
3.3 Rollenspieltechniken nach Anne Schützenberger
3.4 Lernphasen & methodische Schritte nach Werner Ingendahl
3.5 Vor- und Nachteile des Rollenspiels
3.5.1 Vorteile
3.5.2 Nachteile

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Neben vielen unterschiedlichen Unterrichtsmethoden haben Rollenspiele ihren festen Platz in Lehrplänen für Schulen eingenommen. Seit dem Erscheinen des ersten Buches über Rollenspiele (Fanny und Georg Shaftel 1973 „Rollenspiel als soziales Entscheidungstraining“) in der BRD sind Rollenspiele zu einer Standardmethode im gelenkten Lernprozess geworden. Sie bleiben nicht nur auf den Bereich des sprachlichen Lernens beschränkt, sondern können fächerübergreifend eingesetzt werden. Im Gegensatz zu konventionellen Unterrichtsmethoden zielt der Einsatz von Rollenspielen im Unterricht neben der Förderung von sozialen und kognitiven Kompetenzen, auch auf die Erkenntnis, Aneignung und Festigung von positiven Verhaltensweisen und somit auf die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Anwendung von Rollenspielen im Allgemeinen und im Unterricht der Primarstufe. Dazu werden zunächst die Begriffe „Soziale Rolle“ ,„Rollentheorie“ und „Rollenspiel“ erläutert und der Einsatz, die Wirkung und die Ziele von Rollenspielen aufgeführt. Der darauf folgende Teil der Hausarbeit wird mit den Voraussetzungen zur Durchführung des Rollenspiels eingeleitet und geht anschließend auf Rollenspieltypen, -techniken (nach Morry van Ments) und -funktionen (nach Anne Schützenberger) ein. Danach wird ein methodisches Phasenschema (nach Werner Ingendahl) für die Realisierung von Rollenspielen im Unterricht vorgestellt und Vor- und Nachteile, kommentiert durch eigene Erfahrungsbeiträge, des Rollenspiels aufgeführt. Den Schlussteil bildet das Fazit zum Thema.

2. Definitionen und Erklärungen

Zum Verständnis ist eine kurze Erläuterung verschiedener, im Rollenspiel-Diskurs häufig verwendeter, Begriffe unvermeidlich.

2.1 Soziale Rolle

Die soziale Rolle ist ein umfangreicher Begriff, und es existieren in der soziologischen Forschung unterschiedliche Definitionen. Zum weiteren Verständnis sollte die Folgende ausreichen:

„Die soziale Rolle ist ein Begriff der Soziologie und umschreibt in einer einfachen Modellierung, vom Akteur her gesehen, welche Spielräume er in einer Position hat, und, von den anderen Akteuren her gesehen, was er daraus macht.“[1]

Für die Anwendung von Rollenspielen ist das Wissen notwendig, dass die soziale Rolle das soziale Verhalten von Personen charakterisiert. Soziale Rollen definieren sich aus der Menge von Erwartungen, die sich in einer gegebenen Gesellschaft an das Verhalten der Träger von Positionen knüpfen. Dabei wird das daraus resultierende sogenannte Rollenhandeln nicht nur von gesellschaftlichen Normen, die von einer Position, von anderen oder vom Positionsinhaber selbst, erwartet werden, beeinflusst, sondern auch von positiven und negativen sozialen Sanktionen, mit denen andere Akteure einen Rollenspieler beeinflussen wollen und können, bestimmt. Zum größten Teil wird das Rollenhandeln von den Erwartungen, die an einen Akteur in einer bestimmten sozialen Position gestellt werden, beherrscht.

2.2 Rollentheorie

Die Rollentheorie nach Wilfried Noetzel[2] besagt, dass jeder Mensch innerhalb einer Gesellschaft soziale Rollen übernimmt bzw. „spielt“, die den Erwartungen und Normen dieser Gesellschaft entsprechen. Die Erwartungen z.B.

- an die Rolle des Arztes ist, seine Fähigkeit zu heilen
- an die Rolle des Lehrers ist, zu lehren und Vorbild für die Schüler zu sein
- an die Rolle der Mutter ist, fürsorglich und liebevoll im Umgang mit ihrem Kind zu sein.

Ein Mensch kann gleichzeitig verschiedene Rollen einnehmen. So ist ein Arzt ggfs. auch Familienvater, Ehemann und Mitglied eines Golfclubs, wodurch er, je nachdem in welchem gesellschaftlichen Kreis er sich befindet, verschiedene Rollen in seinem Leben übernimmt, unterschiedlichen gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen und somit seine Verhaltensweisen anpassen muss.

Noetzel unterscheidet drei verschiedene Arten von Rollen:

- Statusrollen
- Positionsrollen und
- Situationsrollen

Statusrollen sind die Rollen, die „...jedem Menschen durch seine Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Schicht, zu einem Geschlecht, einer Rasse usw. „zugeschrieben“ werden, die er also nicht wählen kann.“[3] Dazu gehören beispielsweise „die Frau“ oder „der Italiener“.

Positionsrollen sind, im Gegensatz zu Statusrollen, erworbene Rollen. Sie unterscheiden verschiedene soziale Stellungen innerhalb einer Gesellschaft. Als Beispiele sei auf „den Chef“, „den Arbeitnehmer“ oder „den Schüler“ verwiesen. Zu den Positionsrollen gehören vor allem Berufsrollen. Diese Rollen sind abhängig von dem Einfluss, der an die Berufspositionen geknüpft ist. Hier spielt die Macht oder auch Ohnmacht innerhalb eines Berufsfeldes eine wichtige Rolle. Das Besondere am Verhalten von z.B. Menschen in niedrigen Berufsrollen ist, dass sie dazu neigen, die von anderen festgesetzten Normen zu erfüllen, da sie durch eine bestimmte berufliche Abhängigkeit dazu gezwungen werden.

Situationsrollen werden, nach E. Goffmann[4], auch als Interaktionsrollen bezeichnet, da sie im direkten zwischenmenschlichen Kontakt „gespielt“ werden. Jeder Mensch stellt sich innerhalb einer Gesellschaft besonders vorteilhaft dar und versteckt negative Eigenschaften um integriert zu werden. Dieses Verhalten ändert er, je nachdem in welcher Gesellschaft oder welcher Situation er sich gerade befindet.

2.3 Rollenspiel

Für das Rollenspiel gibt es verschiedene Definitionsangebote. Eine auf die praktischen Belange des Unterrichts abgestimmte Definition liefert Horst Schiffler:

„Das Rollenspiel sieht man als ein Verfahren an, durch das soziale Fähigkeiten und Einsichten gewonnen werden können, die in der Realität in praktisches Handeln umgesetzt werden.“[5]

Beim Rollenspiel handelt es sich um ein Verfahren, bei dem sich durch stellvertretendes Handeln in Als-ob-Situationen Lernprozesse ereignen (sollen), die in der Realität angewendet werden können. Das Rollenspiel als absichtsvoll eingesetztes Spiel kann in symbolischer Form das Verhalten und die Beziehungen von Menschen modellhaft darstellen.

Die einfachste Form des Rollenspiels ist es, jemanden zu bitten sich vorzustellen, entweder er selbst oder ein anderer in einer bestimmten Situation zu sein. Dabei soll er so agieren, wie die Person es seinem Gefühl nach tun würde. Ziel ist es, dass der Akteur selbst oder / und der Rest der Spielgruppe etwas über die Person und / oder die Situation erlernt. Jeder Spieler handelt als Teil des sozialen Umfeldes aller und sorgt somit für einen Rahmen, innerhalb dessen alle Beteiligten ihr Verhaltensrepertoire erkunden oder das zwischenmenschliche Verhalten der Gruppe studieren können.[6]

Der Vorgang der Rollenübernahme verläuft natürlich und konstant für jeden, der in eine Gesellschaft bzw. ein Rollensystem hineinwächst. Vornehmlich Kinder werden stufenweise in ein immer komplexeres Rollensystem eingepasst, wodurch sie sich neue Verhaltensweisen aneignen und in ihre Persönlichkeit integrieren müssen. Je weiter das Kind in das System der Gesellschaft tritt, um so mehr

- neue Verhaltensweisen muss es erlangen
- Erwartungen werden an das Kind gestellt
- Rollen muss es übernehmen.

Dieser jahrelange Entwicklungsprozess in der Verhaltensstruktur der Persönlichkeit führt bei Kindern oft zu Konflikten und Schwierigkeiten. Das Persönlichkeitssystem muss stets neu ausbalanciert werden, was auch als alters-spezifische Krise beschreibbar ist. „Mit der Vielzahl der Rollen wachsen die sozialen Anforderungen, wächst die Gefährdung. Ausweitung des Rollenrepertoires ist gleichzusetzen mit einer Ausweitung der sozialen Beziehung und damit einer Ausweitung der Konfliktgefahren.“[7] Wird das Kind mit der Definition seines jeweiligen neuen Status allein gelassen und erhält keine Unterstützung in der Ausübung, Anwendung und Reflexion, entwickelt sich zwangsläufig ein abweichendes Verhalten.

Hier kann das Rollenspiel eingreifen, um zu einer befreienden Selbstdefinition zu verhelfen. Die in der sozialen Entwicklung entstanden Krisen können im Spiel sichtbar gemacht werden, da sich das Kind durch Gespräche, Diskussion und Spiel von der emotional belastenden Problematik distanzieren kann. Rollenspiele dienen dazu, sich in einer Rolle auszuprobieren, kennen zu lernen, zu beobachten und sich entsprechend zu verhalten. Hinzu tritt die Akzeptanz anderer Menschen in ihren Rollen. Das Kind kann herausfinden, welche Funktionen bestimmte Rollen haben, wie man sich in diesen Rollen fühlt und wie sie in Verbindung zu anderen Rollen stehen. Weiter geben Rollenspiele die Möglichkeit, die eigenen Grenzen auszutesten, negative Verhaltensmuster zu verändern, Empathie zu entwickeln und Ängste zu überwinden. „Empathie, kommunikative Kompetenz, Rollendistanz und Ambiguitätstoleranz sind zweifellos Fähigkeiten, die als soziale Lernziele formuliert im Rollenspiel angeeignet werden können und sollen.“[8].

Empathie ist ein Schlüsselbegriff für Rollenspiele. Sie ist generell unerlässlich für das Zusammenleben mit Menschen und meint das eigene Verhalten auf die mögliche Reaktion der Mitmenschen abzustimmen bzw. die erwartbaren Reaktionen in die eigene Handlungsweise einzubeziehen. Ins Deutsche übersetzt bedeutet Empathie „Einfühlungsvermögen“ in das, was Mitmenschen erwarten[9].

Rollendistanz bedeutet, einen Abstand zu dem erwarteten Verhalten und den dahinter stehenden Normen zu gewinnen. Dies geschieht dadurch, dass man persönliche Interpretation riskiert und Spielräume ausnutzt, auch wenn man andererseits den gesellschaftlichen Normen entspricht, um die Anerkennung der Umwelt zu erhalten.

Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit durch das Selbstverständnis anderer die Begrenzung der eigenen Identität zu ertragen. Wie die Empathie ist die Ambiguitätstoleranz notwendig für das Leben in gesellschaftlichen Gruppen, da ohne diese Fähigkeit die Möglichkeit der Einflussnahme auf andere Personen nicht gegeben ist, welche wiederum die Voraussetzung für eine Veränderung darstellt. Ambiguitätstoleranz meint, solange wie möglich in einer Gruppe zu bleiben, in der man sich nicht gleich durchsetzen kann oder nicht akzeptiert wird, um die Umstände doch noch zu seinen Gunsten ändern zu können.[10]

Im Rollenspiel können, durch Simulation von realen Lebenssituationen, soziale Handlungskompetenzen erweitert werden, indem kritische Situationen in der gespielten Realität bereits aufgeworfen werden.

3. Rollenspiel im Unterricht

3.1 Voraussetzungen

Das Rollenspiel ist für den Unterricht geeignet, in dem der Lehrer Wert darauf legt, dass die Schüler ihre eigenen Erfahrungen machen können und in eine Situation einbezogen werden, die es zu erlernen gilt. Im Primarbereich, in dem die Kinder starke Entwicklungsprozesse durchleben, bietet es sich hervorragend an, die Schüler durch Rollenspiele auf die gesellschaftlichen Anforderungen und Erwartungen, aber auch auf bestimmte Situationen vorzubereiten. Dies kann beispielsweise ein Besuch beim Arzt, ein unangenehmes Gespräch, ein Einkauf oder das Fragen nach dem Weg sein. Rollenspiele sind förderlich für die Entwicklung von zwischenmenschlichen Beziehungen, die Kommunikationsfähigkeit und die Persönlichkeit. Zudem sorgen sie für hohe Motivation, worauf in den folgenden Kapiteln weiter eingegangen wird. Eine Hauptvoraussetzung für das Erreichen dieser Ziele, ist eine gute Vorbereitung des Lehrers auf seine Position als Spielleiter.

Ebenso muss er alle notwendigen Mittel, wie Raum und Zeit, zur Verfügung stellen und mit verschiedenen möglichen Typen, Funktionen und Techniken des Rollenspiels vertraut sein. Zu einer der wichtigsten Voraussetzungen zählt, dass die Teilnehmergruppe ausreichend und gewissenhaft vom Spielleiter auf das Rollenspiel vorbereitet wird.

[...]


[1] http://www.lexikon-definition.de/Rollenspiel.html

[2] Vgl. Noetzel, Wilfried: Spielen als soziales Lernfeld. In: Ingendahl, Werner: Szenische Spiele im Deutschunterricht. S. 43.

[3] Noetzel, Wilfried: Spielen als soziales Lernfeld. In: Ingendahl, Werner: Szenische Spiele im Deutschunterricht. S. 46.

[4] Vgl. Noetzel, Wilfried: Spielen als soziales Lernfeld. In: Ingendahl, Werner: Szenische Spiele im Deutschunterricht. S. 46.

[5] Schiffler, Horst: Spielformen als Lernhilfe. S. 128.

[6] Vgl. van Ments, Morry: Rollenspiel: effektiv. S. 14.

[7] Ernst, Anselm: Das Rollenspiel im Unterricht. S. 33.

[8] Ebd. S. 33.

[9] Vgl. Noetzel, Wilfried: Spielen als soziales Lernfeld. In: Ingendahl, Werner: Szenische Spiele im Deutschunterricht. S. 46.

[10] Vgl Ebd. S. 46.

Details

Seiten
31
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638466790
ISBN (Buch)
9783640781065
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v50464
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Schlagworte
Rollenspiele Szenisches Spiel Deutschunterricht

Autor

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Titel: Rollenspiele im Unterricht