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Umweltbewusstsein, Umweltaffinität und soziale Ungleichheit. Wer ist hier jetzt Pionier?

Hausarbeit 2019 25 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Umweltbewusstsein, Umweltverhalten, Umwelthandelns
2.1) Die drei Komponenten von Umweltbewusstsein

3.) Umweltverhalten, Umwelthandeln, umweltgerecht – was denn nun?

4.) Bedeutet Wohlstand einen ausgeprägteren Sinn für die Umwelt?
4.1) Das bildungsbürgerliche Milieu
4.2) Umweltbewusstsein im bildungsbürgerlichen Milieu
4.3) Umwelthandeln und Umweltaffinität im bildungsbürgerlichen Milieu
4.4) Vertiefender Vergleich methodenpluraler Ergebnisse

5.) Mehr als eine Kluft?

6.) Umwelthandeln und soziale Ungleichheit. Die Prekären als die eigentlich wegweisend Umweltaktiven?
6.1) Das prekäre Milieu
6.2) Der Einfluss Faktoren sozialer Ungleichheit auf umweltaffines Handeln
6.3) Nuancen der Umweltethik

7.) Fazit und Schlussbemerkung

Quellenverzeichnis

1.) Einleitung

Der provokant anmutende Satz „der persönliche CO2-Fußabdruck vieler Prekärer ist klimapolitisch wegweisend.“ (UBA 2010b: 17) entstammt dem ersten Vertiefungsbericht zu der alle zwei Jahre erhobenen „Umweltbewusstsein in Deutschland“-Studie des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und des Umweltbundesamtes (UBA) von 2010. Das UBA gibt seit Mitte der 90er Jahre im Zwei-Jahres-Zyklus eine Studie zum Umweltbewusstsein in Deutschland in Auftrag. Die Studie setzt sich aus einem Grundbestand an wiederholten Fragestellungen und neuerdings einem integrierten Sinus-Milieu-Modell zusammen, um Analysen in Verbindung mit den verschiedenen Lebenswelten durchführen zu können (vgl. UBA 2010a). In dieser eingangs zitierten These sind viele Facetten der aktuellen Umweltbewusstseins- und Umweltverhaltensforschung enthalten, weshalb in dieser Arbeit auf verschiedene Aspekte des „klimapolitisch wegweisend“ Seins und Nichtseins der Angehörigen des Milieus der Prekären und der gehobenen Milieus auch unter Berücksichtigung von Einflussfaktoren sozialer Ungleichheit eingegangen wird. Zuerst wird beschrieben, was Umweltbewusstsein, Umweltverhalten, Umwelthandeln und Umweltaffinität ausmacht, wo sich diese Begriffe ergänzen, unterscheiden und überschneiden. Dazu wird auf de Haans und Kuckartz (1996, siehe auch Grunenberg/Kuckartz 2003) Dreiteilung des Umweltbewusstseins zurückgegriffen und die Modifizierung der Begrifflichkeit zur Umweltaffinität durch Schad (vgl. Schad 2017) eingegangen. Mit den passenden begrifflichen Werkzeugen zur Hand, wird betrachtet, inwiefern die These, dass die sozial höhergestellten Milieus auch die umweltbewussteren sowie sich umweltgerechter verhaltenden sind. Anhand verschiedener Studien, wie der alle zwei Jahre durchgeführten Befragung zum Umweltbewusstsein in Deutschland durch das Umweltbundesamt oder den Arbeiten von Preisendörfer, Franzen und Diekmann, Entzian (2015), sowie Wendt und Görgen (2017) und der Arbeit Miriam Schads (2017) kann die Problematik des Umweltwissens in Zusammenhang mit dem umweltaffinen Handeln im Kontext der Milieuzugehörigkeit bearbeitet werden. Es gibt zwei zentrale Arten ökologischen Outputs. Umweltbewussten, das bedeutet intentionalen und umweltaffinen, das heißt umweltgerechten, aber nicht auf entsprechendem Umweltwissen bzw. Umweltbewusstsein beruhenden ökologischen Output. Abschließend werden zentrale Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst dargestellt und versucht, ein Ausblick auf notwendige weitere Forschung zu geben.

2.) Umweltbewusstsein, Umweltverhalten, Umwelthandeln

Der Nachhaltigkeitsdiskurs hat seine Wurzeln bereits in den 1960er Jahren (vgl. Schad 2017 60ff.). In dieser Zeit wurden Umweltprobleme durch politische Akteure bekannt gemacht und der Öffentlichkeit vermittelt. Es gab große Debatten zu den Gegensätzlichkeiten von Ökonomie und Ökologie, Atomenergie und den großen Katastrophen der 1980er (vgl. ebd.). Darüber hinaus wurden politische und ökologische Ziele formuliert, Statuten verabschiedet und auch die Wissenschaft griff das Thema Natur und Umwelt wieder auf. Die Nachhaltigkeitsdebatte ist jedoch eine anthropozentrisch geführte, wogegen die Umweltdebatte die Natur ins Zentrum rückt (vgl. ebd.: 62). In den 1990er Jahren etablierte sich die Umweltsoziologie als eigenständiges Gebiet in der Soziologie und untersuchte zunächst recht abstrakt das Verhältnis von Gesellschaft und Natur. In den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts erstarkte jedoch die Erforschung von Umwelt-einstellungen und -mentalitäten mit Standardwerken von Diekmann, Preisendörfer, Huber, Jaeger und anderen (ebd.). Bogun fasst treffend zusammen, dass „so alt wie die Beschäftigung von Sozialwissenschaftlern mit dem Thema „Umweltbewusstsein“, […] auch die Festellung, daß bislang nicht hinreichend geklärt ist, was eigentlich unter diesem Begriff verstanden wird [, ist].“ (2000: 3). Das grundlegende Umweltbewusstsein wurde als Begriff zwar schon vom Rat von Sachverständigen für Umweltfragen 1978 definiert, doch sorgte diese Definition zu keiner Zeit für Einheitlichkeit in der umweltsoziologischen Theorie, sondern eher für Kritik und Modifizierungsbedarf (vgl. ebd.: 10ff.).

2.1) Die drei Komponenten des Umweltbewusstseins

Im Umweltgutachten des Sachverständigenrates für Umweltfragen lautet die erste Definition von Umweltbewusstsein: Umweltbewusstsein ist die „Einsicht in die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen durch diesen selbst, verbunden mit der Bereitschaft zur Abhilfe (Rat von Sachverständigen für Umweltfragen 1978: 445; vgl. auch Schad 2017: 64; Bogun 2000: 8). Im Folgenden wurde in der Theoriearbeit unter Umweltbewusstsein ein Sammelsorium an Begrifflichkeiten zusammengefasst. Verschiedene Studien erhoben das Umweltbewusstsein anhand von Umweltbewertungen, Umwelteinstellungen, das Empfinden von Umweltbetroffenheit, Umweltwissen oder auch Umweltengagement und anderen ähnlichen Parametern (vgl. ebd.: 65, vgl. auch Bogun 2000: 3). Heute sind jedoch vor allem diese drei Teilkomponenten präsent in der Forschung und Literatur: Umweltwissen, Umwelteinstellung und Umweltverhalten. Diese Dreiteilung wurde von de Haan und Kuckartz herausgearbeitet und wie folgt erläutert. - „Unter Umweltwissen wird der Kenntnis- und Informationsstand einer Person über Natur, über Trends und Entwicklungen in ökologischen Aufmerksamkeitsfeldern, über Methoden, Denkmuster und Traditionen im Hinblick auf Umweltfragen verstanden.

- Unter Umwelteinstellung werden Ängste, Empörung, Zorn, normative Orientierungen und Werthaltungen sowie Handlungsbereitschaft subsumiert, die allesamt dahin tendieren, die gegenwärtigen Umweltzustände als unhaltbar anzusehen und einerseits eben davon emotional affiziert, andererseits mental engagiert gegen die wahrgenommenen Probleme eingenommen zu sein.
- Umweltverhalten meint, daß das tatsächliche Verhalten in Alltagssituationen umweltgerecht ausfällt.“ (1996: 37; vgl. auch Schad 2017: 65; ferner Huber 2011; kursiv im Original).

Die drei Dimensionen werden auch als kognitive Dimension, affektive oder emotionale Dimension und konative Dimension bezeichnet (vgl. Schad 2017; Bogun 2000: 9). Preisendörfer (1998) kritisiert anhand dieser Dreiteilung zum Beispiel, dass in der Definition des Rats von Sachverständigen für Umweltfragen die affektive Komponente gänzlich fehle und nur auf die kognitive („Einsicht in die Gefährdung“) und die konative Dimension („Bereitschaft zur Abhilfe“) eingegangen werde (vgl. ebd.: 32f.; Bogun 2000: 10). Auch die kognitive Dimension möchte er modifizieren. Diese beziehe sich nicht auf Umweltwissen, sondern darauf, ob ein Umweltproblem überhaupt als solches erkannt und akzeptiert werde (vgl. ebd.).

Schad merkt an, dass sich Umweltwissen und Umwelteinstellungen und Umweltverhalten inhaltlich nicht entsprechen müssen. Eine Person kann über umfangreiches Umweltwissen generell oder auch nur ein spezifischen Themenbereichen wie z.B. Atomenergie, Luftverschmutzung oder Wassergebrauch verfügen, ohne dass sich dieses in den Umwelteinstellungen eins zu eins wiederspiegelt. Und auch wenn ein dezidiertes Umweltwissen in einer entsprechenden Umwelt-einstellung resuliert, so ist es einerseits wieder möglich, dass das in einem Themenbereich der Fall ist, in einem anderen nicht. Andererseits bedeutet das aber auch nicht, dass die Person ein entsprechendes Umweltverhalten in ihrer Handlungspraxis manifestiert (vgl. Schad 2017: 66). Ferner schlug Bogun (2000) vor, eher von Umweltproblembewusstsein als von Umweltbewusstsein zu sprechen, da die Probleme mit und in der Umwelt eher Inhalt der umweltsoziologischen Forschungsarbeit ist (vgl. Schad 2017: 66). De Haan und Kuckartz Typologie findet in groß angelegten Repräsentativstudien bis hin zu qualitativen Untersuchungen Anwendung. Dabei werden vor allem Einstellungen, das heißt, Zustimmung und Ablehnung zu bestimmten Aussagen abgefragt (vgl. Bogun 2000: 6). Hinsichtlich des Einstellungsbegriffs und seines Inhalts besteht jedoch ebenfalls Klärungsbedarf (vgl. ebd.: 13). Ebenso sind die Determinanten bzw. Korrelate des Umweltbewusstseins zu beachten (vgl. Preisendörfer/Franzen 1996: 226). Am häufigsen werden hierbei die Merkmale „Geschlecht“, „Bildung“, „Alter“, „Beruf“ und damit verknüpft „Einkommen“ abgefragt (ebd.). Darüber hinaus spielt auch der Faktor „politische Orientierung“ eine Rolle. Wendt und Görgen addieren außerdem das Merkmal der „materialistischen/post-materialistischen Werteinstellung“. Letztere trennen auch die zuerst genannten sozio-demografischen Merkmale von den beiden zuletzt genannten (vgl. Wendt/Görgen 2017). Nicht zuletzt sollte man sich der Frage, die sich aus einem Resümee der existierenden Literatur zur Umweltbewusstseinsbegriffsdebatte zwangsläufig ergibt, widmen, ob Umweltbewusstsein ein normatives oder deskriptives Konzept ist (vgl. ebd. 14). In vielen Ergebnissen wird von „hohem“ bzw. „niedrigem“ Umweltbewusstsein gesprochen. Abseits der Hürden in der vorausgehenden Operationalisierung bei der Erhebung des Umweltbewusstseins, ist auch zu beachten, woran man die Wertigkeit in „hoch“ und „niedrig“ festmacht. Da jedoch selten konkret benannt wird, wie sich dieser Bewertung immanente normative Skala zusammensetzt, fasst Bogun treffend zusammen, „daß sich die Umweltbewußtseinsforschung - zumindest in Teilen und eher implizit als explizit - offenbar an einer Vorstellung orientiert, die am ehesten der vielgeschmähten Figur des "Öko-Fundamentalisten" entspricht (vgl. 2000: 15). In de Haan und Kuckartz dreigeteilter Typologie des Umweltbewusstseins ist das Umweltverhalten als eine eigenständige, jedoch dem Umweltbewusstsein untergeordnete Dimension enthalten. Die meisten neueren Ansätze stimmen jedoch darin überein, dass die Umweltverhalten vom Umweltbewusstsein trennen. Diese Trennung erscheint insbesondere angesichts der sich allerorts in den Ergebnissen auftuenden Schlucht zwischen hohem Umweltbewusstsein und wenig entsprechendem Umweltverhalten, stichhaltig. Deshalb soll im anknüpfenden Kapitel auf den Diskurs um die Begriffe Umweltverhalten, Umwelthandeln, umweltgerechtes Handeln und Umweltaffinität eingegangen werden.

3.) Umweltverhalten, Umwelthandeln, umweltgerecht – was denn nun?

Studiert man die Literatur im Bereich der Umweltsoziologie stößt man, ähnlich wie beim Umweltbewusstsein, alsbald auf ein Konvolut an Begrifflichkeiten, die alle in etwa ähnliche, nicht jedoch kongruente Bedeutungen haben bzw. auf Inhalte abzielen. Es gibt Schwierigkeiten bei der Trennschärfe der Begrifflichkeiten Umwelthandeln und Umweltverhalten oder auch bei der Fragen nach umweltgerechtem oder umweltrelevantem Handeln. Es gilt, so exakt wie möglich zu benennen, was mit den jeweiligen Begriffen gemeint ist und wie sie verwendet werden. Eine Einheitlichkeit ist in dieser Hinsicht langfristig wünschenswert. Diekmann und Preisendörfer (2001) verweisen auf die Weitläufigkeit des Verhaltensbegriffes, wenn man sich an die Definition von Ester und van den Meer (1982) hält, nach welcher Umweltverhalten jedwedes „aktives und passives menschliches Verhalten ist, welches sich auf die physische Umwelt bezieht“ (Wendt/Görgen 2017, vgl. auch Ester/van den Meer 1982: 58). Brand und Reusswig füllen den definitorischen Rahmen mit der ebenfalls sehr unkonkreten Beschreibung der „im weitesten Sinne auf das Wissen um den problematischen Zustand der Mensch-Umwelt-Beziehungen – kombiniert mit der Bereitschaft, diesen Zustand zu verbessern“ (Entzian 2015: 4, vgl. auch Brand/Reusswig 2007). Wendt und Görgen (2017: 48ff.) erkennen die Probleme der Unkonkretheit der bisherigen Definitionsversuche an und verweisen darauf, dass, bevor man Umweltverhalten oder Umwelthandeln untersuchen und erfassen kann, geklärt werden muss, welches Handeln überhaupt umweltrelevant ist (vgl. ebd.: 48). Schad (2017) trennt zuerst Umwelthandeln und nachhaltiges Handeln. Ersteres bezieht sich auf Aktivitäten des Umweltschutzes (vgl. ebd.: 78). Letzteres lässt sich aufgrund der großen sozialen und ökonomischen Komponente jedoch vorerst ausklammern. Synonym zum verbleibenden Umwelthandeln wird von Umweltverhalten ge-sprochen. Umweltverhaltensforschung steht dabei eher in einer psychologisch-behavioristischen Tradition (vgl. ebd.). Dabei gilt es, objektive Formen von subjektiv wahrgenommenen zu trennen. Objektiv kann eine Verhaltensweise umweltgerecht oder umweltbewusst bzw. -relevant sein, sie wird subjektiv jedoch nicht als solche erklärt, weil die Person eine nicht-ökologische primäre Motivation zu diesem Verhalten hat. Auf der anderen Seite kann es jedoch – und das ist eine in der Literatur an vielen Stellen umfangreich besprochene Angelegenheit – auch dazu kommen, dass als ökologisch relevant artikuliertes Verhalten, gar nicht so sehr umweltrelevant oder sogar -gerecht ist, wie angenommen. Bei der Wahl verschiedener Verhaltensoptionen kommt zusätzlich der Faktor der Intentionalität ins Spiel. Berücksichtigt man die Absichtserklärung im Verhalten, kommt man somit schnell an den Punkt, an dem Umweltverhalten nicht mehr bloß eine Verhaltensalternative anzeigt, sondern zu einer Handlung im Sinne Max Webers (vgl. 1995: 303), konkret einer Umwelthandlung wird. Littig (1995) führt davon ausgehend aus, dass erst die Intention zu einer umweltgerechten Handlung diese zu einer umweltbewussten Handlung macht (vgl. Littig 1995: 71: Wendt/Görgen 2017: 49). Die Rede vom Umwelthandeln, ist also eher soziologischer Natur. Anhand der Selbstdeutung einer Handlung wird ersichtlich, dass es ferner auch zwischen umweltgerechtem und und umweltbewusstem Handeln zu unterscheiden gilt. Diese Unterscheidung mag für die Relevanz und das Maß, in dem sie eine ökologische Wohltat ist, nicht entscheidend sein, doch ist sie nötig, um den Einfluss sozialer Ungleichheiten auf Umwelthandeln bzw. Umweltverhalten, wie Schad (2016, 2017) es ausführlich untersucht, nicht zu vertuschen. Die beiden Fragen sind voneinander auch nicht zu isolieren (vgl. 2017: 79). Denn jemand der in einer quantitativen Umfrage angibt, kein Auto zu fahren kann dafür beispielsweise den Grund haben, sich vor kurzem aktiv dagegen entschieden zu haben, nachdem er jahrelang Vielfahrender war oder aber, sich keinen eigenen PKW leisten zu können. Selbiges gilt für eine kleine Wohnfläche oder weniger stark ausgeprägtes Konsum- bzw. Fernreiseverhalten. Schad (2016, 2017) spricht deshalb auch von Umweltaffinität bzw. umweltaffinem Verhalten. Diese Begrifflichkeit ist nicht kongruent zu eben beschriebenem intentionalen umweltgerechten Verhalten. Denn eine umweltaffine Handlung geht nicht notwendigerweise mit dem entsprechenden mentalen Status, das heißt, nicht mit umfassendem Umweltwissen einher. Das entspricht in großen Teilen dem, was Huber (2011) unter Umweltbewusstsein versteht und bezieht sich auf dieselbe Dreiteilung in Umweltwissen, Umweltbewertung und Willensbildung. Jedoch sträubt sich Schad gegen die Erhebung eines „Bewusstseins“ (vgl. 2017: 97) und räumt hinsichtlich der Umweltrelevanz ein, dass es nicht nötig ist, das Umweltwissen einer Person umfassend zu erheben, da es für die Umwelthandlung in der Handlungspaxis nicht relevant ist (ebd.: 73). Kurz gesagt sind die beiden wichtigsten Begrifflichkeiten einerseits Umwelthandeln, welches ein ausgeprägtes Umweltwissen und eine Intentionalität in der auf die Umwelt gerichtete Handlung beinhaltet und andererseits Umweltaffinität, in welchem die Umweltgerechtigkeit zum Ausdruck kommt, wobei diese jedoch nicht aus dem Rückgriff auf einen Schatz an Umweltwissen beruht. Mit diesen beiden Begriffen zur Hand, wird in den folgenden Kapiteln dargestellt, inwiefern ein stärker ausgeprägtes Umweltbewusstsein mit überdurchschnittlichem Umwelthandeln einhergeht – oder im Konflikt steht. Außerdem wird gezeigt, dass die Kluft zwischen Umweltwissen und Umwelthandeln nicht einzig durch begriffliche Kniffe wie dem der Umweltaffinität überwunden werden kann. Allerdings liegt der nicht zwingend intentionalen Komponente in umweltaffinem Verhalten die Möglichkeit inne, umweltrelevantes Verhalten genauer zu betrachten. Anschließend an die Präsentation verschiedener Studienergebnisse zu Umweltbewusstsein, Umweltaffinität und Umwelthandeln bei Personen und Gruppen die der Mittel- und Oberschicht zugeordnet werden, wird eine andere Kluft aufgezeigt. Diese tut sich hinsichtlich des umweltaffinen Verhaltens von Normalerwerbstätigen im gehobeneren Milieu und Erwerbslosen und atypisch Beschäftigten im prekären Milieu auf.

4.) Bedeutet Wohlstand einen ausgeprägteren Sinn für die Umwelt?

In diesem Kapitel wird ausgeführt, was mit dem gutbürgerlichen Milieu der höher bzw. hoch gebildeten gemeint ist und worauf sich der Terminus im Folgenden bezieht. Anschließend wird anhand verschiedener Studien dargelegt, wie es um das Umweltbewusstsein und das Umwelthandeln bzw. -verhalten (oder auch die Umweltaffinität, wenn man so will), in dieser Gruppe bestellt ist. Dazu wird vor allem die unter Wissensarbeitenden der Wilhem-Westfalen-Universität Münster durchgeführte Befragung von Wendt und Görgen (2017) mit Studien in der Gesamtbevölkerung verglichen.

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Details

Seiten
25
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346068453
ISBN (Buch)
9783346068460
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506272
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Umweltsoziologie Umweltbewusstsein Umweltwissen Umweltverhalten Schichten Klassen Milieus Wohlstand Umwelthandeln Miriam Schad prekär Prekariat Prekäre Umwelt Ökologie ökologisch Umweltaktiv umweltgerecht

Autor

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Titel: Umweltbewusstsein, Umweltaffinität und soziale Ungleichheit. Wer ist hier jetzt Pionier?