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Die Rolle Japans in der ASEAN

Hausarbeit 2003 26 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Ferner Osten

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung und Zielsetzung der Hausarbeit
1.1 Vorgehensweise bei der Analyse der Leitfrage
1.2 Rationalistische und konstruktivistische Ansätze

2 Die Rolle Japans in der Entwicklung der ASEAN+3

3 Methodik japanischer Aussenpolitik nach dem Kalten Krieg – Wandel von bilateraler zu multilateraler Aussenpolitik
3.1 Aussenpolitik als Wirtschaftpolitik
3.2 Aussenpolitik als Sicherheitspolitik

4 Stabilität in Japan durch Stabilität in Asien

5 Ziele und Perspektiven Japans innerhalb der ASEAN+3

6 Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung und Zielsetzung der Hausarbeit

Japan hat im letzten Jahrhundert eine wechselvolle Rolle auf der Bühne der internationalen Politik gespielt. Das klassische Bild Japans als „wirtschaftlicher Riese und politischer Zwerg“[1] muss als überholt gelten, und entspricht nicht mehr dem heutigen wissenschaftlichen Stand. Nach der Wirtschaftskrise im asiatisch-pazifischen Raum, die von Thailand ausgehend ihren Höhepunkt 1997 fand und deren Auswirkungen bis heute spürbar sind, kam es zu einem deutlichen Wandel in den internationalen Beziehungen Japans. So wurde die bisherige enge Kooperation mit den USA neu bewertet, und auch das Verhältnis zu den ostasiatischen Staaten sowie zu China veränderte sich drastisch. Nachdem Japan seiner weltweiten Verantwortung als Führungsnation in den 80er Jahren nicht gerecht werden wollte und nunmehr auch aufgrund ökonomischer Schwierigkeiten nicht wahrnehmen kann, stellt sich die Frage, welche Rolle Japan wahrzunehmen in der Lage ist, und welche Einflüsse dafür entscheidend sein werden. Insofern will diese Hausarbeit der Versuch sein, eben diesen Wandel zu untersuchen und mögliche Perspektiven Japans aufzuzeigen. Dabei soll der Fokus dieser Hausarbeit auf der zukünftigen Rolle Japans innerhalb der ASEAN+3 liegen, und diese mithilfe einer Theorie der Internationalen Beziehungen analysiert werden. Warum engagiert sich Japan innerhalb der ASEAN+3 und welche Ziele verfolgt es dabei?

1.1 Vorgehensweise bei der Analyse der Leitfrage

Als theoretisches Analysemuster der Perspektiven und Handlungsspielräume Japans in den Internationalen Beziehungen genügt es nicht sich auf rationalistische Erklärungen zu stützen, da sich diese Argumentation in Anbetracht der Vorgehensweise und des Selbstverständnisses[2] der ASEAN+3 schnell erschöpft. Deshalb müssen bestimmte „identitätsstiftende“[3] Faktoren im Sinne des Konstruktivismus ebenso berücksichtigt werden wie „Ideale und Werte“, die laut Josef Frankel „dynamische Prozesse“ in der internationalen Politik auslösen können,[4] um letztlich ein ganzheitliches Bild der japanischen Beziehungen im pazifischen Raum zu erhalten.

1.2 Rationalistische und konstruktivistische Ansätze

Um die Handlungsoptionen der ASEAN+3 Akteure zu erklären, greife ich auf den Ansatz des Neoliberalen Institutionalismus von Robert O. Keohane zurück. In dieser Theorie wird das Konzept der Kooperation als grundsätzlich verschieden vom Zustand des Friedens oder der Harmonie verstanden, da Kooperation Interessendivergenzen zwischen den beteiligten Akteuren voraussetzt und damit eher als (präventive) Reaktion auf einen möglichen Konflikt verstanden wird.[5] Nach Keohane entsteht Kooperation „…when actors adjust their behaviour to the actual or anticipated preferences to others, through a process of policy coordination“[6]. Diesen Theorieansatz kennzeichnen laut Tim Dunne vier Prinzipien:[7]

1) Der Nationalstaat gilt als Repräsentant der Gesellschaft und ist damit zentraler Akteur in den Internationalen Beziehungen; ebenfalls Berücksichtigung finden nicht-staatliche Institutionen, denen Keohane eine bedeutsame Rolle zuschreibt.[8]
2) Anarchie ist die strukturelle Bedingung auf der internationalen Ebene, aber diese Struktur verhindert keineswegs jegliche Kooperationen, sondern ermöglicht sie in Form von zweckhaften Bündnissen aufgrund „der Norm der Reziprozität und der Wirkung von Institutionen“[9].
3) Der Prozess der Integration auf regionaler und globaler Ebene steigt an.
4) Staaten gehen Kooperationen auch dann ein, wenn sie auf den ersten Blick keine relativen Gewinne davontragen[10], sondern geben sich mit absoluten Gewinnen zufrieden, wenn alle Mitglieder profitieren. Dies geschieht, weil sie erkennen, dass multilaterales Handeln oft wirksamer als unilaterales Vorgehen ist: „States will enter into co-operative relations even if another state will gain more from the interaction, in other words, ´absolute gains´ are more important for liberal institutionalists than ´relative gains´ (emphasized by neo-realists)“[11].
5) Vorrangig gilt also in Anlehnung an Keohane: „Stellung und Einfluß von Staaten im internationalen System beruhen auf der Beeinflussung internationaler politischer und wirtschaftlicher Verflechtungen wie auf militärischen Machtpotentialen, auf ausbalancierten wie auf asymmetrischen Interdependenzen.“[12]

Der Perspektivenwechsel von einer ausschließlich staatszentrierten zu einer interdependenzorientierten Betrachtungsweise hat sich auch in der Terminologie der japanischen Politikwissenschaft niedergeschlagen, so spricht man nicht mehr von der klassischen Außenpolitik (gaikōseisaku), sondern verwendet den Begriff „taigaiseisaku“, der eine weniger hoheitliche als vielmehr weltumspannende Partnerschaftsbeziehung zu ausländischen Regierungen und internationalen Organisationen orientierte Außenpolitik beschreibt.[13] Inwiefern dies von Wichtigkeit für die Rolle Japans innerhalb der ASEAN+3 erscheint, wird im Kapitel 3.2 „Außenpolitik als Sicherheitspolitik“ näher erläutert.

Dieser strategische Ansatz im Sinne der klassischen Nutzenmaximierung realistischer Theorien vermag aber nicht den identitätsstiftenden Charakter der ASEAN+3 zu erklären, in welchem das Selbstbild (bzw. das Image) Japans einen hohen Stellenwert einnimmt. Dazu ist es hilfreich den Theorieansatz Alexander Wendts mit einzubeziehen, welcher die Identität als „relatively stable, role-specific understanding about self“[14] definiert. Weiterhin sind Ideen[15], insbesondere Kultur - in ihrer Definition als intersubjektiv geteilte Ideen - von vorrangiger Bedeutung, was die Bedeutung der Macht bzw. von Interessen (wie im rationalistischen Ansatz geschildert) nicht mindert, sie aber „ihre Effekte jedoch nur durch die Ideen, die sie konstituieren“[16], entfalten können. Auch der Neoliberale Institutionalismus geht davon aus, dass kommunikativ erzielte Normen[17] sich auf die Erwartungen und Intentionen der Akteure auswirken und so ihr Entscheidungsverhalten beeinflussen; langfristig werden dadurch Vertrauensstrukturen aufgebaut und Kooperationen stabilisiert.[18]

Die Erklärungskraft beider – rationalistischer und konstruktivistischer – Ansätze zu verbinden, scheint in diesem Fall vorteilhaft um im Rahmen der Hausarbeit auch auf die sich veränderten Identitäten der Akteure einzugehen.

2 Die Rolle Japans in der Entwicklung der ASEAN+3

Der historische Kontext für die Gründung der ASEAN+3 ist im Zuge der Asienkrise zu finden. Japan registrierte die Abhängigkeit von Institutionen wie dem IMF, der im wesentlichen durch die USA beeinflusst wurde, und erkannte die Notwendigkeit zu eigenem Handeln. Aufgrund fehlender Unterstützung der westlichen Welt und einem kollektiven Gefühl des „Allein-Gelassen-Werdens“ der asiatischen Länder, beschloss Japan die Independenz von der westlichen Staatengemeinschaft voranzutreiben, und die eigene wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit durch Stabilität innerhalb der asiatisch-pazifischen Region zu sichern. Das dazu geeignete Instrument schien die schon 1967 gegründete Staatengemeinschaft der mittlerweile zehn Nationen umfassenden ASEAN, welche sich 1998 mit China, Japan und Südkorea zur ASEAN+3 formte.

Seit Beginn der neunziger Jahre wurde eine Institutionalisierung der regionalen ostasiatischen Kooperationsstrukturen über den Kern der ASEAN hinaus diskutiert, welches als Konzept einer East Asia Economic Group (EAEG) schließlich das Etikett der ASEAN+3 erhielt. Die Entwicklungsgeschichte der ASEAN+3 lässt sich auf drei Ursachenkomplexe zurückführen:

„Zum einen der wachsende Verlust staatlicher Steuerungsfähigkeit angesichts zunehmender regionaler Interdependenzen, zum anderen das Scheitern etablierter Institutionen wie der ASEAN und der APEC während der Asienkrise, schließlich die aus Sicht der von der Krise Betroffenen unzureichenden Maßnahmen globaler Finanzinstitutionen zur Abmilderung der Krise.“[19]

So schlug der malaysische Premierminister Mahathir ibn Mohammed schon in den frühen neunziger Jahren die Gründung eines rein ostasiatischen Dialogforums vor. Die Motive für diese konzentrierte Regionalisierung lagen darin begründet, dass wirtschaftlicher Fortschritt der ASEAN nur in Kooperation mit Japan als ökonomischer Führungsnation vorangetrieben werden könne, der Furcht vor einer weltweiten Blockbildung, die sich angesichts der protektionistischen Haltung der EU und NAFTA als nicht unbegründet erweisen sollte, und drittens um mit der EAEG eine ostasiatische Alternative zur westlich geprägten Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC) zu formen.[20] Mahathirs Vorschlag wurde damals auch von Japan abgelehnt, das Friktionen mit seinem engsten Verbündeten USA befürchtete. In den folgenden Jahren veränderten sich die Beziehungen Japans im südostasiatischen Raum jedoch deutlich. Neben der Gründung des Asian Regional Forum (ARF), welches neben informellen Standpunkten auch sicherheitspolitische Fragen auf die Agenda setzt, kam es zur Initiierung einer asiatischen Freihandelszone (AFTA) und des interregionalen Asia-Europe Meeting (ASEM).

Ausschlaggebend für die Etablierung der ASEAN+3 war aber der Schock der Asienkrise, der alle Akteure gleichermaßen hart traf. Der erste East Asian Summit (EAS) wurde im Krisenjahr 1997 gehalten, und bereitete den Weg für eine Institutionalisierung dieser Kooperation, die seit 1998 regelmäßig stattfindende multilaterale Treffen mit Ministerialrunden und so genannte Senior Official Meetings (SOM) umfasst. Japan konnte seine Rolle als Finanzgeber im Rahmen der Swap-Abkommen[21], welche die Akteure der ASEAN+3 im Krisenfall vor spekulativen Angriffen auf betroffene Währungen schützen soll, und durch weitere Initiativen (auf welche im Kapitel 3.1 „Außenpolitik als Wirtschaftspolitik“ näher eingegangen wird) festigen. Inwiefern diese Neubewertung der Beziehungen die Außenpolitik Japans beeinflusste, soll im folgenden Kapitel auf zwei verschiedenen Ebenen analysiert werden.

[...]


[1] Kevenhörster, Paul: Japan. Außenpolitik im Umbruch. Opladen 1993. (S. 13)

[2] Vgl. Busse, Nikolas: Die Entstehung von kollektiven Identitäten. Das Beispiel der ASEAN-Staaten. Baden-Baden 2000. (S. 24-35)

[3] Gehrt, Katja: Die Sicherheitspolitik der ASEAN. Grenzen, Probleme, Perspektiven. Wiesbaden 2000. (S. 8)

[4] Frankel, Josef: The Making of Foreign Policy. An Analysis of Decision Making. London, Oxford & New York 1971. J. Frankel verwendet in diesem Zusammenhang jedoch den Begriff „emotions”: „… it is a fact stressed by most psychologists and now generally accepted in sorrow even by staunch rationalists that emotions and not intellect provide the dynamic force in history“ (S. 179)

[5] Vgl. Keohane, Robert O.: After Hegemony. Cooperation and Discord in the World Political Economy. Princeton/New Jersey 1984. Laut R. Keohane ist Kooperation „a dialectical relationship with discord, and they must be understood together” (S. 53f.).

[6] Keohane, Robert O.: a. a. O. (S. 51-52.)

[7] Vgl. Dunne, Tim: Liberalism In: Baylis, John und Smith, Steve: The Globalization of World Politics. An Introduction to International Relations. Oxford 2001.

[8] Vgl. Keohane, Robert O.: International Institutions and State Power. In: Boulder et al: Essays in International Relations Theory. Westview 1989. (S. 8)

[9] Gehrt, Katja: Die Sicherheitspolitik der ASEAN. Grenzen, Probleme, Perspektiven. Wiesbaden 2000. (S. 43)

[10] Damit wird internationale Politik nicht mehr als Nullsummenspiel konzipiert, wie es die vom Neorealismus propagierte „Balance-of-Power“-Theorie vorschlägt. Vgl. hierzu Siedschlag, Alexander: Neorealismus, Neoliberalismus und Postnationale Politik. Beispiel internationale Sicherheit. Theoretische Bestandsaufnahme und Evaluation. Opalden 1997.

[11] Dunne, Tim: a. a. O. (S. 176)

[12] Kevenhörster, Paul: a. a. O.. Vgl. auch Keohane, Robert O. und Nye, Joseph S.: Power and Interdependence. World Politics in Transition. Boston/Toronto 1988. Die Autoren beziehen Interdependenz in den internationalen Beziehungen „… to situations characterized by reciprocal effects among countries or among actors in different countries“ (S. 8)

[13] Vgl. Satō, Hideo: Außenpolitik. Moderne politikwissenschaftliche Veröffentlichungen. Bd. 20. Tokyo 1989. (S. 5f.)

[14] Wendt, Alexander: Anarchy is What States Make of It. The Social Construction of Power Politics. In: International Organization, Issue 46 (2).1992. (S. 397)

[15] Vgl. Haas, Ernst: When Knowledge is Power. Three Models of Change in International Organizations. Berkeley 1990. (S. 12ff.)

[16] Nabers, Dirk: Japans neuer Regionalismus. Die prozessuale Dynamik der ASEAN+3. In: Japan Aktuell: Wirtschaft, Politik, Gesellschaft. Ausgabe Jan./Feb. Hamburg 2002. (S. 53)

[17] „Norms are collective expectations about proper behaviour for a given identity.“ Zitiert nach Jepperson, Ron/Wendt, Alexander/Katzenstein, Peter: Norms, Identity and Culture in National Security. In: Katzenstein, Peter (Hrsg.): The Culture of National Security: Norms and Identity in World Politics. New York 1996. (S. 33-78)

[18] Vgl.Gehrt, Katja: Die Sicherheitspolitik der ASEAN. Grenzen, Probleme, Perspektiven. Wiesbaden 2000. (S.43)

[19] Nabers, Dirk: a. a. O. (S. 53)

[20] Vgl. Nabers, Dirk: a. a. O. (S. 54)

[21] Vgl. Layador, Maria A. R. L. G.: The Emerging ASEAN Plus Three Process: Another Building Block for Community Building in the Asia Pacific? In: The Indonesian Quarterly 28,4. Jakarta 2000. (S.434-443)

Details

Seiten
26
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638471572
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v51100
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Rolle Japans ASEAN Einführung Internationalen Beziehungen

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