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Strategien des populistischen Sprachgebrauchs. Die Rede des AfD-Politikers Björn Höcke vom 17.01.2017 in Dresden

Hausarbeit 2018 28 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schlagwortgebrauch und Bedeutungskomponenten

3. Sprachliche Strategien populistischer Rhetorik
3.1 Diffamierung politischer Gegner
3.2 Die Suggestion des nationalen Sprachrohrs
3.3 Schwarzweißmalerei, Komplexitätsreduktion und bewusste Ambivalenz

4. Argumentationsmuster rechtspopulistischer Sprache
4.1 Der vertikale Antagonismus: Der Gegensatz vom „Volk“ und der „Elite“
4.2 Der horizontale Antagonismus: Die Schaffung äußerer Feindbilder

5. Metaphorik

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Bei der im Frühjahr 2013 gegründeten Partei „Alternative für Deutschland“1 handelt es sich um eine rechtspopulistische Partei, die weit rechts der Union anzusiedeln ist und der es gelungen ist, „das konservative bis extrem rechte Spektrum zu bündeln“ (Friedrich 2017: 7f.). Eine auf den Populismusforscher Cas Mudde zurückgehende Definition charakterisiert Populismus als Ideologie, „die davon ausgeht, dass die Gesellschaft in zwei homogene, antagonistische Gruppen getrennt ist, das ´reine Volk´ und die ´korrupte Elite´, und die geltend macht, dass Politik ein Ausdruck der volonté générale oder des allgemeinen Volkswillens sein soll“ (Priester 2012: 4). Da politische Handlungen weithin aus sprachlichen Handlungen bestehen (vgl. Reisigl 2012: 142), sollen im Rahmen dieser Hausarbeit am Beispiel der Rede des thüringischen AfD-Politikers Björn Höcke vom 17.01.2017 in Dresden die sprachlichen Besonderheiten populistischen Sprachgebrauchs untersucht werden. Das vorliegende und verwendete Transkript der Rede stammt vom Journalisten Konstantin Nowotny und wurde von der überregionalen Tageszeitung „Der Tagesspiegel“ am 19.01.2017 veröffentlicht.2 Zur besseren Nachvollziehbarkeit von Zitaten und Analyseergebnissen wurde dem Transkript vom Verfasser dieser Hausarbeit selbstständig eine Zeilennummerierung angefügt, der Wortlaut des Transkripts wurde dabei nicht verändert.

Zunächst erfolgt eine Analyse von Höckes Rede auf der Wortebene, wobei hier der Fokus auf die von Höcke verwendeten Schlagwörter und die dazugehörigen Bedeutungskomponenten dieser Begriffe gelegt wird. Anschließend findet eine Untersuchung der Diskursebene statt, der eine kurze theoretische Grundlage der sprachlichen Strategien populistischer Rhetorik vorausgeht. Diese verschiedenen sprachlichen Strategien werden nicht bloß in der Theorie vorgestellt, es erfolgt auch eine Analyse der am häufigsten vertretenen sprachlichen Strategien: der Diffamierung politischer Gegner, der Suggestion des Redners, als nationales Sprachrohr aufzutreten und demnach Repräsentant des Volkes zu sein und die Schwarzweißmalerei, die Komplexitätsreduktion sowie die bewusste Ambivalenz sprachlicher Äußerungen. Danach sollen die Argumentationsmuster rechtspopulistischer Sprache anhand des vertikalen und horizontalen Antagonismus in Höckes Rede offengelegt werden um anschließend im letzten Schritt die verwendeten Metaphern besonders auf ihr Implikationspotenzial hin zu untersuchen.

2. Schlagwortgebrauch und Bedeutungskomponenten

Bei dem ersten zu untersuchenden Aspekt handelt es sich um den Gebrauch von Schlagwörtern und um die jeweiligen Bedeutungskomponenten dieser Begriffe. Schlagwörter sind Begriffe, die in der öffentlich-politischen Kommunikation innerhalb einer bestimmten Zeitspanne häufig auftreten (vgl. Schröter 2011: 250). Zudem wird mithilfe dieser Schlagwörter ein bestimmtes politisches Programm beziehungsweise eine bestimmte politische Zielvorstellung kondensiert und öffentlich propagiert, sodass Schlagwörter oftmals dazu verwendet werden, komplexe und komplizierte Sachverhalte vereinfacht darzustellen (vgl. Niehr 2014: 70f.). Hermanns unternahm den Versuch, Schlagwörter je nach Art ihrer Verwendung zu subklassifizieren und unterteilte die Schlagwörter in sogenannte Fahnen- und Stigmawörter bzw. in Hoch- und Unwertwörter (vgl. ebd.: 72f.). Schröter charakterisiert diese gebräuchlichen Schlagworttypen folgendermaßen: „Hochwertwörter und Fahnenwörter sind Ausdrücke für positiv bewertete Sachverhalte, Unwertwörter und Stigmawörter sind Ausdrücke für negativ bewertete Sachverhalte“ (Schröter 2011: 251).

Diese Definition der Schlagworttypen nach Schröter macht deutlich, dass nicht bloß die denotative Bedeutung eines Wortes – also die begriffliche Grundbedeutung – zur Klassifizierung eines Schlagwortes ausreicht. Ebenfalls relevant ist der emotive Bedeutungsbestandteil eines Wortes, da „bestimmte Ausdrücke spezielle Konnotationen bei den Rezipienten3 “ (Niehr 2014: 67) hervorrufen. Darüber hinaus gibt es die sogenannten deontischen Bedeutungsbestandteile, die als appellativ wahrgenommen werden und mit denen eine Handlungsanweisung an den Rezipienten einhergeht (vgl. ebd.). Nachfolgend soll Höckes Rede daraufhin untersucht werden, welche Art von Schlagwörtern sie enthält und welche Bedeutungskomponenten diese aufweisen.

Der Großteil der von Höcke verwendeten Schlagwörter lässt sich in Anlehnung an die von Hermanns unternommene Klassifizierung als Stigmawörter einordnen. Die Schlagwörter „Kriminalität“ (Höcke 2017: 136) und „Gewalt“ (ebd.) werden von Höcke verwendet, um den seiner Meinung nach rapide voranschreitenden Verfall der deutschen Städte zu verdeutlichen. Sowohl Gewalt als auch Kriminalität sind negativ konnotierte Begriffe, die bei den Rezipienten aufgrund ihres emotiven Bedeutungsbestandteils ein Gefühl der Angst und Hoffnungslosigkeit hervorrufen sollen. Gleichzeitig sorgen diese Begriffe als Stigmawörter dafür, dass der Parteistandpunkt der AfD klar dargelegt wird, da „Gewalt“ und „Kriminalität“ nicht nur den vermeintlichen Zustand beschreiben sollen, sondern auch deutlich machen, dass dieser negative Zustand bekämpft werden soll (vgl. Niehr 2014: 73). Nach demselben Prinzip werden ebenfalls die Schlagwörter „Geburtenrückgang“ (Höcke 2017: 147) und „Masseneinwanderung“ (ebd.) als Stigmawörter gebraucht. Beide Begriffe evozieren bei den Rezipienten die Konnotation, dass die Anzahl der Individuen des eigenen Volkes abnimmt, während der Anteil fremder Menschen an der deutschen Bevölkerung aufgrund der „Masseneinwanderung“ steigt. Die evaluative (bewertende) Bedeutungskomponente beider Begriffe erzeugt das Bild einer allmählich aussterbenden Bevölkerung, die durch fremde Menschen ersetzt wird. Dadurch wird nicht bloß die Angst der Rezipienten vor einer Überfremdung geschürt, es wird ebenfalls deutlich, dass die AfD sowohl den Geburtenrückgang als auch die Masseneinwanderung beenden möchte (vgl. Niehr 2014: 73).

Zur Beschreibung der aktuellen Regierung4 gebraucht Höcke den Begriff „Regime“ (Höcke 2017: 112). Da es sich laut Duden dabei um einen abwertenden Begriff handelt, der in der Regel zur Beschreibung totalitärer oder autoritärer Herrschaftsformen verwendet wird,5 handelt es sich in diesem Fall um ein Schlagwort, welches als Unwertwort gebraucht wird. Charakteristisch für Unwertwörter ist die „Parteilichkeit“ (Schröter 2011: 251) ihrer Verwendung: mit Unwertwörtern werden Sachverhalte bezeichnet, die allgemein von der Bevölkerung und allen Parteien eines politischen Systems negativ bewertet werden (vgl. ebd.). Durch die Verwendung des Unwertwortes „Regime“ und der damit verbundenen Konnotation eines autoritären und totalitären Staates versucht Höcke bei den anwesenden Rezipienten Zustimmung für die eigene und Ablehnung für die gegnerische politische Position zu erlangen, da jeder, der sich gegen Demokratie und für Totalitarismus ausspricht, „ganz an den Rand der Gesellschaft“ (ebd.) gerückt werden würde. Mit der Bewertung der Bombardierung Dresdens während des Zweiten Weltkrieges als „Kriegsverbrechen“ (Höcke 2017: 371) führt Höcke das nächste Unwertwort an, um Zustimmung für seine Sichtweise zu generieren. Obwohl innerhalb der Geschichtswissenschaft bis zum heutigen Tag noch keine einheitliche Definition der Bombardierung Dresdens als Völkermord oder Kriegsverbrechen vorgenommen werden konnte, macht Höcke es seinen politischen Gegnern schwer sich gegen seine Interpretation zu stellen, ohne direkt als Befürworter eines Kriegsverbrechens dazustehen (vgl. Schröter 2011: 251).

Während der Rede nennt Höcke insgesamt zehn Mal den Begriff „Patrioten“ und zwei Mal den Begriff „Patriotismus“. Da Wörter nicht von Grund auf Schlagwörter sind, „sondern nur im konkreten Sprachgebrauch als Schlagwörter verwendet werden können“ (Niehr 2014: 70), macht alleine die Verwendungshäufigkeit dieses Begriffs deutlich, dass Höcke diesen Begriff im Rahmen seiner Rede als Schlagwort zu etablieren versucht. Da Höcke seine Rezipienten gezielt zum Patriotismus aufruft und seine Zuhörerschaft beständig als „Patrioten“ anspricht, handelt es sich bei dem Begriff des Patrioten nicht bloß um ein positiv besetztes Schlagwort, sondern um ein Fahnenwort. Das Schlagwort „Patrioten“ wird sozusagen wie eine Fahne dazu genutzt, um einen politischen Standpunkt der AfD unmissverständlich sowohl für politische Feinde als auch für Freunde sichtbar zu machen; im Falle des Lexems „Patrioten“ soll eine besondere Vaterlandsliebe der Partei suggeriert werden. Durch die ostentative Benutzung des Begriffs können sich „unter dieser Fahne Gleichgesinnte versammeln“ (ebd.: 73).

3. Sprachliche Strategien populistischer Rhetorik

Reisigl definiert insgesamt zehn rhetorische Prinzipien, die in populistischer Rhetorik gehäuft vorkommen und die im populistischen Sprachgebrauch strategisch eingesetzt werden (vgl. Reisigl 2012: 149).6 Häufig wird durch Schwarzweißmalerei ein (sprachliches) Bild von Freund- und Feindbeziehungen konstruiert, wobei dadurch auch Sündenbockkonstruktionen entstehen können. Durch eine enorm vereinfachende Darstellung wird komplizierten Sachverhalten ihre Komplexität genommen (siehe dazu Kapitel 2) und die Sprecher nehmen häufig während ihrer Reden „kein Blatt vor den Mund“ (ebd.). Politische Gegner werden beschimpft und abgewertet, oft wird zur Darstellung der eigenen Position die Froschperspektive gewählt, um die politischen Gegner bewusst vom eigenen Standpunkt abzugrenzen und sich selbst in eine vermeintliche Position der Schwäche zu bringen.7 Populistische Redner versuchen zudem desöfteren, sich als „einer des Volkes“ zu präsentieren und eine vermeintliche Nähe zu den Rezipienten zu suggerieren. Überdramatisierungen und das Einbinden einer emotionalen Ebene in die Argumentation können dabei helfen, dieses Ziel zu erreichen. Politische Botschaften, die der eigenen Position entsprechen, werden „gebetsmühlenartig“ (ebd.) wiederholt, oft sind Äußerungen bewusst mehrdeutig und in verschiedene Richtungen interpretierbar. Bei dem letzten Prinzip handelt es sich um die „Erlösungs- bzw. Befreiungsverheißung“ (ebd.), nach der der Redner sich selbst bzw. seine Partei als Ausweg aus dem bisherigen politischen System darbietet (vgl. ebd.).

3.1 Diffamierung politischer Gegner

Besonders dominant in Höckes Rede ist das Prinzip der Diffamierung seiner politischen Gegner. Der Bundeskanzlerin Angela Merkel wirft Höcke vor, dass ihr Habitus „erstarrt“ sei und ihre politischen Äußerungen „floskelhaft“ (vgl. Höcke 2017: 108f.). Aus diesem Grund vergleicht Höcke Merkel mit dem langjährigen Generalsekretär der Deutschen Demokratischen Republik, Erich Honecker, dem nach der Wiedervereinigung Korruption und Amtsmissbrauch vorgeworfen wurden. Obwohl Höcke sich in seiner konkreten sprachlichen Äußerung lediglich auf Merkels Sprache und Auftreten bezieht, rückt er sie durch den Vergleich mit Honecker und den mit diesem Namen verbundenen negativen Konnotationen – besonders in Dresden, auf dem ehemaligen Staatsgebiet der DDR – in ein kriminelles Licht (vgl. Niehr 2014: 67). Im weiteren Verlauf der Rede bezichtigt Höcke Angela Merkel ebenfalls der Lüge, da sie das deutsche Volk „heimtückisch hinters Licht geführt“ (Höcke 2017: 321f.) habe – eine Äußerung, die durch keine Beispiele oder Argumente gestützt wird, sodass unklar bleibt, auf welchen Sachverhalt sich Höcke hier konkret bezieht.

Eine andere Strategie verfolgt Höcke, um insgesamt fünf Politiker der Partei „Bündnis 90/ Die Grünen“ öffentlich zu diffamieren. Zu diesem Zweck nennt er zuerst den Namen des jeweiligen Politikers, anschließend die begonnene Berufsausbildung, die vor dem erfolgreichen Abschluss abgebrochen wurde, und ergänzt dann, dass dieser Politiker keine abgeschlossene Berufsausbildung vorzuweisen habe. Das von Höcke verwendete Schema soll exemplarisch an der Grünen-Politikerin Claudia Roth dargestellt werden: „Ich will euch nicht wie Claudia Roth – Klammer auf, abgebrochenes Studium der Kunstgeschichte, keine Ausbildung, Klammer zu“ (ebd.: 250f.). Derselbe Satzbau wird ebenfalls verwendet, um die fehlende Berufsausbildung von Katrin Göring-Eckardt (vgl. ebd.: 253f.), Volker Beck (vgl. ebd.: 257-259), Daniel Cohn-Bendit (vgl. ebd.: 260-262) und Joseph Fischer (vgl. ebd.: 262-264) hervorzuheben. Mit dem Aufzählen früherer und aktueller Spitzenpolitiker der Partei „Bündnis 90/ Die Grünen“ ohne abgeschlossene Berufsausbildung spricht Höcke diesen Politikern jegliche politische Autorität und ihre politische Legitimität ab.

Ähnlich argumentiert Höcke in Hinblick auf den ehemaligen Mitbegründer und Spitzenkandidaten der Alternative für Deutschland, Bernd Lucke (vgl. ebd.: 221-225). Lucke und seinen verbliebenen Anhängern innerhalb der Partei, genannt „Luckisten“, wirft Höcke vor, dass es sich bei diesen um Parteimitglieder handle, die „keine innere Haltung besitzen, die Establishment sind und Establishment bleiben wollen oder so schnell wie möglich zum Establishment gehören wollen“ (ebd.: 223-225). Wie die kommenden Gliederungspunkte noch ausführlich zeigen werden, kommt die – von Höcke suggerierte – Nähe der „Luckisten“ zu den Altparteien einem großen Ansehensverlust dieser Mitglieder gleich, da sie sich durch die Nähe zur politischen „Elite“ vom „Volk“ entfremdet haben (vgl. Reisigl 2012: 141).

3.2 Die Suggestion des nationalen Sprachrohrs

Höcke suggeriert in seiner Rede, dass er ein Mann des Volkes sei und in dieser Funktion ebenfalls für dieses Volk spreche. Am deutlichsten wird dies durch die häufige Verwendung des Personalpronomens „Wir“, welches Reisigl in dieser Funktion als das „populistische“ Wir bezeichnet (vgl. Reisigl 2012: 151). Durch die häufige Verwendung erfüllt das Personalpronomen nicht bloß eine kontaktstiftende Funktion, es lässt Höcke und seine Rezipienten als potentielle Wählerschaft „in einer Gruppe sozialtopologisch Zusammengehöriger aufgehen“ (ebd.). Selbst in seiner seit 2014 bestehenden Funktion als Fraktionsvorsitzender des Thüringer Landtags distanziert sich Höcke bewusst vom politischen Establishment und rückt sich dementsprechend in die Nähe des Volkes, welches er vermeintlich repräsentiert: „Die meisten von euch wissen, dass ich Parteien an sich eher distanziert gegenüberstehe und immer auch versuche, die Distanz für mich zu mir selbst und die Distanz zu mir als Parteifunktionär aufzubauen und zu erhalten“ (Höcke 2017: 209-211).

3.3 Schwarzweißmalerei, Komplexitätsreduktion und bewusste Ambivalenz

Die Prinzipien der Schwarzweißmalerei, der Komplexitätsreduktion und der bewussten Ambivalenz setzt Höcke besonders zur Beschreibung historischer Ereignisse ein. Dadurch, dass Höcke die Bombardierung Dresdens während des Zweiten Weltkrieges als ein „Kriegsverbrechen“ (ebd.: 371) bezeichnet, die die vorausgehende Bombardierung britischer Städte durch das Deutsche Reich allerdings unerwähnt lässt, zeichnet er ein extrem vereinfachtes Bild von der historischen Wirklichkeit, demzufolge die Deutschen – besonders die vom Bombenangriff betroffenen Dresdner – als Opfer der Kriegsverbrechen der Alliierten anzusehen seien. Durch diese Komplexitätsreduktion wird nicht bloß die historische Wirklichkeit verzerrt, es wird ebenfalls ein Freund-Feind-Bild gezeichnet, im Rahmen dessen die Alliierten die Täter sind und somit auch als Sündenböcke für das Leid der damaligen Bevölkerung Dresdens dienen (vgl. Reisigl 2012: 149). Auch der Vergleich der Bombardierung Dresdens mit den Atombombenabwürfen der Amerikaner über Hiroshima und Nagasaki (vgl. Höcke 2017: 373) ist stark simplifiziert; er lässt sowohl die stark auseinandergehende Anzahl der Opfer infolge der Bombardierungen außer Acht als auch die Tatsache, dass in Japan die Menschen auch noch Jahrzehnte nach den Bombardements unter den Folgen der radioaktiven Strahlungen zu leiden hatten. Dennoch verstärkt dieser Vergleich das von Höcke bereits gezeichnete Freund-Feind-Bild dahingehend, dass die Wahrnehmung der Amerikaner von den Rezipienten noch stärker negativ getrübt wird.

Das Prinzip der bewussten Ambivalenz – und damit auch der bewussten Provokation politisch Andersdenkender – zeigt sich in folgender Aussage Höckes:

„Wir Deutschen – und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben – wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat. […] Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr […]. Wir brauchen nichts anderes als [eine] erinnerungspolitische Wende um 180 Grad!“ (ebd.: 391-393)

Das Holocaustmahnmal in Berlin, welches der über sechs Millionen ermordeten Juden während der Hitlerdiktatur gedenkt, als ein „Denkmal der Schande“ zu bezeichnen, kann als bewusste Provokation der politischen Gegner gedeutet werden. Auch die Bezeichnung der Bewältigungspolitik der deutschen Vergangenheit als „dämlich“ und die Forderung nach einer kompletten Wende der Erinnerungspolitik lässt sich äußerst ambivalent auslegen. Auch wenn Höcke in einer nachträglichen Stellungnahme diese Äußerung so verstanden haben wollte, dass mit dem „Denkmal der Schande“ ein „Denkmal zur Erinnerung an eine Schande“8 gemeint gewesen sei, ließ die andere Interpretation dieser ambivalenten Äußerung nur den Schluss zu, dass Höcke mit seinen Äußerungen eine Relativierung des Holocausts anstrebte.

4. Argumentationsmuster rechtspopulistischer Sprache

Die bereits in der Einleitung zitierte Definition des Populismus nach Mudde skizziert einen Antagonismus zwischen dem „wahren“ Volk auf der einen und der „korrupten“ politischen Elite auf der anderen Seite (vgl. Kaltwasser 2011: 262). Diesen Gegensatz bezeichnet Reisigl als einen vertikalen Antagonismus, der sich sprachlich dadurch auszeichnet, dass das Volk – dessen Sprachrohr rechtspopulistische Parteien vorgeben zu sein – positiv dargestellt wird und der interne Feind, also das politische „Establishment“, ständig verbal attackiert wird (vgl. Reisigl 2012: 141). Auf rhetorischer Ebene sind besonders zwei rhetorische Figuren hervorzuheben, die den populistischen Sprachgebrauch dominieren. Zum einen die (generalisierende) Synekdoche, bei der der Begriff des gesamten Volkes verwendet wird, obwohl damit nur ein Teil dieses Volkes bezeichnet wird. Zum anderen ist „der Topos des Volkes und seine Pervertierung zum suggestiven argumentum ad populum […] das zentrale Argumentationsmuster eines jeden Populismus“ (ebd.: 142). Da Argumentationsmuster des rechtspopulistischen Sprachgebrauchs häufig irrationale Argumentationen darstellen, bezeichnet Reisigl diese Topoi auch als Trugschlüsse (vgl. ebd.: 156). Reisigl führt insgesamt neun verschiedene Topoi an: den Topos der demokratischen Partizipation der „kleinen Leute“, den Topos des Unmuts der „kleinen Leute“, den Topos der zu hohen Belastung der „kleinen Leute“, den Topos der Entlastung der „kleinen Leute“, den Topos der Befreiung der „kleinen Leute“ vom Establishment, den Topos der Belohnung der fleißigen Bürger, den Topos der anständigen Bürger, den Topos des „Aufräumens“ oder „Säuberns“ um die „schmutzige Politik“ des Establishments zu beenden und den Topos von Recht und Ordnung (vgl. ebd.: 156f.).

Während beim vertikalen Antagonismus der Fokus auf den Angriff interner Feinde („die da oben“) gelegt wird, konzentriert sich der Antagonismus auf der horizontalen Achse auf externe Feinde („die da draußen“) (vgl. ebd.: 142). Häufig richten sich Rechtspopulisten dabei gegen Ausländer und Flüchtlinge, da diese ihrer Auffassung nach aufgrund ihrer religiösen und kulturellen Verschiedenheit nicht zum deutschen Volk gehören (vgl. ebd.).

4.1 Der vertikale Antagonismus: Der Gegensatz vom „Volk“ und der „Elite“

Auch in Höckes Rede finden sich typische rechtspopulistische Argumentationsmuster auf Grundlage des von Reisigl beschriebenen vertikalen Antagonismus wieder. So zieht sich durch seine gesamte Argumentation die generalisierende Synekdoche des „Volkes“, obwohl damit lediglich eine bestimmte Anzahl an Menschen gemeint ist, da Höcke nicht im Namen des gesamten deutschen Volkes sprechen kann. Diese spezielle Form der Synekdoche, das totum pro parte, erweckt allerdings den Anschein, dass Höcke als Vertreter des gesamten deutschen Volkes auftritt, die rhetorische Figur verleiht ihm nach außen hin die Autorität eines politischen Repräsentanten vieler Millionen Bundesbürger (Vgl. ebd.: 142).

Darüber hinaus lassen sich mehrere Varianten des Topos des Volkes in Höckes Argumentationsmuster feststellen und charakterisieren. Am häufigsten vertreten ist der Topos der „schmutzigen Politik“ (ebd.: 157), der der politischen Führung totales Versagen attestiert. Höcke wirft der Regierung vor, Rechtsbrüche zu begehen und die Verfassung zu missachten (vgl. Höcke 2017: 77f.), den Staat zu missbrauchen und ihn abschaffen zu wollen (vgl. ebd.: 90), lediglich nach persönlichen wirtschaftlichen Vorteilen zu streben (vgl. ebd.: 107f.) und das Land sowie seine Bevölkerung in eine katastrophale Lage manövriert zu haben (vgl. ebd.: 119-126). Ebenfalls in diesem Topos enthalten ist der Wunsch, das Volk „vor den verbrauchten politischen Alteliten zu schützen“ (ebd.: 89), also mit der politischen Führung aufzuräumen, den Staat von ihr zu „säubern“ (vgl. Reisigl 2012: 157). Auch der Topos der Befreiung der „kleinen Leute“ wird in der Rede bedient. So beschreibt Höcke sein Bestreben danach, entweder mit der absoluten Mehrheit als alleinige Regierungspartei oder als Seniorpartner eine Koalition mit einer der Altparteien einzugehen und auf diesem Wege dafür Sorge zu tragen, dass diese Altpartei „von einer Politik gegen das Volk [abgeschworen hat] um endlich wieder zu einer Politik für das eigene Volk“ (Höcke 2017: 204f.) zurückzukehren.

[...]


1 Nachfolgend wird aus Gründen der Lesbarkeit das gängige Kürzel der Partei, AfD, verwendet.

2 Nowotny, Konstantin (2017): Höcke-Rede im Wortlaut: „Gemütszustand eines total besiegten Volkes“. In: Der Tagesspiegel. https://www.tagesspiegel.de/politik/hoecke-rede-im-wortlaut-gemuetszustand-eines-total-besiegten-volkes/19273518.html [10.08.2018].

3 Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit das generische Maskulinum verwendet. Diese Personenbezeichnungen gelten für beide Geschlechter.

4 Gemeint ist das Kabinett Merkel IV von 2017 bis (voraussichtlich) 2021.

5 Vgl. dazu: https://www.duden.de/rechtschreibung/Regime#Bedeutung1.

6 Gleichwohl differenziert Reisigl zwischen oppositionellem Populismus und Regierungspopulismus. Für den Regierungspopulismus gilt, dass er viele der folgenden Prinzipien nicht mehr auf die gleiche Art und Weise anwenden kann ohne seine Glaubwürdigkeit bei den Wählern aufs Spiel zu setzen, siehe dazu Reisigl 2012: 148f.

7 Das sprachlich wohl am häufigsten verwendete Beispiel für diese populistische Froschperspektivierung ist die Floskel von „denen da oben“ (Reisigl 2012: 151) zur Beschreibung des politischen Establishments. Weitere Informationen dazu unter Gliederungspunkt 4.1 und bei Reisigl 2012: 151.

8 Vgl. dazu: https://www.welt.de/politik/deutschland/article161286915/Was-Hoecke-mit-der-Denkmal-der-Schande-Rede-bezweckt.html [12.08.2018].

Details

Seiten
28
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346050984
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v505775
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,3
Schlagworte
Populismus AfD Björn Höcke populistischer Sprachgebrauch

Autor

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Titel: Strategien des populistischen Sprachgebrauchs. Die Rede des AfD-Politikers Björn Höcke vom 17.01.2017 in Dresden