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Schuld in Wolfram von Eschenbachs "Parzival". Warum Cunnewares Bestrafung Parzivals schwerste Schuld ist

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Schuld und Sünde

2. Definition des Begriffes Schuld

3. Schuld in Parzival
3.1. Aspekte der Schuld nach Cundrie
3.2. Aspekte der Schuld nach Trevrizent
3.3. Aspekte der Schuld nach Parzival
3.3.1. Die Schuld an Cunneware
3.3.2. Die Wiedergutmachung

4. Rache für Cunneware

1. Schuld und Sünde

Schuld ist im deutschen Sprachgebrauch ein sehr schwieriger Begriff. Dabei ist die juristische Verwendung ganz einfach: Entweder jemand ist schuldig und muss bestraft werden oder er ist unschuldig und hat die Tat nicht begangen. Ab wann eine Person aber schuldig ist, ist schwer zu entscheiden und es gibt viele Bücher voller Gesetze und Anweisungen, welche die Situation aber oft nicht eindeutig regeln können. So ist auch der Protagonist Parzival1 im gleichnamigen Buch von Wolfram von Eschenbach oft im Diskurs, ob er Sünden begangen hat und damit Schuld auf sich geladen hat, oder ob er nicht schuldig ist und ein reines Gewissen haben darf.

Dabei gibt es im Buch zwei Charaktere, die besonders schwere Vorwürfe walten lassen und Parzival anklagen — Cundrie und Trevrizent. Diese hierarchisieren die Vergehen Parzivals unterschiedlich. Auch in der Sekundärliteratur zum Parzival gibt es keine eindeutige Antwort, welche Schuld Parzivals am schlimmsten wiegt. Aus Parzivals Sicht ist die Schuld an Cunneware am verheerendsten, deshalb büßt er auch über den Verlauf des Werkes für diese Tat ihr gegenüber wiederholt ein. Andere Sünden werden Parzival zwar durch die Vorwürfe von Cundrie und Trevrizent bewusst, er muss aber erst über die Schwere seiner Schuld belehrt werden und fühlt sich dadurch nicht subjektiv schuldig. Besonders im Vergleich mit der Vorlage, dem Chrétienwerk2 fällt die unterschiedliche Behandlung der Taten auf, da diese oft vollkommen andere äußere Umstände haben und so abgeschwächt oder verstärkt werden.

Diese Seminararbeit wird nach einer Definition des Begriffes Schuld auf die verschiedenen Wertungen der Schulden von Parzival durch die drei Charaktere Cundrie, Trevrizent und Parzival eingehen und dabei auch den Unterschied zwischen dem Percevalroman von Chrétien und dem Parzival von Wolfram von Eschenbach beachten.

2. Definition des Begriffes Schuld

Neben dem juristischen Gebrauch des Wortes Schuld wird der Begriff auch in der Theologie — u. a. bei der Erbschuld des Menschen durch Adam und Eva3 — und in der Literatur verwendet. Bereits der Duden scheitert aber an einer Definition und umschreibt die Bedeutung mit „Ursache von etwas Unangenehmem, Bösem oder eines Unglücks, das Verantwortlichsein, die Verantwortung dafür“4. Mittelstraß dagegen versucht den alltäglichen Sprachgebrauch zu ermitteln und grenzt die unterschiedlichen Bereiche in vier Bedeutungen ein, die mehr oder weniger voneinander getrennt werden können. Schuld wird hier gleichgesetzt mit der „Verpflichtung auf eine Gegenleistung […] aufgrund einer vorangegangenen Leistung, [] die Urheberschaft für ein negativ einzustufendes Ereignis, [] die Verletzung eines Rechtes [und] die Verletzung einer moralischen Norm“5. Er weist auch auf Heideggers Verständnis der Schuld hin, der diese mit der Entscheidung gleichsetzt. Durch eine Entscheidung wird eine andere Möglichkeit verwehrt und der Mensch erhält eine „existenziale Schuld[]“6.

Walter Blank weist darauf hin, dass bei der mittelalterlichen Dichtung keine völlige Trennung von höfischen und geistlichen Fragestellungen vorgenommen werden kann, da die Dichtung dieser Zeit — und damit auch das Werk Parzival — immer von den derzeitigen kirchlichen Ansichten geprägt ist.7 Trotzdem kann besonders im Zusammenhang mit Schuld eine Unterscheidung neben dem geistlichen Einfluss vorgenommen werden. Anette Sosna argumentiert, dass für

„identitätsanalytische Fragestellungen […] also weniger der religiös ,objektivierte‘ Zusammenhang zwischen Sünde und Schuld von Bedeutung, sondern vielmehr der subjektiv identitätskonstitutive Zusammenhang von Schuldbewußtsein und Schuldfähigkeit [ist…].

Wo das Schamgefühl hauptsächlich aus der Spannung zwischen dem Individuum und der jeweiligen sozialen Situation resultiert, also tendenziell situativ bedingt ist, stellt das Schuldgefühl das Individuum und seine eigene innere Bewertungsinstanz, das Gewissen, in den Vordergrund.

Indem Parzival schuldfähig wird, übernimmt er die Verantwortung für sein Handeln anderen gegenüber und bewertet es. Dies läßt nicht nur auf seine Entwicklung hin zu reflektiertem sozialen Handeln schließen, sondern auch auf innere Bewertungsstrukturen, die unabhängig von spezifischen sozialen Situationen aktiv werden. In seiner individuellen ethischen Komponente geht Parzivals Schuldgefühl damit über das sozial situativ bedingte Schamgefühl [...] hinaus.“8

Mit dieser Auffassung werde auch ich arbeiten, da der Mensch sich für das Schuldgefühl entscheiden muss und hier nicht nach einer objektiven Schuld im juristischen Sinne gefragt ist. Das bedeutet, dass Parzival auch nicht schuldig sein kann, insofern er die Schuld nicht selbst anerkennt und deshalb handelt.

3. Schuld in Parzival

Das Thema der Schuld in Parzival ist besonders durch die ambivalente Auslegungsweise interessant. Neben den Ansichten der drei Figuren Cundrie, Trevrizent und Parzival hat auch der Autor Wolfram von Eschenbach die Handlung kommentiert. Durch diese Auslegungen und den Vergleich mit der Vorlage von Chrétien haben viele Literaturtheoretiker versucht die Sünden Parzivals und seine Schuld zu hierarchisieren. Parzival können im Laufe des Buches sechs Vergehen nachgewiesen werden. Zu diesen zählen der Tod der Mutter (vgl. Pz. 128,20), die Bedrängung Jeschutes (vgl. Pz. 129,27), die Bestrafung der Dame Cunneware (vgl. Pz. 151,19), die Tötung des roten Ritters Ither (vgl. Pz. 155,8), das Frageversäumnis gegenüber Anfortas (vgl. Pz. 239,8) und schlussendlich die Lossagung von Gott (vgl. Pz. 332,1). Diese Schulden werden aber von den Charakteren unterschiedlich gewertet.

In dieser Seminararbeit werden zuerst die Ansichten der Gralsbotin Cundrie und danach des Einsiedlers Trevrizent dargestellt. Beide nennen nur einen Teil der gerade genannten Schulden, für die sie Parzival die Schuld geben. Danach werden Parzivals Ansichten und die Kommentare Wolframs — an der Ereignisstelle und späteren Rückblicken und Anmerkungen — angeführt. Schließlich wird untersucht, warum Parzival die Bestrafung Cunneware als seine schwerste Schuld darstellt und wie er diese wiedergutmacht.

3.1. Aspekte der Schuld nach Cundrie

Die hässliche Gralsbotin Cundrie trägt eine tragende Rolle in Hinsicht auf die Nennung Parzivals Sünden. Ihr Äußeres wird wie ein missgestaltetes Fabeltier beschrieben, si was genast als ein hunt:/ zwên ebers zene ir für den munt/ giengen wol spannen lanc (Pz. 313,20- 23) , sind einige der Attribute ihrer klaren Hässlichkeit. Im Gegensatz zu ihrem äußeren, schlechten Erscheinungsbild, ist sie ein magt gein triwen wol gelobt (Pz. 312,2) und witze rîche (Pz. 313,1) . Ihre Beweggründe für ihre folgenden Anschuldigungen sind grôz jâmer (Pz. 318,8) . Durch ihr abstoßendes Aussehen und ihr gutes und gebildetes Inneres ist sie das Gegenteil zu Parzival, der wære gebluomt für alle man (Pz. 306,27) , dafür aber von tumpheit (Pz. 142,13) gezeichnet ist. Sie spricht diese Opposition auch an und erklärt ich dunke iuch ungehiure,/ und bin gehuirer doch dann ir. (Pz. 315,25f.)

Cundrie besucht die Tafelrunde als Gralsbotin und klagt Parzival an. Ihr erster Punkt ist die Ermordung Ithers, ir nennet in den ritter rôt,/ nâch dem der lac vor Nantes tôt (Pz. 315,11f.) . Sie beschimpft ihn, deshalb keine Ritterehre zu haben (vgl. Pz. 315,24f.) und die Ehre von König Artus zu beschmutzen (vgl. Pz. 315,1-9). Hauptaspekt ihrer Klage ist aber das Frageversäumnis gegenüber Anfortas.

Hêr Parzivâl, wan sagt ir mir

Unt bescheidt mich einer mære,

dô der trûrge vischære

saz âne freude und âne trôst,

war umb irn niht siufzens hât erlost.

Er truog iu für den jâmers last. (Pz. 315,26 – 316)

Cundrie spielt hier auf die Zeremonie an, mit der die Gralsgesellschaft Parzival zum Nachfragen anregen will. Auch Sigune schiebt die Schuld an Anfortas weiterem Leid auf Parzival. Diese beschimpft ihn als verfluochet man (Pz. 255,13) und prophezeit, dass er sît an sælden tôt (Pz. 255,20). Dass er diese Entscheidung nicht mehr gut machen kann (vgl. Pz. 255,24) ist, wie wir später erfahren, falsch, da Parzival die Frage doch noch stellt. Erst nach dieser Anschuldigung erkennt Parzival seinen Fehler und bereut das Frageversäumnis. (vgl. Pz. 256,3ff.) Dazu spielt aber Cunneware eine entscheidende Rolle, wie später sichtbar wird.

Dieses Nichtfragen ist aber nur „ein Symptom bereits vorhandener habitueller Sündhaftigkeit“9 und auch Maurer sieht, dass „sie nicht organisch aus der vorhergehenden Handlung als ‚Schuld‘ Parzivals vorhergeh[t].“10 Stattdessen ist es Parzival aufgrund seiner Sünden zuvor nicht möglich, die Frage zu stellen und damit den Gral zu erlangen, da

der grâl was von sölher art:

wol muose ir kiusche sîn bewart,

iu sîn ze rehte solde pflegn:

die muose valsches sich bewegn. (Pz. 235,27-30)

Dadurch zeigt sich, dass Parzival den Gral nur schuldfrei erlangen kann. Durch seine Sünden ist er aber nicht mehr rein. Dadurch kann er auch hier keine Schuld auf sich laden, indem er die Frage nicht stellt, denn er war von vorneherein zu diesem Zeitpunkt nicht dafür bestimmt.

Neben der Schuld, die er nach dem Gespräch mit Sigune empfindet, sind aber Cundries Anschuldigungen ebenfalls schwerwiegend. Der Junge, der gerade eben noch von der Artusgesellschaft gefeiert wurde (Pz. 308,1ff.), wird in Anwesenheit dieser hart gerügt und empfindet deshalb explizit scham (Pz. 319,7), aber keine Reue. Cundrîe […] den Wâleis si beswæret hât (Pz. 319,1-3). Verursacher ist also nicht die Tat, sondern explizit die Überbringerin und die Situation vor den anderen. Parzival will weniger seine Schuld wiedergutmachen, als vielmehr „seine befleckte Ehre wiederherstellen“11.

Friedrich Maurer stellt fest, dass ihre Vorwürfe, dass Parzival durch seine Taten einen Mangel an triuwe zeigt, nicht schwerwiegend sind, „wenn der Dichter zugleich in aller Form feststellt, daß sein Held die triuwe bewahrt hat; daß er aus bester Gesinnung gehandelt hat und noch handelt. […] Jedesmal betont der Dichter ausdrücklich, daß Parzival innerlich gut ist, daß er nicht die triuwe aufgegeben hat“12.

3.2. Aspekte der Schuld nach Trevrizent

Nach Cundries harten Worten bricht Parzival auf und trifft auf den Einsiedler Trevrizent, nachdem er seinem Pferd befohlen hat nu genc nâch der gotes kür. (Pz. 452,9). Parzival selbst beschreibt sich ihm gegenüber als man der sünde hât (Pz. 456,30).

wan einr kom unbenennet dar:

der selbe was ein tumber man

und fuorte ouch sünde mit im dan,

daz er niht zem wirte sprach

umben kumber den er an im sach. (Pz. 473,12-16)

Hier wird ebenfalls das Frageversäumnis als große Sünde beschrieben, aber Trevrizent weiß noch nicht, dass Parzival dieser Mann ist. Er beklagt dieses Unglück mehrmals, als Parzival aber gesteht das unsælec barn (Pz. 488,19) zu sein, ist er zuerst geschockt. Er widerspricht seinen vorherigen Aussagen aber schnell, denn er gibt Parzival den Tipp, du solt in rehten mâzen/ klagen und klagen lâzen. (Pz. 489,3 f.) Stattdessen soll Parzival sein herze alsô erküenen/ daz du den prîs bejagtes/ unt an got niht verzagtes (Pz. 489,14-16). Wenn er also seine Verbindung zu Gott wiederherstellt, wird ein Ausgleich geschaffen.

Trevrizent wirft ihm auch den Leichenraub vor, da er denkt, dass dieser Llewelyn ist. Parzival erkennt dadurch seine Schuld an dem Tod Ithers: Ithêrn von Cucûmerlant/ den sluoc mîn sündebæriu hant:/ ich leit in tôten ûffez gras,/ unt nam swaz dâ ze nehmen was. (Pz. 475,9-12). „Die ritterlichen Verhaltensregeln (vgl. 171,28 f.) erlauben, einen besiegten Gegner zu töten, wenn dieser dem Sieger schweres Leid zugefügt hat.“13 Dies ist aber bei der Begegnung zwischen Parzival und Ither nicht der Fall, zu diesem Zeitpunkt kennt Parzival aber weder diese Regel, noch irgendwelche anderen ritterlichen Verhaltensregeln. D. h., dass er seine Sünde nicht erkennt und hier unbewusst eine Regel missachtet.

[...]


1 Wolfram von Eschenbach: Parzival. Nach der Ausgabe von Karl Lachmann, revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann, übertragen von Dieter Kühn. 6. Auflage, Ulm, 2018.

2 Chrétien de Troyes: Der Percevalroman oder Die Erzählung vom Gral. Leipzig, 1991.

3 Jürgen Mittelstraß : Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 3. Stuttgart, 2008. S. 730 ff.

4 Duden, online: Schuld. https://www.duden.de/rechtschreibung/Schuld Zuletzt aufgerufen am 31.07.2019.

5 Mittelstraß, Enzyklopädie, S. 735.

6 Ebd. S. 736.

7 Walter Blank: „Mittelalterliche Dichtung oder Theologie? Zur Schuld Parzivals.“ In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. Bd. 100. Marburg, 1971. S. 133 – 148.

8 Anette Sosna: Fiktionale Identität im höfischen Roman um 1200: Erec, Iwein, Parzival, Tristan. Stuttgart, 2003. S. 203f.

9 Blank, Zur Schuld Parzivals, S. 137.

10 Friedrich Maurer: „Parzivals Sünden. Erwägungen zur Frage nach Parzivals Schuld.“ In: Wolfram von Eschenbach. Hrsgb.: Heinz Rupp. Darmstadt, 1966. S. 51.

11 Regina Toepfer: Höfische Tragik. Motivierungsformen des Unglücks in mittelalterlichen Erzählungen. Berlin, 2013. S. 130.

12 Maurer, Parzivals Sünden, S. 55.

13 Birgit Eichholz: Kommentar zur Sigune- und Ither-Szene im 3. Buch von Wolframs Parzival. Stuttgart, 1987. S. 52

Details

Seiten
19
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346059550
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v507588
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Schlagworte
Parzival Mittelhochdeutsch Schuld Schuldfrage

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