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Sportangebot in Jugendhaftanstalten. Eine erfolgreiche Methode zur Resozialisierung von Jugendstraftätern?

Hausarbeit 2019 8 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung: Fragestellung und Zielsetzung

II. Feldzugang und Untersuchungsgegenstand

III. Methode

IV. Datenerhebung und -aufbereitung

V. Auswertung und Ergebnisse

Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Fragestellung und Zielsetzung

Nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichts, soll der Jugendstrafvollzug auf die soziale Integration ausgerichtet sein, um den Straffälligen „ein künftiges straffreies Leben in Freiheit zu ermöglichen“ (BVerfGE 116, 69, 85). Dieses ist nicht nur als Aufforderung zum Legalverhalten in „sozialer Verantwortung“ an den Jugendlichen zu sehen, sondern vielmehr auch als „Verpflichtung zu Hilfeangeboten“ der jeweiligen Anstalten (Ostendorf 2009, S.113). Ebendiese Verpflichtung zur Hilfestellung und die konkrete Umsetzung in Haftanstalten, steht im Mittelpunkt der Forschung. Explizit soll untersucht werden, inwieweit das Sportangebot in Jugendhaftanstalten zu einer erfolgreichen Resozialisierung von Jugendstraftätern beiträgt und von welchen Bedingungen dies gegebenenfalls abhängig ist.

Die bisherige Strafvollzugsforschung im Allgemeinen erweist sich als lückenhaft, insbesondere fehlt es an ausreichenden Erhebungen, die Entwicklungen von Strafgefangene in einer Zeitspanne vor der Haft bis nach der Entlassung erfassen (vgl. Boxberg S. 15 f.; Maelike S.241 ff.). Dies ist insbesondere deshalb problematisch, da es sich um ein sowohl gesellschaftlich, als auch politisch höchst umstrittenes Themengebiet handelt. Aufmerksamkeit wird immer wieder erregt durch Aussagen wie, dass das „Hilfe- und Versorgungssystem...in Relation zu der überproportionalen Problembelastung völlig unzureichend entwickelt und ausgebaut ist“ (Truelsne/Moldtmann, S.9) oder, dass eine erfolgreiche Resozialisierung eher die Ausnahme, als die Regel sei (vgl. Papenbrock, S. 228). Die herausragende Bedeutung und pädagogische Relevanz von Sport und Bewegung wurde dagegen bereits vielfach empirisch untersucht (vgl. Neuber/ Breuer/ Derecik/Golenia/Wienkamp, Empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter). Die vorliegende Untersuchung bezieht sich auf ebendiese Schnittstelle von Jugenstrafvollzugsforschung und der sportwissenschaftlichen/pädagogischen Forschung, welche auch medial vermehrt in den Vordergrund rückt (vgl. Roggendorf; Müllenborn).

Somit soll die Untersuchung dazu beitragen, das Verständnis prognostisch relevanter Merkmale weiterzuentwickeln, die Straftäterbehandlung anzupassen und im Ergebnis benannte Spannungsfelder aufzuweichen/-lösen.

II. Feldzugang und Untersuchungsgegenstand

Der Feldzugang erfolgte mittels eines „gate-keepers“ in Form eines bekannten Justizvollzugsbeamten der JVA Wittlich, der den persönlichen Kontakt zu einem kürzlich entlassenem Jugendsträfling herstellte, welcher sich zu einem Interview bereit erklärte. Bezüglich des Samplings ist anzumerken, dass bewusst ein kürzlich entlassener Sträfling gewählt wurde, da so die ansonsten aufkommenden Probleme bezüglich eines Interviewortes/-termins umgangen werden konnten, die gemachten Erfahrungen jedoch „noch frisch“ sind.

III. Methode

Für eine systematische Fallanalyse der sozialen Wirklichkeit bietet die empirische Sozialforschung eine Vielzahl an methodischen Ansätzen. Bei der vorliegenden Forschungsfrage handelt es sich, wie bereits dargestellt, um die Erschließung eines bisher wenig erforschten Wirklichkeitsbereiches, weshalb die Sammlung erster übersichtlicher Informationen für die Bildung von ersten Hypothesen notwendig ist. Gängige quantitative Verfahren der Datensammlung und -auswertung stoßen bei einer solchen Forschungsfrage insofern an Grenzen, als die Standardisierung von Fragen und Antwortkategorien den Weg zu den subjektiven Bedeutungen verbaut. Geeigneter erscheint die Anwendung offener, qualitativer Methoden, die der Subjektivität (und somit auch der Analyse subjektiver Prozesse) mehr Spielraum einräumen. Auf der Ebene der Datensammlung zeichnen sich qualitative Verfahren dadurch aus, dass sie nicht Antworten auf standardisierte Fragen, sondern Erzählungen zu offen umrissenen Themen generieren (vgl. Flick/Steinecke S.22 f.) Durch verschiedene Erhebungstechniken, die vom narrativen Interview bis zur teilnehmenden Beobachtung reichen, wird ”Text” produziert, der als Grundlage für die folgende Analyse dient (vgl. Dieckmann, S. 130).

Um dem explorativen Charakter der Forschungsfrage gerecht zu werden, ist somit die Anwendung qualitativer Methoden notwendig, welche ein höheres Maß an Flexibilität ermöglichen, als quantitative Methoden. Als geeignetste qualitative Methode erscheint hier die Anwendung eines problemzentrierten Interviews.

Hierunter versteht man alle Formen der offenen und halbstrukturierenden Befragungen. Der Interviewer lässt den Befragten möglichst frei zu Wort kommen, um einem offenem Gespräch nahe zu kommen. Die Problemstellung wurde zuvor vom Interviewer analysiert und es wurde ein Leitfaden erstellt, welcher im Gesprächsverlauf angesprochen werden kann (vgl. Witzel S. 236 f.). Zudem ist durch die eine Teilstandarisierung der im Leitfaden enthaltenen Fragen auch die Möglichkeit der Vergleichbarkeit für folgende Untersuchungen gegeben. Die Anwendung eines narrativen Interviews wurde ebenfalls in Betracht gezogen. Da bei einem solchen der Befragte zu einer umfassenden und detaillierten Stegreiferzählung persönlicher Ereignisse im vorgegebenen Themenbereich veranlasst werden soll, bestanden Bedenken hinsichtlich der Offenheit und Erzählbereitschaft des Befragten, woraufhin die Erstellung eines Interviewleitfadens bevorzugt wurde.

IV. Datenerhebung und -aufbereitung

Bei den Interviews handelte es sich um leitfadengestütztes problemzentriertes Einzelinterview. Der zuvor ausgearbeitete Leitfaden diente der Orientierung hinsichtlich der Themenbereiche, die im Verlauf des Interviews angesprochen werden sollten.

Der Befragte erschien pünktlich am vereinbarten Treffpunkt. Der Gesprächseinstieg erfolgte durch Erläuterung der Forschung sowie der grundsätzliche Vorgehensweise im Interview (kein Frage-Antwort-Spiel, es gibt keine richtigen/falschen Antworten, bei unangenehmen Fragen muss nicht geantwortet werden). Zusätzlich wurde, wie zuvor vereinbart, eine Datenschutzerklärung unterzeichnet. Es folgte die „allgemeine Sondierung“. Der Befragte antwortete zunächst knapp, wurde im Verlauf des Interviews aber offener und detaillierter.

Während der „spezifischen Sondierung“ wurde mittels „Zurückspiegelung“ versucht, einige Aussagen des Befragten zu verdeutlichen und weitere Verständnisfragen konnten aufgelöst werden.

Ad-Hoc-Fragen wurden insbesondere im Zusammenhang mit der Rolle der JVA-Beamten beim Sportangebot und -wahrnehmung gestellt.

Insgesamt ist festzustellen, dass der Befragte den Fragen gegenüber sehr aufgeschlossen war und gegenüber den in den Interviews angesprochenen Themen eine hohe Auskunftsbereitschaft zeigte.

Das Interview wurde mit einem digitalen Diktiergerät aufgezeichnet. Diese Vorgehensweise ermöglichte zum einen, einen Gesprächsverlauf ohne die Befragten möglicherweise irritierende Einflussfaktoren wie Mitschriften und zum anderen eine exakt an dem Wortlaut des Befragten den orientierte Auswertung ihrer Aussagen. Der Interviewer kann sich zudem voll auf das Gespräch zu konzentrieren und gleichzeitig situative und nonverbale Elemente beobachten. (vgl. Witzel, S. 237).

Die Tonbandaufnahmen wurden im Folgenden vollständig transkribiert.

V. Auswertung und Ergebnisse

Als Basis der Auswertung diente das erstellte Interview Transkript. Die Datenanalyse erfolgt nach dem Interpretationsstil der Grounded Theory.

Als erster Schritt des Analyseprozesses im Rahmen des offenen Kodierens wurden das Transkript in einzelne Teile aufgebrochen untersucht, auf Ähnlichkeiten und Unterschiede hin verglichen und „Phänomene“ festgestellt (Konzeptualisierung). Durch eine komparative Analyse wird schließlich eine Klassifikation von den ermittelten Konzepten erreicht (Kategorien) (Strauss/ Corbin 1996, 44). Für die vorliegende Untersuchen ergaben sich die Kategorien: gesellschaftliche Akzeptanz, Ausgleichsfunktion und Abhängigkeit.

Beim sich anschließenden „axialen Kodieren“ erfolgt die explizite Herausarbeitung von Kontext und Bedingungen, welche es ermöglicht, Handlungen bzw. Unterlassungen, Strategien, Routinen und deren Konsequenzen in ihren jeweiligen sozialen Rahmungen kenntlich zu machen. Unter Anwendung des Kodierparadigmas wurde die Hauptkategorie bedingte Resozialisierungschance herausgebebildet.

Nachdem sich als Ergebnis des offenen und axialen Kodierens eine Hauptkategorie als zentral für den Fall herauskristallisiert hat, dient das selektive Kodieren dazu, alle bisher erarbeiteten Konzepte in Bezug auf diese Kern- bzw. Schlüsselkategorie zu integrieren.

Es kann festgehalten werden, dass die Haftanstalt den Insassen Sportmöglichkeiten eröffnet. Der Befragte stellte klar, dass die Teilnahme auf Freiwilligkeit beruht und die Auswahl nur sehr begrenzt ist, sich fast immer im „bisschen Rumkicken“ erschöpfe (vgl. Z. 234 ff.). Ob und in welchem Umfang die sportlichen Aktivitäten angeleitet werden, sei stark abhängig vom diensthabenden Beamten, „es gibt halt solche und solche“ (Z. 278). Der Befragte ist der Ansicht, dass der Sport sehr wichtig sei, um einen angemessenen Ausgleich zu dem ansonsten eher „langweiligen“ Alltag zu haben (Z. 160 ff.). Er habe sich weitere Angebote gewünscht und auch, dass die Beamten „bisschen mehr Mühe geben“ (Z. 283 ff.). Andere Insassen hätten teilweise jede Chance „zum harcore Pumpen“ genutzt. Der Befragte gibt an, dass die Beamten das Sportangebot aus Angst vor Gewalttaten vielleicht nicht unterstützen (Z. 291 ff.). Er ist zudem der Ansicht, dass Sport und insbesondere Fußball, zu einer erfolgreichen Resozialisierung beitragen kann. „Wenn man auf dem Platz ist, fragt keiner was man gemacht hat.“ Es wäre zudem eine Möglichkeit „Dampf abzulassen“ und „den Kopf frei zu kriegen ohne irgendwelche Scheiße zu bauen“. (Z. 320 ff.). Mitglied eines (Fußball-)Teams zu sein, fördere zudem das Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft, man „ist dann nicht mehr der ausm´ Knast, sondern der, der da und da spielt.“ (Z. 337 ff.)

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Untersuchung offenlegt, dass das Anbieten von Sportmöglichkeiten in Haftanstalten und ein damit durchaus möglicher, positiver Einfluss auf die Resozialisierung eines Jugendstraftäters in Abhängigkeit zu Faktoren, wie der Vielfältigkeit des Angebots und insbesondere der konkreten Umsetzung des Angebots in der Anstalt selbst steht. Diesbezügliche weitere qualitativ vorbereitende und quantitativ überprüfende Untersuchungen wären erstrebenswert.

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Details

Seiten
8
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346053534
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v506825
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
Forschungsdesign Resozialisierung Sport Jugenstrafanstalt Jugendhaft Jugendstrafvollzug

Autor

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