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Das Karfreitagsabkommen von 1998 im Nordirlandkonflikt. Welchen Einfluss hat es auf den Friedensprozess?

Hausarbeit 2019 20 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Die zwei Konfliktparteien

2 Konfliktverlauf
2.1 Historischer Ursprung und ideologische Ressourcen der Konfliktparteien
2.2 politische Dimension: zwei Nationen auf einer Insel
2.3 Inkubationszeit und Eskalation der Troubles
2.4 Dauerzustand des ‚Langen Kriegs‘

3 Friedensprozess
3.1 Voraussetzungen für den Friedensprozess
3.3 Unterzeichnung des Karfreitags-Abkommens

5 Verallgemeinerungen des Nordirlandkonflikts - ein Diskussionsanstoß

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Nordirlandkonflikt hat über Jahrzehnte, manche würden behaupten Jahrhunderte, das gesellschaftliche und politische Leben auf der irischen Insel geprägt. In der folgenden Arbeit soll untersucht werden, wie der Konflikt die irische Gesellschaft beeinflusst, wodurch 1998 die Unterzeichnung des Karfreitags-Friedensabkommen möglich wird, was die beteiligten Parteien darin vereinbaren und welchen unmittelbaren Einfluss das Abkommen auf den Friedensprozess der irischen Insel hat.

Ob der Konflikt als ‚Krieg‘ kategorisiert wird, hängt von der angewendeten Kriegsdefinition ab. Gemäß der von Istvàn Kende entwickelten und von der AKUF übernommenen Kriterien erfüllt der Nordirlandkonflikt die entsprechenden Voraussetzungen: Mehrere bewaffnete Streitkräfte, zum Teil regulär von der Regierung eingesetzt, sind zentralgelenkt und führen regelmäßig geplante, strategisch-taktische Überfälle durch (vgl. Schreiber 2012: 7). Wird stattdessen der Ansatz der Gründer des Correlates of War Project, David Singer und Mel Small, herangezogen, müssten darüber hinaus mindestens 1.000 Tote innerhalb eines Jahres gezählt werden (vgl. Sarkees 2007: 1). Andere Wissenschaftler wie beispielsweise der Historiker Spencer R. Weart oder Ted Gurr und Barbara Harff vertreten ebenso einen quantitativen Ansatz, ziehen aber die Anzahl der getöteten Soldaten als Richtlinie heran (vgl. BICC 2011: §2). In beiden Fällen gilt der Nordirlandkonflikt nicht als ‚Krieg‘.

Tatsache ist, dass im Nordirlandkonflikt zwischen den Jahren 1969, dem Beginn der Troubles, bis 2001, einige Jahre nach dem Zustandekommen des Karfreitagsabkommens von 1998, insgesamt 3.532 Tote verzeichnet werden. Diese Zahl wurde von Malcolm Sutton erhoben. Seine Daten stellt er auf der Website cain.ulst.ac.uk zur Verfügung, wo er sie bis 2002 kontinuierlich aktualisiert hat.[1] Sein Anspruch ist es, damit ein akkurates Register für Historiker und andere wissenschaftliche Arbeitenden zu erstellen sowie den Opfern ein würdiges Gedenken zu verschaffen. Hierzu dokumentiert er für jedes Opfer den Namen, Todestag, das Alter, den persönlichen Bezug zum Konflikt, die für den Tod verantwortliche Organisation, eine Kurzbeschreibung der Todesumstände und falls verfügbar ein Foto (vgl. Sutton 2001).

1 Die zwei Konfliktparteien

Insgesamt stehen sich im Nordirlandkonflikt zwei Lager gegenüber. Deren Beziehung und damit auch die Spannung zwischen beiden, lässt sich bis ins 12. Jahrhundert zum Beginn der anglo-normannischen Eroberung von Irland zurückverfolgen (vgl. Otto 2005, Korstian 2008: 16, Rapp 2014: 27).

Auf der einen Seite handelt es sich um irische Nationalisten, die sich seit dem ersten anglo-normannischen Übergriff Anfang des 12. Jahrhunderts von dem Einfluss Englands, bzw. Großbritanniens bedroht und unterdrückt fühlen. Sie sind stolz auf ihre keltisch-irische Tradition, gehören mehrheitlich der katholischen Kirche an und kämpfen für eine vereinte Republik Irlands, vor allem nachdem 1922 der nördliche Teil der Insel vertraglich abgetrennt wurde (vgl. Korstian 2008: 16).

Dieser Gemeinschaft gegenüber stehen die britischen Loyalisten. Deren Vorfahren wurden zu Beginn des 17. Jahrhunderts im Rahmen eines Siedlungsprojektes der britischen Krone im Nordosten der Insel angesiedelt. Zur Niederschlagung immer wieder aufflackernder Unruhen und Aufstände in Irland wurde das Gebiet Ulster kolonialisiert und englisch-treuen Gefolgsmännern überlassen (vgl. Otto 2005: 11 ff.). Da diese in der großen Mehrheit protestantisch waren, lässt sich hierauf die weitverbreitete Ansicht zurückführen, es würde sich beim Nordirlandkonflikt um einen Konflikt von Katholiken gegen Protestanten handeln. Es ließe sich jedoch argumentieren, dass die Religion im Zusammenhang mit der Teilung Irlands im Konflikt vor allem politisiert wurde. Entscheidender als die rein konfessionelle Zugehörigkeit, ist das umfassende Identitätsgefühl und nationale Selbstverständnis der jeweiligen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft in den einzelnen Regionen (vgl. Lynch 1972).

2 Konfliktverlauf

Der folgende Abschnitt beschreibt den Verlauf und die Dynamik des Nordirlandkonfliktes. Beginnend im 12. Jahrhundert ereigneten sich eine Reihe von Zwischenfällen und Entwicklungen, die 1969 während der Zeit der Troubles zu einer massiven Eskalation führten.

2.1 Historischer Ursprung und ideologische Ressourcen der Konfliktparteien

Seit Heinrich II, König von England, 1171 mit seiner Armee in Irland landete und daraufhin die nordöstliche Region der Insel für sich einnahm (vgl. Rapp 2014: 27), herrscht ein permanentes Ringen zwischen der irischen Nation und England, bzw. Großbritannien (vgl. Korstian 2008: 16). Diverse Umstände führen zu einer immer stärkeren Abgrenzung der irischen Bevölkerung von den als reine Besatzung empfundenen Briten. Hierzu zählt die gescheiterte flächendeckende Reformation in Irland durch den Tudor-König Heinrich VIII 1534 (vgl. Rapp 2014: 27). Einen weiteren Einschnitt bedeutete die oben erwähnte Plantation of Ulster von 1608 bis 1610 (vgl. Otto 2005: 153), in deren Folge die Region Ulster mit englisch-treuen, überwiegend protestantischen Gefolgsleuten besiedelt wird. Es folgen weitere Aufstände der Katholiken, ab 1695 die Einführung von Strafgesetzen (Penal Laws) zur Unterdrückung und Diskriminierung der irischen Katholiken, Reformen und diverse Bewegungen (vgl. ebd.). Eine weitere, prägende Erfahrung für die irische Bevölkerung stellt die Kartoffelpest von 1845 dar. In Irland führt die anschließende, vierjährige Große Hungersnot zu einer Million Toter und veranlasst in ihrem Verlauf über eine Million Iren dazu, das Land zu verlassen. Unterstützung vonseiten Großbritanniens wird weitestgehend untersagt (vgl. Rapp 2014: 28).

All diese Vorfälle steigern die Aversion der Iren gegen das britische Imperium. Die Glaubensfreiheit Andersgläubiger, insbesondere Katholiken, wird auf der Insel unter britischer Herrschaft massiv eingeschränkt, die Menschen politisch und wirtschaftlich diskriminiert. Damit war der Grundstein gelegt für die Rolle der Konfession im nordirischen Konflikt. Trotzdem sind vor allem der irische Nationalismus und die Loyalität gegenüber der englischen Krone, nicht die Religionszugehörigkeit, ausschlaggebend für den Verlauf des Konflikts. Beide Gesellschaftsgruppen entwickeln sich immer stärker unabhängig voneinander und definieren sich zunehmend in Abgrenzung zu den anderen.

2.2 politische Dimension: zwei Nationen auf einer Insel

Um die Jahrhundertwende herrscht in ganz Europa Umbruchsstimmung. Demokratisierungsprozesse mobilisieren die Massen. Die Industrialisierung prägt das soziale und gesellschaftliche Leben. In Irland jedoch profitiert vor allem der Nordosten des Landes mit seinen Städten und der gut ausgebauten Infrastruktur vom industriellen Aufschwung (vgl. Korstian 2008: 17).

Die Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen und die zuvor erlebte Hungersnot äußert sich in einem stärker werdenden, radikalen Nationalismus. Schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Stimmen, welche Home Rule für Irland fordern immer lauter. Dem gegenüber formiert sich im Norden des Landes eine von hauptsächlich Protestanten getragene Kampagne mit dem Motto ‚Home Rule ist Rome Rule‘ (vgl. Lynch 1972). Die Forderung nach einer konstitutionell festgeschriebenen Autonomie für Irland bestimmt seither die politische und gesellschaftliche Debatte. In dieser Zeit gründen sich die radikalnationalistische Partei Sinn Féin (SF) sowie die Irish Republican Brotherhood (IRB), aus der später die Irish Republican Army (IRA) hervorgeht. Im Verlauf des Konflikts wird die IRA für illegal erklärt, geht in den Untergrund und organisiert diverse terroristische Anschläge[2]. Auf Seiten der Anti-Home-Rule Kampagne bildet sich die Ulster Volunteer Force (UVF) (vgl. Korstian 2008: 18).

Als besonders folgenreich für den Konfliktverlauf in Irland sollte sich der Osteraufstand (Easter Rising) von 1916 erweisen. Eine Bürgerarmee besetzt im Namen des irischen Freiheitskampfes das General Post Office in Dublin, ruft dort die Irische Republik aus und liefert sich sechs Tage lang Gefechte mit dem britischen Militär (vgl. Fortenbacher-Nagel 2018: 123 f.). Obwohl der Aufstand mangelhaft vorbereitet war, eine Verwüstung hinterließ, niedergeschlagen wurde und in der Bevölkerung zunächst kaum Unterstützung oder Sympathie erfuhr, gilt er als Geburtsstunde des irischen Nationalismus und des sich daraus entwickelnden Konflikts (vgl. Rapp 2014: 29). Dies liegt am Stimmungswandel, den die harte Bestrafung der Rebellen durch die britischen Truppen veranlasst hat. Die durchgeführten Exekutionen und langjährigen Haftstrafen überrascht viele Iren, die ursprünglich Gewalt im Unabhängigkeitskampf abgelehnt und auf eine parlamentarische Lösung gesetzt hatten (vgl. Fortenbacher-Nagel 2018: 124 ff.). Dieses Phänomen, dass gewalttätige Aktionen der Radikalen in der Gesellschaft nicht populär sind, es ihre daraus entstehenden Märtyrer aber meist doch werden, ist charakteristisch und im Verlauf des Nordirlandkonflikts noch öfter zu beobachten (vgl. Korstian 2008:19). Infolge des Osteraufstandes und im Besonderen dem britischen Vorgehen dagegen entwickelt sich ein Guerillakrieg, welcher von der irischen Zivilgesellschaft unterstützt oder zumindest gebilligt wird. Ein vorläufiges Ende findet dieser erst durch die Vereinbarung zur Home Rule und die Articles of Agreement 1921, welche die irische Insel in zwei Staaten aufteilt: einen Freistaat im Süden sowie ein Nordirland bestehend aus sechs von insgesamt neun Grafschaften der Provinz Ulster, welches ein eigenes Parlament bekommt und Teil von Großbritannien bleibt (vgl. ebd.: 18, Lynch 1972).

Die Folge dieser anglo-irischen Friedensbemühungen jedoch spalten die irische Bevölkerung und führen zu einem Bürgerkrieg, welcher erst 1923 durch diplomatisches Ringen und eine weitere Vertragsunterzeichnung beigelegt werden kann. Fortan etablieren sich die beiden Staaten und deren politische Systeme durch Abgrenzung voneinander und sind geprägt durch eine Aufrechterhaltung der bestehenden Verhältnisse. Erst 1965 soll es gelingen, die jeweiligen Premierminister zusammenzubringen (vgl. Korstian 2008: 18).

Für Nordirland bedeutet die Stabilisierung des etablierten Systems, eine bewusste und geförderte Spaltung der Gesellschaft:

„Schulsystem, Heiratsmarkt, Wohnviertel, Freizeitgestaltung, Arbeitsmarkt, Bildungschancen, politische Parteien und Zugang zu staatlichen Institutionen – für alles blieb die konfessionelle Zugehörigkeit bestimmend. Katholiken blieben strukturell benachteiligt und wurden insbesondere auf dem Arbeitsmarkt und bei der öffentlichen Wohnungsvergabe diskriminiert“ (ebd.: 20).

Hinzu kommt eine Änderung des Wahlrechts zum sogenannten Stormontsystem, das indirekt aber effektiv die protestantische Bevölkerung bevorzugt (vgl. Otto 2005: 72). Der Special Powers Act, seit 1922 in Kraft, ermöglicht, dass 90% der Sicherheitskräfte der Royal Ulster Constabulary (RUC) protestantisch sind, was die nordirischen Katholiken als Bedrohung für sich und als Garantie für eine parteiische Staatsmacht ansehen (vgl. Korstian 2008: 20).

2.3 Inkubationszeit und Eskalation der Troubles

Um den wirtschaftlichen Rückstand Nordirlands in Bezug auf Großbritannien aufzuholen, leitet der amtierende Premierminister in den 1960er Jahren einen Reformkurs ein, welcher gleichzeitig die katholische Bevölkerung integriert. Hieraus entwickelt sich die katholische Mittelschicht. Sie bringt sich politisch mehr und mehr ein, nimmt sich die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung zum Vorbild und macht deutlich, dass sie eine Benachteiligung nicht länger hinnehmen wird. Diverse Aktionen und Demonstrationen führen dazu, dass sowohl die internationale Gemeinschaft wie auch die Zentralregierung in London auf die Unruhen in Nordirland aufmerksam werden, wodurch der Reformdruck auf die Regierung vor Ort steigt. Immer öfter kommt es nun zwischen den Reformbefürwortern und -gegnern zu offenen Konflikten auf der Straße. Einzelne Bombenanschläge heizen die Situation zusätzlich auf. Als schließlich 1969 die Marching Season [3] bevorsteht, bricht die öffentliche Ordnung zusammen und es kommt zu Aufständen und Straßenschlachten. Speziell in Belfast gerät die Situation komplett außer Kontrolle. Es kommt zu pogromartigen Übergriffen und dem Niederbrennen ganzer Straßenzüge (vgl. Korstian 2008: 20 f.)[4]. Die RUC, also die offiziellen Sicherheitskräfte Nordirlands, sind der Situation zahlenmäßig nicht mehr gewachsen. Zudem macht sich ihre Parteilichkeit zugunsten der Loyalisten bemerkbar. London beschließt, militärisch einzugreifen und wird damit zum ersten mal offiziell Teil des Nordirlandkonflikts. Die Rolle des britischen Militärs führt dabei zu bizarren Situationen: „Katholiken, die britische Soldaten mit Tee begrüßten; britische Soldaten, die sich mit bekannten Republikanern über den Schutz katholischer Viertel absprachen; Protestanten, die sich mit Sicherheitskräften anlegten“ (ebd.: 22). Bereits 1970 waren 6.500 britische Soldaten in Ulster im Einsatz (vgl. Rapp 2014: 31).

[...]


[1] Zugleich wurden die Daten in folgendem Buch veröffentlicht: Sutton, Malcolm (1994): Bear in mind these dead… An Index of Deaths from the Conflict in Ireland 1969-1993. Belfast: Beyond the Pale Publication.

[2] Zur Eskalationsdynamik der IRA siehe Schimank 2008.

[3] Zeit, in welcher eine Reihe von Paraden im Gedenken an historische Großtaten, Freiheitskämpfer und nationalistische Bewegungen abgehalten werden. Traditionell beginnt sie jährlich um die Osterzeit.

[4] Zwischen 1969 und 1998 führen die Sicherheitskräfte mehr als 350.000 Hausdurchsuchungen durch, es gibt über 10.000 Explosionen, über 35.000 Schießereien, über 20.000 bewaffnete Raubüberfälle. Ferner hat Nordirland mit seinen knapp 1,6 Millionen Einwohnern über 40.000 Verletzte zu beklagen und klagt über 18.000 Personen wegen ‚terrorist or serious public order type offences‘ an (vgl. Korstian 2008: 15).

Details

Seiten
20
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346068170
ISBN (Buch)
9783346068187
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v508674
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Friedens und Konfliktforschung
Note
1,0
Schlagworte
Friedensverhandlungen Friedensvertrag Nordirland Konflikte der Gegenwart Karfreitagsabkommen

Autor

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Titel: Das Karfreitagsabkommen von 1998 im Nordirlandkonflikt. Welchen Einfluss hat es auf den Friedensprozess?